Der Teufel bei den Katharern und den Hexen

Auf die mittelalterliche, dem Christentum nahestehenden Katharer-Bewegung wird hier ausführlich eingegangen.

Besteht ein historischer Zusammenhang zwischen Katharer- und Hexenverfolgung?

Daniela Müller (→ „Gott und seine zwei Frauen. Der Teufel bei den Katharern„) greift eine Annahme auf, die in der Forschung wie auch in populärer Literatur über die religiöse Bewegung der Katharer und ihre Verfolgung durch die röm.-katholische Kirche durchgängig anzutreffen ist:
Lange galt als gesichert, dass bald nach dem Albigenser-Kreuzzug in Südfrankreich die Hexenverfolgungen begonnen hätten, um die Katharer endgültig auszumerzen.
Bekanntlich starben die ‘Ketzer Okzitaniens‘ auf den Scheiterhaufen der Inquisition, in weltlichen und kirchlichen Gefängnissen; sie wurden über Landesgrenzen hinweg verfolgt und geächtet – bis um ca. 1320 in ganz Mitteleuropa (mit Ausnahme Bulgariens) kein Katharer mehr seinen Glauben öffentlich ausübte.

Nur vereinzelt kehrten Katharer in den Schoß der liebenden Mutter Kirche zurück – das katholische Glaubensbekenntnis rettete den ‘Ketzern’ zwar das Leben, doch sie verloren unausweichlich ihre Existenzgrundlage, ihre Güter und ihre gesellschaftliche Stellung.
Ein insoweit plausibel erscheinender Zusammenhang zwischen Katharer- und  Hexenverfolgung sei aufgrund der Fälschungen des Historikers Etienne de Lamothe-Langon als bewiesen angenommen worden. Dieser hatte in seiner Histoire de l’Inquisition en France um 1829 eine Reihe von Hexenprozessen gegen in Toulouse und Carcassonne geschildert, mit angeblich Hunderten Opfer.
Erst in den 1970er Jahren konnte die von Lamothe überlieferten Textquellen als Fälschung entlarvt werden.

Offenbar ist das Werk von Lamothe nicht der einzige konkrete Hinweis auf einen solchen Zusammenhang: Eine Arbeit über die Rolle des Domikikaner-Ordens in der Ketzerbekämpfung legt beispielsweise dar, diese habe bereits mit der „Ketzermission“ des Dominikus in Okzitanien begonnen. Schließlich sei der 1217 durch Papst Honorius III.
anerkannte „Ordo fratrum Praedicatorum“ durchaus zu diesem Zweck ins Leben gerufen worden.

In Ihrer o.a. Abhandlung hinterfragt Müller, ob der angenommene Kausalzusammenhang zwischen Katharern und Hexen weiterhin Bestand habe. Eindeutige Quellen dazu gebe es nicht, aber:
Die Inquisitoren, die als erste gegen vermeintliche Hexen ermittelten, entstammten dem Orden der Dominikaner und waren somit bestens mit den Lehrmeinungen der Katharer vertraut. Daher sei die spätere „Hexenlehre“ der Kirche auf mögliche Einflüsse der katharischen Lehre über das Böse und Satan untersuchen.

Ein zentrales Element der katharische Theo­logie bildet die Erzählung vom Abfall der Engel von Gott (‘Engelssturz’), die in ihrer gnostischen Lesart Bezug auf das NT, Offb. 12,7-9(1) nimmt.
Von hier ausgehend wird der spezifische katharischen Dualismus (Antagonismus zwischen dem Guten Gott und einem Bösen Gott) begründet – entweder in seiner radikalen oder seiner gemäßigten Form.

“Luzifer wird, in Analogiebildung zu Gott und Jesus, seinem Sohn, als Sohn des bö­sen Gottes aufgefasst, der sich in einen Engel des Lichts verwandelt und wegen seiner großen Schönheit von den Engeln Gottes geliebt und vom Herrn als Verwalter ein­gesetzt wird. Mit seiner Verschlagenheit aber täuscht er die Engel, bringt sie zur Sünde und zieht sie aus dem Himmel weg.”

