Den Teufel an die Wand malen?

„Lange her, aber längst nicht vorbei“ …in besonders frommen Kreisen ist der/das „Böse“ bis heute leicht auszumachen: Wo sich „Toleranz, Pluralismus, Relativismus und Pragmatismus“ zeigen, sehen sie nur zu gerne Satan am Werk. Selbst in dieser ‚modernen‘ Zeit kommen viele Menschen nicht ohne den Rückgriff auf diese Verkörperung des Bösen als universell einsetzbares Feindbild nicht aus.
‚Simple‘ Projektion, d.h. entstammt Satan alias Luzifer den Abgründen der menschlichen Seele? Oder ist das personifizierte Böse ein Mitbringsel aus den Untiefen unserer Religions- und Kulturgeschichte?


Vor 18 Jahren titelte der SPIEGEL: „Gott ist tot, Satan nicht“. Von erkennbarem Respekt vor diesem vermeintlichen Gegenspieler Gottes ist bei den Autoren indessen nicht mehr viel übrig:

Weil der ‚Herr der vielen Namen und Gestalten‘ als Ganzer so schwer zu fassen sei, müsse Spurensicherung des Teufels beim Intimsten beginnen: Satans Spermaflüssigkeit hätten viele Frauen erstaunt als „äußerst kalt“ empfunden… „konnte man beim Fürsten der Hölle nicht zumindest Zimmertemperatur erwarten?“
Oha,
war dieser Artikel eine Art Handbuch nutzlosen Wissens für Satanisten gedacht?„Der Teufel steckt, bekanntlich, im Detail.“ Tja nun, nach dieser  Einleitung konnte man den Eindruck gewinnen, er habe die meiste Zeit ganz woanders gesteckt..

Teufelssperma – echt jetzt? Jedenfalls könne ‚er‘ (der Teufel) laut Gutachten keinen eigenen Samen produzieren; doch er löst dieses kleine Defizit, indem die Gestalt eines Succubus (‚Untenliegenden‘) annehme und sich von einem Herrn besamen lasse. Dann verwandele er sich flugs in einen „Incubus“ (‚Obenliegender‘) und reiche den nunmehr frostig kalten Stoff in dieser Gestalt an ein williges Weib weiter.

„Der Teufel ist also, früh schon, ein abkühlendes Zwischenlager.“

Genug delikate Details? Für die SPIEGEL-Autoren offenkundig nicht: Das Gerät, mit dem Satan „den Samen umtopfte“, sei von den Partnerinnen bzw. weiblichen Opfern höchst unterschiedlich beschrieben worden:

„Den einen erschien es als ‚eisig und weich‘,…gelegentlich war es ‚groß wie das Glied eines Pferdes‘ …“

Nur folgerichtig, dass die Resonanzen, die das teuflische Instrument auslöste, weithin variierten. Sie reichten von der „Erduldung eines außerordentlichen Schmerzes“ bis zu überraschend großer Lust und Befriedigung. Tja, kommt wohl ganz auf die individuelle Disposition, Dehnungsfreudigkeit und Erwartungslage an.

Aus dem Mittelaltar liegen recht detaillierte Beschreibungen vor, wie der Herr des Bösen den Menschen erschienen sein soll.

  • So schildert der Mönch Radulf Glaber einen Mann „von mittlerem Wuchs, mit langem dürren Hals, einem abgezehrten Gesicht, pechschwarzen Augen, … vorstehenden Wulstlippen, ein fliehendes Kinn, einen Bocksbart, behaarte spitze Ohren, Hundszähne, einen spitz zulaufenden Schädel“.
  • Dagegen hatte die Mystikerin Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert im Traum eine fast hollywood-konforme Wahrnehmung: „Ein Tier mit scheußlichem Haupt, kohlschwarz, mit glühenden Augen, Eselsohren und weit aufgesperrtem Rachen voller Eisenfänge.“

