Gewalt und Monotheismus – besteht da (k)ein Zusammenhang?

Dass religiöser Extremismus auch Gewalt zur Durchsetzung seiner Ziele billigt, hat die Eskalation seit 9/11 auf erschreckende Weise vor Augen geführt – ebenso wie die gesamte Präsidentschaft eines selbsternannten ‚Gesandten Gottes‘ namens George W. Bush jun. Ein Zusammenhang von Gewalttätigkeit und Monotheismus erscheint vielen beinahe selbstverständlich. Oft wird im christlichen Abendland diese Sichtweise einseitig auf den Islam verengt – dabei ist Gewalt unbestreitbarerer Bestandteil sowohl des Korans als auch der Bibel. Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann fordert daher ganz allgemein:

„Wenn man die monotheistische Idee retten will, dann muß man sie ihrer inhärenten Gewalttätigkeit entkleiden.“

Den Islam gegen Juden- und Christentum ausspielen zu wollen, ist bestenfalls fragwürdig, tatsächlich gelten alle drei als „die Religionen der Gewalt“. Norbert Lohfink (→ Gewalt und Monotheismus. Beispiel Altes Testament) stellt in diesem Zusammenhang fest, die Kategorisierung in monotheistischen und polytheistische Religionen sei völlig ungeeignet zur Charakterisierung – schon deshalb, weil der eine Gott der Monotheismen je nach seinem Verhältnis zur Welt durchaus sehr verschiedenartig erfahren werden kann. Zudem gebe es Religionen, die man weder als polytheistisch noch als monotheistisch bezeichnen kann, wo aber „die Frage nach dem letzten Einen alles durchwebt“.

„In der augenblicklichen Diskussion ist er [Monotheismus] aber für manche deshalb so nützlich, weil er sich mit seinem simplen Götterzählsystem unmittelbar mit dem Gedanken von „wahr und falsch“ verbindet, dieser wiederum sehr leicht als Fahnenstange der Intoleranz verklagt werden kann, und Intoleranz natürlich mit „Gewalt“ gleichzusetzen ist. Die Wortwahl ist gezielt. Mit dem so geschaffenen Assoziationsfeld ist die eigene These fast schon bewiesen.“1)

Sicher, man wird Religion bzw. jede Konfession mit den ihr eigenen Auslegungen und Anleitungen einzeln betrachten müssen, um dieser Kritik Rechnung zu tragen – doch wer macht sich schon die Mühe, die Kategorie der Monotheismen aufzubrechen, nur um anschließend allein den Islam als Inhaber der Gewalt zur Verantwortung zu ziehen?

Die Geschichte dieser sogenannten Monotheismen beginnt mit dem Alten Testament. Im Hinblick auf die Entstehung der abrahamitischen Religionen muss man unweigerlich einräumen:

„Alle Träume, daß es irgendwo eine Insel der Seligen gebe,
wo Gewalt unbekannt
sei, haben sich als trügerisch erwiesen.
Gewalt zeigt sich überall…“

Die Frage sei allenfalls, wo Gewalt anwächst und maßlos wird und ob dies mit diesen drei Religionen kausal zusammenhängt. Lohfink führt aus, in der Geschichte Israels sei vorwiegend eine Vielzahl von Gottheiten verehrt worden, erst wenige Jahrhunderte vor Christus (mit der Reform von König Joschija, → Joschijas Reform und das Deuteronomium) habe eine Gott Israels zunächst eine vorrangige und bald einzigartige Stellung erhalten:

„…versteht man unter „Israel“ die ganze Bevölkerung, dann muß man fragen, ob das faktische Israel nicht zum großen Teil und lange Zeit hindurch sogar im normalen Sinn des Wortes polytheistisch gewesen sei.“

Das nachexilische Judentum hatte kaum Gelegenheiten, besonders gewalttätig aufzutreten. Die Frage nach der Gewalt müsse sich insoweit vor allem auf die KönigszeitA beziehen, als Israel und Juda selbständige Nationen waren. Doch auch diese Zeit tut sich im Vergleich mit früheren und späteren Epochen nicht als unverhältnismäßig gewaltbestimmt hervor –

„Gewalttätigkeit im Raum des Religiösen – ja. Doch gewalttätiger Monotheismus im Gegenüber zu toleranzbeseeltem Polytheismus – mit Sicherheit nicht.“
Auf eine griffige Formel gebracht: Gewalt war immer und überall präsent – sie ist kein Alleinstellungsmerkmal jener Religionen, die ausschließlich einen Gott verehrten.

