Prozesstheologie – Gott als Entwicklungshelfer?

Prozesstheologie, eine vorwiegend nordamerikanische Denkrichtung, ist kein einheitliches theologisches System. Vielmehr bezeichnet der Begriff eine Reihe von Ansätzen, deren Gemeinsamkeit in ihrem Bezug auf die Philosophie von von Alfred North Whitehead (1861–1947), liegen.

Für Whitehead war religiöse Erfahrung eine besondere Art der subjektiven(?) Erfahrung, deren Wirklichkeit man nicht leugnen kann. Sie ist eine besondere Art des Weltzugangs, „eine fraglose Gegebenheit überall in der langen Spanne der menschlichen Geschichte“. Eine spekulative Philosophie, die die Aufgabe hat, ein kohärentes und adäquates Weltbild zu erzeugen, muss deshalb in der Lage sein, auch das Phänomen der Religion zu erklären. Whitehead bestimmte Religion als „Kunst und Theorie des inneren Lebens“, die zur Bildung des Charakters beiträgt. Religion ist ein notwendiger Bestandteil menschlichen Denkens. „Die Wissenschaft regt eine Kosmologie an; und alles, was auf eine Kosmologie zielt, bringt auch eine Religion mit sich.“ [Vgl. Artikel zum Buch „Wie entsteht Religion?“]

1986 charakterisierte Gerd-Klaus Kaltenbrunner (→ ZEIT archiv: „Glauben?Erst denken!“) Whiteheads Werk als eine Art von Philosophie der religiösen Erfahrung, die sich an Zeitgenossen wende, „denen einerseits die kirchlichen Überlieferungen fremd geworden sind, die sich aber andererseits noch eine gewisse metaphysische Neugier, einen Sinn für die religiöse Dimension des Menschseins bewahrt haben“.

Für die Prozesstheologie ist Gott der Ursprung des Neuen und der Ordnung. Die Welt wurde nicht aus dem Nichts geschaffen (creatio ex nihilo), sondern ist ein offener, sich ständig fortsetzender Prozess der Entstehung von Neuem (creatio continua). Die traditionellen Begriffe Sein und Substanz werden durch die Begriffe Prozess und Werden ersetzt. Die gesamte Welt besteht aus Wechselbeziehungen, in die Gott eingebunden ist. Anliegen der Prozessphilosophie ist die Entwicklung eines Weltbildes, das mit den pluralistischen Wirklichkeitserfahrungen der modernen Welt in Einklang gebracht werden kann.

Der Begriff der Prozesstheologie umfasst insbesondere folgende Kernaussagen:

  • Die Allmacht Gottes wird neu definiert und teilweise negiert; Gott bedient sich nie des Zwangs zur Ausführung seines Willens, sondern ermöglicht eine Welt der Selbstschöpfung, in der die Subjekte Raum zur freien Entscheidung haben. Hierin liegt auch eine Lösung des Problems der Theodizee. (Klingt vordergründig einleuchtend: sofern Gott sich seit dem Urknall(?) nicht mehr in das Weltgeschehen einmischt, gewinnt das Prinzip der Kausalität an Bedeutung…und dient auch als Erklärungsmuster für so viel unsägliches Leid auf der Erde und die Tatsache, dass der Mensch sich gerade selbst ausradiert…)
  • Die Wirklichkeit und das Universum definieren sich über Prozess und Veränderung, bestimmt durch willensfreie Individuen. An diesem Punkt schafft die Prozesstheologie eine Verbindung mit modernen wissenschaftlichen Theorien, zum Beispiel der Evolutionstheorie in der Biologie.
  • Gott beinhaltet das Universum, aber ist nicht identisch damit (Panentheismus).
  • Da Gott ein veränderliches Universum beinhaltet, ist er selbst in der Zeit veränderlich (d.h. von den Geschehnissen im Universum beeinflusst). Gott ist nicht selbstgenügsam, sondern in das Leben des Universums als Urgrund eingebunden. Er reagiert auf das Geschehen in der Welt und wird selbst durch das Werden der Welt.
  • Der Mensch verfügt über keine subjektive (oder persönliche), sondern über eine objektive Unsterblichkeit, in welcher sein Leben für immer in Gott, der alles was ist beinhaltet, weiterlebt.

