Wozu Theologie an staatlichen Universitäten?

„Die Wahrheit der christlichen Überlieferung kann in einer wissenschaftlich verfahrenden Theologie nur als Hypothese fungieren.“3

In einem Interview mit BR alpha sprach Prof.Dr. Johanna Rahner (Universität Tübingen) im September 2015 darüber, ob konfessionelle Theologie heutzutage noch an Universitäten gelehrt werden solle. „Angesichts fortschreitender Säkularisierung steht das Fach heute unter Rechtfertigungsdruck. Manche ziehen die Wissenschaftlichkeit der Theologie in Zweifel…“, heißt es im Begleittext zur Sendung.

Bereits die Fragestellung „Warum gehört Theologie an die Universität?“ will die Antwort offenbar vorwegnehmen – dass Theologie in jedem Falle weiter als Universitätsfach gelehrt werden solle. Rahner verweist auf die historische Bedeutung der konfessionellen Theologie für die Entwicklung der universitären Bildung; sie betont zudem, an Universitäten könne die Theologie als Feld mit „festen Überzeugungen“ in den Diskurs mit anderen Disziplinen treten. Alternativ wäre das Unterrichten von Theologie alleine durch die Religionsgemeinschaften zu betreiben (und zu finanzieren), was lt. Rahner ein „Schmoren im eigenen Saft“ zur Folge haben würde. Die Theologin für Dogmatik bemisst die Wissenschaftlichkeit auch einer konfessionsgebundenen Theologie allein an ihrer Arbeitsweise.

Forschungsgegenstand und Wissenschaftlichkeit

Auf dem Blog „Der Goldene Aluhut“ widerspricht Gastautor Robert Wolf dieser Haltung in einem dort publizierten offenen Brief an die Professorin; hierzu zitiert er gleich mal den atheistischen ‚Mann für’s Grobe‘, Richard Dawkins:

Ich warte noch immer auf einen stichhaltigen Grund für die Annahme, dass die Theologie (im Unterschied zu historischer Bibelkunde, Literatur usw.) überhaupt ein Forschungsgegenstand ist.1

Konfessionell gebundene Theologie sei laut Dawkins wegen ihres unumstößlichen Festhaltens an „Überzeugungen“ unwissenschaftlich, da sich Wissenschaft auch dadurch auszeichne, nicht voreingenommen zu denken.

Der evangelische Theologe Karl Barth stellte im ersten Band seiner „Kirchlichen Dogmatik“ fest:

„Wenn die Theologie sich eine Wissenschaft nennen lässt oder selber
nennt, so kann sie damit keinerlei Verpflichtung übernehmen, sich an
den für andere Wissenschaften gültigen Maßstäben messen zu lassen.
Sie kann sich aber auch nicht in der Form vor den anderen Wissenschaften rechtfertigen, daß sie ihrerseits einen eine gute Theologie nicht aus-, sondern einschließenden Wissenschaftsbegriff zur Diskussion stellt.“2

Was sind Kriterien für Wissenschaftlichkeit?
Allgemein kann Wissenschaft definiert werden als „die systematische, methodische, ordnende, erklärende und begründende Untersuchung von allem, was Menschen geistig zugänglich ist, in welcher Form auch immer. Ziel ist Erscheinungen im materiell-natürlichen, geistigen und kulturellen Bereich zu beschreiben und Gesetze, Zusammenhänge etc. aufzudecken.“ (Vgl. Philolex.de)
Nach dieser Definition, obgleich sie sicherlich kritisier- und optimierbar ist, lässt sich Theologie durchaus als Wissenschaft einordnen, auch wenn sie gewissermaßen eine Sonderrolle unter den Disziplinen einnimmt. Schließlich befasst sie sich vermutlich als einzige Wissenschaft mit einem Forschungsgegenstand, über dessen Existenz nach wie vor gestritten wird, der weder in mathematischen Formeln noch in wortreichen Dissertationen umfassend beschreibbar ist: mit Gott bzw. die Gesamtheit ‚der Götter‘ im polytheistischen Sinne. Auch deshalb würde jeder Versuch, so Barth weiter, die Theologie einem allgemeinen Wissenschaftsbegriff auszuliefern ihre Zerstörung zur Folge haben:

