Teil 3: Ein Teufelspakt – Satan als Antidepressivum?

Fortsetzung von ›Vom Satan geradezu besessen?‹ (Teil 2)


»Mephistopheles:
Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,

Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;
Wenn wir uns drüben wiederfinden,
So sollst du mir das gleiche tun.

Faust:
Das Drüben kann mich wenig kümmern
…«1

Das Motiv des Teufelspaktes, wie es etwa in Goethes Werk Faust I1 bekannt ist, wird aus heutiger Sicht wohl vorwiegend als Fiktion betrachtet – nicht allein hinsichtlich der metaphysischen Wirkung, sondern insgesamt. Meine Reaktion ging jedenfalls in diese Richtung: ›Aus welchen Beweggründen sollte eine Person sich zu so einer Dummheit hinreißen lassen, zumal es sich in früheren Jahrhunderten um eine schwere Straftat (→ Hexerei) handelte?‹

Gleichwohl befasste sich Sigmund Freund mit einer »Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert2 (→ Text auf wikisource.org)«: Der Maler Christoph Haitzmann war im Jahre 1668 einen ›Teufelspakt‹ eingegangen und wegen anschließender Gesundheitsbeschwerden ›musste er sich mehreren Teufelsaustreibungen im Wallfahrtsort Mariazell unterziehen‹.
Das Trophaeum Mariano-Cellense ist eine handschriftliche ›Dokumentation‹ der Ereignisse, die 1725-1729 von den Patres in Mariazell und St. Lambrecht angefertigt wurde. Sie enthält die u.a. Texte der Verträge Haitzmanns mit dem Teufel.

Die Motivation?
Tja nun, »der Teufel hat als Entgelt für die unsterbliche Seele allerlei zu bieten, was die Menschen hoch einschätzen: Reichtum, Sicherheit vor Gefahren, Macht über die Menschen und über die Kräfte der Natur, selbst Zauberkünste und… Genuss bei schönen Frauen.«2
Also ging es bei solchen merkwürdigen Deals immer nur um die Befriedigung materieller, diesseitiger Bedürfnisse und Gelüste?
Der Malergeselle Haitzmann – und hier wird es erst wirklich interessant – war jedenfalls »schwermütig geworden, konnte nicht… arbeiten und hatte Sorge um die Erhaltung seiner Existenz, also melancholische Depression mit Arbeitshemmung und berechtigter Lebenssorge«. Der Teufel sollte ihn lediglich »belustigen und melancoley vertreiben«).

Also verschreibe sich einer mit Leib und Seele dem Teufel, um von einer Gemütsdepression befreit zu werden, stellt Freud mit einiger Betroffenheit – …»gewiss ein ausgezeichnetes Motiv nach dem Urteil eines jeden, der sich in die Qualen eines solchen Zustandes einfühlen kann und der überdies weiß, wie wenig ärztliche Kunst von diesem Leiden zu lindern versteht«.

Welche Verpflichtung entstanden Teufel nun konkret aus diesem Vertrag? Hier wird es noch seltsamer und auch trauriger: Der Teufel sollte dem Maler neun Jahre lang den verlorenen Vater zu ersetzen. Der Gedankengang des Malers dahinter, mutmaßt Freud: Durch den Tod des Vaters hatte er Arbeitsfähigkeit sowie sein seelisches Gleichgewicht eingebüßt; durch den ›Vaterersatz‹ hoffte er das Verlorene wieder zu gewinnen.

»In Wirklichkeit ist ihm ja überhaupt kein Teufel erschienen, der ganze Pakt mit dem Teufel existierte ja nur in seiner Phantasie.«
Offen bleibt dennoch, inwieweit der Teufel denn in der Wahrnehmung des Malergesellen Haitzmann seinen ›väterlichen Pflichten‹ tatsächlich nachgekommen sei – wer einen derart hohen Preis (das Seelenheil) zu entrichten bereit war, erwartete doch gewiss einen angemessen Return on Investment?
Auf die psychoanalytische Deutungsebene, wie Freud sie darlegt, soll hier nicht näher eingegangen werden.

Was hab‘ ich nun gelernt über ›das Böse‹?

Hmm, jedenfalls bin ich nicht zu einer eindeutig entschiedenen Haltung ‚Pro oder Contra Satan‘ gelangt – gemeint ist natürlich die Existenz einer solchen Entität, die abseits aller Detailfragen als Gegenpol zum gütigen Gott aufgefasst werden kann …zwar nicht auf Augenhöhe, nicht schöpferisch tätig im eigentlichen Sinne (→ Creatio ex nihilo), aber durchaus kreativ und über ein beeindruckende destruktives Potenzial verfügend.

Dabei geht es nicht um mittelalterlich anmutende Teufelsfratzen und Bilder aus Albträumen – und sicher nicht um eine sichtbare, körperliche Erscheinungsform. Eher scheint es, die Gnostiker und die Katharer haben mich mit ihren dualistischen Vorstellungen ziemlich ›infiziert‹. Das ›Böse‹ findet sich halt nicht ausschließlich im Handeln menschlicher Individuen und den resultierenden Auswirkungen: gerade da, wo Menschen sich in Gruppen, Clans und Gemeinschaften zur Kriminalität verabreden und stabile Strukturen allein zu diesem Zweck bilden, scheint außerdem ›noch etwas anderes am Werk‹ zu sein.
Wer oder was? Eine destruktive, desorganisierend wirkende Kraft mit eigenem Willen. Diese zaghaft-abwägende Haltung ist aber ›mehr so ein Gefühl‹
… allenfalls anekdotisch begründbar, aber mehr auch nicht. 

Der Theologe Hans Schwarz erklärt im Vorwort seines Buchs »Im Fangnetz des Bösen«3, er frage sich immer wieder, wie Menschen, die sich der Begrenztheit ihres Lebens doch bewusst seien, so oft »mit lebensverachtender Bösartigkeit begegnen, vor der man nur mit Abscheu den Kopf schütteln« könne. Schwarz sieht das Böse als »eine Macht, die einzelne und ganze Gesellschaften für sich vereinnahmt, die das Gute zerstört und oft zu einer Umkehrung aller Werte führt – der aber trotzdem nicht die Zukunft gehört«.
Zu dieser optimistischen Einschätzung kann wohl nur gelangen, wer das Menschsein über das biologische Leben, über den Tod hinaus denkt.

Aber halt: sofern zugleich der Glaube an eine niemals endende Verdammnis besteht, laufen Aussagen wie ›Das Böse hat letztlich keine Zukunft‹ am Ende doch in ein kaum aufzulösendes Dilemma: Solange Menschen bzw. Seelen schlimmste Qualen zu erleiden haben, besteht das Böse zumindest in seinen Auswirkungen (d.h. der qualvollen Bestrafung, als finaler Zustand und ohne jede Perspektive) eben doch fort.

Quellenangaben

  1. Johann Wolfgang von Goethe: Faust: Eine Tragödie,
    Szene im Studierzimmer
  2. »Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert«,
    Sigmund Freud
  3. Hans Schwarz: Im Fangnetz des Bösen Sünde – Übel – Schuld
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