Sind wir Versuchstiere im Laboratorium Gottes?

Die obligatorische Wintererkältung verschafft mir Zeit und Muße, einmal mehr über meine persönliche Beziehung zu Gott nachzudenken.

Ausgangspunkt: Kausalität

Die anschaulichste Erklärung für Kausalität als universelles Prinzip liefert wohl der Merowinger im Film Matrix Reloaded:

»Sehen Sie, es gibt nur eine Konstante, eine Universalität. Es ist die einzige echte Wahrheit: Kausalität. Aktion – Reaktion. Ursache und Wirkung …Kausalität. Es gibt kein Entrinnen davor. Wir sind für alle Zeit ihre Sklaven. Unsere einzige Hoffnung, unser einziger Frieden ist, es zu verstehen. Das Wieso zu verstehen. Das Wieso ist das, was uns von ihnen unterscheidet.
…Das Wieso ist die wahre Quelle der Macht. Ohne sie sind Sie machtlos.«

Der Merowinger erläutert das Wesen der Kausalität

In diesem Kontext erscheint eine Aussage des Orakels in der vorhergehenden Szene recht vielsagend:

»Du bist nicht hergekommen, um die Wahl zu haben. Du hast schon gewählt. Du bist hier, um zu verstehen, warum du dich so entschieden hast.«

Sofern die Ursachen und wesentlichen Einflussfaktoren unserer momentanen Existenz zeitlich und räumlich unerreichbar, d.h. nicht zu erkennen und darum nicht zu verstehen sind, werden wir das Wieso und das Wozu für die Dauer unseres ›Hierseins‹ auch nicht ergründen.

Unbefriedigend, nicht wahr?
Andererseits ließe sich aus diesem Umstand auch eine stabile Gelassenheit entwickeln – in zweierlei Hinsicht:

  • Falls die Gründe für diese Existenzebene und unseren Aufenthalt in derselben nur außerhalb zu finden sind, folgt für mich daraus: Na, immerhin gibt ein Außerhalb, ein Vorher und darum höchstwahrscheinlich auch ein Hinterher. (Das ist schon eine der Fragen, die sich mir immer wieder stellen.
  • Das ständige Suchen nach letztgültigen Wahrheiten und Gründen lässt sich nicht mal eben abstellen – auch dann nicht, wenn dieses unablässige Fragen vorläufig unbeantwortet bleiben. Der Ausblick, dass eine Antwort jedoch sehr wohl existiert und später auch gefunden sowie verstanden wird, vermittelt etwas Beruhigendes.

Damit ist freilich bloß der Rahmen abgesteckt, welcher weitaus mehr umfasst als die relativ kurze Spanne zischen Geburt und biologischem Ableben. Geade das Prinzip der Kausalität lässt mich ja weiterfragen: Auch wenn mein momentanes Leben die Folge einer von mir selbst getroffenen Wahl darstellt, worin besteht die tiefere Ursache dafür, dass überhaupt und jemals eine Wahlmöglichkeit gegeben war?

Zugegeben, hier verzweigt sich das Denken in mehrere zulässige Ansätze. Gott als die erste Ursache dafür zu betrachten, dass etwas ist und nicht Nichts ist, stellt einen  dar – für mich nach wie vor den plausibelsten dieser Erklärungsversuche dar. Falls ich mein Dasein einem zielorientiert handelnden Schöpfer (und nicht bloß einem zufallsbasierten Experiment) verdanke, liegt wiederum nahe: (Wie) kann ich mit dieser Entität in einen echten Kontakt treten?

Anders gefragt: Besteht zwischen Gott und mir überhaupt so etwas wie eine Beziehung? In gewisser Weise ja: vor dem Schlafen halte ich Zwiesprache mit Ihm, danke für Erlebtes, Erkanntes sowie scheinbar Selbstverständliches. Auch teile ich meine Gedanken, Fragen und Sorgen mit Ihm. Dies kommt einem Gebet recht nahe,… ohne dass mir richtig klar wird,

  • mit wem genau ich da eigentlich zu kommunizieren versuche
  • ob diese Versuch irgendeinen Erfolg hatte:  Die allabendliche ‚Gespräche‘ lassen sich von einem Monolog schwer unterscheiden – ein Umstand, den ich die meiste Zeit über verdränge. ›Womöglich fehlt mir eine hinreichend geschulte Antenne, um eine Antwort wahrzunehmen.‹

