Wer ist der ‚Islamische Staat‘

  • Wie war es möglich, dass der IS die zahlenmäßig weit überlegene irakische Armee in die Flucht schlug und weite Teile des Iraks besetzte?
  • Was sind die Ziele dieser Mörder, die den Islam für ihre verwerflichen Zwecke vereinnahmen?

‚Erklärvideo‘ als Überblick

Definition

Beim „Islamischen Staat“ handelt es sich um eine terroristische Organisation, die ein Kalifat (Gottesstaat) im Nahen Osten errichten will, welcher das Gebiet der Staaten Syrien, Irak, Libanon, Israel, Palästina und Jordanien umfassen soll.
Es gelten die Gesetze der Scharia, Frauen werden gezwungen, einen Schleier zu tragen. Die 2004 gegründete sunnitische Gruppe nennt sich heute Islamischer Staat (IS). Sie wird aber auch als Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIL) oder Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS) bezeichnet.

Der IS ist ein Kind des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der USA gegen den Irak. Seit den den 1990er Jahren entstanden islamistische Gruppierungen, welche das nach Beseitigung des Hussein-Regimes entstandene Machtvakuum füllten und sich gegen die amerikanische Besatzung und den neuen irakischen Staat wandten. Zu ihnen zählten unter anderem Al-Qaida sowie der Islamische Staat (zu Beginn unter anderen Bezeichnungen wie „Tawhid wa Jihad“)1.

Ideologie und Strategie des IS wurden geprägt durch den aus Jordanien stammenden islamistischen Aktivist Abu Musab al-Zarqawi, der die Organisation seit dem Jahr 2000 anführte. Er erklärte u.a. den Schiismus zu einem Hauptfeind des sunnitischen Islamismus. Ihm schlossen sich Jihadisten aus Jordanien, Palästina, Syrien und dem Libanon an, darunter viele Mitglieder von Al-Qaida.

Das grundlegende Konzept des Jihad wird auf den Propheten Mohammed und (…) die Feldzüge des Propheten zurückgeführt, als er den Jihad gegen den polytheistischen Stamm der Quraisch in Mekka und die ansässigen jüdischen Stämme in Yathrib (dem heutigen Medina) führte, die durch ihre Ablehnung seiner Offenbarungen die noch junge islamische Gemeinde (Umma) bedrohten.

Die Legitimation der Umma als Daula, als politisches Staatswesen, besteht in der Sicherstellung der Ausübung von Dîn, der islamischen Glaubenspraxis, und der darauf aufbauenden islamischen Lebensweise. Allerdings besteht unter den Muslimen keineswegs Einigkeit, ob Jihad dem Koran gemäß einen universellen Kampf gegen Andersgläubige darstellt oder ob dieser Kampf rein defensive Ziele verfolgt:

Viele muslimische Autoren sehen solche Kriege als legitim an, die der Verteidigung islamischer Staaten, der Freiheit der Muslime, den Islam außerhalb dieser zu verkünden, und des Schutzes der Muslime unter nichtislamischer Herrschaft dienen.2

Der „Tawid wa Jihad“ formierte sich als Nebengruppe der Al-Qaida und nannte sich „Al-Qaida im Irak“, später- nach Differenzen mit Al-Qaida – „Islamischer Staat im Irak“ (ISI).

2004 trat der ISI erstmals im Irak auf, verübte dort schwere Attentate. Auf Zarqawis Initiative wird u.a. die Entfesselung des Bürgerkriegs zwischen Schiiten und Sunniten 2007/2008 zurückgeführt. Der Krieg wurde in den gemischten Gebieten, wo bisher Schiiten und Sunniten friedlich zusammengelebt hatten, rücksichtslos ausgetragen. 2006 starb Zarqawi in Folge eines Luftschlages der USA.