Etwaige Anzeichen für eine außerordentliche „Gewalttätigkeit Israels“?  Fehlanzeige. „Nichts spricht in der Geschichte Israels positiv für einen besonderen Zusammenhang zwischen dem Aufkommen des Monotheismus und einer sich steigernden Neigung zur Gewalt.“
Allerdings sei „Israel erst in einem langen Prozess zur Erkenntnis der Gewalt gekommen und …immer wieder in die Welt der Gewalt zurückgefallen.“

Dieses Up and Down der Gewaltintensität zieht sich als Grundprinzip durch die Geschichte menschlicher menschlicher Zivilisation – vom „primitiven“ Tribalismus bis zur Bildung moderner Nationalstaaten. Als zivilisiert gelten Gesellschaften, die das Gewaltmonopol des Staates hochhalten und dennoch für ein größtmögliches Maß an Subsidiarität eintreten.

Wie lässt sich nun das religionsbezogene Gewaltmoment isolieren?

Nun, alle drei monotheistischen Religionen sind sog. Buchreligionen, d.h. ihren ‚heiligen Schriften‘ und deren kanonischer Zusammenstellung kommt eine besondere Bedeutung zu. Im alten Israel hatte der Kanon der heiligen Bücher, unser „Altes Testament“, natürlich erst gegen Ende des betrachteten Zeitraums, seine endgültige und anerkannte Zusammenstellung.

Historische Würdigung vs. Gegenwartsbezug?

Es gilt herauszufinden, wie sich das kanonische Alte Testament als Aussagesystem zur Gewalt positioniert – und inwieweit Aussagen pro oder contra Gewalt als ausdrücklich von der im Zentrum stehenden Gottheit gewollt dargestellt sind.
Falls sich aus dem A.T. eine grundsätzliche Ablehnung von Gewalt ableiten ließe, würde dies nicht dadurch entkräftet, dass innerhalb des Juden- oder des Christentums die Gewalt im Lauf der Geschichte auftritt – entscheidend sind vielmehr die grundsätzlichen Aussagen hierzu.

„In einem solchen Falle kann man im Namen Gottes auftretende Gewalt nicht der Religion, sondern nur ihren schlechten Vertretern anlasten.“

Das wäre fraglos zutreffend, doch wozu macht Lohfink sich die Mühe, derart theoretisierenden Umweg zu gehen? Ohne Wenn und Aber enthält und favorisiert das A.T. in seiner kanonisierten Fassung gewaltbezogene Elemente – sowohl als Verhaltensmaßstab für die Gläubigen (→ Todesstrafe bei sakralen und sittlichen Vergehen) wie auch die Ankündigung gewaltsamen Handelns durch Gott selbst.
Wozu also vorrangig ‚abweichlerische‘, weil besonders gewalttätige Vertreter des Monotheismus bemühen? Die fünf Bücher des Mose bilden das Fundament des A.T. – und sie enthalten (bis heute) Elemente, welche Gewalt und Genozid klar und eindeutig befürworten. Dies wird auch durch positive Beurteilungen in konservativen Bibelkommentaren (z.B. bei John MacArthur) unterstützt, welche in dieser Gewalt (sogar gegen Kinder) als „göttlich gerecht“ gegen jede Anzweiflung verteidigen.