Hm, mich hätte weniger die auswechselbare Verpackung interessiert als zu erfahren, was jener Luzifer nach Ansicht des mittelalterlichen Klerus war – ein Dämon, ein verstoßener Gottessohn oder doch ein mächtiger Engel, dessen Himmelskarriere aufgrund seines Ungehorsams gegenüber (dem biblischen) Gott endete. Und wie es zustande kommt, dass er nach wie vor gebraucht wird: ohne Teufel gibt es keine Verteufelung der Anderen, Fremden, Abweichenden, kein Verketzern, und auch keine Projektion auf ein personifiziertes Böses.- Deshalb habe ich den o.a. SPIEGEL-Artikel bald beiseite gelegt und nach ernsthaften, fundierten Quellen (s. Quellennachweis) gesucht.-

Der Teufelsglaube…

…nimmt in den beiden großen christlichen Kirchen nur mehr wenig Raum ein. Kein aktuelles Thema, jedenfalls nicht hierzulande; in anderen christianisierten Regionen hat Exorzismus weiterhin Hochkonjunktur und die Austreibung von Dämonen ist dramaturgischer Bestandteil katholischer Sonntagsmessen. Kaum grundlos war ein Entwurf für ein Exorzismus-Gesetz (ExorG) in Vorbereitung.
Doch seit sich in deutschen Gemeinden die Kirchen allenfalls noch an Weihnachten und Ostern füllen, soll die das zahlende Publikum nicht durch ein Zuviel an schlechten Nachrichten vergrault werden. Folglich wird Satan mit Verschweigen gestraft, die ewige Verdammnis schöngeredet und die ‚Vorhölle abgeschafft‚.

Trotzdem, ohne den Teufel funktioniert das gesamte christliche Glaubenskonzept nicht – beginnend mit dem Sündenfall und der Erbsünde, welche dieser Lehre zufolge den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu erforderlich machte.

  • Der frühere Regensburger Bischof Rudolf Graber ging noch weiter: „Wenn es keinen Teufel gibt, dann gibt es auch keinen Gott.
    Denn wenn der Böse nicht existiere, sei ist der Mensch allein verantwortlich an allem willentlich verübten Handlungen, an den Morden, unmenschlichen Folterungen vielem mehr.
  • Ein anderslautende These stellte 1978 der Theologie-Professor Herbert Haag auf: „Wenn es den Teufel gibt, dann hat Gott eine Bestie geschaffen.“

Wie also kam das Böse in die Welt? Die ersten Menschen waren von Gott geschaffen – also konnten sie nicht schlecht sein, geschweige denn böse. Dies hätte ein schlechtes Bild auf den Schöpfer geworfen.

Nach christlicher Lehre ist der Mensch aber ein Geschöpf Gottes. Folglich müsse es auch den Teufel geben, der für die Verführung der Menschen zum Bösen und weitere Untaten verantwortlich gemacht werden kann. Diese Argumentation, so Professor Haag, offenbare nicht nur die Ratlosigkeit der Kirche, „wie man ohne den Teufel das Böse in der Welt erklären könne“. Sondern sie zeige auch, in welche Sackgasse der Lehre von der Existenz des Teufels führe:

 „Nach kirchlicher Lehre ist auch der Teufel ein Geschöpf Gottes … Also hat Gott doch ein Scheusal erschaffen.”

Weil dies nicht sein kann und darf, wurde der Engelssturz bereits in der Bibel thematisiert – eher zwischen den Zeilen: Der anfänglich mächtige und ‘schöne Morgenstern’ habe zunächst im Dienste Gottes gestanden. Erst der wachsende Neid auf die Machtfülle Gottes sowie sein resultierendes Streben nach Gottgleichheit habe ihn veranlasst, gegen Jahwe zu rebellieren. In einem heftigen Kampf seien dann Satan und die ihm folgenden Engelswesen auf die Erde verbannt worden.

Pieter Bruegel der Ältere: Sturz der gefallenen Engel (1562)

Außerdem könne „nach der herkömmlichen Dogmatik der Teufel nur das tun, was Gott ihm erlaubt„, und das würde schließlich bedeuten, dass „die Hölle von Auschwitz irgendwie doch vereinbar sein (Muss) mit der Güte und Liebe Gottes„. Mit dem Glauben an den Teufel werde, meint Haag, das Problem – die Frage nach dem Woher des physischen und moralischen Übels auf der Welt – „nicht gelöst, sondern lediglich verlagert„.

