Öl ins Feuer: Trägt der Islam faschistische Züge?

Eine heikle, polarisierende These stellt Hamed Abdel-Samad da auf, wenn er seine pauschale These vom „faschistoiden Islam“ anhand von Aussagen aus dem Koran in Verbindung mit „der“ islamischen Tradition begründet.

Die ägyptische Muslimbruderschaft ist, so wie der italienische Faschismus und der Nationalsozialismus, aus den Trümmern des Ersten Weltkriegs entstanden. Alle drei politischen Strömungen haben wesentliche ideologische Gemeinsamkeiten: die nationale, rassische oder religiöse Auserwähltheitsidee, die gewaltsame Ausgrenzung anderer, das imperialistische Streben nach Weltherrschaft.“(1)

Der Politikwissenschaftler differenziert in seiner Argumentation nicht zwischen extremistischen und moderaten Strömungen innerhalb der Weltreligion Islam. Insoweit stellt sich mir die Frage: wie gelangt ein Intellektueller zu einer derart eindimen-sionalen Sichtweise über eine Weltreligion mit etwa 1,7 Milliarden Gläubigen? Auf Facebook habe er das Bild eines „böse dreinblickender, bärtiger Mannes“ entdeckt, ein Plakat zeigt, mit den Worten:

„Enthauptet diejenigen, die behaupten, der Islam sei die Religion der Gewalt.“

Die so ausgedrückte Geisteshaltung sei im Islam dominanter als andere Aspekte dieser Religion: Der Islam habe die religiöse Vielfalt auf der arabischen Halbinsel beendet, fordere unbedingten Gehorsam ein, lasse keine abweichenden Meinungen zu und strebe die religiös-politische Weltherrschaft an. Daher könne man von „Islamofaschismus“ sprechen, erklärte Abdel-Samad anlässlich eines Vortages in Kairo.

„Deshalb kann man das Phänomen Islamismus nicht vom Islam trennen, denn der Dschihad-Virus schöpft seine Sprengkraft aus der Lehre und Geschichte des Islam.“

Dass er sich wenig später gegen ihn gerichteter Morddrohungen gegenüber sah, von einer Gruppe islamischer Gelehrten offiziell zum Tode verurteilt wurde (→vgl. Anmerkung 1) und daraufhin sogar in Deutschland unter Polizeischutz gestellt werden musste, wertet der Autor als Bestätigung für seine These.

All diese Gelehrten bewegen sich in einem so geschlossenen ideologischen Kreis, dass sie überhaupt nicht merkten, dass ihr Urteil meine Argumente nur bekräftigte.(1)

In Deutschland wird ‚faschistoid‘ nicht selten verengt betrachtet, als Bezug zum Hitler-Regime. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der These vom „Islamofschismus“ erfordert daher zuvor eine begriffliche Klärung:

[Exkurs: Faschismus-Begriff, historische Betrachtung

Faschismus (ital. fascismo, zur Etymologie siehe Anm. 2) war ursprünglich die Selbstbezeichnung einer rechtsgerichteten Bewegung, die Italien unter Mussolini von 1922 bis 1943 beherrschte (Italienischer Faschismus). Bald wurde dieser Bewegung den Begriff auch auf andere rechtsextreme, totalitäre und nationalistische Regimes, Diktaturen und politische Gruppen ausgeweitet, besonders auf den deutschen Nationalsozialismus.

 Definition „Faschismus“

Im Allgemeinen wird Faschismus als historisch-politischer Oberbegriff auf verschiedene rechtsgerichtete, antidemokratische Bewegungen oder Diktaturen, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, angewandt.

Eine neuere Definition des US-amerikanische Politikwissenschaftlers Matthew Lyons aus dem Jahr 2004 erfasst wesentliche Merkmale dieser Bewegungen und ihres ideologischen Gedankenguts:

„Faschismus ist eine Form rechtsextremer Ideologie, die die Nation oder Rasse als organische Gemeinschaft verherrlicht. […] [Faschismus ruft] nach einer ’spirituellen Revolution‘ gegen Zeichen des moralischen Niedergangs (…) und zielt darauf, die organische Gemeinschaft von ‚andersartigen‘ Kräften und Gruppen, die sie bedrohen, zu reinigen.“(2)

Faschismus tendiere dazu, Männlichkeit, Jugend, mystische Einheit und die regenerative Kraft von Gewalt zu verherrlichen. Oft – aber nicht immer – unterstütze er Lehren rassischer Überlegenheit, ethnische Verfolgung, imperialistische Ausdehnung und Völkermord.Vgl. auch: Faschismustheorie]

Sternstunde Religion: Streitgespräch mit Hamad Abdel-Samad über seine These vom ‚faschistoiden Islam‘ (SWR):

In seinem jüngsten Buch „Der islamische Faschismus.Eine Analyse“(1) vergleicht der Autor die totalitären Elemente des Islamismus mit denen des Faschismus, wie  sie im o.a. Abschnitt in aller Kürze dargelegt wurden. Vorab verortet Abdel-Samad etwaige Kritiker, welche gegen diesen Vergleich aufbegehren, ihn vielleicht als beleidigend empfinden, als „Ewiggestrige“ und Islamisten.

