Vom Satan geradezu besessen? (1)

Ob wir an die Existenz des Göttlichen glauben oder nicht, der täglich erfahrbaren Realität des Bösen vermag sich leider niemand zu entziehen. Kriege, Mord, Folter, Vergewaltigung, Betrug …wie unübersehbar das Böse in unserer Zivilisation verwurzelt ist, bedarf kaum einer Erläuterung.

In streng gläubigen Kreisen ist auch der „Böse“ bis heute leicht auszumachen: Wo sich „Toleranz, Pluralismus, Relativismus und Pragmatismus“ sowie sexuelle Freizügigkeit zeigen, sehen sie nur zu gerne Satan am Werk. Selbst in dieser modernen Zeit kommen viele Menschen nicht ohne den Rückgriff auf diese Personifizierung des Bösen als flexibel eingesetztes Feindbild nicht aus.
Handelt es sich um eine bloße Projektionsfläche, d.h. ist Satan als Konstrukt der menschlichen Seele aufzufassen? Entstammt er den Untiefen unserer Religions- und Kulturgeschichte? Oder ist er ‚irgendwie doch real‘?

Folgender Ausspruch scheint eingängig:

„…habe ein zu rechtschaffenes Leben geführt, als dass ich vom Satan gelenkt wäre. Ich glaube an die Liebe Gottes und ich glaube auch jetzt noch, dass Gott mich führt. An einen Satan glaube ich nicht. Es gibt keinen Satan.“  Klingt nachvollziehbar, oder? Nur stammt diese Aussage ausgerechnet von Adolf Eichmann. Dessen Zynismus lasse ich hier unkommentiert, Prof. Ziegenaus1) meint dazu:

„Das Leugnen böser Mächte kann Zeichen für die Verharmlosung einer Schuld sein (rechtschaffenes Leben, Führung Gottes!), von der man ahnt, dass sie das Maß des Menschen übersteigt.“ Es lasse sich erahnen, dass manche Kräfte dieser Welt nicht völlig aus rein menschlichen Wirkzusammenhängen erklärt werden können und darum auf Übernatürliches verweisen.

Der Teufelsglaube…

…nimmt hierzulande wenig Raum ein, auch wenn mal ein ein Exorzismus-Gesetz (ExorG) in Vorbereitung war. In anderen christianisierten Regionen hat Exorzismus weiterhin Hochkonjunktur und die Austreibung von Dämonen ist dramaturgischer Bestandteil katholischer Sonntagsmessen.
Kaum grundlos war ein Entwurf für. Doch seit sich in deutschen Gemeinden die Kirchen allenfalls noch an Weihnachten und Ostern füllen, soll die das zahlende Publikum nicht durch ein Zuviel an schlechten Nachrichten vergrault werden. Folglich wird Satan mit Verschweigen gestraft, die ewige Verdammnis schöngeredet und die ‚Vorhölle abgeschafft‚.

„Ein Christentum ohne Teufel, das erscheint mir flach und sinnlos“ (L. Kolakowski)

Ohne Satan verliert das gesamte christliche Glaubenskonzept an Schlüssigkeit – beginnend mit dem Sündenfall und der Erbsünde, welche dieser Lehre zufolge den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu erforderlich machte.

  • Die traditionellen Definition betrachtet den Teufel als ein Geschöpf Gottes und früheren Engel, der in freier Entscheidung gesündigt hat und deshalb für immer aus der Gemeinschaft mit Gott verbannt wurde. Demnach würde der Teufelsglaube auch den Glauben an Engel – „geschaffenes Geistwesen, das sich als Geschöpf voll bejaht und deshalb in seinem Wesen zum Lobpreis Gottes bestimmt ist – voraussetzen. Wird die Existenz der Engel verneint, kann auch das Vorhandensein eines gestürzten Engels nicht anerkannt werden.

    Doch wie passen viele Gute und mindestens 1 abgrundtief böser Engel in ein moderne Weltbild, das sich mit dem „Zugriff supranaturaler Mächte“ generell schwer tut? Nicht der vermehrt anzutreffende Mix aus Materialismus und Agnostizismus ist hier gemeint, sondern ein Christentum, das sich mit dem Zeitgeist mindestens arrangieren will (und muss?). Hier liegt Anton Ziegenaus mit seiner Benennung der theologischen Konsequenz1) richtig:

    „Wenn jede empirisch nicht fassbare Wirklichkeit und jede transzendente Wirkursache geleugnet wird, kann auch der Glaube an einen persönlichen Gott nicht aufrechterhalten werden.“ Doch gehen mit dem Wegfall des Teufelsglaubens wirklich die gesamte Gläubigkeit und die Faszination der Transzendenz verloren?
    Offenbar sah S. Freud dies ebenso: „Der Rückgang der Gläubigkeit hat… zunächst die Person des Teufels betroffen.“

  • Der frühere Regensburger Bischof Rudolf Graber ging noch weiter: „Wenn es keinen Teufel gibt, dann gibt es auch keinen Gott.
    Denn wenn der Böse nicht existiere, sei ist der Mensch allein verantwortlich an allen willentlich verübten Handlungen, an den Morden, unmenschlichen Folterungen vielem mehr.

