Der Pauli-Jung-Dialog zum Verhältnis von Materie und Geist

Bezug: Synchronizität – Zur Deutung des Pauli-Jung-Dialogs, Günter Ewald

Religiöser Glaube steht vor allem für eine innere Sicherheit, die keines Beweises bedarf – demgegenüber steht ‚exakte‘ Wissenschaft für die Suche nach überprüfbaren Fakten (und Theorien), die aufgrund ihrer Natur keines Glaubens bedürfen. Dennoch befassen sich auch und gerade Naturwissenschaftler ‚in ihrer Freizeit‘ mit Fragen des Geistes und des Glaubens.

Soweit ich ansatzweise mit der Wissenschaftsgeschichte der letzten 150 vertraut bin, fällt mir ein ‚unerfreulicher‘ Paradigmenwechsel auf: Bis weit in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren selbst herausragende Naturwissenschaftler bereit und willens, neben der reinen Analyse (=Zerlegung in Einzelbestandteile) auch metaphysische Aspekte in ihrer Erforschung der Natur zu berücksichtigen. Zumindest aber gestatteten sie sich gedankliche Annäherungen an Erklärungsversuche, die über rein kausal erklärbare Zusammenhänge der ’sichtbaren‘ Materie hinausgingen.

Naturwissenschaft: Keine Wirkung ohne Ursache?

Dieser um ganzheitliches Denken bemühte Ansatz trat in dem Maße ins Abseits, wie sich das naturalistische Weltbild (→ Naturalismus) – eine „entideologisierte Form des Materialismus“ – durchsetzte. Dessen Stärke (oder Schwäche) besteht darin, alle ‚paranormalen‘ Phänomene strikt auszuklammern:

  „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“.

Infolgedessen tritt eine Kategorisierung ein, welche für Eindeutigkeit und Transparenz sorgen soll – tatsächlich führt dieses Ausklammern dazu, dass viele Menschen den (Natur-)Wissenschaftsbetrieb der Gegenwart als ‚auf einem Auge erblindet‘ betrachten.

Immerhin kennt die Quantenphysik auch Wirkungen ohne Ursache – wie beispielsweise den spontanen radioaktiven Kernzerfall: aufgrund der so genannten Heisenbergschen Unschärferelation lässt sich prinzipiell nicht vorhersagen, wann ein einzelner Atomkern zerfällt – lediglich kann eine statistische Halbwertszeit aus vielen Kernzerfällen ermittelt werden. Für den Zerfall eines konkreten Kerns ist es aber keine physikalische Ursache feststellbar. Statt für Zerfallsprozesse genau vorhersagen zu können, musste die Kernpysik sich mit Wahrscheinlichkeiten begnügen – und das klassische Ideal der Kausalität wurde notgedrungen um den Zufall erweitert.
Es mag sehr wohl eine Ursache geben, doch sie kann weder festgestellt noch vorhergesagt werden. Warum sollte dieses Merkmal nicht auch für sog. PSI-Ereignisse gelten dürfen, welche von vielen ‚exakten‘ Wissenschaftlern pauschal bestritten oder in den diffusen Bereich des ‚Paranormalen‘ abgeschoben werden?

Carl Gustav Jung geht noch einen Schritt weiter und vewahrt sich dagegen, nicht objektivierbare (spirituelle) Erfahrungen als pure Illusion abzutun:

„Es ist gleichgültig, was die Welt über religiöse Erfahrung denkt; derjenige, der sie hat, besitzt den großen Schatz einer Sache, die ihm zu einer Quelle von Leben, Sinn und Schönheit wurde und die der Welt und der Menschheit einen neuen Glanz gegeben hat.…Wo ist das Kriterium, das zu sagen erlaubt, dass… solch eine Erfahrung nicht gültig und…bloße Illusion sei?“

Nun ist es aber so, dass bis auf weiteres die Regeln und Grenzen der Erkenntnisgewinnung in der Wissenschaft auf dem starren naturalistischen Weltbild gründen:

Telepathie, Hellsehen, Psychokinese, Präkognition und andere so genannte paranormale (oder anomale) Phänomene werden in unserem Wissenschaftsbetrieb gern als Gegenstand der Kulturwissenschaft betrachtet, so wie das für Märchen, schamanistische Rituale oder Zaubertricks moderner Unterhaltungsshows der Fall ist.“ (Ewald)

Als ausgesprochen störend in diesem Zusammenhang habe sich die psychokinetische Ausstrahlung des jungen Physikers und späteren Nobelpreisträgers Wolfgang Pauli erwiesen:  Am physikalischen Institut der Universität Hamburg sollen durch seine Anwesenheit bzw. räumliche Nähe etliche Gerätschaften zu Bruch gegangen und Experimente misslungen sein. Dieser ‚Pauli-Effekt‘ war offenbar alles andere als lustig, sodass der bekannte Experimentalphysiker Otto Stern ein Laborverbot aussprach, um seine Geräte vor Pauli zu schützen.

