Religion ohne Strafe – unvorstellbar?

Als ich diese drei Worte („Religion-ohne-Strafe“) in eine der bekannten Suchmaschinen tipfelte, wurde nicht ein Treffer mit der gesuchten Bedeutung (wohl aber ein paar Irrläufer mit abweichendem Kontext – und jede Menge Inhalte über „Religion und Strafe“) angezeigt. Weitaus ergiebiger fällt die Suche nach Motiven aus, wo eine Gottheit – praktischerweise allwissend, allmächtig und außerdem bestens informiert – alle Menschen in vollkommener Gerechtigkeit richtet.
Nicht wenige Abhandlungen
kritisierten die Vorstellung einer weder richtenden noch strafenden Gottheit als abstoßendes Zerrbild des ‚wahren‘ Gottes …wer könne sich ernstlich einen Gott wünschen, der alle Augen zudrückt? Ziemlich binär, diese Betrachtungsweise – als ob lediglich die eine Alternative vorstellbar sei: Entweder existiert ein fürchterlich strafender, aber gerechter Gott oder eine Beliebigkeit und rechtloser Zustand im Jenseits, da niemand zur Rechenschaft gezogen werde. Einer weiteren Überlegung bin ich nur selten begegnet: Ist nicht denkbar, dass eine unausweichliche und unbestechliche Form der Rechenschaft in uns selbst angelegt ist? (Unser Gewissen in seiner diesseitigen Ausprägung ist damit sicher nicht gemeint, es kann unterdrückt und manipuliert werden.)

Anstatt solche Überlegungen zu vertiefen, werden „Gottes‘ Urteile“ zuhauf von Menschen verfasst, die sich berufen glauben über andere zu richten. Ein Schönheitsfehler: Diese auf einen himmlischen Richter projizierten Strafurteile falle höchst unterschiedlich aus, insbesondere den „einzig wahren Glauben“ betreffend: Wer sich vor seinem Daheinscheiden nicht dem jeweils richtigen Verein anschließt, hat von vorne herein verloren: Setzen, Hölle bzw. Dschahannam. Für Immer und ewig.
Wegen besonderer Schwere der Schuld kommt eine Aufhebung/Abmilderung der Strafe niemals in Betracht. Begnadigungen ebenso wenig, denn andernfalls währen folgsamen Vereinsmitglieder auch noch im Jenseits/Paradies mit dem soo verstörenden Anblick von unbelehrbaren Ungläubigen gestraft.

Für einen Außerirdischen auf Erdurlaub wäre es höchst unterhaltsam (oder eher irritierend?) zu beobachten, wie unterschiedliche klerikale Kräfte einander mit angeblich von Gott verhängten Höllenqualen bedrohen – und wie alle zusammen die „Gottlosen“ verdammen, d.h. Apostaten, Atheisten, Agnostiker und sogenannte Götzendiener …worunter der Einfachheit halber alle Polytheisten fallen. Dass sie durch dieses schon viele Jahrhunderte währende Theater ihre eigene Glaubwürdigkeit strapazieren, scheint den Vertretern dieser Gruppierungen zu entgehen, oder es ist ihnen gleichgültig, solange sie ihre Schäflein weiter im Griff haben.

Die Notwendigkeit von Sanktionen im Diesseits soll hier nicht bestritten werden. Bestrafen ist mühsam, aber wohl notwendig, damit große und komplexe Gesellschaften funktionieren. In spieltheoretischen Experimenten fangen stets einige zuvor unbescholtene Versuchsteilnehmer sofort an zu betrügen, sobald ihre Regelverstöße oder Egoismen ohne Konsequenzen bleiben.(1)
Folglich bedarf es nicht nur eines Regelwerks, sondern auch handfester Maßnahmen zu deren Durchsetzung. Dass auch Religionen ihren Anteil an der Evolution moralischer Maßstäbe hatten und zeitweilig als positives Korrektiv fungierten, gestehe ich ebenfalls zu: Religion kann zur Vermeidung von Verbrechen beitragen – allerdings auch zu deren Entstehung.

Problematisch wird es, sobald der Gehalt einer an sich erfreulichen Botschaft an ein selektives Prinzip gekoppelt wird, d.h. nur auf einen definierten Personenkreis (‚Mitglieder‘ bzw. ‚Gläubige‘) Anwendung findet. Ab da dient Religionszugehörigkeit nicht dem Heil, viel mehr wird sie als zwingendes Heilskriterium definiert.