Die herkömmliche Dogmatik der katholischen Kirche…

…sieht sich hier vor einen schwierigen Balanceakt gestellt: einerseits möchte sich der Klerus mehrheitlich dem Nimbus magischer Handlungen im düsteren Dämmerlicht entziehen – doch auf der anderen Seite besitzt Satan in beiden Teilen der Bibel und damit in der gesamten christlichen Theologie eine entscheidende Relevanz. Das Böse abschaffen geht also nicht, allenfalls kann es relativiert werden.
Viele Theologen bezweifeln heute die Existenz des Satan oder sprechen sich definitiv dagegen aus; andere versuchen, die Lehrtradition der katholischen Kirche über die bösen Geister neu zu interpretieren.
Diese Bedeutung des Satan für das Christentum kommentiert der inzwischen emeritierte Papst Benedikt XVI aka Joseph Ratzinger so:

“Der Teufel ist für den christlichen Glauben eine rätselhafte, aber reale, personale und nicht nur symbolische Präsenz, und er ist eine mächtige Wirklichkeit, Fürst dieser Welt… Der Mensch hat allein nicht die Kraft, sich dem Satan zu widersetzen, aber der Teufel ist kein zweiter Gott. […] Und deshalb müssen wir ihn weiterhin in jenen Zonen der Angst und Unfreiheit, die in nicht christlichen Religionen oft zu finden sind, verkündigen.”

Na, jene Zonen voller ‘Zonen der Angst und Unfreiheit‘ sind m.E. überall zu finden, auch in der christlichen Religion (ein  Blick ins A.T. genügt) und fraglos in christlichen Regionen.
Während Ratzinger eine vom Christentum bewirkte Befreiung von der Angst und von Dämonen sieht – entdecke ich hier die Notwendigkeit, sehr genau zwischen Jesus Christus und den christlichen Kirchen früherer Jahrhunderte zu differenzieren.

Ob Jesus Dämonen ausgetrieben oder psychisch Kranke geheilt hat, ist eine Glaubensfrage. Dagegen scheint mir die Kirchengeschichte klare Belege dafür zu liefern, dass die Kirche diese Angst vor dem Bösen und dem ‘Widernatürlichen’ im eigenen Interesse erst geschürt hat. Fakt ist: Die ständige Konfrontation mit dem Bösen in seinen vielfältigen Erscheinungen gehört zu den bedrückendsten Erfahrungen des Menschen. Gerade die Frage nach Ursprung, Wesen und Bewältigung des Bösen bildet eine schwer zu lösende Herausforderung für religiösen Menschen.

Das Phänomen des Bösen entzieht sich letztlich jeder Erforschung, deshalb ist die Frage nach seiner Vereinbarkeit mit einem unendlich guten, allmächtigen und alles wissenden Gott schwer zu beantworten.

Im Alten Testament finden sich verschiedene, zeitlich und inhaltlich nicht streng geschiedene Deutungsversuche, wobei der Ursprung und die Rolle Satans einem Wandel zu unterliegen scheint: vom himmlischen Ankläger und Gottessohn (d.h. einem ‘Funktionär Gottes’) zunächst zum Versucher (vgl. das Buch Hiob) und später zum gefallenen Engel, der als ‘Durcheinanderwerfer’ (gr. diábolos), einem grundsätzlich Gott und den Menschen feindlich gesinnten Wesens.

Erfolgte also die die Gleichsetzung erfolgt des Teufels mit der Paradiesesschlange, durch die die Menschen am Anfang ihrer Geschichte zur Sünde verführt worden seien, gewissermaßen im Nachhinein?

Neben Satan tritt bereits in älteren Schichten des Alten Testamentes die Annahme der Existenz von Dämonen – böse, den Menschen schädigende Geister – auf.  Doch Jahwe, der Gott Israels positioniert sich als einzig existierender Gott überhaupt ist. Von ihm kommt alles, was den Menschen trifft, das Gute und auch das Böse. Neben ihm haben andere übernatürliche Wesen zunächst keinen Platz; doch unter dem Einfluss der Dämonenvorstellungen altorientalische Religionen seit dem babylonischen Exil (586–538 v. Chr.) entfaltet sich der Dämonenglaube auch in Israel.
Satan fungiert zu dieser Zeit noch als Versucher und Verführer zur Sünde , während Dämonen die menschlichen Integrität und Gesundheit schädigen.

