Interreligiöser Dialog statt Islam als Feindbild

Wir durchleben turbulente Zeiten – nicht erst, seit der Terroranschlag auf Charlie Hebdo in Berlin dazu instrumentalisiert wurde, nun endlich die Vorratsdatenspeicherung durchzusetzen. Dass feiges Morden in der Bevölkerung zu emotionalen Reaktionen führt, ist mehr als verständlich. Andererseits wird jeder Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund seit 9/11 dazu genutzt, vorgefasste Ansichten und pauschale Aussagen über den Islam zu verbreiten, eine Weltreligion mit 1,7 Milliarden Gläubigen.

Eine nicht neue, aber interessante These besagt, dass gerade Islamisten mit ihrer vermeintlich islamisch Begründung von Gewaltakten Taten dem Islam größten öffentlichen Schaden zufügten:

Immer neue Gewalttaten im Namen des Islam haben die gesamte Religion in eine Legitimationskrise gestürzt.“ (Handelsblatt5)

Ist dem so? Inwieweit wird hier in Deutschland eine solche Krise durch Massenmedien befördert? Schon die Art von tendenziösen Fragen ist geeignet, Angst zu schüren und bestehende Gräben zu vertiefen: „Wie gewalttätig ist der Islam? (Die Frage nach dem Ob wird gar nicht mehr gestellt.) Und was könnte in den nächsten Jahren an Horror auf die Menschheit zukommen?“

So wird das nichts. Massenmörder, die sich auf „den wahren Islam” berufen, werden dadurch eben nicht zu ‚wahren‘ Muslimen (vgl. → Offener Brief von Islamgelehrten an al-Baghdadi und ISIS). Dies gesteht auch der Autor des o.a. Artikels zu: Theologisch und ethisch sei der Islam keineswegs gewalttätiger als Christentum und Judentum.

Allerdings trifft (ausgerechnet) Ägyptens Präsident al-Sisi den Kern des Image-Problems, das der Islam unbestreitbar hat: Alles, was den Muslimen heilig sei, werde inzwischen im Rest der Welt als Quelle von Angst, Gefahr, Tod und Zerstörung wahrgenommen(5).

Islamismus – ein pervertiertes Islamverständnis?

Doch wie lässt sich Islam von Islamismus klar abgrenzen? Auf Wikipedia findet man dazu eine nichtssagende Einleitung:

„Islamismus ist ein sozialwissenschaftliches Konzept, das seit den 1990er Jahren zur Charakterisierung von verschiedenen Ideologien und Bewegungen verwendet wird, die sich in einer spezifischen Weise auf den Islam berufen.(…)“

Die Konrad-Adenauer-Stiftung(2) wird da schon konkreter:

„Islamismus beginnt dort, wo religiöse islamische Gebote und Normen
als verbindliche politische Handlungsanweisungen gedeutet werden. Islamismus
ist eine politische Ideologie, die einen universalen Herrschaftsanspruch erhebt
und mitunter Gewaltanwendung legitimiert, um als ‚islamisch’ definierte Ziele
umzusetzen.(4)

  • Islamismus strebt einen Staat auf Grundlage islamischer Werte und Gesetze (Scharia) an und lehnen ‚westliche‘ Leitlinien, wie Meinungs-, Presse-, und Religionsfreiheit an.
  • Salafismus ist eine vom Wahhabismus beeinflusste, rückwärtsgewandte Strömung innerhalb des Islamismus, die sich an der islamischen Frühzeit orientiert.(a)
    In letzter Konsequenz soll ein islamischer „Gottesstaat“ errichtet werden, in dem wesentliche im GG garantierte Grundrechte und Verfassungspositionen keine Geltung haben. Hinsichtlich des Einsatzes von ‚Instrumenten‘ wird der politische (Dawa-)Salafismus vom gewaltbereiten (Jihad-) Salafismus unterschieden.

Halten wir fest: Islamismus impliziert eine politische Positionierung.

Freilich lässt sich in westlichen Gesellschaften auch gegenüber dem moderaten Islam „ein gewisses Unbehagen“ konstatieren, das zunehmend in Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit mündet. Teile der Medienlandschaft polarisieren zusätzlich.

