Jungfrauengeburt Jesu? (Teil II): historisch-kritische Betrachtung

Fortsetzung von Teil I

Die Geburt Jesu durch die Jungfrau Maria ist eine „dogmatische Grundfeste“ der christlichen Kirchen. Für römisch-katholische Gläubige sind weitere Mariendogmen verbindlicher Glaubensbestandteil, insbesondere die Aussage der ‚immerwährenden‘ Jungfrauenschaft Mariens.

Die zuvor dargelegte, an der kirchliche Lehrtradition orientierten Sichtweise genügt einer wesentlichen Anforderung ‚unserer Zeit‘ nicht: Sogar spirituell aufgeschlossene Menschen suchen vielfach nach einer rationalistisch-fortschrittsbezogenen Perspektive für ihren Glauben, d.h. sie erwarten, dass die ‚Hintergrundstory‘ mit der wahrnehmbaren Realität kompatibel ist.
Metaphysische Aussagen werden folglich nicht länger als unantastbar hingenommen, sondern sie müssen plausibel begründet werden, um (weiterhin) Glaubwürdigkeit zu besitzen. Freilich mag man sich fragen, was nach dieser Maxime überhaupt noch bleibt vom Leben und Wirken Jesu sowie vom theologischen Lehrkonstrukt insgesamt – das Übernatürliche ist nun mal integraler Bestandteil der christlichen Religion. Insoweit sind Plausibilität und Kohärenz als Prüfungskriterien geeignet, nicht aber naturwissenschaftliche Beweisbarkeit: ‚Wunder‘ lassen sich naturgemäß nicht messen und reproduzieren.

Die rein rationale, historische Betrachtung der neutestamentlichen Evangelien – unter der Fragestellung, inwieweit ihnen stets historische Fakten zu Grunde liegen – erweist sich insoweit als ein Hindernis des Verstehens. Andererseits zählt die Mariendogmatik eben nicht zu den zentralen Inhalten der Evangelien und lässt sich nur mit Mühe (manche sagen ‚mit Verblendung‘) aus ihnen konstruieren. Von daher ist die Frage als angebracht, weshalb gläubige Christen weiterhin an dieser von Menschen erdachten Lehrtradition festhalten müssen bzw. sollten.
Hinzu kommt ein neues, für die RKK offenbar mehr als ärgerliches Selbstbewusstsein sowohl der Gläubigen als auch der westlich geprägten Denkweise insgesamt: Drohung und Zwang werden nur noch von wenigen hingenommen – in einer Zeit, da devote Autoritätsgläubigkeit nicht mehr der Normalfall ist. Glauben ohne zu hinterfragen kommt auch im christlich geprägten Umfeld noch vor, doch scheint hier ein wesentlicher Unterschied nach Altersgruppen zu bestehen.

II. Sichtweise der HKM

Die Fragestellung, inwieweit man den ‚Jesus der Evangelien‘ noch vernünftigerweise als mit dem „historischen Jesus“ in Einklang bringen kann, ist ebenso interessant wie weitläufig. An dieser Stelle betrachte ich lediglich, wie die römisch-katholische Mariendogmatik von Theologen der Gegenwart eingeordnet wird. Vgl. →“Was nicht in der Bibel steht„, Dokumentation über die Historizität der kanonischen Evangelien, mit Schwerpunkt Kindheit Jesu)

Die Historisch-kritische Methode (‚HKM‘) ist ein Methodenapparat zur Untersuchung von historischen Texten. Für die biblischen Exegese will sie, einen (biblischen) Text in seinem damaligen historischen Kontext zu verstehen und auslegen. Dabei spielen Rekonstruktion der vermuteten Vor- und Entstehungsgeschichte des Textes und seine situative Einbindung in das historische Geschehen eine besondere Rolle.

