„Wie im Mittelalter“ – Todenhöfer über seine Gespräche mit der IS-Führung

Jürgen G. Todenhöfer (*1940) ist ein deutscher Autor, Publizist und PR-Berater. Der promovierte Jurist war bis 1990 CDU-Bundestagsabgeordneter und anschließend bis 2008 Vorstandsmitglied des Medienkonzerns Burda. Ab 2001 profilierte sich Todenhöfer als Kritiker der US-amerikanischen Interventionen in Afghanistan und dem Irak, über die er mehrere Bücher schrieb. Um seine Recherchen für ein Buch über den Islamischen Staat fortzuführen, reiste J.Todenhöfer nach Syrien. Durch Gespräche mit den fanatischen Islamisten wollte er ein umfassendes Bild gewinnen.

Während seines zehntägigen Aufenthaltes habe er auch ‚Kämpfer‘ aus Deutschland getroffen:

„Sie sind der Meinung, in Deutschland ihren Glauben nicht frei leben zu können, und sind deshalb in den Kampf gezogen. […]
Selbst die meisten Salafisten genügen ihren Ansprüchen nicht.

Todenhöfer sieht keine Chance, den IS militärisch einzudämmen: Um diese Organisation zu besiegen, müsse man ganze Städte dem Erdboden gleich machen. Der größte Wunsch des IS sei, dass der Westen Bodentruppen schickt.

„Mit ihrer unbeschreiblichen Brutalität und ihren Enthauptungsvideos wollen sie offenbar genau das provozieren.“

Die Brutalität des IS sei als zivilisatorischer Rückschritt zu sehen – aus westlicher Sicht. Nach der IS-Ideologie aber seien grausame Bestrafungen ein notwendiger Schritt ‚hin zum wahren Leben‘. Dazu gehört der unbedingte Glaube, zu einer auserwählten Minderheit zu gehören, die Schritt für Schritt das gelobte Land erobert.

„Der IS ist stark und voller Siegesgewissheit.“

Die IS-Führer versuchten in Diskussionen mit Todenhöfer sogar, Vergewaltigung als zulässige Strafe zu rechtfertigen – als Teil ihrer „Verpflichtung an, die Welt von den Ungläubigen zu reinigen“. Für ihn sei das unsäglich; er habe den Koran mehrfach gelesen und finde darin keine Grundlagen für derart grausames Handeln – auch nicht gegenüber „Ungläubigen“.

Da überrascht es, dass er eine Schutzverantwortung der Welt gegenüber den Menschen in der Region indirekt verneint und mit Kant argumentiert: „Eine Grundvoraussetzung des Friedens ist die Nichteinmischung von außen„. Daran ändert für Todenhöfer auch nichts, dass seiner Einschätzung nach die Ideologen des IS die Weltherrschaft anstreben und als nächste Länder Saudi-Arabien oder Jordanien angreifen wollen.

„Demokraten gelten generell als Ungläubige, weil sie Gesetze über die Regeln Gottes stellen, und sind deshalb zu töten.“

Auf Facebook veröffentlichte er ein verstörendes Interview mit dem deutschen Jihadisten Abu Qatadah („Wer sich unserem Glauben nicht anschließt, der schließt sich nicht dem Islam an (…) und jeder jeder Abtrünnige wird getötet.„). Dessen Ansichten für Todenhöfer nichts mit einem ‚barmherzigen Islam‘ zu tun haben, der einem ideologischen Kidnapping von gewalttätigen Extremisten unterzogen werde.

Nach seiner Rückkehr aus Syrien erntete der Autor nicht nur positives Feedback. In der WELT (→“Todenhöfers zweifelhafte Propaganda für den IS„) warf Alfred Hackensberger ihm vor,  der vermeintlicher Aufklärer sei den Terroristen des Islamischen Staates am Ende auf den Leim gegangen – und habe seine Chance verspielt.
Warum? „Weil er
nie wirklich kritisch nachfragt.
Das ist schon starker Tobak: Herr Hackensberger an seinem Schreibtisch im vergleichsweise behaglichen Redaktionsgebäude scheint sich der durchaus lebensbedrohlichen Umstände kaum bewusst zu sein, unter denen dieses Interview geführt wurde: Der IS-Führung war durchaus bekannt, dass Todenhöfer vor seiner Reise nach Syrien mehrfach Kritik am IS geübt hatte.

Interview mit dem Publizisten Jürgen Todenhöfer nach seiner Rückkehr aus Syrien

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