Stichwort: Arianismus

Wenn man sich die Vielfalt der frühchristlichen Glaubenspositionen anschaut, schmerzt es förmlich mitanzusehen, wie die Verstaatlichung des Christentums durch den römischen Kaiser Konstantin „der Große“ daraus einen mit römisch-heidnischen Riten und Traditionen durchsetzten Einheitsbrei werden ließ. Bekanntlich wurden bald darauf alle Christen, deren Ansicht von der staatlichen (kaiserlichen) Vorgabe durch die ersten beiden ökumenischen Konzilien (→Erstes Konzil von Nicäa (325), → Erstes Konzil von Konstantinopel (381)) abwich, als Häretiker gebrandmarkt.

Eine der wichtigsten theologischen Lehren des Christentums, die nun auf einmal als Irrlehre galten – war der sog. Arianismus, benannt nach Arius, einem seiner frühen Vertreter.

Lehre

Der variantenreiche Arianismus bildet einen klaren Gegensatz zur Trinitätslehre und vertrat primär folgende Aussagen:

  • „Gott allein ist ungezeugt.“
    Der Vater allein ist Gott, d.h. es existiert nur eine göttliche Entität, und zwar als eine Persona. Damit waren der arianischen Christen Anhänger eines klaren, eindeutigen Monotheismus und verzichteten auf die verwirrende ‚Ein Gott – drei Pesonen‘-Lehre der Trinitarier.
  • Gott hat die Welt nicht direkt erschaffen, sondern durch einen Mittler, den Logos (= das Wort), der selbst (von Gott) als ‚Erstling‘ geschaffen wurde, um die Welt zu schaffen.
  • Dieser Logos wird als Sohn Gottes bezeichnet und ist präexistent, vor aller Zeit und vor der Welt, ein Wesen zwischen Gott und der Welt, das perfekte Abbild des Vaters. Doch er ist nicht wesensgleich mit Gott Vater, sondern Christus wurde von Gott erschaffen und kam daher nach Gott ins Dasein.Er ist insoweit nicht ewig: „Es gab eine Zeit, als es ihn nicht gab“. Ebenso sind seine Macht, seine Weisheit und sein Wissen in gewisser Weise begrenzt und beruhen auf einer Statthalterschaft bzw. Ermächtigung Gottes.

Die Thesen des Arius finden sich in einem 320 n.Chr. von ihm verfassten Glaubensbe-kenntnis (vgl. → Kath.de, Arianismus):

„Wir kennen nur einen Gott, den allein ungewordenen, den allein ewigen, allein ursprungslosen, allein wahren, allein die Unsterblichkeit Besitzenden, allein weisen, allein guten; den Alleinherrscher, den Richter aller, den Ordner und Verwalter, unwandelbar und unveränderlich, gerecht und gut, den Gott des Gesetzes, der Propheten und des Neuen Bundes, der den eingeborenen Sohn vor ewigen Zeiten hervorgebracht hat, durch den er auch die Äonen und das All machte; er hat ihn nicht dem Scheine nach hervorgebracht, sondern in Wahrheit, als in eigenem Willen Wesenden, als Unwandelbaren und Unveränderlichen, als Gottes vollkommenes Geschöpf, aber nicht wie eines der Geschöpfe …

Durch den Willen Gottes vor den Zeiten und Äonen geschaffen, der vom Vater des Leben hat sowie die Ehre, so daß der Vater mit ihm zusammen existiert. Denn der Vater hat sich nicht selbst beraubt, da er ihm als Erbe all jenes gegeben hat, was er ungeschaffen in sich trägt. Er ist die Quelle von allem. So gibt es drei Subjekte (Hypostasen). Gott der Vater ist die Ursache aller, ganz allein ohne Ursprung, der Sohn aber, vom Vater vor der Zeit hervorgebracht und vor den Äonen geschaffen und gegründet, war nicht, bevor er hervorgebracht wurde…

Er hat vom Vater seien Existenz erhalten. Denn er ist nicht ewig oder gleich ewig oder gleich ungeworden wie der Vater, noch hat er zugleich mit dem Vater das Sein … der Vater ist, da er wie eine Monade oder ein Prinzip von allem ist, auch Gott vor allem. So ist er auch vor dem Sohn…“

