Abraham – der gemeinsame Vater?

Dass die drei großen Buchreligionen – Islam, Judentum und Christentum – auf gemeinsame Wurzeln in ihrer Entstehungsgeschichte verweisen, ist nicht neu.

Bei Abraham und seinen beiden Söhnen – Isaak und Ismael – laufen diese Fäden zusammen. So jedenfalls die Darstellung im Alten Testament (A.T.) und wohl auch im Koran.

Alle drei Religionen reklamieren Abraham für sich und ihre Darstellung. Weil sich nach dem Judentum auch das Christentum und der Islam auf Abraham berufen, werden diese drei Glaubensformen auch als abrahamitische Religionen beeichnet. Der SPIEGEL-Artikel „Der gemeinsame Vater?“ (52/2008) untersucht die historischen und theologischen Fakten:

„Wer war dieser Abraham, den Gott zu seinem ersten Jünger erkor – und der jetzt im Streit der Kulturen als biblische Figur der Versöhnung dienen soll?“

Rembrandt: „Der Engel verhindert die Opferung Isaaks“

Rembrandt: „Der Engel verhindert die Opferung Isaaks“

Dass der Verfasser als Aufhänger die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und seinen Nachbarn ab 1967 (→ Sechstagekrieg, → Arabisch-Israelische Kriege) mit der Landnahme der Hebräer im Buch Josua vergleicht, scheint indessen als völliger Mißgriff. Es mag ja angehen, dass die Einnahme des Westjordanlands in den Augen vieler Juden der Rückkehr in ihre biblische Heimat Judäa und Samaria gleichkam.

„Drei Religionen, ein Urvater. Das konnte nicht gutgehen. Das Grabmal [Abrahams in Hebron] ist getränkt mit dem Blut von Anhängern der monotheistischen Glaubensrichtungen.“

Doch der im A.T. beschriebene Vorgang ist eine Abfolge brutalster Eroberungen und Genozide mit religiös-rassistischer Motivation. Auch wenn deren Historizität angezweifelt werden darf – wie kann dieser Aspekt von zwei deutschen Autoren (D. Bednarz und Ch Schult) im Jahre 2008 übersehen (oder ignoriert) werden?

Dessen Intention liegt freilich darin, ein z.T. verändertes Bewusstsein aufzuzeigen: Dieser Abraham, der „älteste Streitfall der Glaubensgeschichte“, werde von immer mehr Gläubigen als Friedensstifter ausgemacht – ihm komme eine wachsende „politische Bedeutung für den Frieden in der Welt“ zu.

Ermöglicht wird diese ’neue‘ Bedeutung des Patriarchen durch eine Umbesinnung vom Gegensätzlichen auf das Verbindende der Abraham-Geschichte für alle drei Religionen: so sei schon von einer „Abrahamische Ökumene“ die Rede:

Abraham ist der kostbarste Schatz unserer gemeinsamen Religionsgeschichte.“
Prof. K.-J. Kuschel

„Als wären sie plötzlich alle Nathan der Weise, erkennen Führer aller drei Religionen, dass sie in Abraham mehr gemeinsam haben, als den meisten Gläubigen im Westen gegenwärtig ist.“ [SPIEGEL, s.o.]

Wäre ja schön, wenn diese Sichtweise einen breiten Konsens findet – ich sehe dies eher skeptisch: Die Hauptbeschäftigung aller drei ‚offiziellen‘ Religionen lag zu lange darin, das eigene Profil durch deutliche Abgrenzung von den übrigen zu schärfen – eine Tendenz, die durch den Hardliner aus Altötting und seine Pendants eher vertieft wurde.

Mein vorrangiges Interesse richtet sich daher auf den biblischen Patriarchen Abraham (arabisch Ibrāhīm) selbst, der als Stammvater Israels eine zentrale Figur des A.T./ Tanachs bzw. ist. Weil von seinem Sohn Ismael soll der letzte Gesandte Gottes im Islam, Mohammed, abstammen soll, gilt er zugleich als Stammvater der Araber. Gemäß der Erzählung im Buch Genesis bzw. Bereschit (Gen 12–25) gehört er zusammen mit seinem Sohn Isaak und seinem Enkel Jakob zu den Erzvätern, aus denen laut Überlieferung später die 12 Stämme des Volkes Israel hervorgingen.

Wie sehen die Fakten aus -trifft es zu, dass Juden, Christen und Muslime alle „Bnei Avraham“ – Söhne Abrahams – sind, wie der israelische Oberrabbiner Jona Metzger ausführt?
Dieses historische (?) Fundament sollte zumindest gesichert werden – damit es gelingen kann, „den hässlichen Ballast der Vergangenheit abzuwerfen und uns der gemeinsamen Werte Abrahams zu erinnern“.

Hm…und auch diese Werte dürfen hinterfragt werden – blinder, unreflektierter Gehorsam in der Religion? Den eigenen Sohn notfalls abschlachten, falls Gott(?) dies verlangt…?