Die Menschheit – grandios gescheitert oder Etappe in einem fortschreitenden Prozess?

Roland Faber beginnt das Kapitel ‚Prozesstheologie‘ des Buches ‚Theologien der Gegenwart.‘ mit den Worten:

„Prozesstheologie ist eine Theologie, die von einem welt-sensiblen und welt-engagierten Gott spricht, in einer Welt, die mit ihrer Fragilität keine Flucht erlaubt, für eine Welt, die in ihrem Werden, Hoffnung stiftet und in ihrem Vergehen nach Leben fleht.
Gott ist ihr noch in ihrem Scheitern ein zärtlicher Verführer zur göttlichen Vision letztendlicher Harmonie in größtmöglicher Intensität des Lebens. Gott ist die Zukunft der Welt. Wie Gott uns in den Exodus einer neuen Zukunft hineinführt, so empfängt Gott uns als Zukunft unserer Vergangenheit, als Ernte unseres Werdens…

Diese Worte nähren meinen Eindruck, als bleibe für den Menschen der Gegenwart bzw. das Bewusstsein im ‚Hier und Jetzt‘ wenig mehr übrig als die Akzeptanz des Gescheitertseins im größtmöglichen Maßstab – eventuell mit der vagen und visionshaften Hoffnung auf ein diffuses ‚Alles wird gut‘. Von Whitehead selbst stammt ein anderes Zitat: „Es gehört zur Tiefe des religiösen Geistes, sich verlassen gefühlt zu haben, selbst von Gott.
Doch ‚Gescheitertsein‘ ist eine rückwärtsgewandte Betrachtung, welche eine unveränderliche, statische Vergangenheit unterstellt. Aus einem anderen Blickwinkel wird die Vergangenheit stetig durch die Handlungen bzw. das Geschehen der Gegenwart verändert: Jede neue Handlung revidiert die Bedeutung der Vergangenheit. Prozesstheologie meint,
vermute ich, etwas anderes: alles Geschaffene – alle Lebewesen, die gesamte Materie, alle elementaren Kräfte der Natur bewegen sich ‚langsam, aber sicher‘ auf Gott zu.

Recht hilfreich für das Verständnis der Prozesstheologie ist der Artikel „Wenn Affen beten oder Ein kleines ABC der Prozesstheologie“ von Arnulf Zitelmann, der die Ansätze Whiteheads nicht nur erläutert, sondern sie auch in einen christlichen bzw. biblischen Kontext stellt.
Lt. Zitelmann geht die Prozesstheologie von der Voraussetzung aus, dass der gesamte kosmische Prozess unterwegs sei in eine Zukunft, die zuletzt bei Gott ihre Vollendung finde.

Gott und Schöpfung, Diesseits und Jenseits verschmelzen in einer Art universaler Rückkopplung, und der erste Tag der neuen Schöpfung, von der Bibel so oft beschworen, bricht an.“

Tatsächlich lässt sich ein Abschnitt aus der Johannesoffenbarung in dieser Weise verstehen:

…Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen…
[Off 21, 3-4 ELB]

Auch mit der Geschichte des Kosmos, die mit dem Urknallereignis begonnen haben soll, lässt sich die prozesstheologische Denkweise vereinbaren – sofern man akzeptiert, dass wir Menschen nicht den Abschluss dieser ca. 13,8 Milliarden Jahre währenden Ent-Wicklung bilden. Sondern wir stecken mitten drin in jenem gewaltigen Prozess einer noch unfertigen Schöpfung, von der wir allenfalls einen winzigen Ausschnitt wahrnehmen und über weitere Teile spekulieren können. (Unterstellt man die Existenz vielfältiger Lebensformen außerhalb der Erde bzw. unseres Sonnensystems, lassen sich zudem einige  Grundsatzfragen der Theologie – insbesondere die Frage nach dem Sinn von Allem – eher beantworten, als wenn wir das irdische Leben für einen einzigartigen Ausnahmefall halten.

