Film „Verblendung“ – wie weit darf Vergeltung gehen?

Kriminalfilme sind eigentlich nicht mein Fall, dennoch möchte ich auf eine Szene des Films ‚Verblendung‘ (2009, Inhaltsangabe, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Stieg Larsson – m.E. ist diese Fassung sehenswerter als die Hollywood-Ausgabe von 2011) näher eingehen:

Die 24-jährige Hackerin Lisbeth Salander (Noommi Raplace) steht wegen ihrer gewaltreichen Kindheit und eines psychiatrischen Gutachtens unter Vormundschaft. Ihr derzeitiger Vormund, der Rechtsanwalt Bjurman (Peter Andersson), nutzt seine Machtposition erpresserisch, um sie sexuell zu erniedrigen – bis hin zur sadistischen Vergewaltigung, und bereichert sich zudem an ihrem Einkommen.

Lisbeth setzt sich zur Wehr:

Nachdem sie von Bjurman zum Oralverkehr gezwungen wurde, bereitet sie sich auf den nächsten ‚Besuch‘ bei ihm vor. Sie zeichnet ihre Vergewaltigung mit einer in ihrer Tasche versteckten Kamera auf und droht, dieses Band zu veröffentlichen, falls Bjurman sie jemals wieder behelligen sollte. Außerdem erzwingt sie eine positivere Begutachtung und erlangt die Verfügungsgewalt über ihre Finanzen zurück.

Doch das ist bei weitem nicht alles: Lisbeth betäubt Bjurman, fesselt und entkleidet ihn und traktiert ihn rektal mit einem großen Plastik-Olisbos. Anschließend verpasst sie ihm mehrere Tritte in die Nieren.

Während Bjurman gezwungen ist, sich ’sein‘ Vergewaltigungsvideo anzuschauen, tätowiert Lisbeth ihm ein unübersehbares  ‚Geständnis‘ in großen, ungelenken Buchstaben auf den Oberkörper:

„Ich bin ein widerliches Sadistenschwein und ein Vergewaltiger.“

Lisbeth1Diese düstere Szene habe ich mir viermal angeschaut. Anfänglich flackerte, wenn auch nur kurz, etwas wie Genugtuung in mir auf – den Einfall mit dem unfreiwilligen Tattoo fand ich spontan ‚intelligent‘ – als ob dadurch weitere Verbrechen Bjurmans verhindern ließen (was natürlich Unsinn ist).

Im realen Leben, so meine Vermutung, dürften nur sehr wenige Missbrauchs- und Vergewaltigungsopfer zu solch einem rationalen(?), planvollen Handeln imstande sein.
Meist überwiegen Angst, desolates Selbstwertempfinden sowie das Bestreben, das Erlebte zu verdrängen.
Würde kann einem niemand nehmen – es sei denn, man nimmt sie sich selbst.“ Diesen und ähnliche Sprüche werden bisweilen aufgesagt, um erniedrigten Opfern sexueller Gewalt (eine merkwürdige Art von) Trost zu spenden. Die oftmals lebenslang wirksamen Traumata sprechen aus meiner Sicht eine gänzlich andere Sprache.

Falls die fiktive Filmhandlung real wäre, wie wäre das Handeln der vergewaltigten und erniedrigten Lisbeth einzuordnen? Sie setzt sich zur Wehr – eine Flucht allein würde ihr nichts nutzen, um der wiederholten Erpressung und Nötigung in Zukunft zu entgehen. Auch eine naheliegend scheinende Strafanzeige wäre nicht von Nutzen: der Aussage einer Entmündigten gegen einen renommierten Juristen würden die Behörden ohne geeignete Beweise kaum Glauben schenken.

Die Sache mit der verdeckten Videoaufzeichnung ist insoweit nachvollziehbar. Aber der Rest?

Im weiteren Verlauf der Filmhandlung verfolgt Lisbeth einen grausamen Serienmörder („Solche Weiber verschwinden die ganze Zeit. Keiner vermisst sie – Huren, Einwanderer...“). Dieser rast im PKW eine Böschung hinab und wird in dem Autowrack eingeklemmt. Statt ihm zu helfen beobachtet Lisbeth mit Genugtuung, wie der Mörder in dem brennenden Wrack stirbt.

Mir fällt ein Ratschlag ein, in Form eines Sprichworts. Sinngemäß lautet es, man solle über niemanden urteilen, bevor man nicht in den Schuhen der betreffenden Person eine gehörige Wegstrecke zurückgelegt habe. Mit anderen Worten, als Außenstehender sollte man vermeiden, zu verurteilen.

Zugleich habe ich die Kritik am (deutschen) Strafrecht im Ohr, laut der eher die Täter als die Opfer im Fokus stehen. Lisbeth wird durch ihre Handlungen, welche für sie selbst fraglos einem Befreiungsschlag gleichkommen, vom Opfer zur Täterin.
Freilich hält sich mein Mitleid mit dem skrupellosen und sadistischen Bjurman sehr in Grenzen. Für die junge Frau geht es nicht allein darum, Vergangenes zu bewältigen – sie sieht ihr gesamtes weiteres Leben durch Bjurman bedroht.

Entscheidend bleibt für mich die Frage: Welche Alternativen hatte Lisbeth in ihrer Situation, die mehrere Kriterien einer klassischen Tragödie (→ Aristoteles) erfüllt? Nun, für mich als äußerlich unbeteiligter Beobachter hätte die Videoaufzeichnung ausgereicht – aber nicht für die zutiefst erniedrigte Lisbeth – die zudem noch über ein fotografisches Gedächtnis verfügt.

Im Film erscheint Lisbeth bald nach ihrer Vergeltungshandlung ‚beruhigt‘ – als ob damit die furchtbaren Gewalterfahrungen zu einer Art Abschluss gelangt seien. Doch der Anschein von innerer Gelassenheit trügt: nach wie vor wird sie von Erinnerungsfetzen (an sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit) und Traumbildern verfolgt.

Lisbeth2

Ihrem Vormund mag bewusst gewesen sein, was er Lisbeth durch erneute sexuelle Gewalt antat – oder auch nicht – jedenfalls war es ihm gleichgültig. Bedenken solche Menschen überhaupt die Konsequenzen ihrer Tat für ihr Opfer? Setzen sie sich kurzzeitig darüber hinweg und überfällt sie ihr Gewissen, nachdem der Rausch der Gewalt vorbei ist?
Das ist zwar nicht unbedingt ‚egal‘, doch für die Opfer sexueller und psychischer Gewalt macht dies keinen Unterschied.

Müsste ich ein Fazit ziehen, würde ich dies mit aller Vorsicht tun: Lisbeth mag in ihrem übersteigerten(?) Vergeltungshandeln nicht als Vorbild taugen; doch der Impuls, den Täter in die Rolle des der Gewalt und Erniedrigung ausgelieferten Betroffenen zu versetzen, erscheint nachvollziehbar. Ein ‚Lerneffekt‘ wird daraus allerdings kaum entstehen – weder im Film noch in der Realität.

Dieser Beitrag wurde unter Filmdokument, Vernunft abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.