Synkretismus – Religion zum Selberbauen – und wo liegt das Problem?

„Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos“, befand Joseph Ratzinger, als er – damals noch als regierender Papst in Amt und Würden – am 23.September 2011 das Erfurter Augustinerkloster besuchte. Der Glaube sei nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln: „Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit.“2

Der Vorwurf an ‚Synkretisten‘ lautet also: Manche erschaffen ihren Gott so, wie es ihnen beliebt. Oder sie formen/modifizieren ihr eigenes Gottesbild aus den Versatzstücken, welche sie verschiedenen Religionen entnehmen. Was bedeutet Synkretismus also? Handelt es sich dabei um eine typisch moderne Unsitte oder gar Sünde?


Ein Beispiel: Elemente des Christentums mit einem Wiederverkörperungs-Glauben („Reinkarnation“) zu verbinden, wird von christlichen Kirchen und Denominationen vehement als Synkretismus und Irrlehre kritisiert. Zu Recht? Synkretismus ist die Synthese religiöser Ideen oder Philosophien zu einem neuen System oder Weltbild.

Freilich ist der Sprachgebrauch in theologischen Auseinandersetzungen ein anderer: Hier wird „Synkretismus“ abwertend und ausgrenzend als Synonym für Verfälschung und Häresie verwendet – nicht selten in einem Atemzug mit einem weiteren Kampfbegriff, der Sektenbildung. Und „Sekte“ ist doch ohne Ausnahme etwas richtig Böses, oder?
Zugleich wird der Eindruck erweckt, es existiere tatsächlich eine ‚reine‘, also seit ihren Anfängen unverfälscht erhaltene Religion, die nun durch eine respektlose und unverständige ‚Wünsch dir was‘-Theologie verunreinigt werde. 

Nachdem ich mich mit der historisch-kritischen Analyse biblischer Texte befasst habe, wurde mir zunehmend deutlich: Die Bibel, insbesondere das A.T. ist voll von Beispielen, wo Menschen ihre zeitgenössischen Vorstellungen, Bedürfnisse und Erwartungen auf Gott projiziert haben.
Mehr noch, es wurden z.T.
verabscheuungswürdige Handlungen und GeboteA und ideologischer WahnB dem Gott des A.T. in den Mund gelegt und Seine  Autorität durch die Urheber solcher Genozidphantasien beansprucht. Bibeltexte wurden in vorgefasste dogmatische Schemata gepresst – was nicht passte, wurde passend gemacht.
Auch lässt sich die Entstehung nahezu jeder Religion als synkretistischer Prozess beschreiben. Vermutlich wurde/wird das Christentum von jüdischer Seite als Ergebnis eines solchen Vorgangs betrachtet: Jesus war Jude – und das Christentum hat viele Elemente des Judentums vereinnahmt bzw. übernommen, insbesondere die gesamte Tora.

Auch durch Missionierung kommt es zu Vermischungen. So bestehen beispielsweise in Südamerika und Afrika ‚einheimische Versionen‘ des christlichen Glaubens. Hier wird freilich von  ‚Kontextualisierung‚ gesprochen, um die negative Konnotation des Begriffs Synkretismus zu vermeiden.
Wo bis heute eine Volksfrömmigkeit besteht, greifen Menschen auf alte religiöse Schichten zurück – ohne etwaige Widersprüchlichkeiten zu auszuräumen: Die gesamte Marien-, Engel- und Heiligenverehrung im Katholizismus wird vom Lehramt in Rom nicht nur geduldet, sondern als „Fleischwerdung des Glaubens“ bis zu einem bestimmten Grad gefördert. Allerdings wird der Eindruck einer Anbetung von Heiligen nach außen hin vermieden, man ist schließlich monotheistisch.

Die Wandlung – unblutige Erneuerung des Kreuzesopfers?

  • In der Eucharistischen Anbetung (während der röm.-kath. Messfeier) knien die Gläubigen faktisch vor einem Stück Brot – weil sie glauben, dass Jesus Christus in der konsekrierten Hostie gegenwärtig sei. Gregor Dalliard setzt sich in seinem Buch „Das römisch-katholische Messopfer“ (→ PDF) kritisch mit diesem „Kult“, wie er es nennt, und der Transsubstantiationslehre auseinander.

„Sooft das Kreuzesopfer, in dem Christus, unser Osterlamm, dahingegeben wurde, auf dem Altar gefeiert wird, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung.“
„Kleines Konzilskompendium“, S. 124

Ich möchte dazu nicht zu sehr ins Detail gehen, doch die zeitlich beliebige Wiederholung des Erlösungswerkes Christi ‚auf Kommando‘ des Priesters erscheint Kritikern in höchstem Maße unbiblisch – und als Beleg für Synkretismus.

