These zur Textanalyse: Die Syro-Aramäische Lesart des Korans

Anhaltspunkte für die Entstehung des Islam aus dem syrischen Christentum?

 „Unter den Frommen hat die Archäologie keine Freunde.“
Volker Popp

Nach islamischer Lehrtradition wurde der Koran vollständig dem Propheten Muhammad  offenbart und unter dem Kalifen ʿUthmān ibn ʿAffā, der zwischen 644 und 656 herrschte, kanonisiert. Grundlage aller gegenwärtigen Koranausgaben ist der Text, den 1924 die Al-Azhar-Universität in Kairo veröffentlicht hat. Über die Frühzeit des Islam und die Person und das Leben Muhammads liegen kaum verlässliche Primärquellen vor. Die Orientalistik verlässt sich daher notgedrungen auf „die spärlichen und in erheblicher zeitlicher Entfernung zu Muhammads Lebenszeit (570-632 n. Chr.) und ausschließlich von Gefolgsleuten verfassten Biographien Muhammads aus dem 9. und 10. Jahrhundert“ (Schirrmacher). → Vgl. Geschichte des Korantextes, Wikipedia

Fragment einer Koran-Handschrift aus dem 14. Jahrhundert

Die dem Korantext zugrunde liegenden Begebenheiten um den Propheten Mohammed und die weitere Ausbreitung des Islam wurden bisher niemals auf ihre historische Gültigkeit hin untersucht.-

Unter Titeln wie „Die Syro-Aramäische Lesart des Koran“ wurden vor etwa 15 Jahren Forschungen vorgestellt, die diesen Offenbarungsweg in Frage stellen. Hierbei geht es nicht  allein um den Wortlaut – beispielsweise, ob von Jungfrauen oder weißen Weintrauben4 (als Belohnung im Paradies) die Rede ist. Indem die Unantastbarkeit des Textes infrage gestellt wird, wird der Status des Korans als fehlerlos tradiertes ‚Wort Gottes‘ in Zweifel gezogen. Für gläubige Muslime ein schweres Sakrileg.

Dass nun ausgerechnet die sexuellen Freuden des muslimischen Paradieses beschnitten werden sollen, zielt kaum ohne Absicht auf einen neuralgischen Punkt.

„Bei Luxenberg blieben unter anderem die „Huris“ auf der Strecke, jene „Paradiesjungfrauen“, die der Koran etwa den Märtyrern verheißt.(3)

Dies könnte islamistischen Selbstmord-Attentätern („Märtyrern“) durchaus zu denken geben – und jenen, die den Koran politisch missbrauchen: Mit der Vision von den willigen Huris wurden und werden werden junge Männer fürs „Märtyrertum“ geködert(4).

Für die meisten Muslime steht indessen unverrückbar fest, dass der uns überlieferte Text wortwörtlich wiedergibt, was Gott dem Propheten Muhammad offenbarte. „Das ist es, was dem Koran seine Macht verleiht, im Guten wie im Bösen.“(1)
Vorbehaltlose Quellenforschung ist im Islam also ein Tabu. Will man das muslimische Textverständnis deshalb für naiv erachten, trifft dies erst recht die westliche Koranwissenschaft, soweit sie Berichte über die frühe Aufzeichnung der an Muhammad übermittelten Suren als zutreffend erachtet. Bringt das Buch „Die syro-aramäische Lesart des Koran“ die Koranexegese tatsächlich in Erklärungsnot, leitet es womöglich eine Wende ein, wie sie die Bibelauslegung vor einem Jahrhundert getroffen hat?

Das Werk über „Die Syro-Aramäische Lesart des Koran“ wurde unter dem Pseudonym Christoph Luxenberg veröffentlicht. Der Philologe, ein promovierter Semitist – also Fachmann für alte semitische Sprachen, insbesondere das Aramäische – will die „dunklen Stellen“ des Koran erhellen, d.h. Passagen, die schwer verständlich sind.
Luxenbergs These hierzu:
Bei diesen Stellen handelt es sich um a
ramäische Worte, welche man bislang für ‚Koran- Arabisch‘ hielt. Die muslimischen Editoren hätten (fälschlich) angenommen, der Koran sei vollständig in arabischer Sprache – der „Sprache Gottes“ offenbart offenbart worden. Tatsächlich, so Luxenberg, habe ein „Ur-Koran“ existiert, der ursprünglich in einer „aramäisch-arabischen Mischsprache“ verfasst wurde.

Ein Ur-Koran als christlich-liturgisches Werk?

Das klingt abenteuerlich. „Sollte seine Methode sich durchsetzen, entstünde nicht weniger als ein grundlegend neues Verständnis des Korans.„, schrieb die ZEIT im Jahre 2003(4). Offensichtlich hat bis heute, 15 Jahre nach der Erstveröffentlichung des Buches, eine derartige „kritische Wende“ noch nicht eingesetzt.

