Schöpfungslaube vs. Evolution? Teil 2

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Harmonisierungsversuche

Der Genesisbericht und die Evolution„, ein Diskussionsbeitrag von Peter Rüst und Armin Held, stellt in einer umfassenden Begründung dar, weshalb Harmonisierungsversuche der „zwei ŸBücher göttlicher Offenbarung“ berechtigt seien.

„Von Gott geplante und allenfalls gelenkte Evolutionsmechanismen könnten durchaus zu den Instrumenten göttlicher Schöpfung gehören, und es gibt sogar Ÿüberzeugende biblische Argumente für diese Ansicht.“

Um damit erfolgreich sein zu können, wird man weltanschauliche Vorurteile konsequent ausklammern müssen. Die beiden Verfasser stellen vorab fest:

„Obwohl einerseits die Evolutionstheorie als wissenschaftliche Theorie manche Lücken, Spekulationen und Ungereimtheiten enthŠält, verhalten sich doch andererseits die Aussagen der Bibel ihr gegenüŸber neutral.“

Komplementäre Offenbarung

Rüst und Held sind überzeugt, dass die göttliche Urheberschaft im Wesentlichen eine Irrtumslosigkeit der biblischen Urtexte einschließe.

«Die biblischen Texte wurden von fehlbaren Menschen geschrieben, die in ihrer eigenen Kultur und Sprache lebten, bestimmte Kenntnisse besaßen und wohl auch gewissen Irrtümern verfallen waren.
Aber daraus folgt nicht notwendigerweise, dass ihre Schriften, die in die Bibel aufgenommen wurden, fehlerbehaftet sind. Die Autoren der biblischen Schriften anerkennen die jeweils früher entstandenen Teile der Bibel als Gottes Wort – und damit als eine harmonische Einheit. Sie setzen voraus, dass diese Schriften von Gott inspiriert seien, oder halten dies sogar ausdrücklich fest. (…)

Wir sind nun aber der †Überzeugung, dass die göttliche Urheberschaft im Wesentlichen eine Irrtumslosigkeit der biblischen Urtexte einschließt.»

Diese Vorstellung geht davon aus, dass unter göttlicher Inspiration eine für alle Zeiten und Kulturen verständliche Formulierungen gefunden wurden, welche keine Widersprüche zu irgendwelchen Tatsachen beinhalten.

«Auch ohne ein mechanisches Diktat ist irrtumsloses Schreiben der biblischen Texte durch fehlbare menschliche Autoren mšglich.»

Im Hinblick auf theologisch-philosophische Themenfelder mag man dies so sehen, doch die Bücher enthalten darüber hinaus konkrete Aussagen zu historischen Verläufen und nachprüfbaren Sachverhalten – Behauptungen, die entweder zutreffen oder eben nicht.

Und immer wieder: die „Wohnungsnot Gottes“

Held und Rüst erklären: „Die bekannten fundamentalen Grenzen wissenschaftlicher Erforschbarkeit lassen reichlich Spielraum für  unsichtbares göttliches Handeln.

Dem würde ich gar nicht mal widersprechen wollen, auch heute noch bleiben zentrale Fragen des Universums, des Lebens sowie unseres menschlichen Daseins unbeantwortet. Nur ist es taktisch nicht so klug, primär mit dem Unerklärlichen die Existenz eines allmächtigen Gottes begründen zu wollen.
Warum? Nun, ‚im Anfang‘ der Zivilisation lieferten Religionen bzw. deren Vorstufen die dringend gesuchten Welterklärungen – sowohl für den Mikrokosmos des fragenden Individuums als auch für das große Ganze. Schon damals stand die Frage nach der Ursache von unerwartet frühen Todesfällen, von Krankheit und Leid im Vordergrund. Stark verkürzend könnte man sagen, alles Leid ohne klar ersichtliche Ursache wurde mangels besserer Erklärung einer Gottheit in die Schuhe geschoben – in polytheistischen ‚Naturreligionen‘ kam es vor, dass die einzelnen Naturerscheinungen – Regen, Dürre, Wind, Gewitter, Hitze bzw, die Sonne jeweils einer zuständigen Gottheit zugewiesen waren.

das Unerklärliche befand sich seit jeher, besonders aber in den letzten 200 Jahren, auf einem langsamen Rückzug: unser Verständnis der Natur und ihrer Prinzipien wuchs und wuchs, sodass inzwischen bspw. kaum noch jemand Blitze und Donner für Machtbekundungen einer Naturgottheit halten dürfte. Sich rasch ausbreitende Infektionen sind nicht länger unsichtbare Seuchendämonen und der Fernseher ist zwar Mittelpunkt jeglichen Geschehens, aber weder ein Wunder noch halten die meisten von uns ihn für ein Alien-Artekakt.

Der Haken dabei ist also: wird Gott mit dem Unerklärlichen assoziiert, schmälert jeder zusätzliche Wissensschub diese primäre göttliche Wesensausprägung. – letztlich besteht die Gefahr, Gott auf eine Art Lückenbüßer unverstandener Phänomene zu reduzieren. Was bliebe von Zeus ohne seine Blitze und Donner?

Natürlich taugt diese ‚Wohnungsnot‘ nicht als Argumentation für Atheisten und ‚Gott-ist-tot‘-Plärrer – sie besagt ja nur: zuerst unterstellten Menschen ein bestimmtes Wesensmerkmal des Übernatürlichen – um später einsehen zu müssen, das betreffende Phänomen ist durch einen bis dato unerkannten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zurückzuführen. Genau genommen sagt die Erforschung bakterieller Infektionen auch nichts über die Existenz von Dämonen aus..

