„Paradies“ (Song) – Die Toten Hosen

Die Musik der deutschen Punkband DTH ist Geschmackssache, doch den Text dieses Songs fand ich spontan recht interessant; bei näherem Hinsehen kann ich freilich mit manchen Passagen daraus wenig anfangen. Der Refrain besticht allenfalls durch eine verkorkste Banalisierung:

„Ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dorthin so schwierig ist.“

Die Fortsetzung „…wer weiß, ob es uns dort besser geht – hinter dieser Tür“ klingt nach einer billigen Ausrede. Angesichts der beängstigenden Ungewissheit über das, was uns nach dem Tod bevorstehen könnte, vermeide ich jede gedankliche Auseinandersetzung und verdränge die Möglichkeit, dass dereinst Rechenschaft von mir gefordert wird. Damit verschaffe ich mir zugleich die Mutter aller Ausreden für Selbstbezogenheit, Gleichgültigkeit

Die im weiteren Verlauf des Lieds genannten ‚Beispiele‘ (brav mit Messer und Gabel essen, Schuhe putzen usw.) haben ausschließlich einen Bezug zum diesseitigen Alltagsleben. Wo ist der doppelte Boden, jene tiefere Bedeutungsebene, die im übrigen DTH-Repertoire durchaus zu finden ist. Möglicherweise will dieser Song eine Vermischung von Nachkriegs-Pädagogik mit religiöser Bigotterie aufgreifen und kritisieren.
Und in der christlichen Diktion bleibt für den ungehorsamen „dreckigen Rest“ keinesfalls die „Hölle der Wiedergeburt“ – sondern die Hölle, Punkt. Niemals endende Verdammnis, Schmerzen und unvorstellbares Leiden, da im Jenseits die Zeit nicht existiert. Dass dieser Aspekt einer zeitlosen Bestrafung für alle außerhalb der jeweiligen Kirche derzeit kaum thematisiert wird, hängt allein mit dem Schwund an zahlenden Mitgliedern zusammen, die betreffenden Dogmen wurden nicht ‚dem Zeitgeist‘ angeglichen.

Religion besteht nicht (nur) aus Klischees

Wie dem auch sei, Unterwürfigkeit und purer Konformismus haben nichts mit Spiritualität zu tun, sondern mit Dressur. Wird beides zur Gewohnheit, entsteht der typisch fauligen Flair von opportunistischen, kriecherischen Verhaltenszügen. Keine Frage, auch mancher Kleriker erwartet von seiner Herde jenes Benehmen, welches ihn ’so weit gebracht hat‘; nur entspricht das Resultat eben nicht den Tugenden und Geboten, die im Neuen Testament beschrieben sind.
Nächstenliebe meint nicht Arschkriechen, Demut und Bescheidenheit sind nicht gleichzusetzen mit einem Mangel an Rückgrat – und Freundlichkeit ist notwendigerweise ein Zeichen von Schwäche. Ich habe kaum Zweifel, dass diese feinen Unterschiede auch den Songtextern dieser Band geläufig ist – do wenn ich damit richtig liege, was ist dieser Song dann anderes als ein Bedienen wohlfeiler Klischees, pauschal auf Kosten derer, die Religion ernster nehmen als der Mainstream?

Schließlich gehört es heute fast schon zum Standard, sich mehr oder weniger wohlwollend über Streber, Nerds und ‚brave Steuerzahler‘ zu delektieren.

Wer kann schon sagen, was mit uns geschieht,
vielleicht stimmt es ja doch, dass das Leben eine Prüfung ist,
in der wir uns bewähren sollen.

Nur wer sie mit Eins besteht, darf in den Himmel kommen.
Für den ganzen dreckigen Rest bleibt die Hölle der Wiedergeburt.
…Um diesem Schicksal zu entfliehen,
sollen wir uns redlich bemühen,
jeden Tag mit ’nem Gebet beginnen, an Stelle von Aspirin.
Nur wer immer gleich zum Beichtstuhl rennt,
und dort alle seine Sünden nennt,
der handelt einen Freispruch aus.

…Wer Messer und Gabel richtig halten kann
und beim Essen gerade sitzt, wer immer Ja und Danke  sagt,
dessen Chancen stehen nicht schlecht.
Wer sein Schicksal mit Demut trägt,
dem winkt die Erlösung zu.
Immer schön nach den Regeln spielen, wie sie befohlen sind,
wie sie im Buch des Lebens stehn, in Ewigkeit, Amen.

Dabei kann Unterhaltungskünstlern durchaus der Versuch gelingen, das Gebaren ihrer Mitmenschen kritisch zu hinterfragen und zugleich einen Gegenentwurf zu formulieren…ganz ohne Zynismus und Lächerlichmachen:

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