Ist das Christentum monotheistisch?

Meine Intuition und mein Verstand sagen mir, es gibt einen Gott. Einen, nicht drei, nicht 30 und auch nicht 33 Millionen. Diese allem übegeordnete „Entität“, Wesenheit oder Intelligenz mag allgegenwärtig sein und unzählige Erscheinungsformen annehmen, doch nach meiner Überzeugung besitzt sie eine Identität. Zu meinen persönlichen Schwierigkeiten mit der christlichen Trinitätslehre habe ich mich bereits an anderer Stelle ausgelassen.

„Über Jesus heißt es: Er ist nicht nur Mensch, sondern Gott von Gott, Licht von Licht. Hatte er dann nur einen lästigen Körper angenommen, und innen brannte eine göttliche Lampe?“ (Heiner Wilmer, „Gott ist nicht nett“)

Wenn ich an der in der christlichen Dogmatik vorgegebenen Fusionierung eines Gottvaters mit Jesus als ‚Sohn‘ sowie dem „Geist Gottes“ (oder Heiligen Geist) zu einem göttlichen Wesen infrage stelle, gewinne ich dadurch zwar ‚klarere Konturen‘ meines persönlichen Gottesbildes – welches wohl allein den transzendenten Geist Gottes sieht. Zugleich habe ich mir jedoch die Frage zu stellen: Wie sehe ich Jesus, wenn er nicht der eine Gott ist?

Mit dieser Frage habe ich mich lange beschäftigt, und währenddessen jeweils auch mit den Gewissensbissen infolge meiner katholischen Erziehung. Jesus ist für mich eine historische Persönlichkeit, deren (ursprüngliche) Lehre den Kern einer weltweit konsensfähigen Sozialethik enthält. Seine Beziehung zu Gott vermag  ich nicht zu ergründen, im Islam gilt Jesus von Nazareth als Gesandter Gottes, als einer von mehreren seiner Propheten. Die Sichtweise ‚er war einer von vielen‘ teile ich nicht unbedingt, weil ich in seinen Worten durchaus Einzigartiges entdecke.

Der Bereitschaft Jesu, für seine Überzeugung Spott, Folter und Tod zu ertragen, bringe ich großen Respekt entgegen – im Bewusstsein, meine eigene Feigheit würde sofort auflodern, sobald körperlicher Schmerz drohte oder spürbar würde. Dieses Wissen hatte allerdings auch einen weiteren Effekt: ‚Neben‘ Jesus fühle ich mich klein, völlig unzulänglich und mies; das ist wohl der Grund, weshalb ich seine Nähe nie wirklich gesucht habe. Bei Gott ist dies etwas anderes, mit ihm vergleiche ich mich ja nicht – doch der Mensch Jesus von Nazareth war zu so vielem willens und imstande, was ich niemals zuwege bringen würde.

Folgt man den Dogmen der römisch-katholischen und auch der evangelischen Kirche, erscheint die Dreieinigkeit Gottes als unverrückbare Selbstverständlichkeit im christlichen Glauben.

Demgegenüber steht die Auffassung Thomas von Aquins, zwar könne die Existenz Gottes mittels menschlicher Vernunft bewiesen – nicht aber die Existenz dreier göttlicher Personen, die könne nur durch Offenbarung gewusst werden. Liegt darin der Grund, dass vielen Christen heute vor der fremdartig anmutenden Vorstellung von Gott als ‘ein Gott in drei Personen, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist’ hilflos kapitulieren? Der ‚gesunde Menschenverstand‘ scheint hier von einem Entweder-Oder auszugehen: Gott sei entweder Der Eine oder er sei ‚Drei‘.
In diesem Sinne übt der Islam deutliche Kritik am christlichen Gottesbild und insbesondere an der Gottessohnschaft Jesu, welche er als unzulässige Beigesellung (weiterer Götter zu dem Einen Gott) kategorisch ablehnt.

Diese und weitere Überlegungen greift Johannes Seidel in seiner Abhandlung „Ist das Christentum noch monotheistisch?“ auf. Der von Seidel zitierte Altkanzler Helmut Schmidt spricht mir aus der Seele, wenn er schreibt:

“Ich bin einer von den vielen, die sich als Christen bekennen. (…) Ich glaube, Gott ist der Herr allen Geschehens. Aber mit der Trinität habe ich ganz große Schwierigkeiten. (…)
Bin ich vielleicht deshalb kein Christ?  (…)
Ich nenne mich gleichwohl einen Christen. Denn ich bin überzeugt von der Moral, die das Christentum im Laufe von Jahrhunderten entfaltet hat.”

Nun ja, ob man sich als Christ bezeichnen ‚darf‘, obwohl man die Vorstellung von ‚dem einen Gott in drei Personen‘ ablehnt – diese ist immerhin ein essenzieller Teil des christlichen Credo – sei dahingestellt. Vielleicht existiert für den guten Helmut Schmidt eine Sonderregelung – ähnlich der exklusiven Aufhebung des Rauchverbotes? Seidel bringt die theologische Problematik mit zwei Fragen auf den Punkt:

„Steht der “trinitarische Monotheismus” des Christentums im Gegensatz zum Alten Testament?

