Jungfrauengeburt Jesu? (Teil I)

Ausgangspunkt Weihnachtsgeschichte – Resultat von Idealisierung und Legendenbildung?

Denke ich an die Weihnachtserzählungen aus Kindheitstagen zurück – frage ich mich mit einem Anflug von Wehmut: Handelt es sich lediglich um eine der Illusionen, die irgendwann zwischen dem 6. und 11. Lebensjahr zerbarsten? Was bleibt ‚mir‘ von dem, was ich damals für die Wahrheit hielt?

Ein kurzer Blick zurück: Soweit meine Erinnerung an Omas Gedächtnisprotokolle nicht trügt, kommt dieser Filmausschnitt den damaligen Erzählinhalten ziemlich nahe:

Zusammenfassend liest sich die Geburtsgeschichte ungefähr so: Jesus wurde in Bethlehem geboren, wuchs zunächst in Ägypten und später in Nazareth auf. Der einzige Sohn Gottes wurde 700 Jahre vor seiner Geburt vom Propheten Jesaja angekündigt, in unzähligen Stellen im A.T. war von ihm die Rede. Der Stern zu Bethlehem führte 3 Waise aus dem Morgenland zum Stall, in dem der kleine Jesus geboren wurde. Der Erzengel Gabriel kündigte in Gottes Auftrag der Jungfrau Maria an, dass sie einen Sohn gebären würde.“

Freilich war mein kindliches ‚Wahrheitswissen‘ außerdem durchtränkt vom Glauben an das „Christkind“, das braven Kindern die Geschenke brachte. Dieser Teil der Geschichte fiel als erster dem großelterlichen Aufklärungsdrang zum Opfer…was ich damals als ziemlich tragisch empfand 😉

Davon abgesehen, welche Elemente aus den Geburtserzählungen der Evangelisten und dem christlichen bzw. katholischen Bild der Mutter Jesu kann ich als erwachsener, halbwegs kritisch denkender Mensch für wahr erachten? Diese ganze Nummer mit Maria – genauer der dogmatische Zwang durch die RKK, an etwas ganz und gar Unvernünftiges wie immerwährende Jungfräulichkeit einer Frau und Mutter zu glauben oder unweigerlich in der ewigen Hölle verdammt zu werden (auf die Mariendogmen wird noch im einzelnen einzugehen sein), bildete einen Kernpunkt meiner Entscheidung zum Kirchenaustritt. Gegen glorifizierende Legendenbildung ist nichts einzuwenden, wohl aber dagegen, das unbiblische Produkt daraus den Vereinsmitgliedern als Zwangsmahlzeit aufzuzwingen.
Ist Mutterschaft denn etwas ‚Schmutziges‘, sodass Jesu Mutter damit nicht befleckt sein dürfte? Das Gegenteil ist der Fall, Mütter halten die Menschheit am Leben und leisten mit der schmerzhaften Geburt eines Säuglings einen weit größeren Beitrag als die Väter. Diesen Umstand abzuwerten bzw. zu verleugnen erscheint mir grundfalsch.

These und Antithese

Die Geburt Jesu durch die Jungfrau Maria ist eine dogmatische Grundfeste der christlichen Kirchen. Neben dem Dogma von der glaubt die römisch-katholische Kirche seit dem 4. Jahrhundert ausdrücklich als Tatsache, dass Maria „immerwährende Jungfrau“ sei.

Es gibt (bisher) genau vier Mariendogmen – dass der Heilige Stuhl den Petitionen für ein fünftes Mariendogma stattgeben wird, erscheint nicht wahrscheinlich, denn dadurch würde der ökumenische Prozess fraglos erschwert.

