Sind wir nur Ratten im Laboratorium Gottes?

Die im Winter obligatorische Erkältung verschafft mir Zeit und Muße, einmal mehr über mein persönliche Beziehung zu Gott nachzudenken. (Ausgelöst wurden meine Gedanken in dieser Richtung durch den Film Shadowlands, eine britische Filmbiografie aus dem Jahr 1993; sie beschreibt die späte Liebe zwischen dem tiefgläubigen Buchautor C.S. Lewis und der Amerikanerin Joy Gresham.)

Existiert zwischen Gott und mir überhaupt so etwas wie eine Beziehung? In gewisser Weise ja: ich bete vor dem Schlafen zu Gott, danke ihm für Erlebtes, Erkanntes und scheinbar Selbstverständliches und teile ihm meine Gedanken, Fragen und Sorgen mit. Freilich scheint es sich hierbei um einen Monolog zu halten; womöglich fehlt mir eine hinreichend geschulte Antenne, um (s)eine Antwort wahrzunehmen.

Ungeachtet dessen kommen in meinem Leben durchaus merkwürdige ‘Zufälle’ vor, welche völlig überraschend eintreten und eine positive Wendung nach sich ziehen. Insoweit halte ich es immerhin für möglich, dass Gott in meinem Lebensweg wirkt.
Auf der anderen Seite sind viele bedeutsame Fragen offen – dieser Blog ist voll davon. Meine Fragen haben nicht so sehr mit meiner Person zu tun, eher beziehen sie sich auf das Schicksal aller Menschen im Diesseits und im Jenseits – das Muster ist oft dasselbe: “Wenn es den (christlichen) Gott wirklich gibt, warum…??”

Mir ist bewusst: wenn ich mir derartige Fragen stelle und sie wieder und wieder durchdenke, dann ist mein Vertrauen in Gott noch nicht sehr ausgeprägt…denn sonst würde ich mich darauf verlassen, dass er für jeden einzelnen Menschen das Beste will und – soweit dessen freier Wille es zulässt – letztlich verwirklichen wird. (Wenn dies meine tiefe Überzeugung und mein ‘Gefühl’ wäre, dürfte ich weitaus gelassener auf das Weltgeschehen blicken als es tatsächlich der Fall ist).
Und was erhoffe ich mir eigentlich von Gott? Für meine Gegenwart – nicht sehr viel. Auch erbitte ich für mich selbst nur selten etwas von ihm – aus einer diffusen Sorge, dass meine Bitte in völlig anderer Weise als erhofft verwirklicht werden könnte. Soviel zu meinem Gottvertrauen.

Sind wir tatsächlich nur “Ratten in Seinem kosmischen Laboratorium”?

Eine derartige Frage impliziert die Befürchtung, Gott wisse zwar um die Ursachen und Zusammenhänge von menschlichem Leid, von Verzweiflung und Furcht – aber all dies interessiere ihn nicht sonderlich. Eben darum sehe er auch keine Veranlassung, daran etwas zu ändern.
Eine ähnliche Haltung nimmt vielleicht mancher Forscher bei x-mal wiederholten Tierversuchen ein, dem ziemlich genau bekannt ist, wie sehr und wofür die Tiere leiden. Diese Ignoranz eines Vivisektionisten auf Gott zu projizieren geht meiner Ansicht nach zu weit – zumal dabei ein wichtiger Umstand übersehen wird: in vielen Fällen ist der Mensch als Individuum oder als Spezies selbst verantwortlich für unangenehme, schmerzvolle Erfahrungen, deren Korrektur er von Gott erbittet.

Jens Kaldewey (‘Enttäuscht vor Gott?’) beschreibt ein minimalistisches Gottesbild, wie es gegenwärtig bei vielen Menschen vorzufinden sein dürfte:

“Gott ist nur noch zu ständig für die Ewigkeit und für den allgemeinen, nicht direkt nachprüfbaren Segen. Könnte das hierzulande die verbreitetste Reaktion sein? Ja nicht zuviel erwarten? Ein vorsichtiger Umgang mit Gott, damit wir ja nicht wieder enttäuscht werden?
Diese Möglichkeit ist umso mehr aktuell, weil zahlreiche prophetische Verheißungen für Erweckung, Heilung und geistliche Durchbrüche, ergangen an viele Einzelne, an Gemeinden, an Regionen und Nationen, sich bislang nicht erfüllt haben.”

Jenseits all meiner theoretischen Überlegungen und Gedankenspiele kommt meine ‘praktische’ Gottesbeziehung dieser Beschreibung recht nahe. Allerdings hängt dies auch mit meinem Gottesbild zusammen: ich glaube nicht, dass Gott es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich sporadisch bzw. willkürlich in unseren Lebensweg einzumischen. Eher halte ich die Existenz grundlegender Prinzipien (‘Gesetze’) für plausibel, welche mit dem Urknall (oder noch früher) von Gott initialisiert wurden. Hierzu zählen m.E. das Prinzip der Kausalität (Ursache und Wirkung), des Karmas (Wir ernten, was wir säen) und der seelischen Reifung über viele Reinkarnationsschritte.
Falls solche grundlegenden Gesetzmäßigkeiten für die materielle Welt bestehen, weil sie von Gott festgelegt wurden, dann wird Er selbst sich vermutlich nicht beliebig darüber hinwegsetzen.