2010 übernahm Abu Bakr Al-Baghdadi die Führung der der ISI, die 2011 Syrien zog, um gegen die alevitische Führung in Damaskus zu kämpfen (Vgl.→Bürgerkrieg in Syrien). Seit dem 4.10.2011 steht Al-Baghdadi auf der US-Liste der meistgesuchten Terroristen („Specially Designated Global Terrorists“).
Im Frühjahr 2013 rief Al-Baghdadi den „Islamischen Staat im Irak und in der Levante“ (ISIL) ins Leben und setzte sich von der al-Nusra-Front ab, die bis dahin als „Al-Qaida in Syrien“ eine Art Führungsposition hatte. Nach dem Sturm auf Mossul am 10.Juni 2014 rief Al-Bagdadi ein „Islamisches Kalifat“ aus und ernannte sich selber zum Kalifen. Von Al-Kaida grenzt sich der IS inzwischen kategorisch ab.

Gegenwärtig kontrolliert der IS Gebiete im im Nordosten Syriens und entlang des Euphrat bis in den Irak. Im Juni nahm die  die Die im Juni 2014 eroberte irakische Stadt Mossul erklärte die Terror-Organisation zu ihrer Hauptstadt. Nachdem die Dschihadisten Arbil, die Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan, ebenso wie die irakische Hauptstadt Bagdad bedrohten, begann das US-Militär ab Juli 2014 mit Luftschlägen gegen die IS-Terrorgruppe im Irak, ab September 2014 auch in Syrien. 

Der IS unterwirft die Bevölkerung – meist handelt es sich um Muslime, welche die radikal-islamistische Lesart des Islam ablehnen – in den besetzten Gebieten mit Steinigungen, Hinrichtungen, Geiselnahmen und Folter. Die ‚Gotteskrieger‘ verfügen inzwischen über eine eigene Propaganda-Sektion; sie inszenieren sich in professionellen, Gewalt verherrlichenden Videos (u.a. über soziale Netzwerke wie YT, FB und Twitter), um junge Muslime aus aller Welt für ihren ‚Jihad‘ anzuwerben.

Dem US-Institut Terrorism Research and Analysis Consortium (TRAC) zufolge ist der IS keine reine Kampftruppe, sondern vielmehr übt die Regierungsmacht in den eroberten Gebieten aus. Die Rechtsprechung erfolgt nach dem Gesetz der Scharia; sie versuchen auch, die Bevölkerung mit dem Nötigsten zu versorgen.
„Dazu stellen sie Regionalregierungen mit Bürgermeistern oder Gouverneuren auf. Die Dschihadisten bezahlen Gehälter, liefern Wasser, Strom und Gas, regeln den Verkehr, unterhalten Schulen, Universitäten, Moscheen, Banken und Bäckereien. Diese recht geordneten Strukturen unterscheiden den IS von anderen, nur lose organisierten aufständischen Gruppen und machen seine Stärke aus.“1

Durch die Verfügungsgewalt über Teile der irakischen Ölförderung generiert der IS ein tägliches(!) Einkommen von 1,5-3 Millionen US-Dollar; weitere Mittel fließen ihm aus arabischen Staaten zu.

Dadurch verfügt der IS über enorme Ressourcen an Waffen und Kriegern – bislang wurden Staat 30-50.000 Kämpfer rekrutiert; 4.000 Terroristen sollen aus Europa stammen, darunter 400 aus Deutschland.

Ziel des IS ist der Aufbau eines islamischen Weltreichs4, des Kalifats. Inzwischen beherrscht die Terror-Organisation ein Gebiet von der Größe Großbritanniens, in dem rund acht Millionen Menschen leben. Hunderttausende sind aus den eroberten bzw. bedrohten Regionen geflohen.

Literaturhinweise

  1. Islamischer Staat (IS)„, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg
  2. Zur islamistischen Ideologie des IS siehe → „Islam und Dschihad. Bedeutung und Geschichte in Koran, Sunna und Scharia bei (…) Hamas und al-Qā‘idah“ auf citizentimes
  3. Krieg der vierten Generation. Global Jihadist Movement und Strategie der ‚Counterinsurgency‘ (COIN)„, Thomas Tartsch (Diese Abhandlung befasst sich mit der  Bekämpfung der islamistisch motivierten Kriegsführung (Jihadismus) unter militärischen und sicherheitspolitischen Aspekte)
  4. „Wie im Mittelalter.“ Jürgen Todenhöfer über seine Gespräche mit der IS-Führung

Letzte Bearbeitung: 20.1.2015

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