Der „Bann in der deuteronomistischen Kriegsideologie“ – als restlose Vernichtung einer ganzen Stadt: Das nach der Landnahme Kanaans im 5. Buch Mose verankerte Banngebot verlangte, alle überlebenden Personen

Mescha-Stele, fotografiert um 1891

einer eroberten Stadt Kanaans zu töten – Kinder (sogar Säuglinge), Frauen und Männer. Dieses Vorgehen sollte die Einzigartigkeit der Israeliten bewahren, ethnische Vermischung und Übernahme fremder Kultbräuche tabuisieren, die Anbetung fremder Götter verhindern und die Aneignung von Kriegsbeute sowie Sklavendienste von Kriegsgefangenen ausschließen. Eine Zuwiderhandlung gegen das Banngebot werde Israel selbst dem Untergang weihen (Josua 6,18).
Die Mescha-Stele belegt eine solche Praxis um 850 v. Chr. für die Moabiter.

Zum o.a. ‚Bann‘ heißt es im 5. Buch Mose :

1 Wenn der HERR, dein Gott, dich in das Land bringt, wohin du kommst, um es in Besitz zu nehmen, und viele Nationen vor dir vertreibt […]
2 und der HERR, dein Gott, sie vor dir hingibt und du sie schlägst, so sollst du sie ganz und gar verbannen; du sollst keinen Bund mit ihnen schließen noch Gnade gegen sie üben.
3 Und du sollst dich nicht mit ihnen verschwägern: Deine Tochter sollst du nicht seinem Sohn geben, und seine Tochter sollst du nicht für deinen Sohn nehmen;
4 denn sie würden deine Söhne von mir abwendig machen, dass sie anderen Göttern dienten; und der Zorn des Herrn würde gegen euch entbrennen, und er würde dich schnell vertilgen.  [5 Mo 7,1-4]

Indessen gibt sich Lohfink alle Mühe, weitere Relativierungen anzuführen, wie beispielsweise: „Man muss heilige Bücher so lesen, wie sie in ihrer Rezeptionsgemeinschaft selbst gelesen wurden und werden.“
Dies trifft für eine historische Würdigung zu. Lautet die Fragestellung freilich, inwieweit die abrahamitischen Religionen bis in unsere Zeit für Gewalt stehen, dann müssen die bis heute gültig erachteten Aussagen des Kanons für sich selbst sprechen.

Möglicherweise ist die Entstehung solcher Kriegsideologie im zeitgeschichtlichen Kontext nachvollziehbar und deshalb taugt weder diese noch die zahlreichen weiteren Textpassagen zur Gewaltanwendung als Beleg dafür, dass das A.T. in weit höherem Maße gewaltbehaftet sei als vergleichbare Schriften aus demselben Entstehungszeitraum.
Um so eindrücklicher ist deren Untauglichkeit für die heutige Zeit hervorzuheben: derartige ‚Aufforderungen Gottes‘ zur Gewaltanwendung dürfen weder befolgt werden noch
repräsentieren sie ein vertretbares Gedankengut. Maßgeblich hierfür sind Stellungnahmen der klerikalen Autoritäten, welche eine aktualisierende Positionierung zur Gewalt vornehmen:

„Wenn aber keine normativ-ethische Reflexion auf Erlaubtheit oder Unerlaubtheit der Todesstrafe angestellt wird, dürfen biblische Texte, die die selbstverständliche Anwendung dieser Strafe bezeugen, aus methodischen Gründen nicht als Argumente in die ethische Reflexion und Begründung eingeführt werden.“ betont Johannes Schnocks.2)

  • die Deutsche Bischofskonferenz mit ihrer Erklärung „Gerechter Friede“, spricht sich für „Gewaltfreiheit in einer Welt der Gewalt“ aus :
    Die Bischöfe brachten zum Ausdruck, „dass es ganz wesentlich darum geht, sich der Friedensfrage nicht erst dann zu stellen, wenn Auseinandersetzungen bereits mit Waffengewalt geführt werden. Es gilt vielmehr, frühzeitig alles zu tun, um Gewaltsituationen erst gar nicht entstehen zu lassen.“ (Pressemeldung der DBK)
  • Ebenso wandte sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland am 5.9.2007 entschieden gegen (terroristische) Gewalt und erklärt, Staat und Gesellschaft sollten Muslime vor pauschalen Verdächtigungen schützen und sie nicht in die Nähe des Terrorismus stellen.
  • Auch der Zentralrat der Juden nimmt die Position „Kommunikation statt Konfrontation“ ein, wie beispielsweise hier mit Bezug auf den Karikaturen-Streit.