  • Konzil von Ephesus im Jahre 431:
    Maria ist die Mutter Gottes (Gottesmutter, „Gottesgebärerin“)
  • Lateransynode des Jahres 649, unter Papst Martin:
    Immerwährende Jungfräulichkeit Mariens (aeipartheneia): Maria sei in ihrem gesamten Leben Jungfrau geblieben. Diese impliziert zugleich:

    • Die Jungfrauschaft Marias bis zur Empfängnis Jesu. Dies besagt, dass die Menschwerdung Jesu nicht auf menschliche Zeugung, sondern auf ein Tätigwerden des Schöpfergottes zurückzuführen ist. Bis hierhin stimmt die römisch-katholische Lehre mit weiteren christlichen Strömungen, insbesondere des fundamentalistisch-evangelikalen Lagers, überein.
    • Die Jungfräulichkeit in der Geburt Jesu. Der eigentliche Geburtsvorgang erfolgte in einer außerordentlichen, die Unversehrtheit der Mutter nicht berührenden Weise.
  • Papst Pius IX. im Jahre 1854: Maria wurde ohne Sünde empfangen und so vor dem Makel der Erbsünde bewahrt (die unbefleckte Empfängnis bezieht sich auf Maria selbst, nicht auf die Empfängnis Jesu).
  • Papst Pius XII. am 1. November 1950:
    Maria ist in den Himmel aufgenommen (Mariä Aufnahme in den Himmel).

Bekanntlich ist jedes Zweifeln an diesen Dogmen im katholischen Kirchenrecht bis heute mit der Höchststrafe ( →“anathema sit„, →Exkommunikation) bewehrt.

Die Gegenthese dazu wird z.B. von Gerd Lüdemann drastisch formuliert:

„Die Propheten des Alten Testaments haben das Kommen Jesu nicht vorher-gesagt; ihre Aussagen wurden von den ersten Christen auf Jesus hin nachträglich und gegen den ursprünglichen Sinn umgefälscht.
[…] Die Behauptung der Jungfrauengeburt beruht zum einen auf einem Übersetzungsfehler aus dem Hebräischen ins Griechische und zum anderen auf dem Wunsch christlicher Theologen, Jesus auf dieselbe Stufe wie andere ebenfalls von einer Jungfrau geborene Göttersöhne zu stellen.“

(Ist dieser Gegensatz bzw. die Frage nach der Jungfrauengeburt heute überhaupt von Bedeutung? Nun, hierauf baut die überlieferte Geburts- und Ankündigungsgeschichte wesentlich auf.)

Nach Albert Schweitzer führt die „Beschäftigung mit dem historischen Jesus jeweils zum Vorverständnis der Ausleger und Exegeten“: Wenn das jeweilige Jesusbild abhängig sei von den eigenen Ausschlusskriterien und die Literatur über Jesus nur als legendenhaft ausgeschmückte Erzählung bzw. ‚bloß zur Erbauung‘ vorliege, sei ein Weg zur historischen Gestalt des Jesus von Nazareth so einfach nicht möglich.
Ist das so? Welche Inhalte lassen sich tatsächlich auf die biblischen (und ggf. außerbiblischen) Primärquellen zurückführen – und welche Aussagen kamen erst im Laufe späterer Jahrhunderte durch Lehrverkündigungen der Katholischen Kirche hinzu?

Hinsichtlich der ’späteren‘ Aussagen‘ wird man diese nicht pauschal als mythologisches Beiwerk abtun – sondern erforschen, inwieweit diese sich anhand der Primärquellen plausibel belegen lassen.
Die „modernistische Bibelkritik“ beschreibt die Jungfrauengeburt (und z.T. die Auferstehung Jesu) lt. Lüdemann als idealisierte Deutung der frühen Christen. Außerhalb evangelikaler und fundamentalistischer Kreise halte ‚kaum jemand‘ an ihrer Historizität fest.
Insoweit erscheint es zulässig zu hinterfragen, wie z.B. Joseph Ratzinger in seinen christologischen Schriften die Mariendogmatik mit seinem intellektuellen Verstand vereinbart.

Der emeritierte Papst, der zwischen Glauben und Vernunft keine Gegensätze ausmacht, versteht die Berichte im N.T. über Maria und die Geburt Jesu aus einer Jungfrau wörtlich. Ratzinger befindet sich da im Einklang mit Theologen der Alten Kirche, welche Jesus von Nazareth zugleich historisch und metahistorisch, physisch und metaphysisch betrachteten.