  • Laut einer im Januar 2015 veröffentlichen repräsentativen Umfrage (im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung) betrachten 57 Prozent der nicht-muslimischen Befragten in Deutschland den Islam als bedrohlich oder sehr bedrohlich (2012: 53 Prozent).
  • Sogar 61 Prozent der Bundesbürger äußern die Meinung, der Islam passe nicht in die westliche Welt.  (Vgl. →“Religionsmonitor 2015„)
    Muslime sähen sich hierzulande mit einem Negativ-Image konfrontiert, „das anscheinend durch eine Minderheit von radikalen Islamisten geprägt wird“, stellt Y. El-Menouar (Bertelsmann-Stiftung) fest.

Eine traurige Tendenz ist absehbar: Mit jedem weiteren „im Namen von Allah“ begangenen Anschlag wird sich diese Skepsis vermutlich weiter vertiefen – zumindest dort, wo kein direkter, persönliche Kontakt zu Muslimen besteht.

Mit wem sollte ein Dialog geführt werden – und mit wem nicht?

Für mich persönlich existiert eine rote Linie, ab deren Überschreiten meine Toleranz und jegliche Gesprächsbereitschaft enden: Diskussionen mit einem Personenkreis, welcher Gewalttaten auch nur befürwortet, sind meiner Ansicht nach fruchtlos; statt dessen sollte dieser Kreis mit rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft (= konsequent sanktioniert) werden.
Man mag dies kritisieren, doch ich stehe zu diesem Vorbehalt. Einen Dialog mit jener überwältigenden Mehrheit der Muslime, die ihre Religion friedlich ausübt und lehnt jede Form der Gewalt kategorisch ablehnt, erachte ich dagegen als erstrebenswert, ja notwendig.

Die Voraussetzungen dafür: Sind wir bereit, religiösen und kulturellen Prägungen, die nicht unsere eigenen sind, mit Respekt zu begegnen? Und wie steht es neben Aufgeschlossenheit und Fairness mit unserer Sachkenntnis, ohne die ein interkultureller Dialog nicht funktionieren kann?

Worauf zielt ein interreligiöser Dialog ab?

Zirker(1) stellt einleitend fest, die ‚aufgeklärte‘ Mentalität des Westens fördere ein Überlegenheitsgefühl und vorschnelles Urteilen. Vereinfachte Darstellungen verleiten dazu, sich „die fremde Religion gar zu eigenmächtig und selbstgefällig zurechtzulegen – und sei es auch im Rückgriff auf ihre ‚Quellen’.“

Eine distanzierte Wahrnehmung sei indessen zur prüfenden Reflexion religiöser Anschauungen hilfreich, damit eine ‚historische Bilanzierung‘ nicht zum hitzigen Aufrechnen von Untaten verkommt, sowohl von christlicher als auch von muslimischer Seite.

Was ist das Ziel eines solchen Dialoges – angesichts deutlich spürbaren Misstrauens zwischen Nichtmuslimen und Muslimen?
Flapsig ausgedrückt: „Solange sie noch miteinander reden, wird niemand erschossen.“ Dies taugt das Minimalziel; je mehr Menschen verschiedener Religionen und Weltanschauungen voneinander wissen, in dem Maße wie ein gewisses Verständnis füreinander wächst, vergrößert sich die Chance, gegenseitiges Misstrauen abzubauen.

Der formale Universalitätsanspruch beider Religionen lässt sich weder theologisch noch soziologisch auflösen. Ein fruchtbarer Dialog entsteht insoweit nur da, wo wechselseitig darauf verzichtet wird, die persönliche Glaubensüberzeugung bzw. das zugrunde liegende Schrifttum (Bibel/Koran) zum einzig zulässigen Maßstab zu erklären. Sich gegenseitig Koran- und Bibelzitate um die Ohren zu hauen, mag von Bildung zeugen, ist aber kaum zielführend.