Erschwerend kommt hinzu: Die Funktion von Gericht und Sanktionierung wird einerseits auf (den eigenen) Gott projiziert; andererseits soll sie außerhalb der Zeit erfolgen, im Jenseits.

Verhängt werden die religiösen Strafen in einem sicher metaphorisch verstandenen jenseitigen Weltgericht, in der Wirklichkeit des Staates in einem Strafgericht und tendenziell sogar einem Weltgericht wie dem Internationalen Strafgerichtshof.“(2)

Während staatliches Strafen seit der Aufklärung nur individuelle Verantwortlichkeit und Schuld kennt, existieren zumindest im Christentum darüber hinaus die Erbsünde und Kollektivschuld sowie deren Vergeltung, weitergetragen von Generation zu Generation.
Hierzulande sind staatliche Strafen endgültiger Ausstoßung – Todesstrafe und zwingend bis zum Tod geltender lebenslanger Strafvollzug – abgeschafft, wohingegen der endgültige Charakter einer Strafe im Jenseits (ewige Verdammnis) weiterhin noch Bestandteil der Lehraussagen von Christentum und Islam sind.
Diese Umgestaltung der strafrechtlichen Konzeption wurde erst möglich, seit der Staat allein zur Strafgesetzgebung legitimiert ist und Kirchen nur noch mittelbar auf Inhalte dieser Gesetzgebung Einfluss nehmen können.

A.Kreuzer sieht die Möglichkeit eines prozesshaften Wandels in christlichen Kirchen, etwa „vom Alten Testament zum Gottesliebe-, Vergebungs-, Versöhnungs-, Barmherzigkeits- und Erlösungsgedanken im Neuen Testament“.

Freilich sind auch die Christus zugeschriebenen Äußerungen nicht widerspruchsfrei, enthalten sie doch nicht nur Beispiele der Vergebung, sondern zugleich solche absoluter und endgültiger Strafen.(2)

Die christliche Religion weist insoweit eine Ambivalenz auf: einer repressiven Dimension steht eine befreiende und integrierende Dimension gegenüber. Die Motivlage der repressiven Elemente war und ist offensichtlich: sie dient der Einschüchterung, sowohl von Mitgliedern als auch Andersdenkenden:

[Exkurs: Kirchenaustritt]
Ein Austritt aus der röm.-kath. Kirche wird von dieser als Glaubensabfall [Apostasie] bewertet – ein schwerwiegendes „Vergehen gegen die Gemeinschaft und die Einheit der Kirche“ – der mit der Tatstrafe der Exkommunikation geahndet ist. „Die Exkommunikation ist eine Beugestrafe, die zur Umkehr auffordert.“ Konkret bedeutet dies: Wer aus Protest gegen den überzogenen Pomp des früheren Limburger Bischofs Franz-P. Tebartz-van Elst der röm.-kath. Kirche den Rücken kehrt, landet nach dem Tod in der Hölle – sofern er nicht reumütig in den Schoß seiner Kirche zurück gekehrt ist. Denn es ist „unfehlbarer“ Bestandteil der katholischen Dogmatik, dass die Kirche heils-notwendig sei:

,,Die heilige römische Kirche … glaubt fest, bekennt und verkündet, dass niemand außerhalb der katholischen Kirche – weder Heide, noch Jude, noch Ungläubiger oder ein von der Einheit Getrennter – des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn er sich nicht vor dem Tod ihr, der Kirche, anschließt.“ (vgl. Neuner/Roos, „Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung“, #381)

Wer sich auch nur ansatzweise mit der katholischen Dogmatik befasst, erkennt bald: die römisch-katholische Kirche (RKK) kann über ihre ‚Höllenlehre‘ zwar einen Mantel des Stillschweigens legen, doch sie ist systembedingt außerstande, sich von diesem zentralen Element ihrer Lehrtradition zu distanzieren. Denn damit würde das gesamte System (Unterstellte Ausgangssituation für alle: Erbsünde → persönliches Sündenkonto → Alternative: entweder Erlösung durch Glaube, Mitgliedschaft und Buße → oder zwangsläufige Sanktionierung durch Ausstoßung in die Hölle) ins Wanken gebracht.
Statt dessen wird – wenn überhaupt – vermarktungsgerecht, d.h. sehr behutsam über die Hölle geredet, obwohl die Lehre vom Fegefeuer sowie einer ewigen „Hölle“ weiterhin zum lehramtlichen Bekenntnis gehören. Die protestantischen Kirchen sind einen Schritt weiter: sie verlegen die Verarbeitung von individueller Schuld bzw. Sünde in das Gewissen des Einzelnen und seine unmittelbare Auseinandersetzung mit Gott, die einer kirchlichen Vermittlung nicht bedarf.]