Seine Glaubensüberzeugung, etwa dass die Verfasser der alttestamentlichen Schriften die Jungfrauengeburt in zutreffender Weise prophezeit hätten, könne – so Thomas Söding (2) ist zwar als skandalös charakterisieren; sie sei aber nicht irrational, sonder:

„Sein Glaube sieht einen tiefen Sinn, der ohne die Augen des Glaubens nicht zu erkennen ist.“

Anders gesagt, Ratzinger betont die Notwendigkeit des Glaubens – denn vom biblischen Standpunkt her ist es verfehlt, nach einer historischen, biologischen oder medizinischen Erklärung zu suchen. Falls die Jungfrauengeburt eine historische Realität ist, handele es sich um ein einmaliges Ereignis, das aus dem Geltungsbereich der Naturgesetze herausfalle.(2)

Textzeugnisse

Von der Jungfrauengeburt ist im Neuen Testament nur in den Kindheitsevangelien nach Matthäus und Lukas die Rede. In beiden Versionen ist das Motiv mit der Ankündigung der Geburt Jesu und dem Auftrag zur Namensgebung verbunden (Mt 1,18-25; Lk 1,26-38). Beide Male verkündigt ein Engel – bei Matthäus ist Joseph, bei Lukas Maria Adressat.

Bezugspunkt von Matthäus und Lukas ist die griechische (Septuaginta-) Übersetzung von Jesaja 7,14:

„Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben; siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und du wirst ihm den Namen ‚Emmanuel‘ geben; (Jes 7,14 LXX)“

Matthäus zitiert Jesaja, um die Schriftgemäßheit des Geschehens aufzuweisen.
Beide Texte verleihen diesem vorausgesetzten Glauben eine Sprache und vertiefen ihn auf verschiedene Weise. Die sprachliche Fassung ist, wie das Septuaginta-Zitat zeigt, hellenistisch-judenchristlich. Die Personen, die Szenerie (Nazareth, Bethlehem) und das zentrale Motiv der Davidssohnschaft verweisen jedoch auf das palästinische Judenchristentum, dem hellenistisches Denken nicht fremd geblieben ist. Dort liegt die Wurzel der Überlieferung von der Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria in Bethlehem.
Ob Paulus und Johannes das Motiv der Jungfrauengeburt kannten, ist unsicher.

Ob die auffällige Wendung von Mk 6,3 „Sohn der Maria“ (üblicherweise wurden Söhne nach dem Namen ihres Vaters benannt, aber nie nach ihrer Mutter – außer im Falle Jesu) hintergründiges Wissen um die Jungfrauengeburt verrät, muss offen bleiben.

Nach dem hebräischen Urtext weissagt Jesaja, eine „junge Frau“ [ha almeh] werde ein Kind gebären und ihm den Namen Immanuel geben, jedoch übersetzt die Septuaginta mit „Jungfrau“ [parthenos]. Diese Übersetzung stelle das messianische Verständnis dieser Verheißung heraus, wie es sich in Israel entwickelt hat.
Sie radikalisiere ferner die alttestamentliche Messianologie: allein der schöpferischen Kraft Gottes wird der Messias verdankt.(1)

Religionsgeschichtlicher Hintergrund

„Der Kaiser Augustus galt nach Sueton als ein Sohn des Apoll, Alexander der Große wurde gemäß Plutarch durch einen Blitzstrahl empfangen.“

  • Die Antike kennt den Mythos der Jungfrauengeburt in verschiedenen Gestalten:
    Parallelen zum Motiv der Jungfrauengeburt finden sich insbesondere im ägyptischen Königsmythos wieder: In der politischen Theologie des Alten Ägypten feiert der Gott in Gestalt eines Mannes eine heilige Hochzeit mit einer jungfräulichen Königstochter (die dann keine Jungfrau mehr ist), um einen Sohn (den nächsten) Pharao zu zeugen.

Dadurch wird der Pharao der Sohn des (höchsten) Gottes; seine Göttlichkeit ist in seiner Herkunft begründet. Der Gott zeugt seinen „Sohn“, indem er den Geschlechtsakt in Gestalt eines Menschen vornimmt.
Die Funktion des Mythos liegt sowohl in der Legitimation der pharaonischen Herrschaft als auch in der Wahrnehmung göttlicher Präsenz, welche dem Königtum innewohnen soll.