Der ehemalige römisch-katholische Priester Dr. H. J. Hegger schreibt zu diesem Thema: „In der Eucharistie entfaltet die römisch-katholische Kirche eine Lehre, die darauf hinausläuft, dass sie über Christus und über sein Opfer am Kreuz verfügen kann…“.
Dalliard verschärft diese Kritik noch: Heidnische Elemente seien durch die Katholische Kirche in das Abendmahl integriert worden – als Mysterienkult: „Das Opfer von Golgatha wurde nun, wie die Heiden dies bei ihren Opfern machten, auch immer wieder unblutig nachvollzogen, jeden Tag wiederholt, aktualisiert„.

Ausgerechnet der Massenmörder und Kriegstreiber Papst Innozenz III. habe anlässlich des Laterankonzils im Jahr 1215 die Lehre der Verwandlung von Brot und Wein in den wirklichen Leib und das wirkliche Blut Jesu als heilsnotwendig zum Dogma erklärt. Wenig später, ab 1220, verlangte Papst Honorius III., dass diese Hostie von allen angebetet werden müsse.(3)

Warum das Ganze – auch gegen heftige innere Widerstände – durchgesetzt wurde?
Nur die „Inhaber der Konsekrationsgewalt“, d.h. geweihte Priester dürfen die Wesensverwandlung bewirken. Im Ergebnis wurde also die priesterliche Macht und damit de Macht der Kirche insgesamt gestärkt – die gläubigen Laien gerieten in zunehmende Abhängigkeit von Priestern und Kirche, wenn sie in eine Beziehung zu Gott treten wollten. Das Abendmahl Jesu wurde in eine Messe transformiert, die nun Messe das Zentrum klerikaler Machtausübung bildete.
Übrigens entstand aus dem lateinischen Satz „Hoc est Corpus…“ („dies ist mein Leib…“) im Laufe der Jahre der Begriff „Hokuspokus“, der bis heute im Zusammenhang mit magischen Ritualen gebraucht wird. Zufall?

Als Nichtmitglied habe ich die römisch-katholische Glaubenspraxis nicht zu kritisieren – dennoch es mutet befremdlich an, wenn Vertreter der RKK nun den Begriff ‚Synkretismus‘ zur Diffamierung Andersgläubiger instrumentalisieren – wo die eigene Kirchengeschichte doch hinreichend Indizien für einen synkretistischen Prozess liefert.
Vor diesem Hintergrund lautet die Frage keinesfalls, ob Synkretismus auch innerhalb der ‚offiziellen‘ Religion stattfand. Sondern vielmehr: Wer ist (oder betrachtet sich als) hinreichend autorisiert, die Glaubenslehren zu modifizieren bzw. zu ‚bereichern‘?

Normalerweise halte ich nicht viel von der ‚Das tun andere doch auch‘-Rechtfertigungsstrategie – jedenfalls nicht im Hinblick auf schädigendes Verhalten. Doch hier geht es allein um das exklusive, weil ganz persönliche Welterklärungsmodell, das sich die allermeisten Menschen errichten. Inwieweit jeder Einzelne von uns sich dieses aus erlaubten/geduldeten und ‚unzulässigen‘ Fragmenten zusammengesetzte Glaubens-, Mutmaßungs- und Interpretationsmuster eingesteht, ist freilich eine andere Frage.


Exkurs: Entwicklungspsychologie – Lernen nach Piaget

Wie die Entwicklungs- und Lernpsychologie gezeigt hat, ist unserer Lernverhalten ganz und gar nicht darauf programmiertes, ein ‚fremdes‘ Denk- und Interpretationssystem unreflektiert zu übernehmen. Lernen findet leichter und effizienter statt, wenn wir uns Inhalte eigenständig erarbeiten.

Ein Schema, der „Grundbaustein menschlichen Wissens“ ist eine kognitive Struktur, d.h. ein organisiertes Wissens- oder Verhaltensmuster, je nach Alter zählen auch internalisierte Denkmuster dazu.
„Begriffe werden so verzweigt und miteinander vernetzt, dass sie in einen (individuell) logischen Zusammenhang gebracht werden. Ein Schema dient als ‚Geistesvorlage‘ (Schablone), beispielsweise für eine Handlung, mit der man – ohne zu nachzudenken – auf dieselbe Art handeln kann.“
Schemata sind individuelle Kategorien oder Netzwerke, in denen nach bestimmten Regeln Objekte oder Ereignisse eingeordnet werden können.