Vergangenes hat wenig normative Relevanz, wenn Verfassung und gesellschaftliche Bedeutung von Religionen in der Gegenwart betrachtet werden sollen: zwar lassen sich bestimmte Entwicklungen geschichtlich erklären und verstehen; doch ist die Mehrzahl der Menschen in unserer Zeit (hoffentlich) hinreichend rational und ‚aufgeklärt‘, um sich jeglicher religiös motivierten Gewaltausübung zu enthalten.

Ausnahmen hiervon finden sich unter Vertretern aller drei Religionen, insbesondere solche mit Führungsverantwortung: Bush jun., Netanjahu und Ahmadinedschad wären als als herausragend negative Beispiele nennen (zwei von ihnen sind immerhin nicht mehr in Amt und Würden). Zugleich ist auch die Vorsitzende einer sich als christlich bezeichnenden Partei in Deutschland  kritisierbar, soweit diese C-Partei eine erhebliche Zunahme von Waffenexporten auch in Krisengebiete zulässt oder gar befürwortet …da hilft keine Flucht in pseudo-pragmatische Euphemismen wie ‚wenn wir die Saudis nicht beliefern, tut es ein anderer‘. Immerhin sind diese politisch Handelnden nicht als typische Vertreter ihrer Religion anzusehen.-

Lohfink stellt anhand von Zitaten aus dem A.T. (Mi 4,1-4; Jes 2,2-4) das „künftige Friedensreich“ heraus, wonach „die Bewohner des Zion als gerecht-friedvolle Gesellschaft alle zerstrittenen Völker der Welt überragen“ werden.

„Fasziniert setzen diese sich in Bewegung zum Volk des Friedens, zu dem dort Weisung erteilenden Gott, und lernen den Frieden.“1

Hier haben wir leider ein Gegenbeispiel, wo ein Volk in seiner Zielsetzung schon einmal ‚weiter war‘ als heute. Diese Feststellung hat nichts mit Antisemitismus zu tun; zudem mutierte ausgerechnet das einst geläuterte Nachkriegs-Deutschland („Nie wieder Krieg“) in unmerklich kleinen Schritten zu einer Nation, die ’selbstbewusst‘ an ökonomisch motivierten Militäreinsätzen teilnimmt (als Bundespräsident darf man dies aber nicht sagen1) oder unverzichtbare logistische Unterstützung bietet.

Doch auch dann gilt: weder lässt sich ‚das‘ Christentum am Verhalten einzelner Christen messen noch ‚der‘ Islam an einer radikal-islamistischen Minderheit – und auch das Judentum nicht an Politikern Israels wie „Miesepeter Netanjahu“ (ZEIT vom 30.9.2013).
Diesen Aspekt betone ich in dem Maße wie ich beobachte, dass Religionen bzw. religionsbezogene Volksgemeinschaften anhand der Handlungen von Einzelpersonen bzw. Interessengruppen beurteilt werden. Eine solche Betrachtung vermag kein objektives Bild der betreffenden Gemeinschaft zu liefern – doch das ist meist auch nicht ihre Intention…

In der alttestamentlichen Religion habe sich Gott , so Lohfink, ein Volk geschaffen, um in der Welt die Gewalt zu beenden – nicht durch wiederum gewaltsame Missionierung, sondern durch die Faszination der Gesellschaftsgestalt dieses Volkes. Von dieser Grundkonzeption her sei die älteste der abrahamitischen Religionen sachgemäß definiert:

„Was hier spielen soll, ist faszinierende Attraktivität, und was sich durchsetzen soll, ist der Frieden.“

Diese Sichtweise ist weder plausibel noch ungefährlich: Es war und zum Teil ist es noch immer die brutale Zurschaustellung von Macht und Gewalt, die Faszination ausübt – charismatische Persönlichkeiten treten auf den Plan und verlangen ein „robustes Mandat“ zur Ausübung militärischer Gewalt und/oder Terror: ‚es muss erst schlimmer werden, bevor es besser wird‘ …oder ‚die allgemeine Gewalt und Verdorbenheit kann nur durch eine starke Hand beendet werden‘. Traurig daran ist, diese Botschaften verfangen nach wie vor bei manchen.