  • Im Hellenismus verliert der Mythos verliert Unmittelbarkeit; in Erinnerung an die Geschichte der Ägypter wird als deren Mythos der Ägypter. Bei Plutarch (Leben des Numa) steht er als geläufiges Exempel für die Göttlichkeit besonderer Menschen; dies lässt erahnen, wie eng der Kontakt von Göttern mit Menschen sein kann.
  • Der römische Dichter Vergil schreibt den Mythos als Literatur fort: die römische Weltherrschaft führt mit der Geburt eines Gottessohnes aus einer Jungfrau in ein goldenes Zeitalter. Der verheißene König kann nur als reiner Gottessohn der Heilsbringer Roms sein: die Pax Romana (ein durch Gewaltherrschaft erzwungener innerer Frieden), wird dargestellt als Handeln der Götter, welches die politische Herrschaft des  begnadeten König legitimiert. Bei Vergil, der den Kaiser Octavius  Augustus als den Erneuerer Roms vor Augen hat, werden die mythischen Motive zu Dichtung; sie interpretieren die die Geburt des Augustus als epochales Ereignis.

Der kritische Text „Keine Jungfrauengeburt!“ auf Theologe.de geht auf weitere Parallelen in der Religionsgeschichte ein – darunter auch auf den Mithras-Kult, den Söding (warum auch immer) unterschlägt: Mithras wurde von einer Jungfrau am 25. Dezember um ca. 600 v. Chr. geboren.

Auch die bildliche Darstellung der Hindugöttin Devaki mit dem Säugling Krishna
an ihrer Brust mag zumindest auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit Marienbildnissen vermitteln:

Die Hindugöttin Devaki mit dem Säugling Krishna

Frühjüdische Rezeption des Mythos
Das Motiv der jungfräulichen Geburt eines göttlichen Herrscherkindes hat auch die frühjüdische Theologie beeinflusst, in der es eine direktes Schöpfungshandeln Gottes affirmiert.

Der Prophet Jesaja weissagt einen schöpferischen Neuanfang, der Israels Messiashoffnung auf eine Weise erfüllt, durch die zugleich die Erwartungen aller Völker auf einen gerechten und heiligen König, der Gottes Herrschaft verwirklicht, über die Maßen erfüllt werden.(1)

Psalm 72 beschreibt das Ideal des altorientalischen Königtums:
„Unparteiisch soll er dein Volk regieren und den Entrechteten zu ihrem Recht verhelfen! Unter seiner gerechten Herrschaft wird das Volk dann in Frieden leben und Wohlstand haben im ganzen Land mit seinen Bergen und Hügeln! Den Benachteiligten soll er Recht verschaffen und den Bedürftigen Hilfe bringen; aber die Unterdrücker soll er zertreten! (…)
Er rettet die Bedürftigen, die zu ihm schreien, die Entrechteten, die keinen Helfer haben. Er kümmert sich um die Schwachen und Armen und sorgt dafür, dass sie am Leben bleiben. Er befreit sie von Gewalt und Unterdrückung, denn vor ihm hat ihr Leben einen Wert. [Ps 72,2-4.12-14 GNB]

Insoweit liegt nahe, dass (mindestens) vergleichbare Erwartungen im Juden an den Messias gerichtet waren – nach Lüdemann (5) finden sie sich ebenfalls in den Seligpreisungen der Bergpredigt (→ Lk 6,20-26) wieder.

Der Messias ist Davidssohn nicht aufgrund genealogischer Abstammung, sondern aufgrund göttlicher Zeugung, die sich durch eine wunderbare Empfängnis vollziehe.

„Die Zeugung ist deshalb im Horizont der Septuaginta weder ein kreatürlicher Sexualakt noch dessen religiöse Überhöhung oder symbolische Deutung, sondern freie Tat Gottes unter dem Aspekt, zur Rettung Israels einem Menschen als Davidssohn das Leben zu schenken, der ganz und gar seine Gnade ist.“

Christologische Aussage
Für Th. Söding orientiert sich neutestamentliche Aussage an der jüdischen Messianologie, nicht an heidnischer Mythologie. Im Gegensatz zu den jungfräulich empfangenen Göttersöhnen werde der Gottessohn Jesus „ohne jede Beiwohnung“ empfangen. Die Texte des N.T. modifizieren die jüdisch-hellenistischen Vorgaben, weil sie in Jesus den von Gott gesandten, nach Gottes Heilsplan gekreuzigten und gestorbenen und von Gott auferweckten Gottessohn vor Augen haben.