Bei der Lektüre des A.T. entsteht tatsächlich der Eindruck, im trinitarischen Glauben der Kirche werde dem einen und einzigen Gott nicht der Mensch Jesus‘ beigesellt’ – nach alttestamentlichen Verständnis ein Verstoß gegen das erste Gebot übertreten. Dagegen lasse sich argumentieren,  der jenseitige Gott sei in seiner gesamten Schöpfung gegenwärtig, so ist er auch in ’seinem Sohn‘. Somit könne die “christliche Trinitätslehre als Konkretisierung des hebräischen Monotheismus gesehen werden, welche „die Offenbarungsgestalt der Gegenwart Gottes in der Welt als eins mit seiner jenseitigen Wirklichkeit bekennt“.

Darüber lohnt sich nachzudenken. Allerdings scheint das A.T., insbesondere die 5 Bücher Mose, auf einen deutlichen Abstand zwischen Gott und seiner gesamten Schöpfung hinzuweisen – dem damit Rechnung getragen werde, dass nur dieser Eine Gott angebetet werden dürfe, nicht aber Personen bzw. Elemente seiner Schöpfung.

In der christlichen Theologie wird die Bezeichnung Jesu als ‘Sohn’ einseitig ein Titel aufgefasst, der exklusiv nur Jesus in seinem Verhältnis zum Vater zukommt. Im A.T. hingegen begegnen wir der Verheißung an alle Glieder des Volkes, einst ‘Kinder des lebendigen Gottes’ genannt zu werden (vgl. Hos 2,1)
Zugleich verdankt auch Jesus „alles, was er hat und ist, vollständig dem, von dem er herkommt, der ihn gesandt, ‘gezeugt’ hat“.

Im Johannesevangelium werde Jesus zwar ‘Gott’ genannt, aber nicht ‘der Gott’, nämlich ‘der einzige Gott und Vater’, erklärt Seidel:

„Im Griechischen des Johannesevangeliums bedeutet ‘Gott’ eben nur ‘von Gottes Art’, ‘aus Gott’, ‘wie Gott’. Im Deutschen dagegen ist ‘Gott’ nur eine einzige Größe bzw. Person.
Aber wenn Jesus im Griechischen ‘Gott’ genannt wird, gibt es damit nicht zwei Götter […] Wie Juden und Muslime halten Christen an dem einen und einzigen Gott fest […] Nur hat – und das ist die christliche Besonderheit – dieser eine Gott sich Jesus Christus – den Sohn also, und den Heiligen Geist – als einzigartige ‘Orte seiner Gegenwart’ erwählt.“

Und wieder ist die Verwirrung perfekt, für mich jedenfalls: Bedeutet dies, der Sohn und der Hl.Geist seien als alternative Erscheinungsformen aufzufassen – etwa so, wie Zeus sich in einen Adler ‚verwandelte‘? Ich nehme an, der Vergleich ist für Theologen unbefriedigend – doch in diesem Fall wäre wohl nur Zeus, nicht aber der Adler anzubeten…

Wird ein “unitarischer Monotheismus” dem Gott der Bibel gerecht?“

Seidel führt hier ein interessantes Argument an:

Wird Gott im Gegensatz zur Welt gedacht, so bleibe er in solcher Entgegensetzung zur Welt von der Welt abhängig. Damit aber würde er nicht als Gott gedacht. Durch die Trinitätslehre aber werde „vermieden, Gott in Abhängigkeit von der Welt zu denken, weil Gott als Vater primär nicht im Gegenüber zur Welt, sondern im Verhältnis zum Sohn gedacht wird.”

Die klassische Trinitätslehre habe dem gemeinsamen göttlichen Wesen keine eigene Personalität neben der der drei Personen zugesprochen. Von daher sei der Gott des Christentums streng genommen kein “persönlicher Gott”.
Zwar ist ‚der eine‘ Gott im christlich Glauben nicht unpersönlich. Aber Person sei er nur in Gestalt jeweils einer der trinitarischen Personen, wobei „jede der Personen der Trinität nicht allein ihr Personsein, sondern auch ihre Gottheit nur durch Vermittlung ihres Verhältnisses zu den beiden anderen hat.“

Benötigt Zeus (lt. dem o.a. ‚Vergleich‘) den Adler, um von uns Menschen als göttlich wahrgenommen zu werden?

Es hat sicher einen guten Grund, dass alle mosaischen Religionen betonen, der Mensch solle sich „kein Bild“ von Gott entwerfen. Denn jedes Bild kommt zwangsläufig einer Begrenzung Gottes gleich: alles, was nicht in dem jeweiligen Gottesbild enthalten ist, wird nicht als Erscheinungsform Gottes dargestellt. Tatsächlich sehen wir, dass im A.T. Gott nicht nur die drei Erscheinungsformen der Trinität annimmt – er erscheint auch als Feuer, Wolke oder ‚Säuseln im Wind‘.

Andererseits können viele von uns nicht aus ihrer Haut heraus: Es liegt im Naturell des Menschen, sich einen ‚Begriff‘ von seinem Gegenüber zu machen. Wer ihrer Existenz nicht gleichgültig gegenübersteht, wird auch mit Gott bzw. den Göttern bestimmte Eigenschaften assoziieren.

Dieser Beitrag wurde unter Christentum, Jesus abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.