Allerdings gehört zu einem offenen, ehrlichen Dialog auch eine sachliche Kritik, was voraussetzt, das beide Seiten solche Kritik auch ertragen können und wollen! Fokussiert man sich nicht allein auf den Islam, sondern allgemein auf religiösen Fundamentalismus, lässt sich ein verbreitetes, unheilvolles Muster beschreiben:

Die „heiligen Schriften“ werden von Fundamentalisten wörtlich ausgelegt und als Antwort auf sämtliche Probleme spiritueller politischer und weltlicher Natur inszeniert – und willige Gläubige sind weiterhin bereit, diesen Literalismus unreflektiert zu akzeptieren. Für die Akzeptanz anderer Weltanschauungen bleibt neben der eigenen ‚absoluten‘ und für jedermann verbindlich erachteten Wahrheit kein Raum. Für Fundamentalisten kommt bedeutete das Äußern von Zweifeln einer Aufgabe der geistigen- spirituelle Heimat gleich: In ihrem Schwarz-Weiß-Paradigma ist man entweder ist ein Gläubiger oder ein Ungläubiger. Ein kritisch reflektierendes ‚Dazwischen‘ wird nicht zugelassen.
Christen hätten genug damit zu tun, sich dieser Problematik zuallererst in ihren eigenen Reihen zuzuwenden.

Überzogene Erwartungen

Auf einer religions-/islamkritischen Webseite lese ich Forderungen wie:

Um in islamischen Ländern eine menschlichere Gesellschaft (ohne Sharia) herauszubilden, müssen Glaubensgrundlagen überdacht und geändert werden oder stillschweigend ad acta gelegt werden, (…)“

Die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali (Reformiert Euch!“) geht noch einen Schritt weiter:  Sie erwartet einen inneren Reformwillen von Muslimen, den sie in 5 Konzepten konkretisiert:

  • „Mohammeds Status als Halbgott und Unfehlbarer sowie die wörtliche Auslegung des Korans, vor allem jener Teile, die in Medina offenbart wurden.
  • Die Ausrichtung auf das Leben nach dem Tod statt auf das Leben vor dem Tod.
    (Nun, diese Konzeption scheint ein essenzieller Bestandteil aller eschatologisch ausgerichteten Religionen zu sein – wenngleich im Islam dem Jenseits ein überdeutlicher Vorrang vor dem Diesseits eingeräumt wird.)
  • Die Scharia, die aus dem Koran abgeleiteten Rechtsvorschriften, die Hadithen sowie der Rest der islamischen Rechtslehre.
  • Die Praxis, Einzelne dazu zu ermächtigen, das islamische Recht durchzusetzen, indem sie das Rechte gebieten und das Verwerfliche verbieten.
  • Die Notwendigkeit, den Dschihad bzw. den „heiligen Krieg“ zu führen.“

Wenngleich diese 5 Punkte aus unserer westlichen Sicht wünschenswert sein mögen, eines liegt wohl auf der Hand: Ein so weitgehender Transformationsprozess wird Jahrhunderte beanspruchen, sofern er überhaupt (inner-islamisch) ermöglicht werden kann.
Werden derartige Forderungen – möglichst noch mit Terminangaben – jedoch ‚von außen‘ an die islamische Welt gerichtet, so weist dies m.E. in eine methodisch falsche Richtung: Nicht wir ‚im Westen‘ können den Muslimen die Vorgaben auferlegen, wie sie ihre Gesellschaft, ihre Staaten und ihre Religion zu entwickeln haben. Derartige Versuche und (gewaltsame bzw. demütigende) Einmischungen haben erst die Schärfe der gegenwärtigen Konfliktlage heraufbeschworen!

Anderseits ist zu wünschen, dass Muslime zeitnah eine innerislamische Debatte um Extremismus führen. Konkret liegt es im Interesse von Islamverbänden und der islamischen Theologen, sich vorbehaltlos mit gewaltbezogenen Inhalten in islamistischen Schriften auseinander zu setzen.

Diese Auffassung vertritt Dr. Mustafa Yoldaş angesichts unter dem Eindruck immer größerer Polarisierung – der IS- und Al-Quaida-Terror des ‚Islamische Staat‘ im Irak und Syrien auf der einen Seite und auf der anderen die wachsende Islamskepsis in der deutschen Gesellschaft. Yoldas verweist auf den Bericht des Publizisten J. Todenhöfer über dessen Gespräche mit IS-Funktionären, wonach deren Endziel die Eliminierung aller Andersgläubigen (außer Juden und Christen) ist.