Sodann erklärt er seiner Leserschaft, es sei „nicht ganz unproblematisch“, Strukturen und Kernaussagen des vergleichsweise jungen Faschismus auf eine über 1400 Jahre alte Religion zu übertragen. Dies werde „einfacher“, sobald man die Bewegungen des politischen Islam in den Mittelpunkt stellt, die fast zeitgleich mit dem europäischen Faschismus (d.h. in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts) entstanden.
Liegt in dieser ‚Vereinfachung‘ nicht das Eingeständnis einer verkürzten Analyse, welche wesentliche Aspekte und historische Zusammenhänge unbeachtet lässt?

Die Existenz faschistischer Ideologien – politischer und/oder religiöser Natur – welche Ressentiments und Hass erzeugen, die Welt in ein banales Freund-/Feind-Schema einteilen und sämtlichen Gegnern unbarmherzige Vergeltung androhen, lässt sich indessen nicht bestreiten. Abdel-Samad beschreibt diese Haltung mit einem Verweis auf Umberto Eco:

Es kann keinen Fortschritt des Wissens geben, da die Wahrheit bereits offenbart wurde. Nicht um eigenständiges Denken und Lernen geht es also, schon gar nicht um eine kritische Analyse, sondern um das strikte Befolgen der offenbarten Botschaft.

Dieser Denkweise, diesem „Kult der Überlieferung“ begegnet man auch, sobald man sich typische Predigten sog. Salafisten hierzulande anhört. Ergänzt man noch ‚Opferbereitschaft bis in den Tod‘, so gelangt man zu einer Charakterisierung des modernen, radikalen Islamismus – der sich überzeugt zeigt von der moralischen Überlegenheit der Muslime gegenüber dem ungläubigen Rest der Menschheit.
Im islamistischen Denken gilt die Unantastbarkeit des Koran, in dem alles Wissen enthalten ist.

„Der politische Islam fühlt sich mit einem Auftrag Gottes versehen, der, losgelöst von Zeit, Raum und Realität, erfüllt werden muss.“(1)

Eine subjektive Abwägung…

…im Sinne von Pro und Contra zur These von Hamad Abdel-Samad vom ‚faschistoiden Islam‘ liegt fraglos im Auge des Betrachters. Wesentlich erscheint mir das Zugeständnis des Verfassers, dass seines Erachtens auch Juden- und Christentum faschistoide Züge tragen („Der Faschismus ist in gewisser Weise mit dem Monotheismus verwandt.„), welche in beiden Religionen allerdings nur noch auf fundamentalistische Strömungen zuträfen. Insoweit sei der Islam als „verspätete Religion bezeichnen, die heute das eigene Mittelalter erlebt“.
Dennoch klingt hier eine allgemeinere Religions- bzw. Monotheismus-Kritik an:

Die Idee, dass es nur einen Gott gibt, der uns geschaffen hat, der alles bestimmt, was mit uns geschieht, der uns vierundzwanzig Stunden am Tag beobachtet, der unsere Gedanken und Träume kennt, der unser Leben mit Geboten und Verboten kontrolliert und uns bei Verfehlungen mit Höllenqualen bestraft – diese Idee ist der Ursprung der religiösen Diktatur, die wiederum Vorbild für alle anderen Diktaturen ist.(1)

Totalitärer Fundamentalismus kann sehr wohl als Spielart faschistoider Ideologien gesehen werden: seine wesentlichen Elemente stehen in einer Parallele totalitärer Ideologien:

  • Berufung auf grundlegende Schriften,
  • der Anspruch einer Elite, für die Schriftauslegung ein Verständnis- und Deutungsmonopol zu besitzen,
  • Gewalt gegen alle, die Überlieferung und Geltungsanspruch dieser Schriften und ihrer Urheber in Frage stellen,
  • Bezug auf eine ideale und unantastbare Vergangenheit als Modell oder Maßstab für eine paradiesische Zukunft,
  • Diskriminierung bis hin zur Verbannung oder Vernichtung von Personen, sozialen
    Gruppen und Weltanschauungen, die durch ihre Oppositionshaltung automatisch zu Abtrünnigen werden.

Jede zeitgemäße Interpretation der Schriften verbietet sich innerhalb dieser Logik, was einer Immunisierung des religiös-politischen Machtgefüges gleichkommt: die Gebote Gottes dürfe der Mensch nicht umdeuten.“(3)

Diese Einordnung impliziert zwangsläufig, dass ‚der Islam‘ außerhalb von solcherart gleichgeschalteten Regierungsapparaten nicht ausschließlich aus radikalen Fundamentalisten besteht.-

Der Jihad wird im Islam nicht nur als Mittel der Selbstverteidigung, sondern als Dienst an Gott verstanden, der bis ans Ende aller Tage geleistet werden muss.

