Krieg und Spätfolgen. Innerliches Protestieren. Und dann – damit abfinden?

Zwei Aussagen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten:

  • „Wir müssen uns nicht damit abfinden, dass es Kriege gibt. Sie sind von Menschen gemacht. Jeder kann etwas tun, um sie zu verhindern.“
    Arno Gruen
  • ‚Manchmal muss ein junger Mensch alles geben und wenn es das eigene Leben ist.‘
    Hierbei handelt es sich um eine im Netz verbreitete, sinngemäß zusammenfassende (oder entstellende?) Aussage von Joachim Gauck, 2012 in einer Rede vor Bundeswehrangehörigen.  Wörtlich sagte Gauck, eine funktionierende Demokratie erfordere Einsatz, Aufmerksamkeit, Mut „und eben manchmal auch das Äußerste, was ein Mensch geben kann: das Leben, das eigene Leben“.

Die Bereitschaft zur Hingabe, zu persönlichem Einsatz ist durchaus eine Eigenschaft, die Menschen auszeichnet. Nur hängt dies wesentlich davon ab, wofür wir uns einsetzen.

„‚Ohne uns‘ als purer Reflex kann keine Haltung sein, wenn wir unsere Geschichte ernst nehmen.“ Hier liegen Emotion und Verstand im Widerstreit: Mit dem Spruch ‚Stell dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin‘ bin ich aufgewachsen; er beschreibt einen Idealzustand, von dem wir weit entfernt sind. Man muss man wohl genauer hinsehen.

Gegen humanitäre Hilfsaktionen im Ausland war wenig bis gar nichts einzuwenden, solange mitgeführte Bewaffnung defensiven Charakter hat und allein dem Selbstschutz diente. Mit der „Deutschen Beteiligung an den von der NATO geplanten begrenzten und in Phasen durchzuführenden Luftoperationen zur Abwendung einer humanitären Katastrophe im Kosovo-Konflikt“ wurde aber erstmals eine rote Linie überschritten. → Vgl. Antrag der Bundesregierung vom 12. Oktober 1998 (PDF)

Dabei geht es Kritikern von bewaffneten Auslandseinsätzen nicht allein um die Frage der völkerrechtlichen Legitimation. Der NATO-Generalsekretär hatte erklärt, dass unter den außergewöhnlichen Umständen der gegenwärtigen Krisenlage im Kosovo, wie sie in der Resolution des UN-Sicherheitsrates 1199 beschrieben ist, die Drohung mit und ggf. der Einsatz von Gewalt durch
die NATO gerechtfertigt sei. Was waren das für besondere Umstände? Unverhältnismäßig gewaltsames Vorgehen der serbischen Sicherheitskräfte habe zu 290.000 Flüchtlingen und Binnenvertriebenen geführt. Nach UN-Schätzungen waren ca. 50.000 Menschen schutzlos der Witterung ausgesetzt.
Bilaterale Bemühungen der Bundesregierung wie auch der Vereinten Nationen,
der Nato, der EU und der OSZE, eine Lösung der Kosovo-Krise zu erreichen, seien zuvor ohne Ergebnis geblieben: Weder habe man einen Waffenstillstand erreicht noch eine substanzielle zur Linderung der humanitären Notlage.

Also sprach nichts dagegen, dass deutsches Militär nun aktiv an einem Kriegseinsatz teilnahm? Die gute alte ‚Bonner Republik‘ (=Westdeutschland vor der Wiedervereinigung) hatte der pazifistischen Tradition der „Bonner Republik“ festgehalten, sowohl unter unionsgeführten wie auch sozialdemokratischen Regierungen. Eine „militärische Normalisierung“ der deutschen Politik wurde einhellig abgelehnt – grundlos?

Oder hab es gute und wichtige Gründe für das Deutschland der Nachkriegszeit, sich im Bewusstsein seiner historischen Verantwortung einer Logik des „gerechten Krieges“ zu verweigern? Angenommen, die Antwort lautet Ja und es gab gewichtige Gründe dafür – wodurch genau sollen diese nach der Wiedervereinigung weggefallen sein?
Den konkreten Anlass für diesen Paradigmenwechsel hat mir bis heute niemand einleuchtend erklärt.

„Wir wollen miteinander einen multiethnischen und demokratischen Kosovo, in dem alle Menschen in Frieden und Sicherheit leben können“, referierte Bundeskanzler Schröder in fast schon naiver Tonlage im Bundestag.1)

Und dieses „wir wollen“ rechtfertigte, dass Deutschland nach 50 Jahren Abstinenz wieder in den Krieg zog? Noch dazu im Wege einer Selbst-Mandatierung der Nato, denn ein OK des UN-Sicherheitsrates war am russischen Veto gescheitert.

Ein deutsche Wähler mit Hang zum Pazifismus sah sich durch diese Entscheidung der gerade ins Amt gekommenen rot-grünen Bundesregierung vor eine zusätzliche Problematik gestellt: Wenn sogar die Grünen bei ’sowas mitmachten‘, wen sollte er dann noch guten Gewissens wählen?