“Satan will die Wahlfreiheit des Menschen so beeinflussen, dass sie sich von Gott ab- und ihm zuwendet, die Dämonen schränken die Freiheit ein, im Extremfall der Besessenheit drängen sie sie völlig zur Seite, um ihr eigenes Wollen an ihre Stelle zu setzen.“

Satan und Besessenheit im NT

Im Neuen Testament agiert der Teufel (diabólos oder in der LXX satanás nach dem hebräischen satan) oft als unversöhnlicher Widersacher Gottes in der Rolle des Verleumders, Widersachers, Entzweiers: der Teufel (selten auch Beliar/Belial) will das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen zerstören. Ihm sind im NT sämtliche Dämonen unterstellt.

Als ich mich erstmals mit dem N.T. beschäftigte, erlebte ich eine echte Überraschung: Nicht Gott oder Jesus (‘Mein Reich ist nicht von dieser Welt’) werden darin als Herrscher oder Fürst dieser Welt dargestellt – sondern Satan.
Die Autoren der neutestamentlichen Schriften betrachten wie Jesus selbst die Existenz von Geistwesen als selbstverständlich, die gegen den Willen Gottes rebellieren und sich deshalb sowohl gegen Jesus als auch die junge christliche Gemeinde wenden.
Satan scheiterte zwar an Jesus, den er selbst am Kreuz nicht von Gott abbringen konnte, doch nun verführe er jene, die an Jesus glauben, zum Abfall von der christlichen Botschaft durch geschickt gesäte Zweifel. In seinem Herrschaftsbereich, der Erde, sei
er bestrebt, die gesamte Menschheit im Unglauben festzuhalten und zu allen Lastern zu verführen, die den Geboten Gottes bzw. Jesu widersprechen.

Insbesondere wolle er die Bekehrung zum Evangelium um jeden Preis verhindern. Der Zusammenhang zwischen Satan und Dämonen ist eng, beinahe fließend: so bewertet Lukas die Dämonenaustreibungen Jesu als Befreiungen aus der Knechtschaft des Teufels. Das exorzistische Wirken Jesu gegen ‘Dämonen und unreine Geister’ nimmt einen breiten Raum in den synoptischen Evangelien ein:

  • Die Berichte über Austreibungen und Heilungen durch Jesus und später auch seine Jünger deuten auf Symptome hin, bei denen man heute auf psychische, psychosomatische oder auch organische Krankheiten schließen würde, beispielsweise auf Epilepsie.
    Einige von Jesus exorzierte Menschen, verfügten über paranormale Fähigkeiten. Ob es sich beim ‘Erkennen von Verborgenen’1) um intuitives Erfassen oder eine Art Telepathie handelte, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei klären.
  • Zwischen „normalen“ Krankheiten und Besessenheit sind die Grenzen in den Evangelien eher fließend – Hinweise auf die Zuordnung ergeben sich evtl. daraus, ob die Heilung durch Handauflegung oder durch Exorzismus geschieht . 
  • Auf eine Differentialdiagnose habe Jesus freilich verzichtet, weil er davon ausgegangen sei, hinter Krankheiten stünden allemal dämonische Mächte, die dem Betroffenen mehr oder weniger direkt schadeten. Also gingen Krankheit und Besessenheit offenbar gingen ineinander über.

“Die Besessenheit als die intensivste Form dämonischer Einwirkung auf den Menschen bestand in dieser Sicht darin, dass der Dämon ganz und gar vom Menschen Besitz ergriffen hatte, so dass dieser nicht mehr Herr seiner selbst war, sondern der Dämon durch ihn sprach und handelte. Je nach dem Maß, in dem der Dämon sich in einem Menschen festgesetzt hatte, war der Exorzismus mehr oder weniger angezeigt.”