In der Interpretation des Begriffes ‚Jihad‘ scheiden sich de Geister innerhalb der islamischen Religion: liberale muslimische Theologen predigen längst die Abkehr von der weltumspannenden gewaltsamen Missionierung als der ‚wahren‘ Form, diesen Dienst an Gott zu leisten. Sie stehen in deutlichem Gegensatz zu jenen Kräften, die Kritiker und Andersdenkende als innere Bedrohung eliminiert sehen wollen.

Interessant in diesem Kontext: auch der terroristische Islamismus bezieht sich nicht auf die traditionellen Religionsgelehrten, etwa die al-Azhar-Universität in Kairo, sondern erfindet seine theologische Legitimation von Gewalt auf eigene Faust.(3)

Eben weil diese unterschiedlichen Strömungen auch im Islam existieren (und weil ich Abdel-Samad’s Kritik am radikalen Islamismus/Salafismus teile), widerstrebt es mir, eine ganze Religion in die abwertende Kategorie „Faschismus“ einzuordnen.

Der von Abdel-Samad skizzierte Isolationismus ist nicht nur ein zeitweiliges Merkmal des Islam:
Die gewaltsame Durchsetzung der Scharia und die einhergehende Geisteshaltung ‚Das gesamte Wissen befindet sich im Koran‘ habe jeweils die Entfernung der Muslime vom weltlichen Wissen eingeleitet. „Am Ende standen die Verteufelung der Philosophie und des Wissens und die Unterdrückung von Minderheiten, auch von Frauen.

Auch die christliche Religionsgeschichte kennt solche Phasen, u.a. im ‚finsteren Mittelalter‘. Liegt es deshalb nicht näher, sich religions-übergreifend mit dem Erstarken extremistischer Ideologien kritisch auseinander zu setzen?
Eine solche Ausrichtung sozial- und religionswissenschaftlicher Forschung würde dem Vorwurf entgehen, ein „Feindbild Islam“ zu zementieren – und sie würde auch die meiner Ansicht nach evangelikalen, rechtsgerichteten „christlichen“ Gruppierungen betrachten, welche die Innen- und Außenpolitik z.B. der USA mit weltweit fatalen Auswirkungen mitbestimmen (vgl. → „Stichwort: Christlicher Zionismus„).

In einer derart kontroversen Debatte darf von ‚aufgeklärten, modernen‘ Vertretern einer zeitgemäßen Religiosität erwartet werden, dass sie jede öffentliche Meinungsäußerung hinsichtlich potenzieller Auswirkungen abwägen: Nicht um vor Gegnern zu kuschen – sondern unter dem Aspekt, inwieweit eine Aussage versöhnlichen Charakter trägt oder eher eine fortgesetzte Spaltung der Gesellschaft begünstigt. Letzteres kann meines Erachtens auch nicht im Interesse von Islamgegnern liegen.

Lesen oder nicht lesen?

Das Buch liest sich gut und vermittelt einiges an wissenswerten Fakten, z.B. zur Entstehung der islamistischen Muslim-Bruderschaft und der Geschichte Ägyptens im 20.Jahrhundert. Es sollte aus einer kritischen Distanz heraus gelesen werden, die ein vorurteilsfreie Reflexion vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrungsmomente seines Verfassers.

Quellenangaben

  1. „Der islamische Faschismus.Eine Analyse“ – Hamed Abdel-Samad
    (→ Rezension auf ZEIT online: „Der Weckruf“)
  2. Wikipedia-Eintrag über Faschismus
  3. Gottes langer Schatten -Islamische Kontroversen um Freiheit und Denken„, Kurt Greussing (PDF, Download von externer Seite)

Anmerkungen/Ergänzungen:

  1.  Zur Begründung der Ächtung und Verurteilung von Abdel-Samad habe ein Universitätsgelehrter eine Geschichte aus dem Leben  zitiert:
    Der Prophet entdeckte vor seiner Moschee einmal eine getötete Frau. Er fragte die Betenden, wer sie umgebracht habe. Ein blinder Mann erhob sich und sagte: »Ich habe sie getötet, Prophet Gottes. Sie ist meine Sklavin, und ich habe von ihr zwei kleine Kinder, die zwei Perlen gleich sind. Doch gestern hat sie dich, Prophet Gottes, beleidigt. Ich habe sie aufgefordert, dich nicht mehr zu schimpfen, aber sie wiederholte, was sie gesagt hatte. Ich konnte das nicht aushalten und habe sie umgebracht.« Mohamed sagte daraufhin: »Ihr seid meine Zeugen, das Blut dieser Frau ist zu Recht geflossen!«
  2. Die Etymologie des Wortes fasci (Singular fascio – „Bund“ oder „Bündel“) wird meist abgeleitet vom lateinischen fasces. Diese Rutenbündel waren Machtsymbole zu Zeiten des Römischen Reiches, die die Liktoren vor den höchsten römischen Beamten (Konsuln, Prätoren, Diktatoren u.ä.) hertrugen.(2)

Letzte Bearbeitung/Änderung: 23.1.2015

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