Diese Annahme eines vollkommenen ‘Guten Gottes’ und eines unvollkommenen, schlechten Gottes (Demiurg) ist ein wesentlicher Grundstein aller der Gnosis zugerechneten Strömungen, auch des Katharismus.
Durch eine Akzentverschiebung trete zunehmend das Motiv der Verführung der Engel durch List und Tücke des Luzifer an die Stelle des gewaltsamen Kampfes. Nun erscheint nun auch die Frau – nicht überraschend, zumal List und Täuschung in der christlichen Tradition meist der Frau zugeordnet wird.

Daniela Meyer beschreibt sehr detailliert eine interessante Entwicklung, durch die einem weiblichen Himmelswesen als ‘Gehilfin des Teufels’ die Schuld am Engelssturz zugeschrieben werde (vgl. Brevis summula).
Neben der das Weibliche entwertenden Vorstellung steht bei den Katharern auch Eva nach Berichten katholischer Polemiker vereinzelt in „besonderer“, nämlich geschlechtlicher Nähe zum Teufel:
”…in Geständnissen vor der Inquisition ist gleiches zu lesen, … dass aus dem Geschlechtsverkehr des Teufels mit Eva ihr Sohn Kain, aus dem Adams mit ihr Abel entstanden sei.”

Bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts war in Südfrankreich dagegen keine geschlechtsspezifische Schöpfungsge­schichte überliefert. Der Teufel erschuf die Körper der Menschen und schloss darin die Seelen gefallener Engel ein. Von der Erschaffung Adams und Evas wird nur gesagt, dass Satan beide Körper gemacht habe.
Männliche und weibliche Körper gehen also auf das Werk des Teufels zurück; im Reiche des Guten Gottes gebe es keine Geschlechtsunterschiede.
Somit wurde eine Geschlechtsverbindung von Satan und Frau, bzw. weiblichem Wesen vor allem bei den italienischen Katharern angenommen – diese Versionen katharischer Vorstellungen waren auch den Dominikanern bekannt.
(Auch vermeintlichen ‚Hexen’ späterer Jahre wurde nachgesagt, sie paarten sich mit dem Teufel und seinen Dämonen.)

“Von hier aus könnte ein besonderes Interesse in dominikanischen Kreisen an einer Verbindung Frau und Teufel bestanden haben, was den Weg für entsprechende Bausteine der Hexenlehre geebnet haben könnte.”-

‚Hexenflug‘ auf dem Besen, Martin Le France, Le champion des dames, 1451.

Eines ist mir dabei unklar: Wie lässt sich eine abwertende Haltung gegenüber Frauen in Teilen des Katharismus (soweit diese bestand) damit vereinbaren, dass gerade bei den Katharern Frauen mit besonderer Verantwortung für soziale Einrichtungen, aber auch geistlicher Natur betraut wurden?

Nach den Katharern waren die ‚Hexen‘ an der Reihe

Diese Lehrmeinung über den Bezug des Teufels zur Frau schlechthin mag ein verhängnisvoller Auslöser dafür sein, dass sich der Glaube an eine übernatürliche Hexerei bis etwa zum Jahre 1230 durchsetzte. Von da an beschäftigte man sich ‚wissenschaftlich‘  mit Zauberei und Hexerei.
Auch wenn man glaubte, alle Frauen von Natur aus schlecht und triebhaft seien, sollten bestimmte Körpermerkmale als Indikator dafür dienen, dass einzelne ‚verdorbene Weiber‘ Unzucht mit dem Teufel (Teufelsbuhlschaft) trieben. Nach derart absurden Vorstellungen waren rotes Haare, tief liegende Augen sowie Sommersprossen und Warzen besonders verdächtig…

Titelseite des Hexenhammers (lat. Malleus maleficarum), 1669

Es dauerte ganze hundert Jahre, bis Papst Johannes XXII um 1326 festlegte, dass neben der Ketzerei nun auch die Hexerei gerichtlich verfolgt werden sollte. (Nach 1320 waren keine Katharer mehr am Leben, die man zur fortgesetzten Einschüchterung des Volkes nach inszenierten Schauprozessen noch hätte öffentlich verbrennen können.)