Die beiden genannten Dimensionen – Repression vs. Erlösungsbotschaft – stehen also in einem krassen Gegensatz zueinander. Es überrascht nicht, wenn spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts nicht nur Religionsphilosophen, sondern zunehmend auch Normalbürger diese Divergenz hinterfragen.

Keine Religion ohne Strafgericht?

Nun, es gibt Alternativen: wo die Wiederverkörperung / Reinkarnation der Seele nicht abgelehnt wird, tritt an die Stelle eines einmaligen, finalen Gerichtes ein zyklischer Prozess des ‚Säens, Erntens und Lernens‘: Dem Kausalitätsprinzip folgend, wird das Individuum mit den Konsequenzen seiner Handlungen früher oder später (d.h. in seinem derzeitigen oder in folgenden Leben) direkt konfrontiert. Wenngleich an die früheren Leben keine bewusste Erinnerung besteht, lernt die Seele in diesem Reifungsprozess aus ihren Erfahrungen. Sie verinnerlicht schrittweise ein universales (und religionsneutrales) Konzept praktischen Ethik – die Goldene Regel:

„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“

Dieses Konzept beinhaltet zwar auch eine Form von Strafe, doch es verleiht der Sanktionierung in Form von ‚Selbst-Erfahrung‘ einen zukunftsorientierten, ja pädagogischen Charakter.

Der Mensch ist so tief in die Materie dieser Welt gefallen und verstrickt, dass er nur durch Selbsterkenntnis und wahre Nächstenliebe zu dieser Erkenntnis und dem Wunsch nach erlösender Befreiung gelangen kann. Wird das Leben danach freiwillig und ernsthaft ausgerichtet, kann die menschliche Seele ihre Katharsis (Reinigung) und innere Erneuerung erfahren….’Kirche der Liebe‘

Diese Zielorientierung kommt ohne ewig währende Höllenqualen aus, obgleich sie in ihrer konsequenten Ausrichtung ebenfalls unerbittlich ist: ‚Verhandlungen‘ über Strafnachlässe, Absolutionen oder kostenlose Vergebung – ob mit der göttlichen Instanz oder etwaigen Klerusangehörigen – sind per se ausgeschlossen; sie würden den intendierten Lernprozess ebenso unterlaufen wie jenen Maßstab, den wir gerne als „Gerechtigkeit“ bezeichnen.
Gnade kommt darin dennoch vor: die beschriebene Selbsterfahrung gestaltet sich (auch im schlimmsten Fall) nicht als nahtlose, kaum zu verkraftende Abfolge von Schicksalsschlägen. Vielmehr kann sie sich, je nach Einzelfall und bereits erlangtem Fortschritt, über eine Vielzahl von Leben erstrecken.

Auch bedeutet ‚Saat und Ernte‘ nicht, nur negative Konsequenzen am eigenen Leib zu erfahren. Im Gegenteil, denn in gleicher Weise findet auch eine Belohnung statt, indem wünschenswerte Verhaltensmomente zu positiven Erfahrungen in späteren Leben führen.
Der Entwicklungsweg der menschlichen Seele über eine Vielzahl von Wiedergeburten wird bisweilen mit einer schulischen Laufbahn verglichen: Die ‚Versetzung‘ in die nächsthöhere Klasse erfolgt erst, nachdem versäumte oder mangelhafte Lernprozesse nachgeholt wurden.

Der Unterschied zwischen Schule und Leben ist jedoch der, dass das Leben endlose Geduld mit uns hat und dem Menschen beziehungsweise den Seelen immer wieder neue Möglichkeiten bereitstellt, Nichtgelerntes noch zu begreifen.
Mit anderen Worten: niemand fliegt von der Schule, egal wie oft er/sie ’sitzen bleibt‘.

