Vortrag: Evolution – zwischen Wissenschaft und Weltanschauung

Prof. Dr. Siegfried Scherer, Leiter Mikrobiologie an der TU München, September 2012

Schon der Titel des Vortrags löst ein Stirnrunzeln aus: Evolutionsforschung als Teilgebiet der Biologie ist unzweifelhaft den Naturwissenschaften zuzuordnen. Im Privatgebrauch darf natürlich jeder Theologe, jeder Philosoph und jeder normale Laie darüber räsonieren, ob wirklich Alles-was-ist-und-lebt auf einer Kette von Zufällen (beginnend mit dem Urknall als „zufälliges Singulär-Ereignis“) beruht – oder ob eine kausale, womöglich übernatürliche Einwirkung von außen als Initialisierung erfolgt bzw. ein kontinuierlicher Schöpfungsprozess gegeben sein könnte/muss.

Innerhalb der Biologie als Forschungsgebiet der Naturwissenschaften haben Weltanschauung bzw. religiöse Aspekte indes per definitionem nichts zu suchen. Nun ist Prof. Scherer in der Einführung zu seinem u.a. Vortrag jedoch so ehrlich und gesteht ein: Objektivität ist eine Illusion.
Was bedeutet dies konkret? In der empirischen Methodik und Auswertung ist die Vorgehensweise des Naturwissenschaftlers klar definiert. Dies umfasst auch das Aufstellen von Theorien: Eine neue Theorie innerhalb der Evolutionsbiologie kann nicht Gott zum Gegenstand haben. 

Andererseits, so Scherer, betrachtet er die Resultate seiner Arbeit durchaus vor seinem persönlichen Hintergrund als gläubiger Christ. Bis 2006 war Prof. Scherer ehrenamtlicher Vorsitzender der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort und Wissen, die eine auf der Bibel basierende Schöpfungslehre vertritt.
Scherer ist dafür bekannt, im öffentlichen Diskurs die Evolutionstheorie zu kritisieren. Er bestreitet nicht, dass Evolution stattfindet, ist jedoch der Ansicht, dass diese nur zu Veränderungen innerhalb des jeweiligen Grundtyps (Mikroevolution) und nicht zu einer Zunahme an Komplexität (Makroevolution) führt.

Dank dieser Offenheit gleich zu Beginn konnte ich meine auflodernden Vorbehalte beim Anschauen des Vortrages erst mal zurückstellen. Der Vortrag an sich ist überaus interessant – und geht auf eben jene Fragen ein, die sich auch mir nach wie vor stellen.

(Theisten sind der Überzeugung, dass ein schöpferisch tätiger Gott die Entwicklung des Lebens plant oder steuert. Die Idee einer theistischen Evolution – wonach ein Schöpfergott zunächst die Naturgesetze installiert und hernach des Evolutionsprozesses bedient habe, um das Leben zu erschaffen und zu ent-wickeln – entspricht ziemlich genau meinem persönlichen Welterklärungsmodell…ich als völliger Laie ‚darf das‘ ohnehin so halten, wie es mir zusagt und einleuchtet.

Auch sind mir die Schwachstellen dieser Sichtweise geläufig sowie der Vorwurf, diese Anschauung strebe nur deshalb einen Kompromiss an, um sich nicht klipp und klar ‚für oder gegen Gott festlegen zu müssen‘. Und ja: einerseits lassen sich Forschungsresultate der Evolutionsbiologie heute kaum mehr rational leugnen – andererseits spricht die Unwahrscheinlichkeit einer Entstehung zunehmend komplexer Organismen in einem an sich trägen, nicht nach komplexen Strukturen strebenden Universum gegen die Aneinanderreihung unvorstellbarer Zufallsketten auf dem zugegebenermaßen zeitintensiven Weg vom Einzeller zum Primaten.
Für mich überwiegt ein ‚unschlagbarer‘ Pluspunkt dieser Überlegung – nämlich die von nicht wenigen Biologen und Theologen geteilte Einschätzung, wonach die Evolutionstheorie und der Glaube an einen Schöpfergott widerspruchsfrei miteinander vereinbar und – wenigstens im Hinblick auf die Frage nach der Entstehung des Lebens – erklärbar sind.)

Scherers thematische Einordnung – zwischen Wissenschaft und Weltanschauung“ – ist also zutreffend und dürfte möglicherweise als ‚Warnhinweis‘ für etliche Naturwissenschaftler dienen.

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