Stichwort: Christlicher Zionismus

Das Erstarken eines radikal-islamischen Fundamentalismus ist durchaus Anlass zu ernster Sorge, nicht erst seit den Erfolgen der fanatischen Mörder- und Plündererbande IS/ISIS. Dieser Fokus sollte nicht den Blick verstellen für eine weitere ernst zu nehmende Entwicklung:
Der Endzeitglaube protestantischer Fundamentalisten hat sich vor allem in Nordamerika und in der Dritten Welt ausgebreitet – mit weitreichenden Auswirkungen auf das religiöse, politische und soziale Leben dieser
Regionen.

Sandeen formulierte die Erkenntnis, dass der fundamentalistische Glaube nur dann adäquat verstanden werden kann, wenn man ihn als Ausdrucksform eines bestimmten apokalyptischen Endzeitdenkens, des sog. Prämillennialismus auslegt.(1)

Während eschatologische Mythen und Symbole sind schon immer Bestandteile religiöser Vorstellungen waren, ist ein „apokalyptischer Wahn“ als treibende Kraft hinter den religiösen Fundamentalismen relativ neu.

Religionskrieg(e) der USA im 21. Jahrhundert?

Endzeitliche Vorstellungen von christlich-fundamentalistischen TV-Prediger, Buchautoren und Institutionen propagieren lt. Kamphausen(1) „einen Religionskrieg gegen den Islam – stilisiert zum „Kampf des Lichtes (=Christentum) gegen die Finsternis (Islam als letztes großes satanisches Bollwerk)“. Hierzu interpretieren sie die „politischen und militärischen Vorgänge im Nahen Osten im Lichte biblischer Endzeit-Prophezeiungen“.
Bisweilen deuten sie die Irak-Kriege (1991 und 2003) als Vorläufer der Entscheidungs-schlacht von Armageddon(4) – dem letzten Gefecht der Menschheit vor dem Zweiten Kommen Christi („Second Coming„).

Die Gefahr, in diffuse Verschwörungsthesen abzugleiten, sehe ich bei diesem Thema durchaus – inwieweit sollen Endzeit-Vorstellungen kausal mit dem realen geopolitischen Geschehen verknüpft sein? Hier verschafft allein der Blick auf die Faktenlage Klarheit.

Wiederkunft Christi – Live dabei?

Zwei evangelikale Fernsehsender verstärken ihre Präsenz in Israel. Beide warten mit Kameras auf die Wiederkunft von Jesus. Dazu soll ein dauernde Blick auf den Ölberg (→Webcam) sorgen.

Diesen Aufwand betreibt nur, wer fest vom zeitnahen Bevorstehen eines epochalen Ereignisses überzeugt ist – und meint, Juden in Israel im Sinne des christlichen Evangeliums missionieren zu müssen. (Vgl.→ „Messianisches Judentum“:
Gift im Schokoladenbonbon„)

Entstehung des Dispensationalismus

Die schweren Krisen des 19. und 20. Jahrhundert förderten eine neue religiöse Weltsicht: das Ende der Welt stehe nahe bevor – vor der Wiederkunft Christi müssten sich die in der Bibel überlieferten, apokalyptischen Visionen erfüllen.
Der Ursprung dieser Bewegung geht auf den Theologen John Nelson Darby (1800-1880) zurück. Darby ging davon aus, dass Israel als das von Gott erwählte Volk versagt hatte, als der Messias (Jesus) kam und es ihn ablehnte und später kreuzigte. Darum gehe Gott seither mit Israel einen grundsätzlich anderen Weg als mit der christlichen Gemeinde.

Darby und seine Anhänger waren überzeugt, die unfehlbare göttliche Autorität der Schrift fordere,

„…dass der Gläubige eine wortgetreue Erfüllung aller Prophezeiungen erwarten müsse; der Glaube, dass (…) die Welt immer verdorbener werde und ihrem baldigen Gericht entgegeneile; der Glaube, dass Christus getreu seinem Wort auf diese Erde zurückkehren und den Juden vor Beginn des Tausendjährigen Reiches Palästina zurückgegeben werde.