Noch deutlicher wurde die Ohnmacht des Einzelnen einige Jahre später bewusst, als die Bush-Administration gegen den Irak losschlug. Ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, durch und durch illegal und mit einer vorgeschobenen, erlogenen Begründung.
Immerhin, Deutschland machte da nicht mit, doch was half das schon? Meine Gedanken beim Anblick des nächtlichen Bombardements auf Bagdad: ‚Was wir da tun, ist von Grund auf falsch!‘ Wir?
Ja, denn Deutschland leistete ziemlich aktiven Beistand: Überflugrechte wurden den USA sowieso gewährt, zudem nutzte das US-Militär seine reichlich vorhandenen Stützpunkte und Kommandoeinrichtungen auf deutschem Boden für die gesamte Logistik dieses Krieges. Fachjuristen wie Jörg Arnold vom Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht sahen darin seinerzeit sogar eine „Beihilfe zum Angriffskrieg“2).

Letztlich verliefen internationale Proteste und Anklagen vollständig im Sande: Die Drahtzieher dieses Krieges – Bush, Cheney, Rumsfeld und ihre Vordenker in neokonservativen Thinktanks wie der PNAC – wurden in keinem Fall belangt. ‚Schnee von gestern…lasst die Vergangenheit ruhen‘?
So einfach ist es nicht. Zum einen wirken die in diesem und weiteren Kriegen von britischem und US-Militär verwendeten radioaktiven Projektile3) zum Teil bis heute nach.

„Nach offiziellen Zahlen, so der UMRC-Bericht4), verschossen Briten und Amerikaner in diesem Jahr zwischen 100 und 200 Tonnen Uranmunition im Irak.“
Das URMC Uranium Medical Research Centre (UMRC) in Kanada setzte sich intensiv mit den Folgen des Einsatzes radioaktiver Munition auseinander. Wer sich vor unschönen Bildern nicht scheut, mag einen Blick auf diese URMC-Präsentation werfen.

An einzelnen abgeschossenen irakischen Panzern hätten die Wissenschaftler nach eigenen Angaben gar das 2500-fache der natürlichen Radioaktivität festgestellt. Und: „Auf den Panzern spielten zur gleichen Zeit Kinder„, berichtete der UMRC-Vizedirektor Tedd Weymann gegenüber der britischen Zeitung „The Observer“.
Kaum anzunehmen, dass der militärische Schrott bis heute vollständig und sachgerecht entsorgt wurde. Zehn Jahre später (2013) ging ein ARD-Team den Spätfolgen der radioaktiven Verstrahlung nach:

„Vor 1990 hatten wir etwa 15 neue Leukämiefälle pro Jahr,(…) nach dem Irakkrieg 2003 bis heute haben wir Rekordwerte von bis zu 200 neuen Fällen pro Jahr“, erklärt die Onkologin Dr. Jenan Ghalib Hassan.
In diesbezüglichen Statistik werden definitiv nicht sämtliche Gesundheitsfolgen berücksichtigt, denn viele Babies sterben gleich nach der Geburt5).-

Was kann man tun?

Tja nun, die erste Frage muss wohl lauten: Will man überhaupt etwas tun? Oder ist man bereit, sich mit diesem himmelschreienden Unrecht abzufinden, solange der eigene Alltag davon unberührt bleibt?

An der politischen Willensbildung in Deutschland gehen derlei Ereignisse im Ausland weitgehend vorbei, die hiesige Konsumgesellschaft mag sich nicht den Spaß an der Leichtigkeit des Seins verderben lassen. Außerdem, jetzt wo die IS-Terroristen in Europa unterwegs seien, habe man andere Sorgen – so lauten Reaktionen auf Twitter, wenn Kriegsfolgen thematisiert werden. Die USA seien nun mal ein unverzichtbarer Partner im Kampf gegen Terror, da können man ihnen nicht ständig mit Vorhaltungen wegen „Altasten“ kommen.

Andere Töne sind meistenteils nur in den Lagern zu hören, die einen rustikalen Antiamerikanismus pflegen und im Gegenzug anderen Kriegsverbrechern in den Hintern kriechen. Passt halt zu deren Ideologie, die gegen ‚gerechte Kriege‘ durchaus nichts einzuwenden hat.
Ein rein wertebasierter Pazifismus ist offenbar out.

Mit der Zeit verfliegt der anfängliche Zorn zwar nicht ganz, doch steht nun ein nüchternes (ernüchtertes?) Abwägen im Vordergrund: Kriege verhindern? Kann einer wie ich, ein kleines unbedeutendes Lichtlein, sich abschminken. Menschen werden auch weiterhin einander jede bösartige Untat antun, zu der sie fähig sind – und es gibt nichts, das ich dagegen tun kann (außer, mich selbst halbwegs anständig zu verhalten, klar). Alles andere wäre ein vergebliches Anrennen gegen übermächtige Windmühlen. Also bleibt nur, jenen Institutionen Unterstützung zu kommen zu lassen, die den Opfern helfen – ein Beispiel: „Unsere Hilfe im Irak„.

Quellenangaben

  1. „Der linke Krieg“, ZEIT online, März 2009
    „Kosovo, zehn Jahre danach: War es richtig, dass sich deutsche Soldaten 1999 am Nato-Kampfeinsatz beteiligten?“
  2. Bush und das Völkerrecht. Ein illegaler Krieg„,
    Dominik Baur, SPON, 20.3.2003
  3. Uranmunition im Irak. Das strahlende Vermächtnis der Alliierten„,
    Markus Becker, SPON, 16.12.2003
  4. Abu Khasib to Al Ah’qaf: Iraq Gulf War II Field Investigations Report, Uranium Medical Research Centre, November 2003
  5. Weltspiegel-Reportage über Gesundheitsschäden als Folge von Uranmunition-Eissatz im Irak

Siehe auch:

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