Messianismus: Sehnsucht nach einem übernatürlichen Retter?

In allen drei monotheistischen Religionen nimmt er eine zentrale Rolle ein: der Messias oder Mahdi, als von Gott gesandter Erretter der Menschheit.
Für den schiitischen Islam beschreiben Baqir al Sadr und Murtada Mutahhari den Mahdi in ihrem Buch „Der ersehnte Retter“:

„Eine Gestalt, legendärer als die des Mahdi, des Ersehnten Messias, hat die Geschichte der Menschheit nicht gesehen. Die Fäden des Weltgeschehens haben im menschlichen Leben so manch feines Webmuster angenommen, aber das Muster des Mahdi steht hoch über allen anderen. Er ist [stets] die Vision der Visionäre in der Geschichte gewesen. Er ist [stets] der Traum aller Träumer dieser Welt gewesen. Für die endgültige Rettung der Menschheit ist er der Polarstern der Hoffnung, auf den der Blick gerichtet ist.

Auf der Suche nach der Wahrheit über den Mahdi ist gesellschaftliche Stellung, Glaube oder Nationalität belanglos. Die Wahrheitssuche ist universell, ebenso wie der Mahdi selbst universell ist. Prachtvoll steht er hoch über den engen Mauern, die die Menschheit trennt und aufteilt. Er gehört zu einem jeden.
(…) Wer ist der Mahdi? Sicherlich, das ist die große Frage, die denkende Menschen überall auf der ganzen Welt gern stellen würden
.“

Obgleich die Ausprägung des Messias im Christentum eine andere ist als im Islam, beschreiben diese Worte die an diese Gestalt gerichteten Erwartungen und Sehnsüchte meiner Ansicht nach sehr treffend.

Im A.T. kündigen Israels Propheten die zukünftige ideale Erneuerung des Königtums an,  eine endzeitliche Rettergestalt, deren Kommen alles verändern werde. Dieser Heilsbringer werde eine radikale Wende zum Frieden für alle bringen. Und die ersten Christen rechneten mit der Wiederkehr (Parusie = Naherwartung) des Messias Jesus, dem Weltende und dem Weltgericht – noch zu ihren Lebzeiten.

Juden warten auf den Messias, Christen auf Jesus und die Muslime warten sowohl auf den Mahdi als auch Jesus. Alle Religionen beschreiben ihn als einen Mann, der kommt um die Welt zu retten.Sheik Kabbani

Im islamischen Kontext dient der Begriff „Messianismus“ dazu, das wichtige Konzept einer eschatologischen Gestalt (d.h. den Mahdi) zu übersetzen. Er werde als vorherbestimmter Führer emporsteigen, eine großartige soziale Umgestaltung einleiten und alle Dinge unter göttlicher Führung wiederherstellen.

Der islamische Messias verkörpert (…) daher das Bestreben der Wiederherstellung der Reinheit des Glaubens, welcher die wahre und unkorrumpierte Führung für alle Menschen bringt und (…) eine Welt frei von Unterdrückung schafft… (Abdulaziz Abdulhussein, ‚Islamischer Messianismus‘)

Kurz gesagt, die Rettergestalt des Mahdi/Messias soll eine „neue Weltordnung“ implementieren (dass dieser Terminus von militanten Politikern vereinnahmt wurde, steht auf einem anderen Blatt). Nebenbei sei erwähnt, dass sowohl islamische als auch christliche Endzeittheologien nicht den geringsten Zweifel daran hegen, dass vor dem Weltenende die ‚wahre‘ (also die eigene) Religion siegen werde. Als Mittel und Methoden des Erretters beziehen sie militärische Kampagnen oder ‚heilige Kriege‘ ausdrücklich ein.

Gerade in der heutigen Zeit – mit all ihren Verwirrungen, ihrer Gewalt und vermeintlichen(?) Ausweglosigkeiten – ist es nur verständlich, wenn gläubige Menschen sich an eine solche Figur klammern, all ihre Hoffnungen auf die projizieren.

Dabei schwingt ein trauriges Eingeständnis mit, wenn auch unausgesprochen: Wir (die ’normalen‘ Menschen) haben es verk*ckt. Der Karren (die menschliche Zivilisation) hat sich in einer unheilvollen Sackgasse festgefahren – derweil weigern wir uns, diese Realität zu erkennen und flüchten in Haarspaltereien und Konflikte.

Persönlich glaube ich nicht, dass wir uns auf einen Erretter ‚von oben‘ verlassen sollten. Ohne eschatologische Aussagen pauschal anzuzweifeln, sehe ich das Prinzip der Kausalität (Ursache und Wirkung) im Vordergrund.
Wir, die menschliche Spezies, werden durch die Folgen unserer Handlungen zunehmend gezwungen, endlich (überlebens-)notwendige Lehren aus unseren Fehlern zu ziehen. Tatsache ist aber auch, dass hierzu augenscheinlich ein gewaltiger Leidensdruck bestehen muss – und dass dieser Leidensdruck nur in den allerwenigsten Fällen die eigentlichen Protagonisten (Regierende, Wirtschaftslenker, geistige Führer …) trifft.

Diesen Umstand mag man für ungerecht erachten, was freilich nichts an den Fakten ändert.

Den Endzeit-Gläubigen möchte ich am liebsten erwidern:
Seit 2000 und mehr Jahren erwartet ihr stets das nahende Ende der Welt. Ihr erträumt euch, jener Mahdi/Messias möge „endlich“ von Gott geschickt werden und die Fehlentwicklungen gerade bügeln, welche von der Menschheit wieder und wieder verursacht werden.

Dabei wisst ihr (ebensowenig wie ich), ob/wann diese Endzeit eintrifft. Was spricht dagegen, dass die Menschen ‚bis dahin‘ ihre Lethargie bzw. Frömmigkeitsstarre überwinden und sich ihrer Verantwortung stellen für das Diesseits, für diesen Planeten Erde und alle Menschen, die auf ihr leben?

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