Im Dispensationalismus muss die Bibel konsequent wörtlich ausgelegt werden, besonders wenn es sich um Prophetie handelt. Als Begründung dient die Aussage, bis heute sei „alle Prophetie wortwörtlich erfüllt“ worden. Deshalb werde wird auch alle auf die Zukunft bezogene Prophetie wortwörtlich in Erfüllung gehen.

Ein Begriff ist im Kontext des „christlichen Zionismus“ besonders von Bedeutung: „Dispensationalismus“ leitet sich von einem Periodenschema ab, mit dem Darby das biblische Heilsgeschichte – und damit das Handeln Gottes an seiner Schöpfung – in verschiedenen „Dispensationen“ einteilte.
Gemäß diesem Prinzip der Bibelauslegung entfaltet sich die Weltgeschichte in heilsgeschichtlichen Phasen.

Dispensationalistischer Prämillennialismus erwartet als eine dieser ‚Heilszeiten‘ die nahe bevorstehende Wiederkunft Christi und die Aufrichtung seines „tausendjährigen Friedensreiches“, ausgehend von Jerusalem.
Nach dieser „Road Map“ befänden wir uns heute in der unmittelbar vor der 7.
Dispensation, d.h. der Wiederkunft Christi. Die Befürworter christlicher Endzeitvorstellungen bilden keinen einheitlichen Block, vielmehr bestehen sie aus unterschiedlichen Strömungen – denen allerdings der Glaube an das Second Coming Jesu gemeinsam ist.

Die Bezeichnung Fundamentalismus geht auf eine ab 1910 veröffentliche 12-bändige Publikationsreihe dem Titel ‚The Fundamentals: A Testimony to the Truthzurück. Darin werden fünf essentiellen Lehraussagen wie Dogmen festgeschrieben:

  • Fehlerlosigkeit der Heiligen Schrift,
  • Jungfrauengeburt,
  • das stellvertretende Sühneopfer Jesu,
  • seine leibliche Auferstehung und Wiederkunft,
  • historische Authentizität der Wunder.

Der Prämillenarismus legt die Offenbarung des Johannes wörtlich aus und wird besonders von fundamentalistischen bzw. evangelikalen Gruppen vertreten (auch hierzulande, laut eingesehener Literatur sind Gläubige sich u.U. gar nicht bewusst, dass ihre Kirche diese Konzeption verfolgt). Indem sie ihre bibelbezogene Exegese auf die Geopolitik der Gegenwart beziehen, gelangen manche Anhänger dieser Lehre zu erstaunlichen, ja erschreckenden Schlussfolgerungen:

  • Israel müsse das gesamte Land zwischen dem Nil (in Ägypten) und dem Euphrat (im Irak) erobern.
  • Sodann müsse der al-Aqsa-Schrein auf dem Tempelberg zerstört werden.

    al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt.

  • Binnen 3½ Jahren werde der dritte jüdische Tempel errichtet und die Levitischen Praktiken samt Tieropfern wiederhergestellt. (Vorhaben zur Wiedererrichtung des einstigen Tempels sind eine Quelle ständiger Spannung zwischen Muslimen und Juden.)

Erst dann seien (nach weiteren 3½ Jahren) die Voraussetzungen erfüllt, damit Christus inmitten einer Schar von Engeln wiederkehre – und alle Menschen vernichten werde, die sich nicht rechtzeitig zu ihm bekehrt haben.
Ein weiteres Element dieses kruden Endzeitszenarios sei der Glaube an die Notwendigkeit eines (Welt-)Krieges, in dem auch Atomwaffen zum Einsatz gelangen. (Vermutlich wurden zu jeder Zeit apokalyptische Vorstellungen mit dem Wissen um die jeweils modernsten und tödlichsten Kriegswerkzeuge verbunden.)

Als drittes Element kommt der in evangelikalen Kreisen nicht unumstrittene Glaube an die Vor-Entrückung hinzu.