Pauli führte mit dem befreundeten Mediziner und Psychologen Carl Gustav Jung  einen Dialog über die Grundlagen des Verhältnisses von Psyche und Materie. Ein diesbezüglicher Briefwechsel der beiden Forscher wurde als Buch (‚Wolfgang Pauli und C.G. Jung. Ein Briefwechsel 1932-58‘) herausgegeben. Darin werde deutlich, dass Wolfgang Pauli großen Anteil an der Konzeption der sog. Synchronizität hat, der von C.G. Jung eingeführt wurde und darüber hinaus an der Konkretisierung der für Jungs Werk zentralen Begriffe des kollektiven Unbewussten sowie der Archetypen. Dabei habe Paulis Auseinandersetzung mit diesen Themen in „tiefgehendem eigenem Erleben gewurzelt“– der existentiellen Auseinandersetzung mit dem archetypischen „Geist der Materie“. (vgl →Wikipedia)

Den Hintergrund dieses (wie ich finde, hochinteressanten) Dialogs bildete der Umstand, dass der Naturwissenschaftler Pauli sich intensiv mit seinen psychokinetischen Fähigkeiten auseinandersetzte.

Der Begriff der Synchronizität oder Sinnkorrespondenz spielte im Pauli-Jung-Dialog eine wesentliche Rolle. C.A. Meier, Herausgeber dieses Briefwechsels, beschreibt Synchronizität mit den Worten:

„Jungs Bezeichnung für zeitlich oder räumlich koinzidierende Phänomene, deren Coinzidenz keiner kausalen Erklärung gehorcht, aber einen deutlich sinnvollen Zusammenhang aufweist. Sie können sowohl von Psyche zu Psyche, gewissermaßen telepathisch erfolgen, wie auch zwischen Psyche und Physis, das heißt, außen in der physischen Realität erfolgen (psychokinetisch).“

Zwei Erscheinungen also, die in einem offensichtlichen Zusammenhang auftreten, der kausal nicht zu begründen ist, der aber noch weniger mit dem Begriff ‚Zufall‘ abgetan werden kann/sollte…was damit konkret gemeint ist, wird durch einen kurzen Ausschnitt aus dem Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ verständlich:

Die mehrfach zitierte Abhandlung geht näher auf diesen beachtenswerten Dialog ein. Darin erwähnt ist synchronistisches Erlebnis von C.G.Jung:

„Er (Jung) wacht eines nachts auf und spürt einen Schmerz im Hinterkopf. Einige Zeit später erfährt er, dass just in diesem Augenblick sich ein früherer Patient erschossen hat und dabei die Kugel im Hinterkopf stecken geblieben ist.“

Synchronizität hängt eng zusammen mit den von Jung so benannten ‚Archetypen‘. Darunter versteht er „psychische Strukturdominanten, die unbewusst und angeboren sind. Sie werden vor allem in symbolhaften Bildern und Träumen erfahren. Bei synchronistischen Phänomenen reichen sie jedoch darüber hinaus“ (Ewald).

Die Archetypen sind einerseits Ideen (im platonischen Sinn), andererseits direkt mit physiologischen Vorgängen verknüpft und in Fällen von Synchronizität erscheinen sie als Arrangeure physischer Umstände, so dass man sie auch als eine Eigenschaft des Stoffes (als eine Sinnhaftigkeit desselben) betrachten kann.

Zugegeben, diese Erklärung überstrapaziert meine Möglichkeiten des Verstehens und Erkennens, mir ist vage klar, dass es um eine Berührung von Psychischem und Stofflichem geht. Um diesem Grenzbereich näher zu kommen, führt Jung einen neuen Begriff ein:

Ich dehne den Begriff des Psychischen nicht bis ins Nichtfeststellbare aus. Dort brauche ich den spekulativen Begriff des Psychoiden, der insofern eine Annäherung an die neutrale Sprache darstellt, als er das  Vorhandensein einer nichtpsychischen Wesenheit andeutet.
Mit dem Psychoiden verbinde sich dann der „psychoide Archetypus“. Außersinnliche Wahrnehmung beruhe lt. Jung „auf dem psychoiden Archetypus, der sich erfahrungsgemäß sowohl psychisch wie physisch äußern kann.“