Der klerikalen Sicht widerspricht Haag (s.o.) und macht eine interessante Feststellung:  „Der Exorzismus steht und fällt mit dem Teufelsglauben. Daher kommt Besessenheit […], immer nur dort vor, wo an den Teufel geglaubt wird. Noch nie war ein Atheist besessen…
Niemand wird deshalb neben dem Teufel auch die Realität des Bösen leugnen. Wenn dieser Vorwurf trotzdem immer wie der erhoben wird, beweist dies nur, wie sehr im Bewußtsein des christlichen Volkes durch eine antiquierte kirchliche Verkündigung ‚das Böse’ und ‚der Böse’ zu einer Identität verschmolzen sind…”

Das Verhältnis des Bösen zu Gott wurde auf dem IV. Laterankonzil verbindlich definiert, als es vor allem darum ging, der Zwei-Prinzipien-Lehre der Katharer zu widersprechen:

“Es gibt kein absolut böses Prinzip, das Gott ebenbürtig gegenübersteht, denn auch der Teufel und die Dämonen sind, wenn sie existieren, nur als aus eigener Schuld böse gewordene Geschöpfe, die von Gott ursprünglich und eigentlich zum Guten berufen waren, aber von ihm abgefallen sind, aufzufassen.”

Die Kirche darf und muss die Inhalte dogmatisch lehren, welche in den Quellen der Offenbarung vorgegeben sind. Folglich hält das kirchliche Lehramt die Lehre von der Existenz böser Geister für glaubensverbindlich hält. Den Teufel und sein Wirken diskret verschlampen und so dem derzeitigen Zeitgeist folgen geht also nicht.
Folgerichtig stellte eine Ansprache von Papst Paul VI. im November 1972 klar, der Teufel sei „eine wirkende Macht, ein lebendiges geistiges Wesen, verderbt und verderbend, eine schreckliche Realität, geheimnisvoll und beängstigend. Wer die Existenz dieser Realität bestreitet, stellt sich außerhalb der biblischen und kirchlichen Lehre.“.

Satan und die Dämonen gehören also bis heute zum „rechten Glauben der Kirche”. Doch in Bezug auf Besessenheit mahnen auch alle Päpste nach ihm zu Besonnenheit und Besessenheit. Die schrecklichen Ereignisse in Klingenberg, welche letztlich 1976 zum Tod von Anneliese Michel infolge extremer Unterernährung nach mehreren Exorzismen führte, waren denkbar schlechte Publicity für die Kirche. Dennoch:

Das Lehramt der katholischen Kirche hat bis heute auf jede Kritik am Teufelsglauben ablehnend reagiert und die traditionelle Lehre vom Satan und den Dämonen klar bestätigt. Meines Wissens bleibt die von Rahner aufgeworfene Kernfrage unbeantwortet: Warum erkranken niemals Atheisten an ‘Besessenheit’? Legt dieser Umstand nicht zwingend nahe, dass bei solchen religiösen Ausnahmezuständen (auch oder vor allem) autosuggestive Kräfte auf der unbewussten Ebene am Werk sind.

Praxis des Exorzismus

Der großen Spannweite heutiger katholischer theologischer Positionen zur Frage des Exorzismus entspricht es, dass er nur noch selten in Deutschland ausgeübt wird.

Die katholische Kirche hat im Jahr 1614 eine Regelung der Praxis des Exorzismus eingeführt, die in einer 1954 erneuerten Fassung bis in die Gegenwart hinein Gültigkeit hatte. Diese Regelung ist im Rituale Romanum zu finden, das die Riten der in der Kirche gebräuchlichen Sakramente und Sakramentalien enthält (Original als Pdf).

Darin werden zunächst die Kriterien2) für Besessenheit genannt, welche zuvor eindeutig festgestellt werden müsse.

Da diese Kriterien nicht immer eindeutig ausfallen, könne zunächst ein ’Probeexorzismus’ vorgenommen werden. hierzu werde – unbemerkt vom anscheinend Besessenen, also nur in Gedanken – eine Aufforderung an die Dämonen zum Ausfahren gesprochen. Wenn sich daraufhin auffällige Wirkungen zeigen, etwa Trancezustände, Unruhe, Aggressivität, Blasphemie, dann gelte dies als deutliches Zeichen für Besessenheit.

“Diese Kriterien besitzen allerdings nur eine „moralische Gewissheit“, also keine metaphysische und auch keine psychophysische Gewissheit. […] Der Exorzist vermag freilich diesen Befehl nicht aus eigener Machtvollkommenheit wirksam zu geben, sondern er muss im Namen und in der Vollmacht Jesu Christi sprechen…”

Der Exorzist müsse ein glaubensstarker, moralisch hochstehender, seelsorglich erfahrener Mensch sein – und in jedem Falle ein Priester mit einer spezielle Erlaubnis des Bischofs –  pro Einzelfall oder auf Dauer. Evangelische Kreisen legen weniger Wert auf die amtliche Vollmacht als auf die notwendige charismatische Kraft, die zum Exorzismus befähigen soll.