  • Der Theologie-Professor Herbert Haag gilt als Gegner einer personalen Teufelsauffassung und lehnt auch die intellektuelle und Moralische Zumutung einer Erbsünde ab:
    Wenn es den Teufel gibt, dann hat Gott eine Bestie geschaffen.“

    Versuchung werde nicht durch ein Wesen von außen an uns herangetragen; vielmehr sei sie „der Widerstreit in unserem Herzen und die damit verbundene Verlockung, das Böse zu tun“.

Wie kam nun das Böse in die Welt? Die ersten Menschen waren von Gott geschaffen – also konnten sie nicht schlecht sein, geschweige denn böse. Das hätte ein schlechtes Bild auf den Schöpfer geworfen.

Nach christlicher Lehre ist der Mensch aber ein Geschöpf Gottes. Folglich müsse es auch den Teufel geben, dem die Verführung der Menschen zum Bösen und weitere Untaten weiterhin angelastet werden. Diese Argumentation, so Professor Haag, offenbare nicht nur die Ratlosigkeit der Kirche, wie man ohne den Teufel das Böse in der Welt erklären könne. Sondern sie zeige auch, in welche Sackgasse der Lehre von der Existenz des Teufels führe:

 „Nach kirchlicher Lehre ist auch der Teufel ein Geschöpf Gottes … Also hat Gott doch ein Scheusal erschaffen.”

Weil dies nicht sein kann und darf, wurde der Engelssturz bereits in der Bibel thematisiert – eher zwischen den Zeilen: Der anfänglich mächtige und ‘schöne Morgenstern’ habe zunächst im Dienste Gottes gestanden. Erst der wachsende Neid auf die Machtfülle Gottes sowie sein resultierendes Streben nach Gottgleichheit habe ihn veranlasst, gegen Jahwe zu rebellieren. In einem heftigen Kampf seien dann Satan und die ihm folgenden Engelswesen auf die Erde verbannt worden.

Pieter Bruegel der Ältere: Sturz der gefallenen Engel (1562)

Außerdem könne „nach der herkömmlichen Dogmatik der Teufel nur das tun, was Gott ihm erlaubt„, und das würde schließlich bedeuten, dass „die Hölle von Auschwitz irgendwie doch vereinbar sein (Muss) mit der Güte und Liebe Gottes„. Mit dem Glauben an den Teufel werde, meint Haag, das Problem – die Frage nach dem Woher des physischen und moralischen Übels auf der Welt – „nicht gelöst, sondern lediglich verlagert„.

Unterliegt der Mensch andererseits dem verderblichen Einfluss des Bösen als einer eigenständigen, willentlich agierenden und unausweichlichen Entität, was bleibt dann von der freien Verantwortlichkeit des menschlichen Individuums?

Tja, wie ist es um die Entscheidungsfreiheit bestellt?

Der Marxismus erklärt den Menschen zum Produkt der sozialen Umwelt, Psychologen reduzieren ihn auf das Ergebnis unterbewusster Triebe. Beide Sichtweisen lassen sich zwar relativieren, aber nicht zur Gänze verneinen: Unsere Entscheidungsverhalten wird sowohl durch die (epi-)genetische Struktur unserer Biologie als auch von äußeren Prägungen (→ Sozialisiation) tangiert. Manch einer mutmaßt sogar, das Böse entspringe lediglich mangelnder Einsicht und sei durch bessere Ausbildung zu beseitigen.

Was denn nun?
→ Arbeitsthese: Möglicherweise können das Gute wie auch das Böse in unserem Verhalten allein durch die Anthropologie (‚Wissenschaft vom Menschen‘ mit ihren Gliederungen und Spezialisierungen) nicht hinreichend begründet werden. Anders gesagt: Nur durch Hinzunahme eines äußeren, übernatürlichen(?) Faktors lässt sich verstehen, wie und warum die Menschen regelmäßig schädliche, böse Verhaltensrückfälle produzieren, demgegenüber jedoch auch zu selbstlosem Altruismus befähigt sind.