Der mögliche Einwand, doch bitte zwischen Politik und Religion zu differenzieren, erscheint mir zu theoretisch (oder weltfremd): in weiten Teilen der Welt, vorwiegend außerhalb von Europa, ist eine Vielzahl staats-/machtpolitischer Handlungen bis heute religiös motiviert (was persönliche Ambitioniertheit sowie Partikularinteressen keineswegs ausschließt). Dadurch wird ein klarer Blick auf die ‚eigentliche‘ Programmatik aller drei Religionen wesentlich erschwert.
Letztlich bewahrheitet sich, was
Daniel Barenboim erkannte:

„Nichts ist schlimmer als die Vermischung von Religion und Politik.“

Quellenangaben

  1. Gewalt und Monotheismus. Beispiel Altes Testament – Norbert Lohfink
  2. Todesstrafe im A.T.„, Johannes Schnocks auf bibelwissenschaft.de

Siehe auch

Anmerkungen

  • A) Königszeit: Das Königreich Israel existierte nach biblischer Überlieferung von etwa 1010 bis 926 v. Chr., unter den Königen Saul, David und Salomo. Laut A.T. teilte es sich später in das Nordreich Israel und das Südreich Juda auf.
  • B) Bundespräsident Horst Köhler am 22.5.2010 in einem Interview:
    „Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir […] zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. „
Dieser Beitrag wurde unter Bibel, Christentum, Glaube, Islam, Religionen, Vernunft, Zukunft abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Gewalt und Monotheismus – besteht da (k)ein Zusammenhang?

  1. Es gibt keine wie auch immer geartete Moral, die ein harmonisches Zusammenleben sowohl untereinander als auch mit der Natur von mehr als 150 Menschen ermöglicht, denn nur bis zu dieser Grenze können sich alle noch gegenseitig kennen. Bleibt aber die Arbeitsteilung auf 150 Menschen beschränkt, gibt es keine Weiterentwicklung. Darum verharrte der Homo sapiens über einen Zeitraum von etwa 150.000 Jahren auf dieser Stufe des Urkommunismus, der alles andere als ein „paradiesischer Zustand“ ist, sondern nur das nackte Überleben.

    Für eine kulturelle Weiterentwicklung muss die Arbeitsteilung auf deutlich mehr als 150 Menschen ausgeweitet werden. Dazu ist die Solidarität ungeeignet, denn niemand ist mit anderen solidarisch, die er nicht kennt. Die einzige Motivation und – weil in den Anfängen der Kulturentwicklung das Wissen noch fehlte – auch die einzige Möglichkeit für eine koordinierte Arbeitsteilung zwischen vielen tausend bis zu einigen Millionen war zunächst die Machtausübung des Menschen über andere Menschen oder Menschengruppen. Dazu erfand der Kulturmensch die Götter: durch Schöpfungsmythen im kollektiv Unbewussten einprogrammierte, künstliche Archetypen, um aus Menschen willige „Arbeitsameisen“ (Untertanen) zu machen. Eine solche frühe Kultur, eine zentralistische Planwirtschaft noch ohne liquides Geld (Ursozialismus bzw. Staatskapitalismus), war z. B. das vorantike Ägypten der Pharaonen, in der der einfache Arbeiter noch kein selbständig denkender Mensch war, sondern ein beliebig austauschbarer Leibeigener des Pharao. Der einfache Arbeiter dachte sich aber nichts dabei, verrichtete die ihm zugewiesene Arbeit und ließ sich mit einem Häufchen Getreide pro Tag füttern, denn er hatte keine Vergleichsmöglichkeit. Aufgrund der Programmierung seines Unterbewusstseins war er nicht in der Lage, sich ein anderes und besseres Leben, das er hätte begehren können, überhaupt vorzustellen.