Die Mariendogmen entziehen sich vollständig einer historischen oder biologischen Überprüfung mit den heutigen Methoden der Geschichts- und Naturwissenschaft. Die historisch-kritische Analyse der Texte, die die Geburt Jesu betreffen, verweist daher auf folgende, sich an nachprüfbaren Fakten orientierende Argumente(3):

Die historische Kritik habe die Berichte der vier Evangelien daraufhin untersucht, ob sie ein zuverlässiges Bild von Jesus enthalten. Sie gelangt zu dem Resultat, dass „dieses Bild im Wesentlichen das der ‚glaubenden Gemeinde‘ ist“(6).
In der Vorstellung von einem Messias als Retter bündelten sich vielfältige Hoffnungen der Menschen – nach dem Tode Jesu setzten sich endzeitliche Erwartungen an ein unmittelbar bevorstehendes „Reich Gottes“ fort.
Die Forschung habe klar gezeigt, dass die meisten Jesusworte (in den ersten drei Evangelien des N.T.) auf spätere Interpreten der Person Jesu zurück gehen: Christliche Propheten, Schriftgelehrte und – nicht zuletzt die Evangelisten des N.T. hätten  „nachträglich dem von ihnen angebeteten ‚Herrn‘ Sprüche in den Mund gelegt und Taten zugeschrieben“.

Bis hierhin ließe sich mit Claudia Keller wohlwollend einwenden: Die Verfasser der Evangelien waren keine Historiker, sondern Gläubige.

Doch die Schöpfer biblischer „Propaganda“ hätten, so G. Lüdemann, zudem keine Skrupel gekannt, die Echtheit von Texten durch literarische Manipulationen vorzutäuschen. Tatsächlich enthält das N.T. in seiner heutigen Form auch Dokumente mit unwahrer Verfasserangabe (→Pseudepigraphie in biblischem Zusammenhang); in ihnen spiegelt sich der christliche Glaube einer späteren Zeit wider. Allerdings ist der Expertenstreit,  welche Bücher des N.T. einen unzutreffenden Verfasser angeben, längst nicht abgeschlossen. Die Auffassung Lüdemanns, auch bei den vier kanonischen Evangelien handele es sich in Wahrheit anonym vorliegende Berichte – z.B. sei habe die altkirchliche Tradition das Markusevangelium fälschlich dem Markus (einem Mitarbeiter des Petrus) zugeschrieben – ist heftig umstritten.

„Fälschung oder Lüge liegen dort vor, wo einer Person unzutreffende Worte oder Taten mit einer bestimmten Absicht zugeschrieben werden, und dort, wo man historische Abläufe absichtlich falsch darstellt.“ G.Lüdemann (6)

 Argumentation gegen Jungfrauengeburt und Mariendogmen

  • Die ältesten Dokumente des N.T., das Markus-Evangelium und die Paulusbriefe, berichten nicht von einer Jungfrauengeburt.
  • Die überlieferte Weihnachtsgeschichte enthalte überwiegend fiktive Elemente, welche den tatsächlichen Hergang sehr idealisieren. Die Anwesenheit von Engel entstamme primitiver Mythologie, und die Hirten auf dem Felde ebenso wie die Magier aus dem Morgenland seien Idealpersonen. Zudem sei Jesus nicht in Bethlehem, sondern in Nazareth geboren worden.
    Jesus hatte einen menschlichen Vater, weshalb Jungfrauengeburt lediglich als theologische Deutung aufzufassen sei: Sie betont die Göttlichkeit der Person Jesu, indem sie ihn auf dieselbe Stufe wie andere Gottessöhne der Antike stellt, die angeblich ebenfalls von jungfräulichen Müttern geboren wurden.
  • Sämtliche Weissagungen aus dem Alten Testament, die traditionell auf Jesus bezogen werden, haben mit diesem nichts zu tun.“(6)
    Insbesondere wird die Bezugnahme im Matthäus-Evangelium auf die LXX-Übersetzung des Jesaja-Verses 7,14 (s.o.) u.a. von Lüdemann als unzutreffend erachtet – denn Jesaja habe dabei ein noch zu seiner Zeit (8. Jh. v.Chr.) eintretendes Ereignis im Blick gehabt, als er dem König Ahas die Geburt eines Sohnes voraussagte
    .
    Außerdem: im hebräischen Original stehe „junge Frau“ und nicht „Jungfrau“.
  • Das N.T. erwähnt Geschwister Jesu, u.a. Jakobus, welche mit Schaffung des Dogmas von der immerwährenden Jungfräulichkeit Marias zu Vettern und Cousinen umgedeutet wurden.
  • In diesem Kontext wird bisweilen auch auf eine Legende aus dem 2. Jhd. n.Chr. verwiesen: Ein römischer Soldat namens Panthera soll gemäß dem römischen Philosophen Kelsos der leibliche Vater Jesu aus einer unehelichen Beziehung mit Maria sein.
    Viele Forscher halten die Legende für antichristliche Polemik. Jedenfalls lässt sich nicht rekonstruieren, ob die Überlieferung der Geistzeugung Jesu und der Jungfrauengeburt eine Reaktion auf oder die Voraussetzung für den jüdischen Vorwurf der Nichtehelichkeit Jesu ist. Jedoch spricht keine der vorliegenden Quellen von einer Vergewaltigung, wie Lüdemann vermutet hat.