Falls dem so ist, kommt der Teufel gerade recht… in Religionen, Geisteswissenschaften, Literatur und sogar in der Popkultur wird er ja ausgiebigst be- und verarbeitet.

Auf die Problematik der subjektiven Bewertung – wann ist eine Handlung überhaupt böse? – wird nicht näher eingegangen, dies würde den Rahmen endgültig sprengen.

Biblische Lehre und Dogmatik der katholischen Kirche…

…sehen sich hier vor einen schwierigen Balanceakt gestellt: einerseits möchte sich der Klerus mehrheitlich dem Nimbus düsterer Magie und Hexerei entziehen – doch auf der anderen Seite besitzt Satan in beiden Teilen der Bibel und damit in der gesamten christlichen Theologie eine unverzichtbare Relevanz. Das Böse abschaffen geht also nicht, allenfalls kann es relativiert werden.
Viele Theologen bezweifeln heute die Existenz des Satans; andere versuchen, die Lehrtradition der katholischen Kirche über die bösen Geister neu zu interpretieren.
Diese Bedeutung des Satan für das Christentum kommentiert der inzwischen emeritierte Papst Benedikt XVI aka Joseph Ratzinger so:

“Der Teufel ist für den christlichen Glauben eine rätselhafte, aber reale, personale und nicht nur symbolische Präsenz, und er ist eine mächtige Wirklichkeit, Fürst dieser Welt…
Der Mensch hat allein nicht die Kraft, sich dem Satan zu widersetzen, aber der Teufel ist kein zweiter Gott. […] Und deshalb müssen wir ihn weiterhin in jenen Zonen der Angst und Unfreiheit, die in nicht christlichen Religionen oft zu finden sind, verkündigen.”

Na, jene Zonen voller ‘Zonen der Angst und Unfreiheit‘ sind m.E. überall zu finden, auch in der christlichen Religion (ein  Blick ins A.T. genügt) und fraglos in christlichen Regionen.
Während Ratzinger eine vom Christentum bewirkte Befreiung von der Angst und von Dämonen sieht – entdecke ich hier die Notwendigkeit, sehr genau zwischen der Person Jesu und den christlichen Kirchen früherer Jahrhunderte zu differenzieren.

Ob Jesus Dämonen ausgetrieben oder psychisch Kranke geheilt hat, ist eine Glaubensfrage. Dagegen scheint mir die Kirchengeschichte klare Belege dafür zu liefern, wie die Kirche diese Angst vor dem Bösen und dem ‘Widernatürlichen’ im eigenen Interesse gezielt schürte. Fakt ist: Die ständige Konfrontation mit dem Bösen in seinen vielfältigen Erscheinungen gehört zu den bedrückendsten Erfahrungen des Menschseins. Gerade die Frage nach Ursprung, Wesen und Bewältigung des Bösen bildet eine schwer zu lösende Herausforderung für religiöse Menschen.

Wenn nun das Phänomen des Bösen sich letztlich jeder Erforschung entzieht, wie ist seine tagtäglich sichtbare Existenz mit einem unendlich guten, allmächtigen und alles wissenden Gott zu vereinbaren? Ob jenes Böse nun einer Personifizierung unterliegt (d.h. Satan zugeordnet) oder als Kraft bzw. als schlichte Tatsache gedacht wird, macht die Beantwortung dieser Frage nicht leichter.

Im Alten Testament finden sich mehrere Deutungsversuche, wobei der Ursprung und die Rolle Satans einem Wandel zu unterliegen scheinen: vom himmlischen Ankläger und Gottessohn (d.h. einem ‘Funktionär Gottes’) zunächst zum Versucher (vgl. das Buch Hiob) und später zum gefallenen Engel, der als ‘Durcheinanderwerfer’ (gr. diábolos) als ein Gott und den Menschen grundsätzlich feindlich gesinnten Wesen gesehen wird.

Neben Satan tritt bereits in älteren Schichten des Alten Testamentes die Annahme der Existenz von Dämonen – böse, den Menschen schädigende Geister – auf.  Doch Jahwe, der Gott Israels positioniert sich als einzig existierender Gott überhaupt. Von ihm kommt alles, was den Menschen trifft, das Gute sowie das Böse. Neben ihm haben andere übernatürliche Wesen zunächst keinen Platz; doch unter dem Einfluss der Dämonenvorstellungen altorientalischer Religionen entfaltet sich der Dämonenglaube seit dem babylonischen Exil (586–538 v. Chr.) auch in Israel.
Satan fungiert zu dieser Zeit noch als Versucher und Verführer zur Sünde , während Dämonen die menschlichen Integrität und Gesundheit schädigen.