Es mag etwas polemisch klingen, den damaligen Päpsten und Inquisitoren diese Motivation der ‚Zielgruppenfestigung‘ zu unterstellen – andererseits ist belegt, dass im Langue d’Oc ganze Dorfgemeinschaften zwecks Abschreckung oftmals gezwungen wurden, öffentlichen Hinrichtungen von Häretikern beizuwohnen.

Die systematische Hexenverfolgung setzte ein, als Innozenz VIII. 1484  in der der sog. Hexenbulle (Summis desiderantes affectibus) die Handlungen und Vergehen aufführte, die als ‚hexentypisch‘ anzusehen waren. Die Bulle verlieh zwar die Vollmacht zur Zurechtweisung, Inhaftierung und Bestrafung verdächtiger Personen, jedoch nicht zur Hexenverbrennung.

Zusammenfassung der Bulle (Hansen 1901): Papst Innozenz VIII. ermächtigt die beiden in Deutschland tätigen Inquisitoren Heinrich Institoris und Jacob Sprenger [ebenfalls Mitglied des Dominikanerordens], gegen die Zauberer und Hexen gerichtlich vorzugehen.

Er erklärt den Widerstand, den dieselben seither in Kreisen von Klerikern und Laien bei dieser Tätigkeit gefunden haben, für unberechtigt, da diese Verbrecher tatsächlich unter die Kompetenz der Ketzerrichter gehören, und beauftragt den Bischof von Straßburg, die den Inquisitoren etwa entgegengesetzten Hindernisse durch die Verhängung kirchlicher Zensuren zu beseitigen.“

Der Hexenhammer (lat. malleus maleficarum) des Dominikaners Heinrich Kramer knüpfte 1487 möglicherweise an die vorgeblich in katharischen Schriften zu findende Minderwertigkeit der Frau an – nun wurde auf die Urgeschichte des Alten Testaments im 1.Buch Mose verwiesen:
Frauen seien schon bei der Schöpfung benachteiligt gewesen, weil Gott Eva aus Adams Rippe schuf. Außerdem wurden den Frauen Defizite im Glauben vorgeworfen, die als „Feind der Freundschaft, eine unausweichliche Strafe, ein notwendiges Übel, eine natürliche Versuchung, eine begehrenswerte Katastrophe, …, einen erfreulichen Schaden, ein Übel der Natur“ bezeichnet werden.

Wasserprobe, Schrift von Hermann Neuwalt, Helmstedt 1581

Die neuere Forschungen geht nach Auswertungen der umfangreichen Gerichtsakten davon aus, dass die Hexenverfolgung in ganz Europa etwa 40.000 bis 60.000 Todesopfer forderte. Etwa 25.000 Menschen wurden auf dem Boden des Hl. Römischen Reichs Deutscher Nation […] hingerichtet.  (Vgl. → Wikipedia)
Insgesamt soll etwa drei Millionen Menschen der Prozess gemacht worden sein, wobei Enteignungen zum Wohle der Kirche und Haftstrafen am zahlreichsten waren.-

Anmerkungen/Ergänzungen

  1. Zitat der genannten Passage in der Johannesoffenbarung:
    7 Und es entstand ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen; und der Drache und seine Engel kämpften;
    8 aber sie siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr im Himmel gefunden.
    9 Und so wurde der große Drache niedergeworfen, die alte Schlange, genannt der Teufel und der Satan, der den ganzen Erdkreis verführt; er wurde auf die Erde hinabgeworfen, und seine Engel wurden mit ihm hinabgeworfen.
    (Offenbarung d. Johannes 12,7-9, Schl)
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