Ob er den geliebten Sohn als Brandopfer darbringen würde, war ’nur‘ ein Test. Hat „in Abraham hat Gottergebenheit ein Gesicht bekommen“… oder zeigt sich hier erstmals die erschreckende Fratze religiöser, wahnhafter Verblendung?
Übrigens verurteilte Immanuel Kant Abrahams Gott: Sogar Gott müsse den Maßstäben der Sittlichkeit entsprechen.
Die Opferung des Sohnes aber sei etwas zutiefst Unanständiges. Andere Philosophen (u.a. Kierkegaard) wiederum kritisierte die Position Kants, denn Gott könne und dürfe nicht auf menschlich-moralische Kategorien beschränkt werden. M.E. zeigt Gott durch die ganze Beschaffenheit des von ihm erschaffenen Universums, dass er durchaus gewillt ist, den von ihm selbst festgelegten Gesetzmäßigkeiten zu folgen.

Dieser Vater von drei Religionen wird als ein reicher Karawanen-Kaufmann, Eselszüchter und späterer Halbnomade beschrieben, der im zweiten Jahrtausend vor Christus den „fruchtbaren Halbmond“ durchzog. Einerseits über die Maßen gottesfürchtig, andererseits nicht bereit, offen und mutig zu seiner schönen Frau Sara zu stehen. Die moderne Bibel-Archäologie gesteht zu, dass es sich dieser Vita um eine Legende handeln könnte:

Abraham ist nicht zu beweisen„, so der Archäologe Israel Finkelstein (Universität Tel Aviv).

Zumindest Ausschmückungen zeugen von späterer Verklärung: Abraham als großer Erfinder habe die damalige Landwirtschaft die Sämaschine zu verdanken; in Mekka bewies er sich als Architekt und erbaute die Kaaba in Mekka und  als weit schauender Astrologe konnte er am Stand der Sterne ablesen, wann der nächste Regen fallen würde.

„Weil er die Götzenbilder zerstörte, von deren Verkauf sein Vater lebte, sollte er den Feuertod sterben – doch die Flammen konnten ihm nichts anhaben.“

Einige Experten datieren Abrahams Geburt auf 2166 vor Christus – ausgehend vom Feldzug des Pharaos Schischak im Jahr 926 sei- den Klaus Bieberstein als das „früheste innerbiblisch und außerbiblisch zugleich sicher datierbare Ereignis der Geschichte Israels“ einordnet.
Wenn man von da an 430 Exiljahre sowie die
genauen Altersangaben der Bibel in Abrahams Stammbaum zurückrechnet versieht, kommt man auf das Jahr 2166 v.Chr. Aber: „Daran glauben aber heute nur noch jüdische Traditionalisten und christliche Evangelikale.“

Die meisten Historiker gehen davon aus, Abraham könnte durchaus gelebt haben – allerdings so um das 14. vorchristliche Jahrhundert. In dem o.a. SPIEGEL-Artikel erfahren wir noch allerlei Interessantes und Kurzweiliges über den Erzvater – klare Aussagen über unstrittige Fakten zu seinem Leben eher wenige.

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Klarer und Prägnanter nimmt Dr. Jörg Sieger zur Frage der Historizität Abrahams bzw. aller ‚Erzväter‘ Stellung:

„Um die Mitte des 20. Jahrhunderts nahmen eine ganze Reihe Forscher an, dass die ab Gen 12 agierenden Personen gar keine realen Persönlichkeiten wären.
Man war geneigt, die Erzväter nicht mehr als Einzelpersonen, sondern vielmehr als Personifikationen anzusehen. Die dort angeführten Vätergestalten seien also ganz einfach Personifikationen von damaligen Stämmen.

Die neuere Forschung hat aber gezeigt, dass die Erzväter wohl tatsächlich historische Einzelgestalten waren. Namen wie Jakob, Isaak und wahrscheinlich auch Abraham sind in den Mari-Briefen – also im 18. bzw. 17. Jahrhundert v. Chr. – als gebräuchliche Personennamen belegt. Als Stammesnamen erscheinen sie nirgendwo. In den Erzvätererzählungen hat sich demnach wohl wirklich die Erinnerung an konkrete Gestalten niedergeschlagen.“

Ob Abraham als Vater von drei Religionen gelten darf, bleibt letztlich offen. Welche Haltung man hierzu einnimmt, hängt wesentlich davon ab, inwieweit man deren religiösen Schriften Glauben zu schenken bereit ist.

Braucht es eine solche Integrationsfigur, damit Muslime, Christen und Juden einen friedlich und respektvollen Umgang miteinander führen können? Und birgt diese gemeinsame Herleitung nicht den Keim dafür, dass die drei Buchreligionen sich zunehmend von den fernöstlichen Glaubensauffassungen abgrenzen?

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