Zu Beginn habe der exorzierende Priester in Erfahrung zu bringen, mit wem genau er es zu tun habe – also Namen und Anzahl der unreinen Geister sowie ‘den Grund ihres Einfahrens’ zu kennen. Auch weil es sich um mehrere Dämonen handeln könne, die einen Besessenen plagen, entwickele sich der Exorzismus zu einem oft Monate währenden Kampf, in dessen Verlauf es mitunter zu “schreckliche Szenen voll düsterer Unheimlichkeit” komme.
Kaum verwunderlich, dass damit eine schwere psychische Belastung des Erkrankten einhergeht und dass dieser natürliche Widerstände gegen das ihm oft unverständliche
Ritual3) aufbaut….

Bei alledem habe ich ein beklemmendes, ungutes Gefühl. Dennoch: letztlich gilt der alte Grundsatz ‘Wer heilt, hat Recht’. Allerdings ist bei jeder Erkrankung stets die für den Patienten ungefährlichste Behandlungsmethode zu wählen, welche erkennbar zum Erfolg führt.
Keine Frage, dass bei noch so suspekter Symptomatik eine umfassende Diagnostik durch kompetente Fachärzte zu erfolgen hat, welche sicher zunächst schulmedizinische Behandlungen einleiten werden. Und nur in den wenigen Einzelfällen, wo die medizinische Therapie ergebnislos bleibt und der Patient selbst den Wunsch dazu äußert, dürfte eine ergänzende ‘theologische Behandlung’ im Beisein von Ärzten erwogen werden.

In Italien scheint es so zu sein, dass manche Menschen eher zum Exorzisten als zum Psychologen gehen…ihnen bleibt zu wünschen, dass der betreffende Priester verantwortungsbewusst und im wirklichen Interesse des Kranken handelt. Es ist erwiesen, dass bestimmte Handlungen (Pendeln, Handauflegung, u.a.) bei manchen Patienten große Erfolge bewirken, selbst wenn die Schulmedizin zuvor versagt hat. Hier scheint das Prinzip zu gelten: ‘Man muss dran glauben…dann kann der Glaube Berge versetzen.’

Eines verstehe ich an dieser Praxis so gar nicht: diese Heere von satanischen Dämonen und unreinen Geistern dürfen ihre Opfer nur plagen und verführen, insoweit Gott dies zulasse. Sofern man dies glaubt – ist es da nicht vermessen, die Dreifaltigkeit Gottes quasi herbeizuzitieren, damit sie dem Spuk ein Ende macht – den sie doch eigens zugelassen haben soll. Was zählt in dieser Diktion mehr – der Wille Gottes oder der des Menschen?

Wie dem auch sei, mir fallen hier die Worte Drewermanns ein: Es sei zu fragen: Wie nimmt man den Menschen die Angst? Und nicht: Wie treibt man ihnen den Teufel aus?

Aliens als moderne Dämonen?

Abschließend möchte ich kurz zu dem eingangs erwähnten SPIEGEL-Artikel zurückkehren, dessen Autoren offenbar treffsicher erkannt haben, in welcher zeitgemäßen Gestalt die Heere der Finsternis die Menschheit heute auf moderne Art heimsuchen:

„Neuerdings kommen die Incubi und Succubi nicht aus Höllenschlünden und Friedhofsgruften, sondern von weit, weit her. Wenn sie landen, gibt es Kornkreise, ihre Flugmaschinen erinnern an Untertassen; und wer von ihnen mal entführt wurde, weiß – wie zur Hexenzeit – von außerordentlichen Schmerzen oder größter Lust und Befriedigung zu berichten.
Die Außerirdischen sind unter uns, merkwürdige Männchen mit spitzen Ohren und geschlitzten Augen – wenn man höchst geheimen Fotos trauen darf, die überall herumgereicht werden. In den USA gibt es auch schon einen Gutachter …, der…  darüber ein Buch verfasst hat; es heißt, leider, nicht „Der Ufo-Hammer“ [mit Bezug auf den mittelalterlichen ‚Hexenhammer‘]“.

