Buchtipp: Mensch – wer bin ich?

  • Vollständiger Titel: „Mensch -wer bin ich ? Ein Altweltprimat am Übergang von Geisteswissenschaften zu Experimentalwissenschaften“ (→ PDF-Download)

Der Autor, Dr.med. Reinhold Ferrari, geb. 1937, studierte Theologie, Medizin, Psychologie und war als Internist, Psychotherapeut und Sportmediziner tätig, bevor er 2002 in den Ruhestand trat. Bis etwa zu seinem 50. Lebensjahr war er ein gläubiger Christ.

Seine Intention bestehe in einer geistigen Auseinandersetzung mit den Fragen nach dem Woher und Wohin unseres Kosmos, dem Beginn des Lebens auf der Erde und damit nach dem Sinn des Einzelnen und der Menschheit. Diesen Fragestellungen geht R.Ferrari auf 416 Buchseiten nach; er tut dies mit der gebotenen Gründlichkeit und – für mich der primäre Grund, dieses Buch zu lesen und nicht nur zu überfliegen – im Bestreben, geistig-metaphysisches Gedankengut mit dem wissenschaftlichen Gegenwartswissen zu verbinden.

Was ist an diesem Buch (für mich) so besonders?

Der Autor berichtet auch von seiner persönlichen Wahrheitssuche, deren Gegenstand er umreißt: Durch das Bestreben, die subjektive Wirklichkeit mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen, nähere sich die geistige Tätigkeit dem an, was als Wahrheitssuche bezeichnet werde.

Den Ausgangspunkt dieser Suche habe seine feste Überzeugung gebildet, „Geschöpfe unseres Gottes zu sein“, was einer Einengung in einen „kulturbedingten Rahmen“ gleichkomme.
Die vom Verfasser durchlebten Enttäuschungen, als sich das ihm anerzogene christlich-konservative Weltbild in Teilen als Illusion entpuppte, vermag ich lebhaft nachzuvollziehen:

„Dort wo ich anklage, Gott (die Bibel) und seine Vertreter oder Verfechter, tue
ich dies als enttäuschter, belogener und betrogener Christ, der ich viele Jahrzehnte lang war, […] aus „einer Mischung aus Trauer und Wut, dass das alles nicht wahr ist“. Nur wo ich die Ursprünge, Auswirkungen und Alternativen aufzeige, schreibe ich als Atheist.“

Zwar gelange ich nicht zu derselben Konsequenz wie Ferrari: ich mag ein unverbesserlicher Synkretist sein, aber als Atheist kann und würde ich mich nie verstehen. Doch erinnere auch ich den Verlust meiner einstigen geistigen Heimat (mein ‚Kinderglaube‘ von einem Himmel über den Wolken und einem lieben Gott mit Rauschebart) als ausgesprochen schmerzhafte Erfahrung…als sei mir der Boden unter den Füßen weggezogen worden.

„Über die Hälfte meines Lebens waren für mich das ewige Paradies und Überich-Ideale die erstrebenswerten Lebensziele.“

Die Suche nach Wahrheit und Selbstfindung – auch für mich der Motor, der neuen Schwung verleiht und das Leben immer wieder lebenswert macht – sei zwangsläufig mit einer Fülle von emotionalen Begleiterscheinungen verbunden: „Hoffnungen, Enttäuschungen, Wunschdenken, Ängsten, Einsamkeit und vielen Phantasmen“.

Hier muss die „Krone der Schöpfung“, das „Ebenbild“ der von ihr selbst „kreierten“ Götter, zunächst einmal viele enttäuschende (narzisstische) Kränkungen verarbeiten, was ich persönlich als sehr schmerzhaft empfunden habe. So sehr wir uns auch dagegen sträuben mögen, die Realität holt uns immer wieder ein.

Vielleicht hilft uns hierbei etwas, das geistig höher stehende Lebewesen auszeichnet: der Humor.