Dabei werden zwei Mechanismen unterschieden:

Assimilation bedeutet Eingliederung neuer Erfahrungen oder Erlebnisse in ein bereits bestehendes Schema.
Reize (auch Eindrücke und Informationen) aus der Umwelt werden in das bereits Bekannte eingeordnet. Vorhandene Wissen hilft dabei, um eine ähnlich erscheinende Situation zuzuordnen. Hierbei handelt es sich nicht um ein starres Raster: Die Wahrnehmung wird falls nötig so verändert/umgedeutet, dass die vorhandenen, kognitiven Strukturen (Schemata) ausreichen, um die Situation bewältigen zu können.

Nun begegnen wir auch neuartigen Situationen, welche mit den vorhandenen Schemata nicht bewältigt werden können. In diesem Falle greift der zweite Mechanismus:

Akkommodation bedeutet die Erweiterung bzw. Anpassung eines bestehenden Schemas (also der kognitiven Strukturen) an eine wahrgenommene Situation.
Akkommodation findet also nur statt, sofern Assimilation ncht ausreicht, d.h. . eine Situation sich nicht in ein vorhandenes Schema integrieren lässt. → Vorhandenene Schemata sind müssen erweitert, ausdifferenziert werden.
Nach erfolgreicher Akkommodation wurden kognitiven Strukturen so angepasst, dass sie der Realität wieder entsprechen und zukünftig für eine Problemlösung optimiert sind.

Die Anpassung (Adaption) der vorhandenen Schemata – also der individuellen Wissensnetzwerke – an eine aktuelle Situation erfolgt über Assimilation und Akkommodation.
→ Vgl. Entwicklungsstufenmodell nach Piaget

Die Forschung geht von einer angeborenen Tendenz eines jeden Organismus zur Adaption, sich an seine Umgebung anzupassen. Hypothetisch-deduktives Denken ist fraglos mit die komplexeste und fortgeschrittenste Variante, mit Umweltinformationen und unbeantworteten Fragen umzugehen.

Was hat nun Lernverhalten mit Religion zu tun? Mit diesem arg verkürzten Ausflug versuche ich zu belegen: Es entspricht unserem Naturell, unser eigenes Erklärungssystem (=’Schema‘) zu entwickeln, anstatt von außen vorgegeben Informationen zu vertrauen, selbst wenn sie mit der von uns wahrgenommenen Realität nicht oder nicht vollständig kompatibel sind. Insoweit ist ein synkretistischer Zugang zu unbeantworteten Fragen wie Tod & Jenseits oder der Existenz einer übernatürlichen schöpferischen Intelligenz eher der Normalfall, und nicht etwas Verwerfliches oder gar ‚Sündhaftes‘.


Fazit

Kommen wir zum eingangs zitierten J.Ratzinger aka Benedikt XVI zurück. Dessen Anliegen(2), die Ernsthaftigkeit von Glaube und Religionsausübung zu wahren, ist nachvollziehbar. Zugleich verwarf der Papst religiösen Individualismus und betonte stattdessen die „Einheit“, womit er sich offenbar sowohl auf die Einheit(lichkeit) des Glaubens als auch auf die Einheit der universalen (römisch-katholischen) Kirche bezieht.
Der erhobene Zeigefinger ist bemerkenswert, denn die Religionsgeschichte belegt zweifelsfrei: keine der monotheistischen Religionen durchlief die Phasen ihrer Entstehung und Ausbreitung, ohne bei älteren Texten und Mythen (z.B. der Sumerer und Ägypter) ‚Ausleihen‘ vorzunehmen.

  • Vgl. hierzu → „Noahs Vorbild„, SZ vom 27.1.2014
    Die Sintflut als zentrales Motiv in der Bibel ist „nur die Variante eines deutlich älteren Mythos aus dem Zweistromland“. Beide Erzählungen werden mehr als tausend Jahre früher datiert als der betreffende Teil des Alten Testaments. (→ Atrahasis-Epos, → Gilgamesch-Epos)
    Auf Seite 2 des Artikels heißt es: Im Kino werde vielleicht „das Ausmaß der zum Glück fiktiven Grausamkeit der Sintflut deutlicher als gemeinhin im Religionsunterricht“.

Atraḫasis-Epos, Bruchstücke der 1. Tafel

Auch am Beispiel der sog. Jungfrauengeburt Jesu habe ich versucht, dies deutlich werden zu lassen.
Wie Lademann-Priemer einleuchtend und gegensätzlich zur päpstlichen Einlassung darlegt, ist Synkretismus eben nicht einseitig als schädlich und als Bedrohung von Reinheit und Authentizität anzusehen – er bedeutet zugleich auch eine „lebendige Entwicklung, die aus Begegnungen erwächst“.

