Hart aber Fair zur „Scharia-Polizei von Wuppertal“

Ein Blick auf die diesbezüglichen Schlagzeilen – auch in ’seriösen‘ Medien – zeigt, wie ungenau und verschwommen von Begriffen Gebrauch gemacht wird, die längst zu negativ besetzten Schlagworten verkommen:

„Salafisten in Deutschland: Islamisten ziehen als „Scharia-Polizei“ durch Wuppertal“ (F.A.Z. vom 5.9.2014)

Zumindest für jene Medien-Konsumbürger, welche sich primär durch die Lektüre von Headlines über das Tagesgeschehen informieren, entsteht so ein falscher Eindruck: als seien Salafisten in jedem Falle Islamisten und stünden in der Nähe zu religiös motiviertem Terror, wenn nicht zur Unterstützung des ‚Islamischen Staates‘.

Gerade dann, wenn inakzeptable Auswüchse wie diese Wuppertaler „Scharia-Polizei“ vermehrt zu beobachten sind („Das können wir uns nicht gefallen lassen!“, stellt der bayrische Innenminister zutreffenderweise fest), ist eine differenzierte Betrachtung um so notwendiger.

Die Hart-aber-Fair-Ausgabe „Auf Streife für Allah“ ist zumindest um eine tiefergehende Analyse derartiger Ereignisse samt anschließender Reaktionen der Politik, aber auch von Muslimen in Deutschland, bemüht.

Hart aber fair:
Auf Streife für Allah -Welcher Islam ist zu fürchten?


So viel steht jedenfalls fest: Wir brauchen sicher keine Halbstarken mit handelsüblicher Warnweste und aufgeklebten ‚Scharia-Police‘-Schriftzug, welche nachts durch die Straßen patrouillieren und muslimische Frauen anranzen, gefälligst ein Kopftuch zu tragen. (Wollte man nun einwenden, es habe sich keineswegs um einen Anranzer, sondern eine höfliche Frage gehandelt – auch das würde nichts ändern an der anmaßenden, rechtswidrigen Vorgehensweise dieser Gruppe.)

Für die Durchsetzung von Gesetzen und eventuelle Strafverfolgung sind allein die staatlichen Polizeiorgane zuständig – wohlgemerkt für staatliche Gesetze, nicht für einen subjektiv-religiösen Verhaltenskodex, weder zugunsten der Scharia noch irgendwelcher Katechismen etc. Insoweit ist es gut und richtig, dass von staatlicher Seite gegen derartige PR-Aktionen vorgegangen wird.

Von daher stimme ich auch der humorvollen(?) Aufbereitung der ansonsten von mir hoch geschätzten Heute-Show („…endlich Unterstützung für die überlaste Polizei“…) nicht zu, soweit sie diese Aktion als Verrücktheit von ein paar verhaltensauffälligen Jugendlichen relativiert. Trotzdem, der Ausschnitt ist sehenswert;)

Hier ist Konsequenz gefragt, auch über die kurze Zeit medienwirksamer Aufgeregtheit hinaus: Die zuvor als „Scharia-Police“ bekannt gewordene Gruppe war wenige Wochen später offenbar im Raum Köln/Bonn unterwegs – ohne Warnweste, aber wohl mit demselben Anliegen. (vgl. Kölnische Rundschau v. 23.9.2014)

Ausschreitungen in Köln: „Demonstration gegen Salafismus“

Wie dringend eine maßvolle und zugleich konsequente Reaktion der Politik auf die Ursachen des wachsenden religiös-politschen Extremismus in Deutschland ist (zu der ich auch, aber keineswegs nur die Radikalisierung junger Muslime zähle), zeigte sich am vergangenen Sonntag (26.10.2014): Anlässlich einer „Demonstration gegen Salafismus“ ist es in Köln zu heftigen Ausschreitungen gekommen, als sich Rechtsextremisten sich gewaltbereiten Hooligans anschlossen (vgl. F.A.Z.-Meldung mit Ausschnitt aus dem heutigen ZDF-Morgenmagazin). Gemeinsam sei der Mehrzahl der etwa 4.000 Demonstranten eine Gewaltbereitschaft sowie eine „aggressive Grundhaltung gegen den extremistischen Salafismus“.

Diese ‚aggressive‘ Haltung und eine oftmals pauschale Dämonisierung des Islam nehmen  meiner Beobachtung nach in der Bevölkerung allgemein zu – was angesichts der aufgebauschten Berichterstattung (z.B. durch SPIEGEL-Titel wie „Angst vor dem Islam“) einerseits und dem planlosen Gebaren sich verzettelnder Politiker kaum verwundert.

Was ich daran nicht verstehe: ‚unsere‘ Politik kommt über’s Lamentieren und Konferieren kaum mehr hinaus – insbesondere darüber, dass Jugendliche (nicht nur) mit Migrationshintergrund sich bei fundamentalistischen, bisweilen extremistischen Gruppierungen  aufgehoben fühlen. An wirksamer Prävention, etwa im Hinblick auf eine wesentlichen Ursache hierfür – dem Bildungsdefizit bzw. den oft unzureichenden Bildungschancen der betreffenden Jugendlicher und resultierender Perspektivlosigkeit- drücken die politisch Verantwortlichen vorbei. Das ideologische Ziel wahltaktischer Haushaltskosmetik wird derzeit noch höher bewertet.

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