Fazit: Die historisch-kritische Arbeiten zur Jungfrauengeburt und zur Weihnachtsgeschichte sehen einen Widerspruch zum biblischen Anknüpfungspunkt der Mariendogmen und erst recht auch zu den Dogmen an sich.
Wenn Jesus gar nicht von einer Jungfrau geboren wurde, fällt auch die gesamte römisch-katholische Mariologie einschließlich der unbefleckten Empfängnis in sich zusammen.

Zuständigkeit der historisch-kritischen Analyse

Wie Söding darlegt, handelt es sich bei der Jungfrauengeburt – falls sie eine historische Realität wäre – um ein singuläres (einmaliges) Ereignis, das aus dem Geltungsbereich der Naturgesetze herausfällt.
Dann aber könne die Geburt Jesu mit historischer Methodik „weder verifiziert noch falsifiziert werden; denn die Geschichtswissenschaft ist nicht nur auf Kritik und Analogie, sondern auch auf Korrelation geeicht, die Jungfrauengeburt durchbricht aber gerade die irdischen Kausalketten“.

Dieser Ausführung ist meiner Ansicht nach irreführend: die HKM sieht sich sehr wohl imstande, die zugrunde liegenden Textquellen zu analysieren und damit zu einer Einschätzung zu gelangen, ob die Mariendogmen eine historische und/oder biblische Grundlage besitzen. Soweit erkennbar, scheint dies nicht der Fall zu sein.
Dass keine wissenschaftliche Methodik einen Glaubenszugang ersetzen (oder auch nur herbeiführen) kann, liegt indessen auf der Hand.

  • Jenseits der mutmaßlichen Faktenlage bleibt die Frage nach der spirituellen Bedeutung bzw. Intention der Lehre von der ‚immerwährenden‘ Jungfräulichkeit Mariens. Ein möglicher Gedankengang dazu:

„Nach 2Kor 11,2 sollen alle Christusgläubigen – ob Mann oder Frau, ob ledig, verheiratet oder verwitwet – „Jungfrau“ (im geistlichen Sinn) sein: Keine irdische Bindung soll wichtiger genommen werden als die Liebe, die Gott in Christus schenkt. Maria „verkörpert“(!) diese jungfräuliche Haltung auf besondere Weise.“

Eine symbolische Bedeutung also? Dadurch würde ein Konsens zwischen den den verschiedenen christlichen Konfessionen evtl. erleichtert – doch ich bezweifle, dass sich Befürworter der Mariendogmen darauf einlassen.
Wozu würde sonst die Verfluchung (anathema sit) jener Gläubigen beibehalten, die ihre Schwierigkeiten mit diesem Dogma haben? Diese ans Mittelalter erinnernde Sanktionierung erweist sich längst als Anachronismus
, der viele Katholiken und Gläubige anderer Konfessionen gleichermaßen aufbringt.

Persönlich suche ich in Fragen, wo Theologie und Wissenschaft aufeinander treffen, zunächst nach einer versöhnlichen Auflösung von Konflikten – im Sinne einer Synthese (’sowohl-als auch‘). Dieser Ansatz ist bezüglich der römisch-katholischen Mariendogmen (vor allem der lebenslangen, „immerwährenden“ Jungfräulichkeit Mariens) allerdings zum Scheitern verurteilt:

Für mich ganz persönlich ist diese diktierte Lehre nicht plausibel – und auch nicht notwendig, um Jesu Anliegen und Lebenswerk zu verstehen. Dabei mag es sehr wohl Ereignisse geben, die nur theologisch zu erkennen sind. Solche außerordentliche Ereignisse würden – so meine ich – derart viel Beachtung gefunden haben, dass sie in kaum widerlegbarer Weise überliefert wären – und nicht erst Jahrhunderte später konstruiert.