…gesetzt der Fall […], der Sinn und damit das Schicksal des ganzen Kosmos hinge allein also von unserem Planeten, vom Gelingen des Experiments Leben auf unserer Erde ab, wie sollten wir eine derart schwindelerregende Verantwortung denn einlösen können?„)

Die Prozesstheologie verabschiedet sich davon, dem Menschen bzw. der Erde eine einzigartige Position in der Schöpfung beizumessen – damit liegt sie wohl richtig, denn ein anthropozentrisches Weltbild (der Mensch als Mittelpunkt der weltlichen Realität) ist ‚out‘, wie die Naturwissenschaft uns gelehrt hat.

Antropozentrisches Weltbild (Ausschnitt e. Kupferstiches von Robert Fludd, 17. Jhdt.)

Gott als Entwicklungshelfer?

Was aber ist dann die Rolle Gottes (die von den monotheistischen Religionen doch sehr als auf den Menschen bezogen betrachtet wird)? Lt. Zitelmann sieht die Prozesstheologie Gott als „Zug­- und Schubkraft den ganzen kosmischen Prozess durchdringen. Unter seiner Anziehungskraft gestaltet sich die Materie immer beziehungsreicher, also komplexer, bis sie schließlich beginnt, sich selbst zu steuern und zu organisieren“.
Die Geschichte des Kosmos stellt sich insoweit als ein offener Lernvorgang dar – mit dem Ziel, die eigene Entwicklung, seine Geschichte, selbst zu steuern und zu bestimmen. An diesem universellen Lernprozess habe buchstäblich Alles teil – vom Elementarteilchen über die Amöbe bis hin zum menschlichen Bewusstsein.

So gesehen hat die Metapher eines göttlichen Entwicklungshelfers, der ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ gibt, einiges für sich: Aus Sicht der Prozesstheologie sei der kosmischen Evolution ein emanzipatorisches Interesse vorgegeben, womit die Natur selbst der Befreiung, dem Mündigwerden des Menschen entgegenkomme. (Betracht man den gegenwärtigen Zustand der Biosphäre, muss man sich wohl fragen, ob dem Menschen nicht zu früh eine zu weitreichende Mündigkeit gewährt wurde…doch noch besteht immerhin eine kleine Chance, dass wir unserer Verantwortung gerecht werden und nicht alles vor die Hunde gehen lassen. Zudem sind wir nicht mehr als ein ‚Versuch‘ innerhalb der Evolution, bei dem eine Spezies mit Intelligenz ausgestattet wurde…ob dieses Experiment erfolgreich ist, steht noch völlig offen.)

Zitelmann sieht das Geschehen des Neuen Testaments als einen wesentlichen Schritt des Menschen. Vor Jesus, in der Zeit des Gesetzes und der Unmündigkeit hatte der Mensch hatte zu gehorchen, seinen Willen den alttestamentlichen Geboten zu unterwerfen. Doch mit dem Wirken Jesu Mit ihm trat die Menschheit in einen neuen Abschnitt ihrer Geschichte ein, das „Zeitalter des Geistes“. Nun habe sich gezeigt, dass das Interesse Gottes am Menschen auf Mündigkeit und Selbstverantwortung abzielt. An die Stelle des Gesetzesgehorsams sollte nun die Entwicklung von Liebesfähigkeit treten …so jedenfalls sah der Plan aus, der meiner Ansicht nach nicht notwendigerweise gescheitert ist. Es mag sich sehr wohl erweisen, dass sich Eigenverantwortung und Liebes- bzw. Konsensfähigkeit in der menschlichen Evolution als wesentliche Überlebensvorteile herausstellen.
Auch Zitelmann scheint dies so zu sehen, wenn er von einer Bewusstseinsevolution ausgeht, bei der das Konkurrenzprinzip der Natur durch das Kommunikationsprinzip der Geschwisterlichkeit ersetzt wird.