Die Schilderung der Vorgänge übernatürlicher Empfängnis bis hin zur Geburt ‚durch eine Jungfrau‘ verfolge nicht etwa die Intention, menschliche Sexualität zu problematisieren – auch werde durch sie nicht die Menschheit Jesu relativiert. Das zentrale Motiv sei vielmehr in der der Verkündigung Jesu als der Christus sowie der Verkündigung Gottes als Schöpfer und Erlöser.

Es gehe nicht darum, zu erklären, dass Jesus durch die Geistzeugung und Jungfrauengeburt Gottes Sohn wird, sondern darum, dass die „geistgewirkte Geburt aus der Jungfrau Maria die Geschichte seines messianischen Wirkens als Gottessohn beginnen lässt“.(1)

Intention
Der Schlüsselsatz bei Lukas – „Bei Gott ist kein Ding unmöglich!“ (Lk 1,37) – ziele nicht auf die Möglichkeit göttlicher Willkür ab, sondern auf die Unbegrenztheit und Überfülle göttlicher Gnade. (Was die Frage aufwirft, wann ein Eingriff in die gottgegebenen Naturgesetze als Willkür anzusehen ist – und wann nicht.) Damit benennt Lukas die Voraussetzung, unter der überhaupt die messianischen Verheißungen Israels erfüllt werden können: dass Gott als Schöpfer und Erlöser in einer Weise handelt, die alle menschlichen Möglichkeiten unendlich übersteigt.

Und doch steht im biblischen Kontext der Mensch im Zentrum des Handelns Gottes – gerade in Bezug auf die Empfängnis und Geburt Jesu. Insoweit erscheint die neutestamentliche Darstellung der Jungfräulichkeit Mariens bis zur Geburt Jesu mindestens inhärent nachvollziehbar. Doch dann scheiden sich die Geister: Der Mensch wurde nun einmal (von Gott) mit einem kritischen Verstand und der Fähgkeit zum vernunftsbezogenen Denken ausgestattet. Da das N.T. – im Gegensatz zu späteren gnostischen Schriften – keinen Zweifel an der menschlichen Natur Jesu lässt, wird für die meisten heute lebenden Menschen nicht erkennbar, weshalb seine Mutter Maria während der Geburt und anschließend – als Kind ihrer Zeit – eine ‚Josefsehe‘ geführt haben soll, d.h. zeitlebens jungfräulich geblieben sein soll.

Der ‚gesunde Menschenverstand‘ sagt mir, dass die Katholische Kirche hier zu weit gegangen ist, als sie die Schriften des N.T. für eine eine künstliche (zusätzliche) Legitimation ihrer Christologie vereinnahmte.
Nicht die Jungfrauengeburt markiert das Christusgeschehen als eschatologisches Erfüllungsgeschehen. Indessen ist vorstellbar, dass der Rückgriff auf den weithin verbreiteten Mythos dazu dienen sollte, den zu missionierenden ‚Heiden‘ die Akzeptanz der zentralen christlichen Aussagen zu erleichtern.

Historizität und Gattungsfrage

Die Gattungsfrage (um welchen Typus von Bericht/Erzählung es sich handelt) ist nicht allein eine literarische Frage, denn sie geht einher mit dem ‚modernen‘ Problem der Historizität:

  • War die Jungfrauengeburt für Matthäus und Lukas in ihrem kulturell-theologischen Denkhorizont ein geschichtliches Faktum?
  • Kann die Jungfrauengeburt in unseren kulturell-theologischen Denkhorizont als geschichtliches Faktum verstanden werden?

Die Texte sind nach Söding kein Mythos, weil die Geburt Jesu ein historisches Faktum sei – mit Maria als seiner natürlichen Mutter. „Sie erzählen nicht, was ’niemals war und immer ist‘ (so die klassische Definition des Mythos bei Sallust)“.

