Stichwort: Doketismus

Als Doketismus bezeichnet man ein in der Geistesströmung der → Gnosis anzutreffendes Verständnis Jesu Christi.

Danach ist Jesus ist nicht der Sohn bzw. Abgesandter des alttestamentlichen Gottes JHWH, sondern des wirklichen und wahrhaft ‚Guten Gottes‘, der bislang unerkannt war und sich erstmals  in Jesus offenbart hat. Dieser Gott hat mit dem unvollkommenen, bösen Gott JHWH (der auch als Demiurg oder Schöpfergott bezeichnet, also ein Baumeister der Schöpfung) Jahwe und dessen mangelhaft-materialistischer Schöpfung nichts gemeinsam.

„Tiefe Erkenntnis und Erfahrungen des Geistes können besondere Gefahren mit sich bringen. Wenn es wirklich der ewig lebendige, weltüberlegene, heilige Gott ist, der sich der ‚Welt‘ offenbart, ist es dann nicht angemessener für ihn und auch heilsamer für diese Welt, wenn er mit den Stoffen, aus denen sie besteht und durch die sie bestimmt wird, keine allzu enge Verbindung eingeht?“ (Stuttgarter Erklärungsbibel, Einleitg. zum EvJoh)

Jesus sei nicht wirklich ein Mensch mit einem eigenen Körper geworden (dann hätte sich in ihm ja nur der urzeitliche Unfall, der zu dieser unvollkommenen Welt der Materie führte, wiederholt und für die Erlösung der Menschen wäre nichts gewonnen worden). Vielmehr hat er sich nur äußerlich und scheinbar (‚Doketismus‘ kommt von dem griechischen Wort dokein = scheinen) mit einem Menschenleib verbunden, den er vor der Passion wieder verließ. Die Erlösung habe er vollbracht, indem er den Menschen die ‚Erkenntnis‘ (= Gnosis) brachte; das Sterben am Kreuz habe darauf keinen Einfluss gehabt, zumal der Kreuzestod Jesu im Gnostizismus zum Teil bezweifelt wird. Der Sühnetod Jesu spielte in der Gnosis angesichts der Ablehnung jeglicher Fleischlichkeit keine entscheidende Rolle – auch weil sich die Erlösung sich durch die Offenbarung vollzieht. Allein das befreiende Wort ist für sie maßgebend.

Die in verschiedenen frühchristlichen Gruppen auftretende Lehre des Doketismus beruht also auf der Auffassung, alle Materie sei unrein, weshalb Christus, der ewige Logos, keine Stofflichkeit haben könne.
Der Ursprung dieser Auffassung, die vielleicht schon in den im Evangelium des Johannes und den Johannesbriefen bekämpft wird1), ist in der Wissenschaft umstritten.

Dem Doketismus können verschiedene Gedankengänge namhafter Gnostiker zugeordnet werden:

  • Basilides (um 133) vertrat lt. Irenäus von Lyon die Vorstellung, dass Simon von Cyrene die Gestalt Jesu angenommen und an dessen Stelle am Kreuz gestorben sei, während dieser selbst sich unsichtbar gemacht und als „unkörperliche Kraft“ (virtus incorporalis) zum Vater aufgestiegen sei.
  • Valentinus schrieb: „Jesus aß und trank in einer besonderen Weise, ohne die Speisen wieder auszuscheiden. So groß war die Kraft seiner Fähigkeit, die Ausscheidung zurückzuhalten, dass die Speisen in ihm nicht verdarben, denn er selbst war unverderbbar und ohne Verfall.“

Dr.Jörg Sieger schreibt über diese Lehre:

Da die Historizität Jesu Christi für die Gestalt des gnostischen Erlösers eher hinderlich als förderlich ist, tritt sie in … der Gnosis so stark zurück, dass von ihr fast nichts mehr übrig bleibt.

Es sei für die Gnostiker schlichtweg nicht nachvollziehbar, dass eine Verbindung zwischen dem ‚Guten Gott‘ und dieser wahrnehmbaren, durch und durch schlechten, materiellen Welt bestehen könnte. Die Menschwerdung Jesu Christi betrachte die Gnosis, insbesondere aber der Doketismus, als ein „nur scheinbares Gleichwerden Gottes mit den Menschen“.

„Dies sind die Wurzeln des sogenannten „Doketismus“. … Christus zeigt sich zwar im Fleisch, er ist aber eigentlich gar kein „Fleischgewordener“. Er scheint nur so. Demnach wird der Leib Jesu ganz als Scheinleib gedacht.“

Gerade solche Aussagen bildeten Ansatzpunkte für die großkirchliche Kritik am Gnostizismus: im zweiten Jahrhundert reagiert die Kirche gerade in diese Richtung besonders antignostisch. Ignatius von Antiochien betont beispielsweise immer wieder ganz besonders, dass Jesus „wirklich [‚alæthos‘, der griechische Ausdruck für „wahrhaft“] fleischgeworden“ ist.

Anmerkung/Ergänzung

  1. Solchen Folgerungen aus der unterstellten Gottgleichheit Jesu schiebt der Evangelist Johannes gleich zu Beginn seines Evangelium einen Riegel vor:
    „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt

    und wir haben seine Herrlichkeit gesehen,
    die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater,
    voll Gnade und Wahrheit.“ [Joh 1, 14]
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Eine Antwort auf Stichwort: Doketismus

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