Aussagen im NT

Wie die Trinitarier beriefen sich auch die Arianer auf die Bibel – freilich zitierten sie zur biblischen Begründung ihrer Lehre oft andere Stellen. Tatsächlich enthalten die Evangelien Aussagen, welche Zweifel an der Trinitätslehre mindestens angebracht erscheinen lassen, wohingegen ihre Kritiker sie als „unbiblisches Dogma“ ablehnen. Beispielsweise

  • wird Jesus im Markusevangelium mit den Worten zitiert: Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir weg! Doch nicht, was ich will, sondern was du willst! [Mk 14,36 ELB]
  • Im Johannesevangelium  macht Jesus deutlich, dass er nicht in seinem eigenen Namen predigt, sondern dass seine Botschaft von Gott sei: “Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, er hat mir ein Gebot gegeben, was ich sagen und was ich reden soll; und ich weiß, dass sein Gebot ewiges Leben ist. Was ich nun rede, rede ich so, wie mir der Vater gesagt hat.“ [Joh 12,49-50]

Zugegebenermaßen finden sich sowohl in der Bibel als auch in den neutestamentlichen Apokryphen auch etliche Aussagen, deren Urheber Jesus Christus als ‚eins mit dem Herrn‘ ansahen. Wie so oft ist die ‚Wahrheit‘ auch in dieser Frage nicht eindeutig auszumachen. Es ist allerdings auch feststellbar, dass die Trinitätslehre für viele Menschen mit einer monotheistischen Religion nur schwer vereinbar ist – und dass im NT keineswegs die Dreifaltigkeit Gottes als einzig denkbare Auffassung festgeschrieben ist.

Desweiteren beriefen die arianischen Christen sich auf Tertullian, der gelehrt hatte, dass Jesus dem Vater untergeordnet sei, sowie auf den Kirchenvater Origenes:

„Nun ist es möglich, dass manche nicht schätzen, was wir sagten, indem wir den Vater als den einen wahren Gott hinstellten und zugaben, dass andere Wesen neben dem wahren Gott dadurch Götter werden konnten, dass sie an Gott teilhatten.“

Die arianische Lehren fußten auf einer Interpretation des von Origenes vertretenen Subordinatianismus (eine frühchristliche Lehre, nach der „im Rahmen der trinitarischen Anschauungen Gott Sohn im Sinne geschöpflichen Ursprunges Gott Vater untergeordnet ist“, vgl. Wikipedia):

„Wenn der Vater und der Sohn zwei Personen sind, dann verstieße man gegen das Monotheismusgebot, wenn man annähme, dass Vater und Sohn vom gleichen Wesen seien, denn dann hätte man zwei Götter; andererseits kann es sich aber nicht um eine Person handeln, denn das wäre der gleichfalls schon verurteilte Modalismus.

Auch wenn sie Jesus (bzw. Christus) nicht als Gott ansahen, besagte ihre Lehre keineswegs, dass Jesus lediglich ein von Gott inspirierter Mensch gewesen sei. Bei der Position des Arius wird Christus die Göttlichkeit nicht rundweg abgesprochen, jedoch sei er eben von Gott erschaffen, wenn auch vor Anbeginn der Welt – alles andere widerspräche der Einmaligkeit Gottes.

Die Gegenposition des Athanasius

In Athanasius (ca. 295-373), dem Diakon des Bischofs von Alexandria, erwuchs den arianischen Christen ein mächtiger Gegenspieler . Im Unterschied zum Ansatz des Arius argumentierte Athanasius von der Soteriologie (Lehre vom Heil bzw. der Erlösung des Menschen) her. Er warf Arius vor, den Menschen den erlösenden Gott zu rauben, wenn er Christus auf die Seite der Geschöpfe stelle:

„Denn wenn wir von den Toten auferstanden sind, fürchten wir den Tod nicht mehr, sondern wir werden in Christus immer im Himmel herrschen. Das aber ist geschehen, weil das eigene und aus dem Vater stammende Wort Gottes selbst das Fleisch anzog und Mensch geworden ist.

