Joseph Ratzinger und dieser verfl… Relativismus

Dem modernen Menschen erscheine es intolerant und auch mit der nötigen wissenschaftlichen Skepsis unvereinbar, zu behaupten ‚wir haben die Wahrheit, und das andere ist die Wahrheit nicht oder nur in Scherben‘. Diese Haltung kollidiert mit dem traditionellen christlichen Selbstverständnis.
Und das geht aus seiner Sicht gar nicht: „So ist in der Tat der Relativismus zum zentralen Problem für den Glauben in unserer Stunde geworden“, befindet Joseph Ratzinger. Damit ist gemeint: Die Wahrheit werde relativiert – genauer: die von der einen wahren Kirche verkündete Wahrheit des Glaubens werde angezweifelt…und so richtig-ehrfürchtigen Respekt vor den Klerikern habe (außerhalb Bayerns) auch keiner mehr.

Von seinem Ursprung her ist Relativismus eine philosophische Denkrichtung, welche die Wahrheit von Aussagen, Forderungen und Prinzipien als stets von etwas anderem bedingt ansieht und absolute Wahrheiten verneint – dass also jede Aussage auf Bedingungen aufbaut, deren Wahrheit jedoch wiederum auf Bedingungen fußt und so fort.
Somit dürfe eine Aussage auch verändert und verhandelt werden – denn eine sichere Erkenntnis der Welt sei unmöglich.
Der Wahrheitsrelativismus (ontologischer Relativismus) wiederum vertritt die Ansicht, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern die Wahrheit vom Beobachter abhängt.

Von da ist es gar nicht weit bis zu David Hume (1711–1776) , nach dem auch und gerade Ethik immer subjektiv ist. Hume, der ‚Vater des moralischen Relativismus‘, unterschied in seinen Werken zwischen Tatsachen und Werten und schlug vor, moralische Urteile als abhängig von den vertretenen Werten zu verstehen, da sie nicht von verifizierbaren Fakten, sondern von unseren Gefühlen und Leidenschaften abhängen. Er bestritt die Existenz eines objektiven Standards der Moral: dem Universum seien unsere Vorlieben und Probleme gleichgültig

Nun leuchtet aber ein, ohne einen Konsens hinsichtlich grundlegender Werte und Prinzipien wird eine Gesellschaft zurückfallen in einen ungeordneten Zustand, wo allenfalls ein Recht des Stärkeren Anwendung findet. Im Bereich der Ethik kann auf diesen Konsens nicht verzichtet werden, dessen Relativierung z.B. hinsichtlich des staatlichen Gewaltmonopols (abseits von Ausnahmesituationen wie Nothilfe/Notwehr) unangemessen und potenziell gefährlich ist.

„Wo kein Maß über unsere eigenen aktuellen Meinungen hinaus besteht, herrscht immer mehr die Willkür, verfällt der Mensch.“3
Bedeutsamer als die Einhegung der Meinungen ist freilich eine Maßsetzung (und damit Mäßigung) des Verhaltens.

Doch wie verhält es sich in Glaubensfragen?

Kann eine Religion überhaupt absolute Wahrheiten hervorbringen? Ist es dem Menschen gegeben ist, „die eigentliche Wahrheit über Gott und die göttlichen Dinge zu erkennen“? Das Christentum befinde sich für das heutige Denken keineswegs in einer positiveren Perspektive als die anderen Religionen, befand Ratzinger, – im Gegenteil: „Mit seinem Wahrheitsanspruch scheint es besonders blind zu sein gegenüber der Grenze all unserer Erkenntnis des Göttlichen.“

Kurzum, ist denn im Glauben wirklich alles (inter-)subjektiv? Diese Frage würde ich bejahen, solange nicht das Göttliche nicht ein unwiderlegbares, für alle Menschen zu allen Zeiten klar erkennbares Zeugnis seiner Existenz und seines Willens in die Welt gestellt hat. Nun werden Christen einwenden: Genau dieses Zeugnis habe Gott doch gegeben, als er seinen Sohn als Mensch zu uns sandte – und dieser Sohn Jesus Christus habe durch Kreuzigung und Auferstehung den Menschen den einzigen Zugang zu seiner Erlösung eröffnet.

Offensichtlich wird dies nur nicht von allen Menschen so gesehen, und die theologischen Grundlegungen anderer Religionen sind ebenso tief und vermeintlich absolut wie im Christentum.

„Intersubjektives Wissen kann nicht absolut sein, da es dem Konsens bestimmter Gruppen unterliegt.“2

In seinem Dialog mit Peter Seewald („Salz der Erde“) erklärt Ratzinger: Im heutigen, weitgehend von wirtschaftlicher und technischer Innovation bestimmten Leben sei „Religion in den Bereich des Subjektiven abgewandert. Glaube wird dann als eine der subjektiven Religionsformen toleriert; oder er behält letztlich als Kulturfaktor einen bestimmten Raum“. Als Folge davon sei die „bisherige Verschmelzungsgestalt von Kirche und Gesellschaft“ nicht länger fortführbar.
Auch in der Unterhaltungswelt der Medien werde Sprache gebildet, Verhalten geformt – so entstehe „sozusagen der Mittelbereich der menschlichen Existenz, der in den großen Massenbewegungen angesprochen wird“. Tja, Medienschelte geht immer: Das Fernsehen dringe heute auch in alle Winkel der Welt vor und strahle eine bestimmte Ideologie aus.
Was Ratzinger im Grunde bedauerte: Die RKK (von ihm stets mit ‚dem‘ Christentum‘ gleichgesetzt) hat den Kampf um Meinungsführerschaft und Deutungshoheit verloren, zumindest für die heutige Zeit lässt sich dies konstatieren. (Was er nicht sagt: Würden die TV-Sender weltweit die christliche, nein allein die katholische Weltsicht verbreiten, hätte er kaum Einwände, …oder?)