Bis ‚man so weit ist‘, dauert es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Zunächst aber habe auch ich mich lange „dagegen gesträubt, meine vertrauten, mir lieb und wichtig gewordenen, von meinen Eltern übernommenen Phantasien in Frage zu stellen“. Eine Vermeidungsstrategie bot sich förmlich an:

„In Situationen, auf die es ankommt, sind Mythologien ungeheuer mächtig, und manchmal unternehmen wir Menschen enorme Anstrengungen, die Welt so zu sehen, wie sie unserer Meinung nach sein sollte, selbst wenn die Beweise belegen, dass wir im Irrtum sind“ Robert B. Laughlin

Doch letztendlich wird eine grundsätzliche Entscheidung unausweichlich: Will man sich wider besseren Wissens selbst betrügen und sich in einer offenkundig nur scheinbar existenten Sicherheit wiegen? Will man zulassen, dass die eigene Bequemlichkeit eine Selbsterkenntnis und -verwirklichung unterbindet?

Problematisch wird es erst recht, wenn Menschen ihren Lebenssinn und –inhalt an eine lieb gewonnene „Wahrheiten“ gebunden haben – in solchen Fällen kommt es u.U. zu heftigen Auseinandersetzungen (die innerlich ‚mit sich selbst‘ oder mit Vertretern der ‚Außenwelt geführt werden können). Lohnt sich die Anstrengung, die zu allem Überfluss auch noch mit schmerzlichen Erfahrungen einhergeht? Reinhold Ferrari bejaht diese Frage:

„…Selbsterkenntnis kann sich lohnen, denn sie bedeutet einen Vorteil im täglichen Kampf um das Überleben. Indem ich mich und „die Welt“ – meine persönliche Umgebung, meine Wirklichkeit – möglichst real erkenne und einschätze, vermag ich zumindest einige der sogenannten Schicksalsschläge zu vermeiden…“

Die Feststellung, die Selbsterkenntnis sei der Schlüssel zum Erfolg im Leben, erscheint mir indessen überzogen. Wie auch immer Erfolg definiert wird – ob er eintritt, hängt m.E. von weiteren Faktoren ab…vielleicht sogar vom ‚Glück‘ oder ‚Schicksal‘. Wie dem auch sei, es ist eine lebenslange Neugier, die manche Menschen ständig weiter suchen läßt.

„Alle Tabuthemen, Bücher-, Rede-, Lehr-, oder Predigtverbote weisen auf unterdrückte Fehler in der betroffenen menschlichen Gemeinschaft hin.“

Es besteht offensichtlich ein recht großer Unterschied zwischen der Realität, die uns umgibt, und den vielen persönlichen und kulturbedingten ‚Wirklichkeiten‘, welche sich die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklung erdacht hat. Letztere bestimmen unser Leben, die unser Denken und unser Verhalten.
Erstaunlicherweise betrachten wir kulturgebundene Wirklichkeiten oft als objektive Wirklichkeiten, weil sie nicht nur ein einzelnes Subjekt betreffen.

Mich überrascht ein wenig, dass der Autor sich im Zuge seiner beschriebenen Neuorientierung nicht nur von geisteswissenschaftlichen Mythen löst, sondern die Möglichkeit eines willentlichen Schöpfungsprozesses (und damit eines Schöpfers) vollständig ausklammert. So umreißt der in seiner Einleitung die Entstehung des Lebens mit den Worten:

„Auf dem Planeten Erde synthetisieren sich durch Selbstorganisation komplexe Moleküle (Verbindungen aus mehreren Atomen), die sich schließlich selbst vervielfältigen.

Dabei ist bis heute nicht ausgeschlossen werden, dass diese Selbstorganisation bis hin zur RNA und späteren DNA einen Mythos der Naturwissenschaften darstellt – wir wissen noch nicht, wie Leben erstmals entstand.

Einige der behandelten Kernfragen:

  • Benötigt der Ursprungs allen Seins einen Schöpfer? Und falls ja, wer hat den Schöpfer geschaffen?
  • Entstehung des Universums, von Galaxien, Sternen und Planeten – Beschaffenheit der Milchstraße
  • Wir bestehen – wie die gesamte Natur – primär aus Materie, die zum Leben ständig Energie benötigt. Was ist diese Materie genau? wo kommt sie her, wie entstand sie?
  • Was ist das Wesen der sog. Dunklen Materie?
  • Ist ‚unser‘ Universum nur eines unter vielen Universen?
  • Weshalb stagnierte die Entwicklung des Lebens über drei Milliarden Jahre – eine signifikante Zunahme von Komplexität ist während dieser langen Zeit kaum feststellbar
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