Denn wenn es als Geschöpf Mensch geworden wäre, dann wäre der Mensch nichtsdestoweniger geblieben wie er war, nämlich ohne Verbindung mit Gott. Denn wie hätte es als Geschöpf durch ein Geschöpf sich mit dem Schöpfer verbinden können? Oder was für eine Hilfe hätten ähnliche Wesen von ihresgleichen erwarten können, wenn doch auch sie derselben Hilfe bedurften…?“

Anders als Arius sieht Athanasius die Distanz zwischen dem Menschen und Gott als überwunden – durch den Sohn. Im Johannesevangelium findet sich folgender Abschnitt:

„… Philippus spricht zu ihm: Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns. Jesus spricht zu ihm: So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen, [und] wie sagst du: Zeige uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch rede, rede ich nicht von mir selbst aus; der Vater aber, der in mir bleibt, er tut die Werke. Glaubt mir, dass ich in dem Vater bin und der Vater in mir ist; wenn aber nicht, glaubt [mir] um der Werke selbst willen.[Joh 14,6 -11 ELB]

Als völliger Laie sollte ich mich an einer Auslegung von Bibelpassage versuchen, dennoch sehe ich im o.a. Ausschnitt des EvJoh nicht die Aussage, dass Gott und Christus wesensgleich seien, sondern vor allem, dass Gott durch seinen Sohn für die Erlösung der Menschen wirkt…
Dass Gott nicht unzugänglich für sich allein existiert, sondern die Beziehung zum Menschen herstellen will, stellt meines Erachtens keinen Widerspruch zu der Aussage dar, des Christus von ihm erschaffen wurde…lange, fast unendlich lange vor den Menschen.

Staatlicher Zwang statt Akzeptanz

Der Konflikt zwischen den Kontrahenten griff in der Bevölkerung um sich und bedrohte Frieden und Ruhe im römischen Reich – bis Kaiser Konstantin sogar seine Machtposition fürchtete. Vor diesem Hintergrund berief er 325 in Nicäa ein Konzil ein, um die Einheit der Staatskirche mit einem vereinheitlichendem Dogma zu erzwingen: Das Konzil betonte, dass der Sohn Teil der Dreieinigkeit sei und nicht Teil der Schöpfung.
Mit der so herbeigeführten Mehrheitsentscheidung, laut der Christus wesensgleich mit Gott sei (‚Athaniasmus‘), verwarf das Konzil die Auffassung von der Wesensähnlichkeit Christi mit Gott.

Von da galt der Arianismus als Irrlehre und seine Anhänger mussten um ihren Besitz, ihre Freiheit und ihr Leben fürchten. Allen Arianern wurde mit der Exkommunikation gedroht, falls sie nicht dem Nicäischen Glaubensbekenntnis, das diese Lehre zusammenfasste, zustimmten. Arius stimmte nicht zu und wurde verbannt. Seine Schriften wurden verbrannt, auf ihren Besitz stand nunmehr die Todesstrafe.

Ungeachtet dessen blieb die erhoffte Einigung aus – im Volk waren die Meinungen sehr geteilt und wurden leidenschaftlich vertreten. Innerhalb weniger Jahre war die Christenheit des Ostens tief gespalten. Die arianische Partei gewann in den Jahren nach Nicäa viele Anhänger; die Synode von Tyros nahm Arius und seine Glaubensgenossen im Jahr 335 wieder in die Kirche auf und setzte Athanasius ab.
Solange Konstantin ‚der Große‘ lebte, war das Bekenntnis von Nicäa unantastbar gewesen, aber nach seinem Tod gelang es der arianischen Partei in Teilen, die Beschlüsse von Nicäa wieder zu entkräften. Um 359 galt der Arianismus ungeachtet seiner vielfältigen Varianten als offizielle Glaubenslehre.

Erst der politisch starke Kaiser Theodosius erzwang ein neues Konzil in Konstantinopel (381), um das trinitarische Bekenntnis wieder aufleben zu lassen – ergänzt um eine Festlegung zum Heiligen Geist, später bekannt als Nicäno-Konstantinopolitanum. Die (Zwangs-)Einheit des Glaubens wurde wiederhergestellt und die den Staat stabilisierende katholische Kirche als Institution gefestigt.