    Das Bewusstsein des Menschen arbeitet mit Worten und Zahlen, das Unterbewusstsein mit Bildern und Metaphern. Das Unterbewusstsein lässt sich programmieren und damit der Kulturmensch durch selektive geistige Blindheit an eine noch fehlerhafte Makroökonomie anpassen, indem elementare makroökonomische Zusammenhänge mit archetypischen Bildern und Metaphern exakt umschrieben und diese dann mit falschen Assoziationen und Begriffen verknüpft werden, an die der Untertan glaubt. Der Glaube an die falschen Begriffe erzeugt eine geistige Verwirrung, die es dem Programmierten so gut wie unmöglich macht, die makroökonomische Grundordnung, in der er arbeitet, zu verstehen; noch weniger kann er über die Makroökonomie, die in den Grundzügen seine Existenz bestimmt, hinausdenken. Diese Technik, die in früheren Zeiten – etwa bis zum 6. vorchristlichen Jahrhundert – noch eine exakte Wissenschaft war und die nur von eingeweihten Oberpriestern betrieben werden durfte, nennt sich „geistige Beschneidung von Untertanen“, bzw. Religion = Rückbindung auf künstliche Archetypen im kollektiv Unbewussten. Auch das, was heute „moderne Zivilisation“ genannt wird, entstand aus der Religion:

    Macht oder Konkurrenz

    • Legolas sagt:

      „Es gibt keine wie auch immer geartete Moral, die ein harmonisches Zusammenleben sowohl untereinander als auch mit der Natur von mehr als 150 Menschen ermöglicht, denn nur bis zu dieser Grenze können sich alle noch gegenseitig kennen.“

      Sicherlich kommen durch die wachsende Größe einer GesellschaftGemeinschaft Einschränkungen zustande. Andererseits frage ich mich: Muss ich mein Gegenüber wirklich kennen, um mich anständig (integer) zu ihm zu verhalten?

      „…denn niemand ist mit anderen solidarisch, die er nicht kennt. “
      Hm, ich war in mehreren Großkonzernen tätig, in denen Solidarität durchaus nicht daran bemessen wurde, wie gut man sich untereinander kannte. Zugegeben, mit dem Grad der persönlichen Verbundenheit wächst allgemein die Bereitschaft zur Solidarität.

      „Dazu erfand der Kulturmensch die Götter: durch Schöpfungsmythen im kollektiv Unbewussten einprogrammierte, künstliche Archetypen, um aus Menschen willige “Arbeitsameisen” (Untertanen) zu machen.“
      Einverstanden, die sumerischen, ägyptischen und biblische Gottheit(en) waren hilfreiche Konstrukte und sind es bis heute. Doch schließt dies m.E. keineswegs die Existenz eines Schöpfers aus, dessen Wesen sich freilich niemals in ein von Menschen gemachten Schemas pressen lässt. Die indischen Veden haben ‚den Einen‘ m.E. recht treffend charakterisiert, deren Welt aus zusätzlichen Halbgöttern kommt der menschlichen Sichtweise allerdings wiederum nahe.

      „Das Unterbewusstsein lässt sich programmieren und damit der Kulturmensch durch selektive geistige Blindheit an eine noch fehlerhafte Makroökonomie anpassen…“
      Das ist leider nur zu wahr, lediglich die Programmiersprache bzw. das Betriebssystem wechseln je Epoche/Kultur.

      „…möglich macht, die makroökonomische Grundordnung, in der er arbeitet, zu verstehen.“
      Sie haben mir an anderer Stelle geschrieben, es brauche mehrere Monate intensiver Auseinandersetzung, um ein Grundverständnis dafür zu entwickeln…zusätzlich bedarf es einer Offenheit und Bereitschaft, anerzogene Denkmuster zu verlassen. Insgesamt eine hohe Hürde, der sich zu stellen kaum jemand willens u n d imstande ist. Bei mir hapert es weniger am Willen, als an der Begrenztheit meines Verstandes, die Komplexität der Makroökonomie als Ganzes zu erfassen.

      Grüße, George

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.