Mir ist klar: diese Sichtweise hat etliche Schwachstellen; so unterstellt sie dem Schöpfer von Allem gewissermaßen “Harmlosigkeit und Wirkungsarmut” im Bereich unseres täglichen Lebens und nimmt ihn als tatenlosen Beobachter wahr. Deshalb kann diese Sicht Gottes meiner Ansicht nach nur zutreffen, sofern dieses irdische Leben einen winzigen Ausschnitt unseres gesamten Werdegangs darstellt…quasi eine Sandbox oder Spielwiese zum Lernen und Erkennen.-

Wie man es auch dreht und wendet – viele Menschen fühlen sich von Gott allein gelassen: sie haben am eigenen Leib, der eigenen Seele sowie durch Beobachtung anderer Personen die Erfahrung machen müssen, dass ihre Gebete in der bittersten Stunde keinen sichtbaren Erfolg, keine positive Veränderung bewirkten. Liegt es da nicht nahe, sich von jeglicher Spiritualität abzuwenden und eigenen Bedürfnisse auszuleben?
Als gesunde Reaktion Kaldewey schlägt etwas anderes vor: “Lass Gott nicht los!”  Der Schmerz der Enttäuschung dürfe nicht verdrängt werden, weder durch Rückzug noch durch fromme oder weltliche Aktivität: “Sieh ihm ins Auge Sich dem eigenen Schmerz wirklich aussetzen und ihn an sich herankommen lassen.”

Und dann?

“Was immer in deinem Herzen ist – schütte es in einem ehrlichen Gebet ohne Filter und Sortiermaschine aus. Alles. Klagen , Vorwürfe, Bitterkeit, Wut, Ärger. Gott kann das verkraften.”

(Als lesenswertes Beispiel für solch ein Gebet führt Kaldewey den Psalm 88 – ‘Die Klage eines Kranken und Einsamen’ – an.)
Dass Gott meine Anklagen und Wut verkraften könnte – keine Frage. Doch möchte er dies auch? Insbesondere dem Alten Testament entnehme ich einen Gott, der absoluten Respekt fordert und vorsichtig-unterwürfige Annäherung bevorzugt. Ob beides wirklich zutrifft, kann ich nicht wissen…doch mir leuchtet ein: jegliche Kommunikation wäre Ihm sicherlich lieber, als dass wir uns resigniert und verbittert von Ihm abwenden.

Ich tue mich schwer damit, mit Personen in meinem engeren Umfeld über bestimmte Erfahrungen, meine Befürchtungen und intimsten Gedanken zu sprechen – denn ich wünsche sie nicht zu sehr zu beanspruchen oder gar zu überfordern. Wenn es mir aber gelänge, Gott mein Herz ausszuschütten, käme dies der Entsorgung “seelischen Sondermülls” gleich.

Kaldewey nimmt auch Bezug auf Jesus am Kreuz, der uns als Vorbild dienen Könne: Jesus habe, als er am Kreuz hing, die entsetzlichste Enttäuschung durchlebt:

‚„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Mit diesem Gottverlassensein hatte Jesus nicht gerechnet! Er hatte mit körperlichen Qualen, mit Hohn und Schmach der Menschen gerechnet, aber nicht damit , dass sein geliebter Vater sich vor ihm verbergen würde.‘

Ausnahmsweise haben wir heute eine umfassendere Perspektive: folgt man der christlichen Lehre, verwandelte sich der entwürdigende Hinrichtungsvorgang, der Augenblick des Abgrunds, des Verlassenseins, in den größten Triumph Jesu, dessen Wirkung nicht wenige Menschen bis heute spüren.
Auch wer nicht den christlichen Glauben teilt, vermag dennoch eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie sehr sich die eigene, subjektive Wahrnehmung von der in jeder Hinsicht weitreichenderen Perspektive Gottes unterscheiden muss.

Wenn schon kein ‘blindes’ Vertrauen in Gottes Weitsicht und Treue gegeben ist, so mag immerhin diese Einsicht hilfreich sein, wenn in schmerzerfüllten Momenten weder Gebete erhört noch Fragen beantwortet werden.

Eine zufriedenstellende Antwort…

…auf Fragen nach dem Wesen und den Beweggründen Gottes vermag ich persönlich niemandem zu geben, nicht einmal mir selbst. Der nachfolgende Vortrag von Dr. Gerhard Padderatz hat mich nachdenklich werden lassen: zwar beantwortet er die Frage nach dem ‚richtigen‘ Gottesbild aus dem christlichen Kontext heraus; ungeachtet dessen erscheinen mir die enthaltenen Erklärungen und Denkanstöße in weiten Teilen plausibel, auch wenn noch manche Frage offen bleibt.

1. Das richtige Gottesbild – Die Hölle, ist Gott grausamer als Satan?

2. Das richtige Gottesbild – Das Elend der Welt, warum greift Gott nicht ein?

3. Das richtige Gottesbild – Warum rettet Gott nicht alle Menschen, hat seine Allmacht Grenzen?

Dieser Beitrag wurde unter Bibel, Christentum, Jesus, Religionen, Tod und Jenseits, Vortrag abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Sind wir nur Ratten im Laboratorium Gottes?

  1. Legolas sagt:

    Hallo Guido, schön von Dir zu hören…interessantes Zitat…

  2. “GOTT ist DIE Kohärenz des Gesamtbewusstseins, unverkörpert, hüllenlos. GOTT entwickelt sich zum Zwei-Komponentenkleber aus Natur und Mensch, aus Natürlichem und Künstlichem. In der Entfremdung beider, im Nachlassen der Klebekraft, lernt GOTT dazu … aber nicht mehr als GOTT, sondern als Reisender … ohne Grenzen im Sinn.“

    http://www.gold-dna.de/updatejan13.html#up366

    Gruß Guido

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.