„Dieser Extremismus ist zu einer realen Bedrohung für die Zukunft unserer Glaubensgemeinschaft geworden. Er gefährdet unsere gesellschaftliche Existenz, in Europa wie auch im Nahen Osten oder in vielen anderen Teilen der Welt.“(6)

Laut Yoldas sollten Muslime eine tiefgehende Auseinandersetzung darüber führen, was die ideologischen Grundlagen des religiösen Extremismus sind – etwa die umstrittene Ideologie des Takfir (Praxis in der islamischen Jurisprudenz und Theologie, Muslime zu zu Apostaten, d.h. Ungläubigen, zu erklären), die mehr mit modernem Totalitarismus zu tun habe als mit dem ursprünglichen Islam. Es komme darauf an zu verstehen, wo und wie modernistische Strömungen wie der Salafismus im Widerspruch zur traditionellen Lehre des Islams stehen.

Yoldas tritt dafür ein, den Extremisten nicht die Deutungshoheit zu überlassen – weder in der Religion, noch in der Gesellschaft. Zu Extremisten zählt er in diesem Kontext auch jene Kräfte wie zB PeGiDa, die Islamfeindlichkeit zur Ideologie erheben:

Da halluzinieren Menschen eine drohende Islamisierung Deutschlands ausgerechnet in einer Stadt, in der es kaum Muslime gibt.“

Wo sich die Gelegenheit zum Dialog zwischen Muslimen und Nichtmuslimen ergibt, sollte sie genutzt werden.
Ein möglicher Schritt in dieser Richtung ist, sich z.B. mit den Aussagen von Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik in Münster, zu befassen. Korchide setzt sich für eine zeitgemäße Deutung des Islam ein. Er stelle fest, dass sich viele Jugendliche vom Islam distanzieren, weil sie keine Religion wollen, die ihnen Restriktionen auferlegt.

Meiner Auffassung nach ist die Religion für den Menschen da – und nicht umgekehrt der Mensch für die Religion. Darum liegt mir an einer Theologie, die nach den spirituellen ebenso wie den Alltagsbedürfnissen des Menschen fragt. Es geht nicht um die Vermittlung von Gesetzen und Dogmen. Ich will ein Islambild vermitteln, das nichts mit einer Gesetzesreligion zu tun hat.
Ein solches theologisches Verständnis lässt sich zudem bestens mit den Prinzipien des Verfassungsstaats und dem Leben in einer pluralen Gesellschaft vereinbaren.(7)

Fazit

Es ist nicht die Aufgabe der Nicht-Muslime, den Islam zu reformieren. Zugleich wird die Notwendigkeit einer toleranten und dialogbereiten Haltung für das das Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen und Religionen so deutlich wie selten zuvor. Es ist wesentlich, sich möglichst viel Wissen über andere Kulturen und Religionen anzueignen. Dabei sollten sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede klar benannt werden – sodass wir voneinander lernen, kulturelle Fremdartigkeit nicht länger als Bedrohung zu anzusehen.

Literaturhinweise

  1. Islam – Theologische und gesellschaftliche Herausforderungen, Hans Zirker
    (Download von externer Webseite, 308 S., PDF)
  2. Islam – Islamismus, Eine Klärung in aufgeregten Zeiten“ von Thomas Volk (KAS)
  3. Religionsmonitor 2015, Bertelsmann-Stiftung
  4. Salafistische Bestrebungen in Deutschland„, Bundesamt f. Verfassungsschutz
  5. Warum so viel Gewalt? Analyse zum Islam„, Handelsblatt v. 12.1.15
  6. Extremismus – Eine islamische und gesellschaftliche Herausforderung?“ – Dr. Mustafa Yoldas auf islamiq.de
  7. Interview mit Mouhanad Khorchide (2013): Mir geht es um eine zeitgemäße Deutung des Islam.

Anmerkungen und Ergänzungen

(a) Salafisten geben vor, ihre religiöse Praxis und Lebensführung ausschließlich an den Prinzipien des Koran und den vom Religionsstifter Muhammad überlieferten Aussagen und Handlungen (arab. sunna) auszurichten. Was „wahrhaft islamisch“ ist,  bestimmen die sog. „rechtschaffenen Altvorderen“ (arab. al-salaf al-salih, daher der Begriff Salafismus). Zu ihnen die werden ersten drei muslimischen Generationen gezählt; sie sollen den ‚Islam in seiner ursprünglichen Reinheit‘ vom Propheten übernommen und praktiziert haben. Ihnen wird aufgrund der zeitlichen Nähe zu Muhammad ein authentisches Islamverständnis zugeschrieben.(4)

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