Videbeitrag auf YT: ‚Christlicher Zionismus‘

Für christliche Zionisten ist naheliegend jede Rückgabe von Land an die Palästinenser ein Sakrileg, denn Israel wird der Verwalter eines Gebietes (einschl. Jerusalem) betrachtet, welches Gott für sich reserviert habe – um sein messianisches Königreich zu errichten.

1948 – „ein besonderes Gnadenjahr in Gottes Heilsökonomie“

Die Neugründung des Staates Israel (1948) wird als unfehlbarer Beweis für die Wahrhaftigkeit der einschlägigen Prophetien gesehen – und zugleich als wesentlicher Meilenstein der o.a. ‚Road Map‘. Seit 1948 lassen sich, so die neueren Dispensationalisten, die politischen Entwicklungen in der Umgebung Israels in ihrer endzeitlichen Bedeutung präzise verstehen und auslegen.

„Am 15.5.1948 hat der prophetische Countdown begonnen.“
(H. Lindsey)

Nächster ‚Meilenstein‘ war der Sechstagekrieg (1967) – ein Präventivschlag Israels gegen die arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien. Danach kontrollierte Israel den Gazastreifen, die Sinai-Halbinsel, die Golanhöhen, das Westjordanland und Ostjerusalem.
Auch der  Jom-Kippur-Krieg (1973) sowie der Golfkrieg von 1991 lösten in den USA religiöse Erregung aus – viele Dispensationalisten glaubten darin weitere Beweise für die nahe Endzeit zu erblicken.

Für die ‚dispensationalistische Politik‘ ist die uneingeschränkte Souveränität Israels über die West-Bank, die Golanhöhen und ganz Judäa und Samaria, sowie die Annexion Jerusalems ein von Gott gegebener Rechtsanspruch.
Folgerichtig warnen Christlichen Zionisten in den USA davor, die Politik Israels gegenüber den Palästinensern zu kritisieren; vielmehr solle die US-Regierung sich im Nahost-Konflikt stärker engagieren und bedingungslose Solidarität mit Israel üben.

Realitäts- und bildungsfernes Gefasel einzelner verblendeter Geister? Keineswegs:

  • Auf dem 3.Internationalen Christlich-Zionistischen Kongress wurde im Februar 1996 in Jerusalem u.a. festgelegt: Die „endzeitlichen Ereignisse im Nahen Osten“ machten es erforderlich, dass das Christentum eine klare geistliche, politische und militärische Entscheidung für Israel und gegen die islamische Welt treffe…
  • Einblicke in die enge Verzahnung von evangelikalem Fundamentalismus und realer Politik in den USA liefert ein Blick auf den jährlichen Kongress „Washington/Israel Summit“ der „Christians United For Israel‚. Die CFUI ist die größte Pro-Israel-Organisation in den Vereinigten Staaten.

In der ‚Recap 2014‘ heißt es in einem Zitat, bezogen auf den jüngsten Krieg zwischen Israel und der Hamas:
…the truth is that the Israeli Defense Forces should be given the Nobel Peace Prize…  for fighting with unimaginable restraint. One day, when the enemies of Israel are defeated and the cynics are silenced, people will look back and marvel at how the most threatened nation on earth never lost its nerve and always upheld its values.

„Geistliche Kriegsführung“ (spiritual warfare)

Nach dieser Vorstellung mobilisiert Satan seine letzten Kräfte, um den bevorstehenden Einbruch des Friedensreiches zu verzögern.(3)