Quantenverschränkung und Synchronizität

Auch in ihrem Zusammenwirken konnten Pauli und Jung das „psycho-physische Problem“ nicht auflösen, doch sie entwickelten Überlegungen und Modelle für diesen Grenzbereich. Immerhin stimmten Pauli und Jung darin überein, dass kausalistische Physik (Alles muss eine Ursache haben…außer dem Urknall?) prinzipiell nicht in der Lage war, das Verhältnis von Psyche, Geist und Materie zu verstehen. Für Jung war die Synchronizität nicht bloß ein spannendes Phänomenbeschreibung, sondern ein Organisationsprinzip (in) der Natur, das auf Sinnhaftigkeit und Zielorientierung hinwies. Gewissermaßen sind Geist und Materie in einer Weise miteinander verbunden, obgleich „weder Geist aus Materie noch Materie aus Geist ableitbar ist“ (Ewald).

Die moderne Quantenphysik brachte ein Beispiel für Synchronizität hervor, das sich prägend auf Physik und Technologie unserer Zeit auswirkt entfaltet – die Verschränkung von Quantenzuständen sowie deren Eigenschaft der Nichtlokalität3).

Verkürzt dargestellt, können zwei oder mehr Teilchen auf subatomarer Ebene eine nichtlokale Verbindung (=Verschränkung) miteinander eingehen. Jede Änderung eines Quantenzustandes des einen Teilchens zieht ’sofort (schneller als mit Lichtgeschwindigkeit), eine gleichartige Veränderung des anderen Teilchen nach sich – egal wie weit beide Teilchen voneinander entfernt sind. Eben dieses Phänomen bezeichnete Einstein als „spukhafte Fernwirkung“, zumal die theoretische Aussage der Verschränkung erstmals in den 1970er Jahren experimentell nachgewiesen werden konnte. Vgl. hierzu → Erzeugung verschränkter Systeme und den genannten → Aufsatz von Prof. Ewald.

Dieses Quantenphänomen bildet einen wichtigen Ansatzpunkt im Pauli-Jung-Dialg: Quantenverschränkung die „kleinstmögliche Form der Synchronizität, eine nicht kausale, aber auch nicht zufällige Beziehung zwischen Elementarzuständen von Quanten…eine neue Form der Wirklichkeit…“ (Ewald).

Wichtig dabei: während Pauli und Jung sich noch mit einem hypothetische Konstrukt begnügen, liegen heute experimentelle Nachweise vor. Zwar seien Inhalt und Tragweite dieser neuen Wirklichkeit noch längst nicht verstanden sind, doch sie lasse sich auch nicht mehr weg -ideologisieren, etwa von den Naturalisten.

Hm…diese ’neue Wirklichkeit‘ scheint mir dennoch einen Haken zu haben: Es handelt sich bei der als ‚harten‘ Beleg für Synchronizitäten angeführten Verschränkung um ein Phänomen, das bislang allein für subatomare Teilchen, also die Quantenwelt, erwiesen ist. In dieser Welt des Winzigen gelten andere Gesetze und Prinzipien als in ‚unserer‘ makroskopischen Welt, die von Newton, Einstein und anderen beschrieben wurde. Inwieweit lassen sich Resultate aus der Quantenwelt auf die sichtbare Wirklichkeit anwenden?

Einen Ansatz hierfür liefert Professor Ewald, der keineswegs bestreitet, wie weit der Weg von der Verschränkung zweier Teilchen bis zur Synchronizität von psychischen und materiellen Prozessen ist. Er spricht hier von einer „…Übertragung des Begriffes „Nichtlokalität“ auf globale Strukturen in der Weise, dass damit Synchronizität experimentell – im Labor oder durch Beobachtung – nachweisbar wird.“ und verweist auf das Buch „Entangled Minds – Extrasensory Experiences in a Quantum Reality“ des amerikanischen Kognitionswissenschaftlers Dean Radin.

Radin beschreibt ein telepathisches Experiment: Zwei voneinander abgeschirmte Versuchspersonen sitzen vor je einem Bildschirm. Aus zwei Stapeln mit drei gleichen Bildern wird mit Hilfe eines Zufallsverfahrens je ein Bild ausgewählt und und den Versuchspersonen auf dem Bildschrim angezeigt, d.h. beide betrachten gleichzeitig ‚ihr‘ Bild. Nun sollen beide entscheiden, ob sie das gleiche Bild sehen wie der andere oder nicht. Nach etwa 1000 Wiederholungen folgt die Auswertung der registrierten Entscheidungen:
Beide antworten  zu je 50% mit „ja“ und zu 50 % mit „nein“ – erwartungsgemäß und entsprechend der Zufallswahrscheinlichkeit. Doch in den Fällen, wo beide das gleiche Bild gesehen haben, stimmten ihre Antworten zu 77% überein, obgleich auch hier wieder 50 % zu erwarten waren. Dieses Resultat sei eine Charakterisierung von Verschränkung und deute auf ein synchronistisches Ereignis hin.