Ungeachtet dessen treten in meinem Leben durchaus merkwürdige ›Zufälle‹ ein, welche völlig überraschend eine positive Wendung nach sich ziehen. Insoweit halte ich es immerhin für möglich, dass Gott auf meinen Lebensweg einwirkt.
Auf der anderen Seite sind viele bedeutsame Fragen offen – dieser Blog ist voll davon. Meine Fragen haben weniger mit meiner Person oder etwaigen Klagen zu tun, eher beziehen sie sich auf das Schicksal aller Seelen im Diesseits und im Jenseits – das Muster ist oft dasselbe: “Wenn es den (christlichen) Gott wirklich gibt, warum…??”

Mir ist bewusst: solange ich mir derartige Fragen stelle und sie wieder und wieder durchdenke, ist mein Vertrauen in Gott noch nicht sehr ausgeprägt…andernfalls würde ich mich darauf verlassen, dass Er für jeden einzelnen Menschen das Beste will und – soweit dessen freier Wille es zulässt – letztlich verwirklichen wird. (Entspräche dies meiner tiefe Überzeugung und Wahrnehmung, dürfte ich weitaus gelassener auf das Weltgeschehen blicken, als es tatsächlich der Fall ist.)
Und was erhoffe ich mir eigentlich von Gott? Für meine Gegenwart – nicht sehr viel. Auch erbitte ich
nur selten für mich selbst  – nicht zuletzt aus einer diffusen Sorge, dass meine Bitte in völlig anderer Weise als erhofft verwirklicht werden könnte. Soviel zu meinem Gottvertrauen.

Sind wir tatsächlich nur ›Ratten in Seinem kosmischen Laboratorium‹?

Eine derartige Frage impliziert die Befürchtung, Gott wisse zwar um die Ursachen und Zusammenhänge von menschlichem Leid, von Verzweiflung und Furcht – aber all dies interessiere ihn nicht sonderlich. Eben darum sehe er auch keine Veranlassung, daran etwas positiv zu verändern.
Eine ähnliche Haltung nimmt vielleicht mancher Forscher bei x-mal wiederholten Tierversuchen ein, dem ziemlich genau bekannt ist, wie sehr und wofür die Tiere leiden.

Solche wissentliche Ignoranz auf Gott zu projizieren geht meiner Ansicht nach zu weit. Eher bietet sich der Vergleich mit einem Biologen an, der Reihenversuche mit Einzellern durchführt: Weder will dieser seinen Versuchsobjekten etwas Böses noch hat er die Absicht sie zu retten – schließlich sind sie auch mehrere Größenordnung zu winzig, um Individuen auszumachen und namentlich zu kennen.
Spinnt man dieses Bild weiter, so wäre die Erde nur eine von zahllosen Petrischalen – das Experiment wurde ›vor längerer Zeit‹ angesetzt und ansonsten sich selbst überlassen. Scheitern oder Erfolg lediglich als Gegenstand statistischer oder summarischer Auswertung – und kein Gedanke an ein eine persönliche Beziehung zwischen dem ›Versuchsleiter‹ und einer einzelnen Mikrobe.


Die Petrischale ist eine flache, runde, durchsichtige Schale mit übergreifendem Deckel, die in der Regel in der Biologie, Medizin oder Chemie zum Einsatz kommt. Sie wurde 1887 vom deutschen Bakteriologen Julius R. Petri erfunden und später nach ihm benannt. Petrischalen werden u.a. zur Kultivierung von Mikroorganismen genutzt. Zu diesem Zweck wird eine flache Schicht aus einem gelförmigen Nährmedium in der Petrischale erzeugt, sterilisiert und noch warm und damit flüssig in die Schalen gegossen. Bei Raumtemperatur erstarrt es und bildet eine sogenannte Agarplatte.
Das Nährmedium versorgt die wachsenden Mikroorganismen mit Wasser und Nährstoffen, hält sie jedoch – im Unterschied zu Kulturen in flüssigen Medien – an einer Stelle fest. Die Ausbreitung der Mikroorganismen durch Vermischung wie in einem flüssigen Medium wird somit verhindert. (→ Vgl. Wikipedia)