Das Ergebnis ist eine Synthese, die etwas Neues darstellt.
Man muss auch anerkennen, dass manche synkretistischen Erscheinungsformen (…) tief in der menschlichen Psyche verwurzelt sind“.(1)

Fraglich sei außerdem, ob/wie die Identität von religiösem Glauben gewahrt werde. Nun, offensichtlich bemühen die großen Denominationen im Christentum ganze Scharen von Glaubenswächtern, welche die ‚Reinheit‘ ihrer Glaubenslehre wahren sollen. Letztlich steht zugegebenermaßen Frage im Raum, wie viel Synkretismus der christliche Glaube verträgt – wie der Spagat zwischen Fundamentalismus und Synkretismus vollzogen werden kann.(1)

Diese Form gemeinschaftlicher Orientierungshilfe ist nicht notwendigerweise negativ – solange sie erkennbar auf Zwang nach innen sowie Polemik nach außen verzichtet. ⇒ Es braucht zwar keine Leitplanken fürs Denken, aber einige Wegweiser sind womöglich hilfreich.
Eines liegt jedoch auf der Hand: Keine Religionsgemeinschaft, die einen kategorischen Absolutheits- und Alleinvertretungsanspruch aufrechterhalten will, wird synkretistische Entwicklungen jenseits der eigenen Dogmatik offiziell zulassen – ebenso wenig wie einen wirklich kritischen Zugang zu ‚ihren‘ Glaubensfundamenten.

 »Das ist alt und gilt nicht mehr!«

Sicher, da gibt es auch eine dunkle, unschöne Seite von Synkretismus: aus ‚früheren‘ und aktuelleren Glaubenselementen wird eine ‚passende‘ Anschauung zusammengezimmert. Freilich, Beliebigkeit kann und sollte auch nicht das Resultat einer ernsthaften Sinn- und Erkenntnissuche sein. Doch ganz offensichtlich hat sich auch das Christentum im Laufe der Jahrhunderte erheblich gewandelt ⇒ Erstarrung in unveränderlichen Dogmen (die auch nicht auf letztgültigem Wissen beruhen, sofern sie von fehlbaren Menschen in die Welt gesetzt wurden) kann wohl nicht die Lösung sein.

Was ist nun ein zulässiges Kriterium?

Da kann man endlos drüber debattieren, ohne auf einen Konsens zu kommen. Und selbstverständlich fü Für mich muss ein Glaubensgebäude jedenfalls ‚Sinn ergeben‘ und eine plausible Erklärung für das sein, was objektiv zu beobachten ist. Natürlich besteht dabei die Gefahr, meinem persönlichen, also ganz und gar subjektiven Beurteilungsraster den Vorzug zu geben.

Ein Beispiel: die Theodizee (warum lässt Gott das Leid auf der Welt zu?) kann nach meinem Dafürhalten nur auf zweierlei Weise beantwortet werden:

    1. Entweder haben die Atheisten Recht – wenn es keinen Gott gibt, hat sich die ganze Fragerei eh‘ erledigt.
    2. Oder es muss Ursachen/Gründe des Leid geben, die außerhalb dieser einen Lebensspanne liegen. Wenn ich schon vorher mehrere Leben gelebt habe, ist es möglich, dass mein ‚Konto‘ (→ Karma) noch nicht ausgeglichen ist.
      Anders sind entsetzliche Krankheiten und früher Tod von kleinen Kindern aus einem religiös-theologischen Blickwinkel meiner Ansicht nach nicht schlüssig einzuordnen.

Nachdem ich an Gott glaube, kommt für mich nur Alternative B in Betracht. Damit mein Gottesglaube in meinem Kopf einen Sinn ergibt (d.h. nicht im Widerspruch zum beobachtbaren Leid von Kindern steht), kann ich nur von einer Wiederverkörperung ausgehen.
Mein ‚persönlicher Synkretismus‘ erwächst also aus einem Abgleich meines Glaubenssystems mit erwiesenen Beobachtungen und Fakten. RKK und Protestantismus
sehen das anders, nun ja, das ist eben Pech… raubt mir aber schon lange nicht mehr den Schlaf.

Wer glaubt schon an etwas, das ihm absolut nicht einleuchtet?


Anmerkungen

  • A. „Nun bringt alle männlichen Kinder um und ebenso alle Frauen, die schon einen Mann erkannt und mit einem Mann geschlafen haben.“
    4 Mose 31,17 EÜ
  • B. „Denn jedes Volk und jedes Reich, / das dir nicht dient, geht zugrunde, /
    die Völker werden völlig vernichtet.“ Jesaja 60,12 EÜ

Quellenangaben

Literaturhinweis

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