Quellen:

  1. Theologie und Praxis des Exorzismus in der römisch-katholischen Tradition
  2. Dämonenglaube und Exorzismus”, Helmut Aichelin

Siehe auch

Anmerkungen

  1. Nach der traditionellen katholischen Lehre gehörten Teufel und die Dämonen ursprünglich zu den Engeln. Diese von Gott erschaffenen Wesen sind körperlose Geister, als solche begabt mit Verstand und freiem Willen. Einige wandten sich in freier Entscheidung gegen Gott als den Urheber alles Guten gewandt und seien dadurch aus sich böse geworden. Solcherlei böse Geister, auch Dämonen genannt, versuchten in vielen Formen, einen unheilvollen Einfluss auf die Welt und die Menschen auszuüben, wobei eine mögliche Ausprägung die Besessenheit sei..
    Die bösen Geister sind insbesondere bestrebt, die Menschen in ihre negative Freiheitsentscheidung hineinzuziehen, die sie zum Abfall von Gott verleiten wollen.
  2. Ob tatsächlich Besessenheit vorliegt, kann nach dem Rituale Romanum an 4 Kennzeichen festgestellt werden:
    a) “der Besessene kann mehrere Wörter in einer ihm fremden Sprache sprechen oder jemand verstehen der sie spricht,
    b) er kann Entferntes und Verborgenes offenbaren,
    c) er zeigt Kräfte, die über sein Alter und seine körperliche Verfassung hinausgehen,

    d)
    heftige Aversionen gegen Gott, Aggressionen gegen Riten,Sakramente und heilige Bilder.
  3. Zur Veranschaulichung zitiert Aichelin den Beginn aus der Beschwörung des Rituale Romanum:
    „Ich beschwöre dich, alte Schlange, bei dem Richter über Lebende und Tote, bei deinem Schöpfer, bei dem Schöpfer der Welt, bei ihm, der Macht hat, dich in die Hölle zu schicken, daß du von diesem Diener Gottes N.N., der in den Schoß der Kirche zurückkehrt, voller Furcht mitsamt dem Heer deines Schreckens eilends weichest. Ich beschwöre dich noch einmal (der Exorzist macht ein Kreuzzeichen auf die Stirn des Besessenen), nicht durch meine Schwachheit, sondern durch die Kraft des Heiligen Geistes, daß du aus diesem Diener Gottes N., den der allmächtige Gott sich zu seinem Bilde geschaffen hat, ausziehest. Weiche also, weiche nicht mir, sondern dem Diener Christi. Es bedrängt dich nämlich die Macht dessen, der dich seine m Kreuz unterjocht hat. Vor seinem Arm erzittere, der das Toben der Unterwelt besiegt und die Seelen zum Licht geführt.
    Schrecklich sei dir der menschliche Leib (Kreuzzeichen auf die Brust), fürchterlich das Bild Gottes (Kreuzzeichen auf die Stirn). Widerstehe nicht, zögere nicht, diesen Menschen zu verlasse n, denn es gefiel Christus, im Menschen zu wohnen. Glaube nicht, du könntest dich widersetzen, in dem du mich für einen allzu großen Sünder hältst. Es befiehlt dir Gott. Es befiehlt dir die Majestät Christi. Es befiehlt dir Gott, der Vater, es befiehlt dir Gott, der Sohn, es befiehlt dir Gott, der Heilige Geist. Es befiehlt dir das Sakrament des Kreuzes. Es befiehlt dir der Glaube der heiligen Apostel Petrus und Paulus und der übrigen Heiligen. Es befiehlt dir das Blut der Märtyrer.

Es befiehlt dir die Selbstbeherrschung der Bekenner. Es befiehlt dir die fromme Fürsprache aller Heiligen. Es befiehlt dir die Kraft der christlichen Glaubensgeheimnisse. Fahre also aus, du Übertreter der Gebote. Fahre aus, du Verführer voll List und Trug , du Feind der Tugend, du Verfolger der Unschuldigen. Mache Platz, du Grauenhaftester, mach Christus Platz , in dem du nichts von deinen Werken gefunden hast…“

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