Diese Betrachtungsweise – Schöpfung(en) als groß angelegte Versuchsanordnung über ungezählte bewohnte Planeten hinweg, mit einstweilen ungewissem Endresultat – passt natürlich nicht zum christlichen Gottesbild. Doch in einem stimmt sie mit der wahrnehmbaren Realität überein: Der Mensch als Individuum und als Spezies ist für sein Scheitern und seine Erfolge zunächst einmal selbst verantwortlich; es finden keine Einirkungen von außen statt (weil diese den Verlauf des ›Experiments Menschheit‹ natürlich verfälschen würden). Nicht wenige unangenehme, schmerzvolle Erfahrungen, deren Korrektur dann von Gott erbeten wird, haben ihre Ursache in unserem eigenen Handeln und Unterlassen.-

Von solch einem Bioforscher-Gott dürften sich auch die ›übrigen Experimente‹ in anderen Sternensystemen herzlich wenig an freundlicher Zugewandtheit erhoffen –

Begegnungen wie diese (↓) kommen da einfach nicht vor 😉

Auf der anderen Seite bestünde auch keine Veranlassung, den fernen Forschungsleiter zu fürchten: Eine wutentbrannte Flutung des ›Versuchs- und Beobachtungsgeheges Erde‹ ist ebenso unwahrscheinlich wie alttestamentliche Eifersuchts-Dramen und Ego-Probleme. Der Biologe möchte ja sehen, wie seine Experiment(e) verlaufen und am Ende ausgehen, also wird er sie normalerweise nicht vorzeitig beenden…
Außer, ja, außer eine einzelne Versuchsanordnung wäre endgültig und unwiderruflich gescheitert.

Bloß, und damit komme ich zur Ausgangsfrage zurück: welchen Zweck und Nutzen hätten dann meine abendlichen Zwiesprachen – außer halt einer Gewohnheit zu folgen und mir damit ein angenehmes Gefühl vor dem Einschlafen zu geben?

Resignation und Rückzug helfen nicht weiter

Jens Kaldewey (›Enttäuscht vor Gott?‹) beschreibt ein minimalistisches Gottesbild, das einigen von uns bekannt vorkommen dürfte:

»Gott ist nur noch zuständig für die Ewigkeit und für den allgemeinen, nicht direkt nachprüfbaren Segen. Könnte das hierzulande die verbreitetste Reaktion sein? Ja nicht zu viel erwarten? Ein vorsichtiger Umgang mit Gott, damit wir ja nicht wieder enttäuscht werden?
Diese Möglichkeit ist umso mehr aktuell, weil zahlreiche prophetische Verheißungen für Erweckung, Heilung und geistliche Durchbrüche, ergangen an viele Einzelne, an Gemeinden, an Regionen und Nationen, sich bislang nicht erfüllt haben.«

Jenseits all meiner theoretischen Überlegungen und Gedankenspiele kommt meine ‚praktische‘ Gottesbeziehung dieser Beschreibung recht nahe. Zumal ich nicht glaube, dass Gott es sich zur Aufgabe gemacht hat, sich sporadisch bzw. willkürlich in unseren Lebensweg einzumischen. Eher halte ich die Existenz grundlegender Prinzipien (‘Gesetze’) für plausibel, welche mit dem Urknall (oder noch früher) von Gott initialisiert wurden. Hierzu zählen m.E. das Prinzip der Kausalität (Ursache und Wirkung), des Karmas (Wir ernten, was wir säen) und der seelischen Reifung über viele Reinkarnationsschritte.
Falls solche grundlegenden Gesetzmäßigkeiten für die materielle Welt bestehen, weil sie von Gott festgelegt wurden, dann wird Er selbst sich vermutlich nicht beliebig darüber hinwegsetzen.

Mir ist klar: diese Sichtweise hat etliche Schwachstellen; so unterstellt sie dem Schöpfer von Allem gewissermaßen »Harmlosigkeit und Wirkungsarmut« im Bereich unseres täglichen Lebens und nimmt ihn als tatenlosen Beobachter wahr. Deshalb kann diese Sicht Gottes wohl nur zutreffen, falls dieses irdische Leben einen winzigen Ausschnitt unseres gesamten Werdegangs darstellt…quasi eine Sandbox oder Spielwiese zum Lernen und Erkennen.-

Wie man es auch dreht und wendet – viele Menschen fühlen sich von Gott allein gelassen: sie haben die Erfahrung machen müssen, dass ihre Gebete in der bittersten Stunde keinen sichtbaren Erfolg, keine positive Veränderung bewirkten. Liegt es da nicht nahe, sich von jeglicher Spiritualität abzuwenden und eigenen Bedürfnisse auszuleben?
Als gesunde Reaktion rät Kaldewey: »Lass Gott nicht los!« Der Schmerz der Enttäuschung dürfe nicht verdrängt werden, weder durch Rückzug noch durch fromme oder weltliche Aktivität: “Sieh ihm ins Auge. Sich dem eigenen Schmerz wirklich aussetzen und ihn an sich herankommen lassen.”