Die großen christlichen Kirchen lehnen eine wiederholte Reinkarnation strikt ab. Dass diese Haltung keineswegs von Anfang an einheitlich vertreten wurde, wurde an anderer Stelle aufgegriffen.
Weshalb also wurde der Schwerpunkt der christlichen Dogmatik in dieser Weise verlagert – weg von Reinkarnation und ‚göttlicher Pädagogik‘ hin zum Konzept ewiger Verdammung der großen Mehrheit aller Menschen?

Nun, den Wendepunkt hierfür bildete meiner Ansicht nach die Verstaatlichung des Christentums durch den römischen Kaiser Konstantin und dessen Nachfolger. Ab dieser Zeit waren Staat und Kirche zunehmend verwoben, voneinander abhängig; Vereinheitlichung und Zentralisierung wurden forciert. Kirche und Theologie wurden zu einem nützlichen Machtinstrument der Politik, zugleich gewannen ihre Funktionäre auch eigenen Machtzuwachs und zusätzliche Gestaltungsräume. Insoweit war eine mit Schreckensvisionen angereicherte Höllenlehre sowohl für die ‚christliche‘ Politik als auch für den machtbewussten Klerus weitaus zweckdienlicher als eine liebevolle Allversöhnungslehre.

Man kann natürlich den Versuch unternehmen, die Frage nach Wesen und Funktion von Religion weiter zu simplifizieren:

„Während Religion aus kulturgeschichtlicher, anthropologischer und ethnologischer Sicht in der vorindustriellen Entwicklungsphase der Menschheit anscheinend nicht nur unvermeidlich, sondern auch notwendig war als Machtinstrument, moralisch-ethisches Korrektiv und Moderator sozialer Interaktionen, hat sie im Jahrhundert der Raumfahrt, der Kernphysik und Informatik nichts mehr verloren.„, erklärt der ‚religiöse Atheist‘ Michael Szameit.(3)

Angesichts der wissenschaftlichen Errungenschaften des Industriezeitalters müsse man Religion als eine „Beleidigung des menschlichen Verstands“ betrachten. Inwieweit dies zutrifft, möchte ich hier nicht diskutieren; atheistisches Wunschdenken ist zulässig.
Indessen v
ertritt die Mehrheit der heute lebenden Menschen unübersehbar eine diametral andere Sichtweise: Der lebens- und realitätsbestimmende Einfluss von Religion mit all ihren positiven und nachteiligen Auswirkungen lässt sich auf absehbare Zeit nicht wegreden. Folglich ist man m.E. besser beraten, auf Instrumentalisierung und Machtmissbrauch von religiösem/spirituellen Gedankengut ein wachsames Auge zu haben. Dies gilt insbesondere für Drohbotschaften ewiger Verbannung/Verdammung.

Zum Abschluss ein versöhnlicher Gedanke:
Wir sind aber allen Menschen schuldig, ihnen ihre volle Wahrhaftigkeit – also ihre Absicht zur Wahrheit – anzuerkennen. Vielleicht ist Wahrhaftigkeit vor Gott manchmal wichtiger als mehr oder weniger durch glückliche Umstände in einer wahren Religion zu landen.(…)
Gott verlangt von keinem Menschen mehr, als er zu leisten vermag.
(5)

Quellenangaben und Literaturhinweise

  1. Gott wird ihn schon richten – Religion und Strafe„, Süddeutsche.de
  2. Religion – Verbrechen – Strafe„, Prof. Arthur Kreuzer
  3. Urchristentum als neues Weltbild„, eine Synthese von Claus Speer
  4. Urknall oder Demiurg?„, Michael Szameit auf heise.de
  5. Kommen Nichtmuslime in die Hölle?“ Der Physiker Hakan Turan nähert sich auf seinem Blog andalusian.de dieser Thematik aus der Perspektive eines aufgeklärten, toleranten Muslims an. Indessen scheint er die die bloße Existenz einer Endlagerstätte für ‚Verlorene‘ nicht in Zweifel zu ziehen. Turan geht letztlich der Frage nach, „inwiefern ein islamisch-theologisch begründeter Heilsinklusivismus denkbar ist, demzufolge auch Nichtmuslime aus islamischer Perspektive das ewige Heil erlangen können.“
    (→ Substanzielle und erkenntnistheoretische Begründungsversuche von Heilsinklusivismen im Islam„)
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