Bereits zum Anfang des  20. Jahrhunderts begann  eine Koranexegese mit historisch-kritischen Methoden, zum Beispiel durch Carlo de Landberg, Martin Hartmann und Karl Vollers. Schon damals wurde vermutet, dass sich hinter Teilen des Korans christliche Hymnendichtung verberge.
Auch der Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig betrachtet den Koran ähnlich der Bibel als ein „Gemeindeprodukt“, mit einem Grundbestand an echten Muhammad-Worten, doch von seinen Redaktoren und bis Ende des 7. Jahrhunderts erweitertunter dem erkennbaren Einfluss des syrischen Christentums.

Luxenberg geht so weit, den gesamten Koran als ursprünglich christlich-liturgisches Buch einzuordnen – hierzu zählt er alle Suren, die traditionell zur „ersten mekkanischen Periode“ gerechnet werden – dessen Ursprache in weiten Teile nicht Arabisch, sondern Aramäisch gewesen sei.
Für diese These könnte sprechen, dass Moses, Jesus und Maria im theologischen Teil des Korans überaus präsent sind – frühchristliches (arianisches?) Gedankengut im Koran? Tatsächlich gehen auch Ohlig und Puin davon aus , dass wesentliche bisher auf den Propheten Muhammad bezogene Schriftzeugnisse vielmehr christliche Texte eines syrisch-arabischen Christentums seien und der Name Muhammad  gar kein Eigenname sei, sondern sondern ein Titel („der Gepriesene“). Daraus lasse sich schlussfolgern, dass es eine historische Person mit Namen Muhammad, den Verkünder des Islam, nie gegeben habe.

In jedem Falle werde deutlich, dass der Koran sich als Teil der Schrift verstand, aber niemals als die Schrift selber:

  • Sure 75:17: „Uns obliegt es, das Lektionar durch Exzerpte aus der Schrift zusammenzustellen und zu lehren.“
  • Sure 41:3: „Eine Schrift, die wir in eine arabische Lesart übertragen haben.“

(Treffen diese Übersetzungen(1) überhaupt zu? In der konservativen Literatur, hier: Tafsīr Al-Qur’ān Al-Karīm(2), wird 41:3 übersetzt mit: „ein Buch, dessen Verse als Qur’ān in arabischer Sprache klar gemacht worden sind für Leute, die Wissen besitzen“ – und 75:17 mit „Uns obliegt seine Sammlung und seine Verlesung.“ Die Bedeutungen sind nicht annähernd vergleichbar.
Hier zeigt sich, dass Luxenberg das Wort Koran auf den syrischen Ausdruck qeryana zurückführt, das in der christlichen Liturgie ein Lektionar bezeichnet, d.h. eine Anleitung für Liturgie und Predigt.)

Zur Zeit der Koranredaktion war Aramäisch die maßgebliche  Schriftsprache; das Altarabische wurde als Schriftsprache erst durch die schriftliche Fixierung des Korans  etabliert. Das spricht für gelegentliche Entlehnungen aus dem nah verwandten Aramäischen sowie dem Hebräischen.
Um seine neue Lesart ganzer Textstücke zu entwickeln, macht Luxenberg sich eine Besonderheit der frühesten Koranaufzeichnungen zunutze. Deren Konsonantenschrift (d.h. auf Vokale wurde fast vollständig verzichtet) ist mehrdeutig, auch weil sie wie die nabatäisch-aramäische Kursivschrift, von der sie abstammt, verschiedene Konsonanten mit dem gleichen unpunktierten Häkchen bezeichnet.

Inwieweit die Syro-Aramäische Lesart zutrifft, entzieht sich jenseits der philologischen Fachwelt jeder Beurteilung. Die Reaktion dieses Fachpublikums fällt offenbar kritisch aus. Es scheint, dass Luxenberg weit übers Ziel hinaus schießt und dabei doch lediglich Spekulationen vorweisen kann, welche er mit hinlänglich bekannter Textkritik vermischt.

Neu-Intepretation – auf welcher Grundlage?

Luxenbergs Ansatz behauptet, etwa ein Viertel der mehr als 6.000 Koranverse erfordere für ein korrektes Textverständnis, von einer ursprünglich aramäischen Sprachgestalt bzw. von einer Mischsprache auszugehen. Diese unterscheide sich wesentlich vom später ausgebildeten Hocharabischen und führe zu einer Reihe von eigenen Interpretationen von Koranversen:

  • Ausgangsthese: ein Großteil des Koran gehe auf die zum Teil missverstandene Übersetzung eines syrischen Lektionars zurück, das Hymnen und Auszüge aus der Bibel enthielt. Dieses Lektionar sei zum Zwecke der Mission ins Arabische übersetzt worden.
    • Die koranische Phrase „hūr(in) ʿīn(in)„, die unbestritten nur so viel wie „weiße, äugige“ bedeutet, aber traditionell sich auf „weißäugige Jungfrauen“, die im Paradies den Gläubigen dienen, beziehen soll, bedeutet laut Luxenberg ursprünglich „weiße Juwelengleiche“ als poetischer Hinweis auf Trauben. Der Koran nehme an diesen Stellen die seit Jahrhunderten vertraute christliche Paradiesvorstellung auf.
    • Der Vers 31 der Sure 24 (an-Nur) bildet die koranische Grundlage im Islam für das Kopftuchgebot für Frauen. Wörtlich heißt die Stelle: „Sie [die Frauen] sollen ihre chumur über ihre Taschen schlagen“, wobei die eigentliche Bedeutung des chumur unklar ist, aber traditionell als Kopftuch (oder ‚Tücher um ihre Kleidungsausschnitte‘) verstanden wird.
      Luxenberg hingegen sieht in chumur ein aramäisches Wort in der Bedeutung Gürtel und interpretiert die Stelle als „sie sollen sich ihre Gürtel um die Lenden binden„.
    • Die Sure 97 (Al-Qadr), die nach traditioneller Interpretation die Nacht der Herabsendung des Koran betrifft, beziehe sich in Wirklichkeit auf die Geburt Jesu an Weihnachten. Man müsse nur das Wort „Koran“ durch „Jesus“ ersetzen, um die Bedeutung richtig“ zu erfassen.
    • Interessant ist die Auswertung der Sure 19 (Maryam);  Vers 24 traditionell so verstanden: „Da rief er ihr von unten her zu: ”Sei nicht traurig. Dein Herr hat dir ein Bächlein fließen lassen.(2)
      Der Sinn des des Bächleins war schon für islamische Kommentatoren schwer fassbar, z.B. habe Allāh das Bächlein als Geschenk für Maria entspringen lassen. Luxenberg interpretiert hier: „Da rief er ihr sogleich nach ihrer Niederkunft zu: ‚Sei nicht traurig, dein Herr hat deine Niederkunft legitim gemacht‘„.

Voreilige Schlussfolgerungen? Ein Ausblick

Sollte man nun die Entstehung des Islam aus dem syrischen Christentum ableiten? Nein, soweit ich dies überhaupt beurteilen kann, reicht die Faktenlage für derart weitreichende Schlussfolgerungen nicht aus.

Der Fund ältester Koranfragmente in Sanaa, die seit 1981 von Islamwissenschaftlern (Puin, von Bothmer) bearbeitet werden, liefert keineswegs einen Nachweis einer vom heutigen Text abweichenden, evolutiven Koranüberlieferung. Vielmehr zeichnet sich ab:
Der Koran wurde nicht erst nach 200 Jahren kanonisiert. Die Datierung der Fragmente beweist, dass die ersten Ganzschriften spätestens um 690 vorlagen.
Die wünschenswerte Wende in der Koranwissenschaft, eine Geschichte seiner Redaktion und Fixierung, die den Text von fiktionalen Zumutungen befreit, wird durch die spekulativen Thesen Luxenbergs also nicht erreicht.

Eine Reformation des Islams könnte nach Günter Lülings Überzeugung(3) durch kritische, unvoreingenommene Sichtung des Koran-Textes dennoch ermöglicht werden. Wissenschaftliche Koranforschung birgt auch politische Brisanz – gerade als von Nicht-Muslimen betriebenes Vorhaben haftet ihr der Beigeschmack einer gewissen Arroganz an:
Wer wollte ernstlich annehmen, die islamische Welt würde sich „von den Ungläubigen“ ihrer heiligsten Texte berauben lassen? Nein, wenn Textkritik am Koran eine Wirkung in der politischen Dimension bis hin zu einem „islamischen Protestantismus“ (ZEIT) entfalten soll, wird sie auch ‚von innen‘ her erfolgen müssen. Bislang aber sind sind liberale Theologen mit einem differenzierten Blick auf Entstehung und Struktur des Koran-Textes in der islamischen Welt hoffnungslos isoliert – nicht selten ist ihr Leben in Gefahr (z.B. im Iran).(4)

Hier stellt sich die Frage, was der Islam bei einer Textanalyse unter wissenschaftlichen Standards zu verlieren und zu gewinnen hat. Dem Christentum hat historische Bibelkritik seit Einsetzen der Aufklärung letztendlich nicht geschadet, weder den Kirchen noch und dem religiösen Glauben. Im Gegenteil, sie trug dazu bei, das Christentum in die Moderne zu führen und in die rational geprägte Zivilisation der Gegenwart einzubinden. Dadurch blieb es vielen Menschen als hilfreiches Konzept erhalten, durch das sie ihre Ängste und Hoffnungen artikuliert sehen und entscheidende Hilfen für ihre Lebensbewältigung finden.
Könnte es sein, dass der Islam in Europa diesen Weg noch vor sich hat?

 Quellenangaben

  1. „Good Bye Mohammed – Das neue Bild des Islam„, Norbert G. Perssburg
  2. Tafsīr Al-Qur’ān Al-Karīm (PDF-Download via islamicbulletin.org)
  3. Über christliche Strophen im Koran“ (Rezension zum Buch „A Challenge to Islam for Reformation“ v. Günter Lüling)
  4. Keine Huris im Paradies„, ZEIT (Mai 2003)

Literaturhinweise

 (Letzte Änderung: 19.1.2015)

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