Vor diesem Hintergrund ist die Rede von „bestimmbaren geographischen Regionen…, in denen sich nicht nur menschliche Schlechtigkeit auffällig zu ballen scheint … , sondern in denen auch der Widerstand gegen das freie Bekenntnis des christlichen Glaubens besonders hart ist.“
Durch genaue geographische Lokalisierung ‚des Feindes‘ sollen also die Verläufe der geistlichen Fronten präzise ermittelt werden… Der „satanische“ Gegner auf diesem Kampfplatz ist der Islam, der nicht nur im Nahen Osten als Bedrohung gesehen wird. Vielmehr wird oft das Schreckensbild gezeichnet, wonach die ganze Welt eine „islamische Invasion“ erlebt.
Viele christliche Fundamentalisten, die George W. Bush jun. unterstützten, begreifen das (geo-)politische Geschehen als jenen Kampfplatz, auf dem eine geistliche Auseinandersetzung stattfindet. Für sie verschwimmen die Grenzen zwischen der geistig-religiösen Auseinandersetzung und der US-Politik.-

Für mich persönlich ist unvorstellbar, wie religiöse Personen („Christen“) eine derart menschenverachtende ‚Zukunftsgestaltung‘ realpolitisch betreiben können. Die zeitlich unbestimmten Prophetien der Bibel werden dadurch zu einer selbsterfüllenden Prophezeihung (Self-fulfilling prophecy) montiert:
Das erwartete Verhalten einer anderen Person (=Prophezeiung) soll durch eigenes Verhalten erzwungen werden – d.h. konkret: Dispensationalisten verstehen sich als Gottes Werkzeug, wenn sie dessen Handeln auf die Sprünge helfen bzw. die Voraussetzungen dafür herstellen wollen.

Der katholische Geistliche und Buchautor Pater Anselm Grün kommentierte apokalyptische ‚Visionen‘ mit den Worten:

…ich denke, alle diese Schwarzmalereien sagen mehr über den Schreiber
aus als über die Realität der Welt. Da schreiben manche ihre Ängste einfach nach außen und meinen, das wäre die Objektivität.(7)

Anmerkungen

  • Um antisemitischen Überlegungen vorzubeugen: Die hier sehr verkürzt aufgegriffenen Endzeit-Vorstellungen entstammen der prämillenialistisch-dispensationalistischen Bewegung, d.h. einer christlich-fundamentalistischen Strömung. Viele Israelis legen absolut keinen Wert auf deren ‚Umarmung‘, zumal sie die Motive dieser Bewegung sehr wohl als gegen ihre vitalen Interessen gerichtet durchschauen.
  • Auf Bibelzitate habe ich in diesem Kontext bewusst verzichtet, denn ich erachte jede Vermischung von Religion und Politik als gravierenden Fehler – insbesondere die Herleitung politischer Ziele aus ‚Heiligen Schriften‘ wie Bibel oder Koran.
    Dies ist eine Seite von Religion, meines Erachtens nicht gottgewollt sein kann.

Quellenangaben

  1. Ernest R. Sandeen – „The Roots of Fundamentalism“ (Digit. Auszug)
  2. Erhard Kamphausen: „Judentum und Islam im Endzeitdenken des fundamental
    istischen Protestantismus und der pentekostalen Bewegung nordamerikanischen Ursprungs“
  3. E. Kamphausen – „Christlicher Zionismus und Endzeitglaube“
  4. Als Beispiel: Roger Liebi – „Der Untergang Babylons“:
    Israel und das Schicksal des Irak“ (1. Teil s. Vortrags) /
    Saddam Hussein und das neue Babylon“ (2. Teil s. Vortrags)
    „Wir können ja bekanntlich nicht berechnen, wann die Wiederkunft Christi stattfindet. Weder die Entrückung, noch sein Kommen in Herrlichkeit. Aber wir wissen es ist nahe und in Verbindung mit dem Golfkrieg (…) können wir sagen der Tag des Herrn ist nahe und die Entrückung natürlich um so näher.“ Allerdings bezieht sich Liebi in diesem Vortrag vorwiegend auf das A.T., neutestamentliche Texte zum Thema bleiben weitgehend unbeachtet.
  5. Rezension zu dem Buch von Roger Liebi, ‚Leben wir wirklich in der Endzeit?‘
  6. 3. Tempel führt zum 3. Weltkrieg“ auf anavim.org
  7. Horst Koch – „Endzeitlehren im Wandel der Zeit
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