Persönlich bezweifle ich die Irrtumslosigkeit der von Menschen verfassten biblischen Texte – auch außerhalb des wissenschaftlichen Kontextes – denn ich vermag mir kein Szenario auszudenken, durch dass ein gerechter, gütiger Gott sich veranlasst sähe, Menschen zu Texten zu inspirieren wie z.B. der grausamen Eroberungsgeschichte bzw. Landnahme im Buch Josua, geschweige denn zu den darin geschilderten ‚göttlichen‘ Handlungen (etwa einen Vernichtungskrieg zu führen). Dass der historische Verlauf offenbar viel ‚harmloser‘ (durch die Einwanderung relativ kleiner Nomandengruppen) war, spricht ebenfalls nicht für eine Inspiration solcher Texte ‚von oben‘.
Insoweit ist aus meiner Sicht weniger die Harmonisierung der Bibel mit den Naturwissenschaften anszustreben als die Plausibilisierung einer ‚Koexistenz‘ einer zielgerichteten Schöpfung mit dem Wissensstand unserer Zeit.–

Die Spaltung zwischen Wissenschaft und Religion beruhe auf einem Missverständnis, stellt Siegfried Hagl fest: „Denn Naturwissenschaften und Religionen sind zwei verschiedene Bestrebungen zur Wahrheitssuche mit unterschiedlichen Fragestellungen.“

Von ihrem Ursprung her sollten Religionen die Brücke herstellen zwischen der diesseitigen Welt der Materie, und der jenseitigen geistigen Welt. 
„Als Mittler zwischen dem irdischen Gebiet und dem spirituellen Reich sollten herausgehobene Persönlichkeiten wirken, die über einen tieferen Einblick in das Schöpfungsweben oder über Jenseitskontakte verfügen.“

Hieran knüpft sich meine eigene Schwierigkeit mit jenen Klerikern an, die augenscheinlich über mehr theologisches Wissen verfügen als ich, aber nicht über einen ‚Draht nach oben/drüben‘. Bücherwissen vermag ich mir auch selber anzueignen, aber persönlichen Erfahrungsberichten würde ich wohl meine volle Aufmerksamkeit widmen. „Es geht bei einer Berufung zur Priesterschaft also um erlebtes Schöpfungswissen, das sich theologischen Spitzfindigkeiten entzieht“, schreibt Hagl weiter – abseits von Dogmen und sonstigen ‚Glaubensvorgaben‘.

Hier aber liege die tiefe Problematik aller Religionen: «wer oder was entscheidet, dass es „höhere Mächte“ sind?» Wer entscheidet, welche Quelle wahr ist?“ Die Antwort könne nur im Empfinden jedes Einzelnen liegen; denn niemand kann seine persönliche Verantwortung für den eigenen geistigen Lebensweg abgenommen (oder sogar entzogen) werden.

Vor diesem Hintergrund ließe sich fragen: wie intensiv sollte ich mich mit dem Glauben ‚der anderen‘ auseinandersetzen? Lohnt es sich, begrenzte Lebenszeit dafür aufzuwenden, in endlosen Streitschriften Glaubensinhalte anderer Menschen/Völker mit arroganter Kritik zu überziehen und die eigenen, nicht minder subjektiven Überzeugungen als überlegen und ‚einzig wahr‘ zu verkaufen?

Auch dies hat ein jeder von uns für sich selbst zu beantworten – auch ist an einem theologischen Disput nicht notwendigerweise etwas Schlechtes. Zu wünschen wäre halt nur, wir könnten uns von unserer ewigen Rechthaberei verabschieden

Anmerkungen

Links zu den Bezugstexten wurden im Juni 2019 aktualisiert.

  1. Creatio ex nihilo (lat. Schöpfung aus nichts) bezeichnet die christliche sowie die philosophische Lehre, dass die Schöpfung der Welt als Werk des Schöpfergottes absolut voraussetzungslos ist.
  2. Intelligent Design ist eine kreationistische Auffassung, nach der sich bestimmte Eigenschaften des Universums sowie des Lebens auf der Erde am besten durch einen intelligenten Urheber erklären lassen. Diese moderne Fassung des klassischen teleologischen Arguments für die Existenz Gottes gibt sich einen wissenschaftlichen Anstrich und versucht, sich Aussagen über das Wesen oder die Identität des Designers vollständig zu enthalten. Damit sollten in den USA gerichtliche Entscheidungen umgangen werden, die es dort verbieten, Kreationismus als Schulfach zu unterrichten.
  3. Die Hermeneutik ist eine Theorie über die Auslegung von Texten und über das Verstehen.
  4. Aitiologie oder Ätiologie: Erzählung, die gegenwärtige Gegebenheiten durch Vorgänge in der Vergangenheit erklären oder begründen will, beispielsweise einen bestimmten Brauch, ein Ereignis, eine Naturerscheinung, eine Steinformation oder den Namen eines Gewässers, Berges oder heiligen Ortes.
  5. In seinem Werk Zurück vor den Urknall“ beschreibt der Astrophysiker Martin Bojowald „die ganze Geschichte des Universums“ – aus der Sicht seiner neuen Theorie, welche den Urknall nicht länger als Anfang von Allem, sondern als Übergang betrachtet.
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