Die Texte sind keine Ammenmärchen, die etwa den Skandal einer unehelichen Geburt Jesu vertuschen wollen. Auch die moderne These, Maria sei vergewaltigt worden, sei reine Spekulation. Lt. Th. Söding handelt es sich – entgegen der mehrheitlichen Auffassung von Theologen der Gegenwart – auch nicht um Legenden.
Nach dieser mehrheitlich vertretenen These ist die Geburt Jesu historisch, die Jungfrauengeburt dagegen eine Wunder-Erzählung ohne historische Substanz – also eine „narrative Ausschmückung“ ähnlich den Engelvisionen.

Diese Einordnung ist für die meisten Gläubigen ‚von Vorteil‘:
Kritische Leser entlastet die Gattungsbezeichnung vom Problem des Historischen, fromme Leser führt sie in eine Welt des Symbolischen, in der die Wahrheit Jesu Christi zuhause sei. Für die Gattung „Legende“ spricht zudem das Vorkommen typischer Motive: Engel, Vision, Audition.

Die Geburtsankündigungsgeschichten stehen gattungsmäßig in der Nachfolge frühjüdischer Geburtsankündigungsgeschichten, die jeweils von Gottes Eingreifen handeln, um zu Israels Heil einem Kind das Leben zu schenken, wo es nach natürlichen Bedingungen unmöglich oder doch extrem erschwert ist (im A.T. beispielsweise die Erzählung von der Geburt Isaaks, des Sohnes von Abraham und Sarah).

„Für Matthäus und Lukas handelt es sich bei den „Kindheitsevangelien“ um biographische Geschichtsschreibung in der Form narrativer Christologie. Ihr Geschichtsverständnis lässt Raum für das Handeln Gottes, für Gnade und Inspiration, Engel und Erscheinungen, auch für die Jungfrauengeburt; ihre Christologie verlangt die Erdung durch eine Geburtsgeschichte, in der das Geheimnis der Gottessohnschaft Jesu aufleuchtet.“(1)

Allerdings verlange das Geschehen der Geburt Jesu eine Darstellung als Geschichte, „weil Gott die Geschichte Jesu beginnen lässt; die Geschichte verlangt eine Darstellung als „Wunder“, weil Gott diese Geschichte zum eschatologischen Heil bestimmt“.
Die vom göttlichen Geist gewirkte Empfängnis Jesu lasse sich ebensowenig auf der Ebene alltäglicher Ereignisfolgen auffassen wie seine Auferstehung von Toten, sondern „ebenfalls als ein eschatologisch-einmaliger, unableitbarer und unüberbietbarer Vorgang“.

Dieses Argument gibt durchaus zu denken: Wenn bezüglich der Geburt Jesu ein übernatürliches Einwirken Gottes weitgehend ausgeschlossen wird – auf welcher Grundlage steht dann die Lehre von seiner Auferstehung?
Aller nur Legendenbildung, um einer besonderen Persönlichkeit, die ‚durch und durch Mensch war‘, einen gottähnlichen/göttlichen Anschein zu verleihen?

Spätestens diese Annahme geht den allermeisten christlichen Theologen zu weit, was nachvollziebar ist – doch wo (und wie) sollte man die Grenze des ‚zulässigen‘ übernatürlichen Einwirken Gottes ziehen? Es leuchtet ein, dass die Antwort auf diese essenzielle Glaubensfrage nicht im Wege einer Zweidrittelmehrheit von Gegenwartstheologen zustande kommen kann…

Bis auf weiteres versuchen viele Theologen, einen Dammbruch im Sinne einer Erosion von Glaubensinhalten zu verhindern. Auch vor diesem Hinergrund wird die Empfängnis durch den Geist Gottes (d.h. auf übernatürlichem Wege) weit über den katholischen Wirkungsradius hinausgehend als Ereignis von entscheidender Bedeutung für das Verständnis Jesu als Christus gesehen.
Doch dies trifft sicher nicht auf die Dogmen von einer immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens (d.h. während und nach der Geburt) zu.

  • (Quellenangaben siehe Teil II)

 Weiterlesen:

Jungfrauengeburt Jesu? (Teil II): historisch-kritische Betrachtung

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