Was bedeutet dieser Versuchsausgang für das noch so wenig transparente Verhältnis von Geist und Materie? Vermag die Quantenphysik eines Tages vielleicht eine Erklärung für paranormale Ereignisse zu geben?

Ein neues Wirklichkeitsverständnis – Alternative zu Naturalismus und religiösem Fundamentalismus?

Zumindest sollte sie mehr als hinreichenden Anlass bieten, dass der von Pauli und Jung geführte Dialog wieder mehr Beachtung findet und ggf. auf Grundlange der hinzu gewonnenen Erkenntnisse moderner Physik neu aufgelegt wird. Zu wünschen ist dies allemal in einer Zeit weitreichender Orientierungsarmut, in der Menschen sich häufig zur Gänze von der materialistischen Denkweise einfangen lassen oder sich entgegen jeder Vernunft in einer fundamentalistischen Glaubensüberzeugung verlieren.

Immerhin ermöglicht die Quantenphysik eine neue Denkweise, die über das bisherige Wirklichkeitsverständnis hinausgeht. Prof. Ewald:

„Die nichtkausale Korrelation, wie sie in der Verschränkung erscheint, ist ein methodisch und experimentell fassbarer Teil dieser Wirklichkeit. Pauli und Jung sahen in der Synchronizität einen Universalbaustein dieser neuen Wirklichkeit und suchten ihn an Beispielen zu konkretisieren. “
Quantenverschränkung trage dazu bei, dass ein Wirklichkeitsraum gedacht wird, in dem sich Psi-Ereignisse ereignen und der auch zu einem Wirklichkeitsraum der physikalischen Wissenschaft geworden ist.

Klingt für mich aussichtsreich…nach einer Koexistenz von exakter Naturwissenschaft mit geistigen Phänomenen, die bis dato in Ermangelung einer exakten, kausalen Erklärung aus dem Horizont der Wissenschaftler verdrängt wurden.

Einsichten des Pauli-Jung-Dialogs dürften – in Verbindung mit Quantenverschränkung sowie einer verallgemeinerten Quantentheorie hierbei eine neue Bedeutung gewinnen – etwa der Evolutionsbiologie4).

Sollten solche Einsichten zunehmend an Akzeptanz gewinnen, „…so ist zu hoffen, die Naturphilosophie endgültig von dem Flachland des Naturalismus Abschied nehmen“ (Ewald).

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  1. Nichtsdestotrotz greifen viele von uns der Einfachheit halber zu dem Erklärungsmuster „Was für ein merkwürdiger Zufall“. Persönlich erinnere ich mich an eine erstaunliche Verkettung von etlichen Ereignissen, aufgrund der ich als Achtjähriger nicht durch einen Segelunfall ums Leben kam … und an den Ausruf mütterlicherseits, dies habe ich ganz sicher meinem Schutzengel zu verdanken.
    Was immer der einzelne von Fügungen halten mag, an ‚erstaunliche Zufälle‘ glaube ich seit diesem eindrucksvollen Erlebnis kaum noch…
  2. Professor Ewald ist Autor von mehreren Büchern über Nahtoderfahrungen, den Auferstehungsglauben und die Fragestellung nach einem Leben nach dem Tod. Auf YT findet sich nachfolgender Vortrag über den Jung-Pauli-Dialog (s.u.).
  3. Lokalität besagt in der Physik, dass Vorgänge nur Auswirkungen auf ihre direkte räumliche Umgebung haben. Dieses Prinzip gilt in der Quantenphysik nicht gilt, die ‚Fernwirkungen‘ für möglich und vorhersagbar erachtet.
  4. W. Pauli regte in seinem Aufsatz „die Klavierstunde“ („eine sich Sinnfragen wieder zuwendende Auseinandersetzung mit dem Christentum“) an, den Evolutionsprozess nicht nur auf genetische Mutation und umweltbedingte Selektion zu stützen, sondern die Synchronizität mit einzubeziehen. (Paulis Aufsatz habe ich bislang im Web nicht finden können; immerhin bietet H.-J. Fischbeck in seinem Aufsatz „Zur Deutung des Textes ‚Die Klavierstunde‘ von Wolfgang Pauli“ einige Einblicke.)

Siehe auch:

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Eine Antwort auf Der Pauli-Jung-Dialog zum Verhältnis von Materie und Geist

  1. danke für den fairen Umgang mit meinen Gedanken. Günter Ewald

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