Damit war der arianische Streit innerhalb der Kirche beendet. Während der Arianismus unter den germanischen Völkern (Goten, Vandalen) noch Jahrhunderte bestand, wurde der Beschluss von Konstantinopel in der orthodoxen und der katholischen Kirche nie wieder in Frage gestellt. Mit dem Übertritt des fränkischen Königs Chlodwig I. zum römisch-katholischen Glauben begann der Trinitarismus auch in der germanischen Welt zu dominieren.

 

Gegenwart: Unitarismus und Antitrinitarismus

In neuerer Zeit haben antitrinitarische Richtungen innerhalb des Christentums zum Unitarismus geführt. Auch die Zeugen Jehovas vertreten eine antitrinitarische Lehre. Obwohl sie inhaltlich dem Arianismus nahe steht, lehnt sie viele Glaubenslehren der historischen Arianer ab.
Die Vertreter des Unitarismus lassen sich heute im Wesentlichen in zwei Gruppen einteilen:

  • Vertreter eines antitrinitarischen und liberalen Christentums,
  • Vertreter einer pantheistischen humanistischen Religion, die historisch aus der Kritik an der Trinität entstanden ist.

Unitarische Glaubensgemeinschaften finden sich heute vor allem in Ungarn, Rumänien (Siebenbürgen), Großbritannien, Deutschland und Nordamerika.

Der Begriff Arianismus hat im Laufe der Kirchengeschichte einen polemischen Charakter erhalten, da er in den trinitarischen Auseinandersetzungen des 4. Jhdt. unterschiedslos auf alle Gegner der Trinität im Sinne des Bekenntnisses von Nicäa angewandt wurde. Dadurch sollte das Bild einer einzigen, von Arius herrührenden Bewegung suggeriert werden, die sich gegen die traditionelle katholische Orthodoxie richtete. Auf diese Weise wurde geschickt der Eindruck erweckt, dass alle späteren abweichenden Glaubensbekenntnisse auf die ‚Grundirrtümer‘ des Arius zurück zu führen seien. Die Auseinandersetzung um die Trinitätslehre wurde daher eher zu Unrecht als „arianischer Streit“ bezeichnet. (vgl. → Glossar der FU Berlin, Arianismus)

Dreifaltigkeitslehre – ein Zugeständnis an den antiken Götterkult?

Die Zeitschrift ‚Der Theologe‘ (# 14) bezeichnet die Trinitätslehre als ein Zugeständnis der Kirche an den antiken Götter- und Heroenkult – mit dem Ziel, in diesen Kreisen leichter Anklang zu finden. Zunächst habe Jesus „ohne jegliche Abstriche ein vollständiger Gott sein“ sollen, wie es die Gläubigen der Götterkulte von ihren Göttern auch behaupteten. Auch die antiken Mysterienreligionen kannten vergleichbare Dreieinigkeits-Konstruktionen.

„Durch die spätere Hinzufügung des Heiligen Geistes als dritte „Person“ dieses „Gottes“ wird diese menschliche „Gedankenkonstruktion“ dann fast mechanisch, als ob man den „Geist“ innerhalb von Raum und Zeit als Person „dingfest“ machen kann.“

Vor allem behagt mir das Fazit vom Autor und Herausgeber Dieter Potzel: Er betrachtet Gott als Geistwesen und als den Ausgangspunkt der Schöpfung. Dieser All-Geist belebt und durchströmt den Kosmos – sowie jeden Menschen und jede Lebensform.
Der Schöpfergott lasse sich demnach als der „Vater-Mutter-Gott“ auffassen, der beide Schöpfungs-Pole, männlich und weiblich, in sich vereint und in diesem Sinne auch „Person“ ist.

„…wir als Menschen können nun wie Jesus ebenfalls zu Gott-Vater beten oder auch zu Christus, der in Jesus inkarniert war, da Christus ja wie der „Vater“ in der Schöpfung allgegenwärtig ist und auch in uns lebt. Jeder Mensch kann es so halten, wie es ihm eben näher liegt.

Quellen/Literaturhinweise

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