Und dann?

»Was immer in deinem Herzen ist – schütte es in einem ehrlichen Gebet ohne Filter und Sortiermaschine aus. Alles. Klagen , Vorwürfe, Bitterkeit, Wut, Ärger. Gott kann das verkraften.«

(Als lesenswertes Beispiel für solch ein Gebet führt Kaldewey den Psalm 88 – ›Die Klage eines Kranken und Einsamen‹ – an.)
Dass Gott meine Anklagen und meinen Zorn verkraftet– keine Frage. Doch möchte er dies auch? Insbesondere dem Alten Testament entnehme ich einen Gott, der absoluten Respekt fordert und vorsichtig-unterwürfige Annäherung bevorzugt. Ob beides wirklich zutrifft, kann ich nicht wissen…doch zumindest liegt nahe: jegliche Kommunikation wäre Ihm sicherlich lieber, als dass wir uns resigniert und verbittert von Ihm abwenden.

Kaldewey nimmt auch Bezug auf Jesus am Kreuz, der uns als Vorbild dienen Könne: Jesus habe, als er am Kreuz hing, die entsetzlichste Enttäuschung durchlebt:

»›Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‹
Mit diesem Gottverlassensein hatte Jesus nicht gerechnet! Er hatte mit körperlichen Qualen, mit Hohn und Schmach der Menschen gerechnet, aber nicht damit, dass sein geliebter Vater sich vor ihm verbergen würde.«

Ausnahmsweise haben wir heute eine umfassendere Perspektive: folgt man der christlichen Lehre, verwandelte sich der entwürdigende Hinrichtungsvorgang, der Augenblick des Abgrunds, des Verlassenseins, in den größten Triumph Jesu, dessen Wirkung nicht wenige bis heute spüren.
Auch wer nicht den christlichen Glauben teilt, vermag dennoch eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie sehr sich die eigene, subjektive Wahrnehmung von der in jeder Hinsicht weitreichenderen Perspektive Gottes unterscheiden muss.

Wenn schon kein ‘blindes’ Vertrauen in Gottes Weitsicht und Treue gegeben ist, so mag immerhin diese Einsicht hilfreich sein, wenn in schmerzerfüllten Momenten weder Gebete erhört noch Fragen beantwortet werden.

Eine zufriedenstellende Antwort…

…auf Fragen nach dem Wesen und den Beweggründen Gottes vermag ich nicht einmal mir selbst zu geben. Der nachfolgende Vortrag von Dr. Gerhard Padderatz hat mich nachdenklich werden lassen: zwar beantwortet er die Frage nach dem ‚richtigen‘ Gottesbild aus dem christlichen Kontext heraus; ungeachtet dessen erscheinen mir enthaltene Erklärungen und Denkanstöße in weiten Teilen plausibel.

„Das richtige Gottesbild“ – Dr. Gerhard Padderatz

Dieser Beitrag wurde unter Bibel, Christentum, Jesus, Religionen, Tod und Jenseits, Vortrag abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Sind wir Versuchstiere im Laboratorium Gottes?

  1. Legolas sagt:

    Hallo Guido, schön von Dir zu hören…interessantes Zitat…

  2. “GOTT ist DIE Kohärenz des Gesamtbewusstseins, unverkörpert, hüllenlos. GOTT entwickelt sich zum Zwei-Komponentenkleber aus Natur und Mensch, aus Natürlichem und Künstlichem. In der Entfremdung beider, im Nachlassen der Klebekraft, lernt GOTT dazu … aber nicht mehr als GOTT, sondern als Reisender … ohne Grenzen im Sinn.“

    http://www.gold-dna.de/updatejan13.html#up366

    Gruß Guido

Kommentare sind geschlossen.