„…was ist für die Kirche denn so Schlimmes daran, wenn sich Maria und Josef innig und selbstlos liebten und sich ein gemeinsames Kind miteinander wünschten?“ Theologe.de (4)

Selbst Joseph Ratzinger gesteht zu, an der Gottessohnschaft Jesu würde sich nichts ändern, wenn Josef und Maria dessen leibliche Eltern wären. Seine Beziehung zu Gott werde/würde dadurch nicht berührt. (Freilich hielt Ratzinger an der Jungfrauengeburt fest, vgl. Teil I).
Die Fragestellung, ob Jesus Gottes Sohn ist, kann sicher nicht durch die moderne Biologie beantwortet werden.

Die bibel- und kirchenkritische Theologin Uta Ranke-Heinemann beleuchtet die Kindheitsgeschichte Jesu nach Matthäus mit einer gehörigen Portion Humor:

„Da Herodes alle männlichen Kinder töten ließ, ‚die zweijährig und darunter waren‘ (…) muss mindestens ein Jahr zwischen der Geburt Jesu und dem Besuch der vom Stern herbei geleuchteten Magier vergangen sein, und muss Jesus im zweiten Lebensjahr gestanden haben.
Sonderbarerweise lag Jesus aber, wie wir aus allen kirchlichen Krippendarstellungen mit den Heiligen Drei Königen wissen, immer noch in der Krippe, war also wohl kein sehr lebhaftes Kind. In diesem phlegmatischen Charakterzug war Jesus offenbar nach dem Vater [gemeint ist Josef] geschlagen, der nach all der Zeit immer noch mit seiner jungen Familie im Stall fest saß.“(7)

Und zu den Erfüllungssagen bei Matthäus (Schilderung Begebenheiten im Leben Jesu, durch die eine Vorhersage im A.T. erfüllt worden sein soll) stellt Ranke-Heinemann fest:

„Das ist wie bei Eugen Roth, wo das Wiesel auf dem Kiesel um des Reimes willen saß.(7)

Ironie und Sarkasmus sind sicher unterhaltsame Stilmittel, um logische Brüche in der nachträglichen Verklärung der Geburt Jesu aufzuzeigen. Andererseits wird selbst von katholischen Theologen kaum mehr bestritten, dass die Evangelien ’nicht von Historikern, sondern von Gläubigen‘ verfasst wurden.

Andererseits fühle ich mich unwohl angesichts einer mit dem Gefühl des Triumphs (so mein Eindruck) vorgetragenen ‚Siegeshymne‘ der HKM:

„Die historische Kritik hat die Bibel entzaubert und ist zur Totengräberin des Glaubens geworden. Neutestamentliche Forschungen ergeben: Für den Glauben bleibt kein geschichtliches Fundament zurück, auf das er nach eigenem Bekunden angewiesen ist – und das er sich doch nur selbst ausgedacht hat.“

„Das Neue Testament kann demnach für niemanden, der seine fünf Sinne beisammen hat, noch Heilige Schrift sein.“
G.Lüdemann(6)

Mir scheint, auch hier wird weit über das Ziel – der Rekonstruktion des ‚historischen Jesus‘ – hinaus geschossen. Wo das römische Lehramt mit auf Erfindungen gegründeten Mariendogmen Zwang auf ’seine‘ Gläubigen ausüben will, entreißen Bibelkritiker wie Lüdemann ihnen die Fundamente ihres Glaubens geradezu ‚mit Gewalt‘.

Wenn ich die kirchliche Mariendogmatik den Ausführungen Lüdemanns gegenüberstelle, das Bild polarisierender Extrempositionen – von denen keine die Glaubenswirklichkeit der meisten Christen beschreibt. Offen bleibt die Frage: Woher nehmen die beiden ‚Pole‘ ihre Gewissheit, mit der sie subjektiv-spekulative Aussagen vehement als vermeintliche Tatsachen bzw. ‚intersubjektive Konklusionen‘ vortragen?

Und: was genau feiern viele Menschen eigentlich vom 24.-26. Dezember – wenn weder die historischen noch die traditionellen Grundlagen des Weihnachtsfestes für sie von Belang sind? Doch nur das ‚Fest der Geschenke‘, bei dem romantisches Gesäusel von Liebe und Frieden nur stört?

„Lenke die Masse mit Spielzeug und virtuellen Möpsen ab
und greife ihr in die Tasche.“ (S.Baxter – ‚Multiversum‘)

***

Quellenangaben zu Teil I und Teil II:

Literaturhinweise:

 

Dieser Beitrag wurde unter Bibel, Christentum, Glaube, Jesus, Katholizismus, Religionen, Vernunft, Wissenschaftlichkeit abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.