Prozesstheologie als Religionskritik

Die Prozesstheologie impliziert nach Zitelmann insoweit auch Religionskritik, als sie  dem alten, suggestiven Gottesbild (Gott thront über den Menschen) eine Absage erteilt und statt dessen auf eine ‚moderne‘ Gotteserfahrung setzt, die „im zeitlichen Miteinander der Liebe ihre Herausforderung, Transzendenz und Selbstüberschreitung sieht“. Liebe sei mit einem hierarchischen Gottesverständnis nicht kompatibel…
Freilich haben wir dieses Verständnis von ‚Gott oben – wir ganz unten‘ über viele Jahrhunderte verinnerlicht; das Bild des über uns thronenden Gottes entfaltet bis heute eine suggestive Überzeugungskraft. Zudem kommt es uns auch entgegen, wo wir uns nach Geborgenheit und einem allmächtigen Beschützer sehnen (der sich bitteschön nur in unserem Interesse einmischen möge…). Nicht wenige Theologen kritisieren, wie sehr wir Menschen die Elternrolle auf Gott projiziert haben bzw. dies bis heute noch tun – folglich ist es kein Wunder, dass uns die Loslösung von diesem Gottesbild schwer fällt:

„Denn sich von dem Bild des über uns thronenden Gottes zu trennen, bedeutet zugleich Abschied von der Kindheit.

Hier offenbart sich zugleich eine mögliche Schwachstelle der Prozesstheologie: lässt der anvisierte Wechsel des Verständnisses von Gott nicht unsere emotionalen Bedürfnisse unbefriedigt? Nach wie vor steht für gläubige Menschen (der monotheistischen Religionen) der Wunsch nach einem personalen Gott oft im Vordergrund. Gott, welcher uns durch die Zeit als Zukunft entgegen kommt, habe offenbar auch kein menschliches Gesicht mehr – welchen Sinn (außer dem autosuggestiven Effekt) hätte es, zu ihm zu beten?

So viel habe ich kapiert: Wenn Gott diese unendliche Kraft ist, welche den gesamten kosmischen Prozess – das Werden des gesamten Universums mit Abermilliarden Welten – an sich zieht, dann werden unsere hausgemachten Bilder doch vor ihm zerbröseln. Mit anderen Worten: „Gott dürfen wir eben nicht mit unseren Bildern von ihm verwechseln.“

Bedeutet dies nicht, dass Gott uns womöglich ‚übersieht’…dass unser individuelles Selbst für ihn längst nicht den Stellenwert besitzt, den wir uns erhoffen? Zitelmann gibt auf solche Fragen folgende Antwort:

„Und wie können wir uns dann bei diesem Gott lassen? Die Antwort ist einfach.Wir können uns bei ihm lassen, mit all unseren Gefühlen, mit unserer Freude, mit unseren Fragen, mit unserer ganzen Person. Ja, wir können uns gar nicht anders bei ihm lassen als gerade nur auf der personalen Ebene. Und zwar ausdrücklich in der Gewissheit, dass er auf uns zukommt und uns versteht. Nur sollen und dürfen wir nicht unsere menschliche Bewusstseinsebene mit Gott selbst gleichsetzen, weil er unsere Gefühls­-, Vorstellungs­- und Denkebenen unendlich transzendiert und überschreitet.

Wäre das nicht so, dann könnten beispielsweise doch außerirdische Lebewesen, die vielleicht Jahrmilliarden Jahre weiter entwickelt wären als wir, unmöglich Zugang zu ihm finden. Wenn es aber Gott gibt, dann wird er auf seine Weise ihnen und uns allen nah sein und entgegenkommen.“

Unter dem Aspekt der Prozesstheologie – der kosmischen Rückkopplung, der Vollendung der Schöpfung, ist jeder Vorsprung oder Rückstand von Lebens­- oder Bewusstseinsform in Bezug auf Gott ohnehin nur relativ – und temporär.Entscheidend ist etwas anderes: die Gewissheit, dass Gott seine Schöpfung – und damit jedes seiner Geschöpfe – liebt. Liebe aber sei „die Kraft, die Zufall in Notwendigkeit überführt“. Zwar ist jeder von uns das Resultat eines gigantischen genetischen Zufalls. Aber:

…indem ich geliebt werde,erfahre ich, dass für diesen Menschen, der mich liebt, die Welt ohne mich unvollständig wäre… Umgekehrt, wo ich einen Menschen liebe, habe ich das Gefühl, als hätte ich gerade ihm begegnen müssen, ja, ich kann mir ein Leben ohne ihn ein fach nicht mehr vorstellen. … Wo wir lieben, die Liebesfähigkeit in uns stärken, da wiederholen wir das unabdingbare, unhinterfragbare Ja Gottes zu seiner Schöpfung…

Quellenangaben

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