Katholische Kirche: Austritte nahmen 2014 weiter zu

Wie die Statistik der Kirchenaustritte zeigt, wuchs deren Anzahl auch  weiter an: 217.716 Deutsche kehrten im Jahr 2014 der röm.-katholischen Kirche den Rücken – knapp 39.000 mehr als im Vorjahr. Damit wurde das bisherige Rekordniveau von 2010, zum Höhepunkt des Missbrauchsskandals (181.193 Austritte), nochmals übertroffen (SZ, Juli 2015).
Wie die Dt. Bischofskonferenz mitteilte, sank zudem die Zahl der Eintritte und Wiederaufnahmen um mehr als 900 auf gut 9100.

Die Gründe lassen sich nur vermuten. führt der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, erklärt für die vielen Austritte als „persönliche Lebensentscheidungen, die wir in jedem einzelnen Fall zutiefst bedauern, aber auch als freie Entscheidung respektieren.“ (kath.net, 17.7.15)
Sicher, nur wie kommt es zu dieser Häufung?

  • Den investitionsfreudigen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst (im Feb. 2015 durften Journalisten die 6 Millionen € teure und 280 m2 große Privatwohnung im Limburger Bischofssitz bewundern) hat sein Boss längst im Päpstl. Rat für Neuevangelisierung geparkt und damit dem ständigen Blick der Presse entzogen. Formal bleibt er weiterhin (emeritierter) Bischof. Die Verärgerung über ein ver(w)irrtes Schaf taugt meiner Ansicht nach auch nicht wirklich als Beweggrund, die Kirche ganz zu verlassen.
  • Zu mancher Austrittsentscheidung könnte die Verwirrung um ein neues Einzugsverfahren für die Kirchensteuer auf Kapitalerträge beigetragen haben: Seit Anfang 2015 leiten Banken und Sparkassen die Kirchensteuer auf Kapitalerträge oberhalb des Sparerfreibetrags automatisch an die Finanzämter weiter. Dies sei von vielen irrtümlich als ’neue Steuer‘ aufgefasst worden.
  • Christian Weisner, der Sprecher der katholischen Laienorganisation „Wir sind Kirche“, vermutet noch eine andere Ursache: Der Franziskus-Effekt sei in Deutschland noch nicht hinreichend spürbar. „Diese Kontrollwut, wie wir sie auch von Papst Benedikt erlebt haben – das muss vorbei sein.“ (SPON, 17.7.15)

Solche singulären Ereignisse mögen den letzten Anlass zu einer Entscheidung bieten, die schon lange zuvor gereift ist…eine innere Verabschiedung sozusagen: Dominik Meiering, Generalvikar des Erzbistums Köln: „Der Kirchenaustritt ist nur der letzte Schritt auf einem langen Weg, auf dem einem Menschen die Kirche immer fremder wird. Wer in der Kirche keine Heimat mehr hat, dem fällt es leichter, bei einem akuten Anlass förmlich den Austritt zu erklären.“
Damit trifft Meiering den Nagel auf den Kopf.

Der Theologe und Buchautor Norbert Reck sieht die „massenhaften“ Austritte in einem Wandel im religiösen Selbstverständnis der Menschen begründet:

„Bevor dieser Wandel einsetzte, bestimmten die Menschen ihre Identität in erster Linie durch die Zugehörigkeit zu ihrer Familie, zu ihrer gesellschaftlichen Klasse, zur Heimatregion, zu einer Kirche oder auch zu einer Partei.“
Heute werde Selbstwertgefühl nicht mehr aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe gewonnen, sondern aus sich selbst heraus: „aus dem, was sie können, was sie wollen, was sie ablehnen“ (Vgl. „Das Ende der Kirchewie wir sie kennen„, BR)

Glaubt man langfristig angelegten Studien über die Gründe für Kirchentritte, stehen meist ‚Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche‚ und Aussagen wie ‚Ich brauche keine Religion in meinem Leben‚ oder ‚Ich kann mit dem Glauben nichts mehr anfangen‚ im Vordergrund. Selten seien dagegen Übertritte zu einer anderen großen Konfession oder der Wechsel in kleinere Glaubensgemeinschaften wie z.B. Freikirchen.

Wir leben einer Zeit, in der Medien wie nie zuvor die Meinungsbildung der Menschen beeinflussen. Trotzdem, wenn die taz im Jahr 2009 eine Anleitung zum Kirchenaustritt („Ausstieg leicht gemacht„) herausgibt, mag dies zum Ausstiegsklima zusätzlich beitragen, aber mehr auch nicht.

 

Die andere Seite der Medaille: Im Jahr 2014 wurden 164.833 Säuglinge katholisch getauft …was den Mitgliederschwund ziemlich relativiert. Zudem gab es 188.342 „Kommunionkinder“. Dass Kirchen an dieser rücksichtslosen Vereinnahmung unmündiger Kinder festhalten, wiegt für mich als Kritikpunkt weitaus schwerer als Protzbauten oder unklare Kommunikation von Steuerfragen.
Der Anspruch, wie ihn Kardinal Reinhard Marx formuliert – den Auftrag der Kirche glaubwürdig zu erfüllen – wird durch diese dem Gedanken der Religionsfreiheit und -mündigkeit klar widersprechende Praxis ad absurdum geführt.

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