“Satan will die Wahlfreiheit des Menschen so beeinflussen, dass sie sich von Gott ab- und ihm zuwendet, die Dämonen schränken die Freiheit ein, im Extremfall der Besessenheit drängen sie sie völlig zur Seite, um ihr eigenes Wollen an ihre Stelle zu setzen.“

→ Fortsetzung (Teil 2)


Mal Succubus, mal Incubus…wo steckt er denn?

Entspricht es dem Zeitgeist, jede noch so ernsthafte Thematik ins Lächerliche zu ziehen? Im Dezember 1996 titelte der SPIEGEL: „Gott ist tot, Satan nicht“. Von erkennbarem Respekt vor diesem vermeintlichen Gegenspieler Gottes ist bei den Autoren indessen nicht mehr viel übrig:

Weil der ‚Herr der vielen Namen und Gestalten‘ als Ganzer so schwer zu fassen sei, müsse Spurensicherung des Teufels beim Intimsten beginnen: Satans Spermaflüssigkeit hätten viele Frauen erstaunt als „äußerst kalt“ empfunden… „konnte man beim Fürsten der Hölle nicht zumindest Zimmertemperatur erwarten?“
Oha, ein Beitrag nutzlosen Wissens? „Der Teufel steckt, bekanntlich, im Detail.“ Tja nun, nach dieser  Einleitung konnte man den Eindruck gewinnen, er habe die meiste Zeit ganz woanders gesteckt..

Teufelssperma – echt jetzt? Jedenfalls könne ‚er‘ (der Teufel) laut Gutachten keinen eigenen Samen produzieren; doch er löst dieses kleine Defizit, indem die Gestalt eines Succubus (‚Untenliegenden‘) annehme und sich von einem Herrn besamen lasse. Dann verwandele er sich flugs in einen „Incubus“ (‚Obenliegender‘) und reiche den nunmehr frostig kalten Stoff in dieser Gestalt an ein williges Weib weiter.

„Der Teufel ist also, früh schon, ein abkühlendes Zwischenlager.“

Genug delikate Details? Für die SPIEGEL-Autoren offenkundig nicht: Das Gerät, mit dem Satan „den Samen umtopfte“, sei von den Partnerinnen bzw. weiblichen Opfern höchst unterschiedlich beschrieben worden:

„Den einen erschien es als ‚eisig und weich‘,…gelegentlich war es ‚groß wie das Glied eines Pferdes‘ …“

Nur folgerichtig, dass die Resonanzen, die das teuflische Instrument auslöste, weithin variierten. Sie reichten von der „Erduldung eines außerordentlichen Schmerzes“ bis zu überraschend großer Lust und Befriedigung. Tja, kommt wohl ganz auf die individuelle Disposition, Dehnungsfreudigkeit und Erwartungslage an.

Aus dem Mittelaltar liegen recht detaillierte Beschreibungen vor, wie der Herr des Bösen den Menschen erschienen sein soll.

  • So schildert der Mönch Radulf Glaber einen Mann „von mittlerem Wuchs, mit langem dürren Hals, einem abgezehrten Gesicht, pechschwarzen Augen, … vorstehenden Wulstlippen, ein fliehendes Kinn, einen Bocksbart, behaarte spitze Ohren, Hundszähne, einen spitz zulaufenden Schädel“.
  • Dagegen hatte die Mystikerin Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert im Traum eine fast hollywood-konforme Wahrnehmung: „Ein Tier mit scheußlichem Haupt, kohlschwarz, mit glühenden Augen, Eselsohren und weit aufgesperrtem Rachen voller Eisenfänge.“

Wie ein Spion sieht er für jedermann anders aus. Weit lieber würde ich erfahren wollen, was jener Luzifer nach Ansicht des mittelalterlichen Klerus war – ein Dämon, ein verstoßener Gottessohn oder doch ein mächtiger Engel, dessen Himmelskarriere aufgrund seines Ungehorsams gegenüber dem biblischen Gott unfreiwillig endete.
Und wie es zustande kommt, dass er nach wie vor gebraucht / benutzt wird: ohne Teufel gibt es keine Projektion auf ein personifiziertes Böses bzw. einen Sündenbock: Verteufelung von Abweichlern, Hexen, Ketzern, Sarazenen, Fremden, Ausländern, Flüchtlingen… bedarf halt des Bösen, mit dem diese angeblich im Bunde stehen.-

Quellenangaben

  1. Vortrag von Professor Dr.Dr. Anton Ziegenaus – „Gibt es einen Teufel?“

 

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