Manch einer würde meinen: diese ‚Subjektivierung des Spirituellen‘ sei ein Grund zur Freude, nicht zur Klage. Als ‚Mensch aus der Wirtschaft‘ weiß ich: ein fairer Wettbewerb ist gut für den ‚Markt‘ – anstatt einem Monopol („es kann nur einen geben“) werden Marktanteile vergeben. Den größten Nutzen daraus ziehen die Konsumenten – im spirituellen Umfeld aus dem Umstand, eine echte Wahlfreiheit zu haben.
Sobald alle konkurrierenden Kräfte ihre Rolle als Wettbewerber akzeptierten haben, schwände die Wahrscheinlichkeit gewalttätiger Auseinandersetzungen (Religionskriege, -tribunale, etc.).

Inwieweit kann, darf überhaupt von „Wahrheit“ gesprochen werden? Nun, eine ‚gefundene Wahrheit‘ würde auch ich mir nicht streitig machen lassen. Indes ist mir doch schmerzlich bewusst, wie winzig der Ausschnitt der Gesamtwirklichkeit ist, mit dem ich mich eingehend vertraut machen kann – schon deshalb kommt der innere Impuls, von mir gefundene ‚Wahrheits-Facetten‘ anmaßend zu verallgemeinern, erst gar nicht zustande.

Für Ratzinger ist Glaube „etwas zum Weitergeben Geschenktes, das man gar nicht richtig hat, wenn man es nur für sich selbst haben will“3 – damit kann ich mich durchaus anfreundenA. Allerdings nur insoweit, als dieses Geschenk seinen spezifischen Charakter als offerierte Gabe behält …und nicht durch missbräuchliche Verwendung zu einem ‚Brandzeichen‘ verkommt, dass ich bereits Säuglingen aufdrücke oder sogar mit Feuer und Schwert zuteile. Eine Schenkung behält dann ihren Wert, wenn sie in freiem Willen angenommen wird (d.h. indem die Entscheidung über die Entgegennahme oder Ablehnung dem Beschenkten nicht vorenthalten wird).

A = Ratzinger weiter: „Es ist genauso, wie wenn jemand eine große Freude hat, er muss es irgendwie sagen und mitteilen, sonst ist es gar keine echte Freude.“ – So geht es mir auch: wenn ich einen mir bedeutsam erscheinenden Gedanken, einen weiteren Ausschnitt der großen, als Ganzes vor uns verborgenen Wahrheit entdeckt habe, dann ‚muss‘ ich mit anderen darüber sprechen…oder eben darüber schreiben. Meine Unzulänglichkeit, die mir eigene Unbeholfenheit, mich in wenigen Worten verständlich auszudrücken, ist mir dabei in jedem Moment bewusst. Das ändert freilich nichts an meinem Bedürfnis, das Gefundene auch anderen Menschen ‚zu schenken‘.
Nur: die Freude an diesem Vorgang würde ich ganz und gar zunichte machen mit einem weitergehenden Anspruch, etwa der Forderung nach Zustimmung.

Grenzen der Unverbindlichkeit?

Andererseits: „eine Religion, die auf das rein Subjektive reduziert ist, hat keine formende Kraft mehr, sondern das Subjekt bestätigt sich selber.“3

Diese Möglichkeit ist durchaus gegeben. Nur sollte man sich auch fragen: Was ist hilfreicher: ein zentralistisch dirigiertes Aufzwingen von Glaubensinhalten mittels strafbewehrter Dogmen? Oder ein überzeugend vorgetragenes Angebot, welches zwar die ‚reine Lehre‘ klar und deutlich beschreibt, zugleich jedoch auf Sanktionen gegen Abweichler sowie einen düsteren, auf Angsterzeugung angelegten Schuldkult verzichtet?
Eine Trennung zwischen reiner Glaubenslehre und kategorischer Machtausübung ist vom Zentrum der RKK augenscheinlich nicht gewollt, nein, nicht einmal vorstellbar. Zwar sollte die Kirche nicht ausschließlich unter diesem einen Aspekt von Kontrolle, Machtverhalten und Machtmissbrauch gesehen werden – nur lässt ein unverstellter Blich auf den Vatikan als ebenso politisch und finanzwirtschaftlich wie religiös tätige Institution es keinesfalls zu, eben dieses hervorstehende Merkmal zu ignorieren.

Strenge und Prinzipientreue wird meiner Beobachtung nach auch heute noch angenommen – bisweilen im Sinne einer Orientierungshilfe sogar ausdrücklich gewünscht – aber doch nur insoweit, als die liebevolle Zugewandtheit nicht von autoritativem Strengsein überwuchert wird. Die ‚Herde‘ spürt eben, ob ihr Hirte sie in väterlicher Weise anleitet oder bloß mit barschen Worten herumkommandiert…

Quellenangabe

  1. Die Frage nach der Wahrheit, Zitate von Joseph Ratziger
  2. „Existiert so etwas wie die absolute Wahrheit, und falls es so etwas wie die absolute Wahrheit nicht gibt, was ist dann die ›Wahrheit‹“?“ auf quora.com
  3. „Salz der Erde“, Peter Seewald im Interview mit Joseph Ratzinger
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