„Menschen denken nicht über das Unmögliche nach“??

Im Bemühen, die Existenz Gottes als ‚logisch‘ zu argumentieren, werden bisweilen erstaunliche Wege beschritten. Auf bibelstudium.de las ich nachfolgend zitierte ‚Herleitung‘:

„In den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten viele Menschen Angst vor einem Atomkrieg. Wenn man die Menschen in unserem Umfeld gefragt hätte: „Wer soll denn die Atomraketen abschießen?“, dann hätten sie geantwortet: „Die Russen.“ Niemand wäre auf die Idee gekommen, zu sagen: „Die Afrikaner.“ Warum nicht? Weil die Leute sich über das Mögliche und nicht über das Unmögliche Gedanken machen. Die Atomwaffen standen nun mal in den Staaten des Warschauer Paktes und nicht auf dem Schwarzen Kontinent.“

Was soll dies besagen?

Die Tatsache, dass der Mensch „unheilbar religiös“ ist, bilde in sich selbst doch einen Beweis dafür, dass es mehr geben muss als nur Materie: „So viele Menschen grübeln nicht über ein Phantom und zittern nicht vor einem Nichts.“
Weil die große Mehrzahl der Menschen weltweit über Gott nachdenken – und weil schließlich Niemand über das Unmögliche nachdenkt (s.o.) – sei die Existenz Gottes zwingend zu schlussfolgern: „Gott existiert. Er hat das Verlangen nach ihm in seine Geschöpfe hineingelegt.“

Fliegendes Spaghettimonster als Stoffpuppe

Nach dieser Logik müssten beinahe täglich UFOs auf der Erde landen, vor 300 Jahren wären die Nächte voller Dämonen gewesen und Gandalfs Kollegen hätten die Welt beherrscht. Und würden natürlich zahllose Inkarnationen des Fliegenden Spaghettimonsters existieren – schließlich teilen nicht sämtliche Pastafari exakt denselben ‚Glauben‚, oder? 😉

Woran haben zurückliegende Generationen nicht alles gedacht…? In Ermangelung einer natürlichen Erklärung für viele unverstandene Phänomene wurde viel über Naturgeister, Zauberei und Magie spekuliert – nicht im Sinne von Tricksereien: Vielmehr wurde Magiern zugetraut, sie besäßen eine Art ‚Cheatcode für die Realität‘. Von solchen Überlegungen war es nur ein winziger Schritt zu haarsträubendem Aberglauben, der sich stellenweise bis in unsere Gegenwart fortsetzt.

An diesen ‚Wunschbaum‘ auf dem Pfullinger Berg hängt man Zettel mit seinen Wünschen,  damit die Magie des Baumes sie erfüllt

War also die Schlussfolgerung glaubhaft, auch  Baumgeister und Magie müssten existieren, weil die Leute sich ihre Köpfe ja nicht über Unmögliches zerbrechen? Und falls nun die Mehrzahl der Menschen einen ‚Wunschbaum‘ (oder ein vergleichbares Konstrukt) nutzen, was würde dies über die Wahrscheinlichkeit aussagen, ob zwischen Bäumen und dem Wahrwerden von Wünschen ein kausaler Zusammenhang besteht? (Diese Tradition ist anscheinend wirklich recht verbreitet: auch in Japan schreibt man seine sehnlichsten Wünsche auf einen Zettel, den man an die Äste eines geeigneten Baums hängt…)

Über volkstümliche Traditionen zu spotten, liegt mir fern. Statt dessen denke ich den ’natürlichen Spannungszustand‘ zwischen religiösen Lehren und Volkes‘ Aberglaube nach: Zumindest ‚heidnische‘ Vorstellungen, so verbreitet sie auch waren, wurden von christlichen Klerikern stets verworfen (sofern sie nicht ‚chrisianisiert‘ und mit einem neuen Bedeutungszusammenhang versehen wurden).

Aberglaube kann durch die falsche Verknüpfung von Ursache und Wirkung entstehen. Wie das Magazin für Psychologie und Hirnforschung Gehirn & Geist feststellte, neigen Menschen neigen zu der „Vorstellung, gleichzeitige Ereignisse seien kausal miteinander verknüpft, obwohl sie in Wirklichkeit voneinander unabhängig sind“. Bei mehrmaligem zeitlichen Zusammentreffen von zwei Ereignissen würde eine ursächliche Verbindung angenommen, so dass abergläubisches Verhalten relativ schnell entstehe. Umgekehrt benötige es viele Male des Nichtzusammentreffens, um diesen Verdacht wieder zu zerstreuen. (vgl. WELT, 2009)

Der Gedankengang „Ich denke, also bin ich“ trifft zweifellos zu, das Subjekt findet seine Bestätigung in sich selbst. Doch die Überlegung „Wir denken an Gott, also ist Gott“ lässt sich daraus kaum konstruieren, weil sie den Radius der Evidenz durch Beobachtung (durch das reflektierende ‚Ich‘) verlässt.
Auch aus dem Umkehrschluss wird kein Schuh: Wenn gegenwärtig die Zahl derer abnimmt, für deren Denken Gott eine Bedeutung innehat, lässt daraus sich keineswegs die Nichtexistenz einer schöpferischen Intelligenz schließen.

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