Die Theologie hat keine andere Möglichkeit, ihre „Wissenschaftlichkeit“
zu erweisen, als die, in der faktisch stattfindenden, durch ihren
Gegenstand bestimmten Arbeit an ihrer Erkenntnisaufgabe zu zeigen,
was nun eben sie unter „Wissenschaftlichkeit“ versteht.“2

Die Entscheidung darüber, ob jemand oder etwas ist, was er oder es zu sein vorgibt, falle ‚in bewährenden oder nicht bewährenden Ereignissen‘ – weshalb die Theologie hat keinen Anlass habe, sich den Namen einer Wissenschaft verbieten zu lassen.

Klingt beim ersten Lesen verdächtig nach einem Zirkelschluss. Und Haudrauf-Atheisten würden hier wohl einwenden, mit dieser Argumentation lasse sich ebenso die Erforschung von Elfen, Hobbits und Spukschlössern als Wissenschaft etablieren …tatsächlich scheint die Grenzziehung zwischen ‚echten‘ und den sogenannten Parawissenschaften hier etwas unübersichtlich zu werden.

Wirklich schwierig wird es für mich allerdings erst mit der folgenden Aussage Barths:
Eine Begründung dieses Glaubens [konkret: an die Vergebung der Sünden] kommt nicht in Betracht, aber seine Verleugnung noch weniger.“2

Das Untersuchen und Begründen zählt aber zu den ureigensten Aufgaben von Wissenschaft, Sonderrolle hin oder her. Es geht einher mit der Fähigkeit und Bereitschaft zur Revision bisheriger Erkenntnisse und Thesen.

Gott als wissenschaftliche Hypothese?

Eduard Spranger befasste sich in den 1920er Jahren mit der Frage nach dem Verhältnis von Weltanschauung und Wertneutralität in den Geisteswissenschaften.

„ …dass die Wissenschaft, im Gegensatz zur einfach gläubigen Dogmatik, jederzeit bereit ist, diese ihre Voraussetzungen selbst zum Gegenstand der Kritik zu machen und sie somit zu revidieren.“
(Eduard Spranger, „Der Sinn der Voraussetzungslosigkeit in den Geisteswissenschaften“, 19293)

Wenn nun eine konfessionsgebundene Theologie den Kerninhalt eines spezifischen Glaubens apodiktisch zur „Grundvoraussetzung“ erklärt, ist sie mit dieser Forderung nicht vereinbar. Spranger forderte jedoch außerdem, „die irreführende Wendung von der Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaften, die unter anderen geistigen Zeichen entstanden ist, bewusst „fallen [zu] lassen“ und die Universitäten zum „eigentliche(n) Boden für die fruchtbare geistige Auseinandersetzung sogar der Weltanschauungen“ werden zu lassen.“4
Na, was denn nun???
Nun ja, formale Kriterien sind nicht der einzige relevante Aspekt – ebenso würde eine exklusive Auswahl des jeweils ‚Zeitgemäßen‘ auf eine inhaltliche Verarmung, wenn nicht Kastration des Universitätsbetriebes hinauslaufen.

Politische Faktoren

Mindestens gleichwertig sind Fragen der Praxis: In einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft muss vor allem daran gelegen sein, Jugendliche sowie auch Studierende vor einer religiösen Indoktrinierung zu schützen und ihnen eine umfassende (also nicht einseitige) Bildung zu vermitteln. Nicht zuletzt aus dieser Motivation heraus wurden in Deutschland in jüngster Zeit Zentren und Lehrstühle für islamische Theologie eingerichtet. Die Ausbildung von Lehrpersonal soll eben nicht potenziell extremistischen Koranschulen etc. überlassen werden.
Vor diesem Hintergrund scheidet sich eine Abschaffung der christlichen Theologie im Universitätsbetrieb nun ganz aus; in einem nach wie vor christlich geprägten Land islamische Theologie zu fördern und gleichzeitig der christlich-konfessionellen Ausbildung die universitäre Grundlage zu entziehen …das ergibt schlichtweg keinen Sinn.

Konkret: Die Beibehaltung theologischer Lehrstühle an staatlichen Universitäten eröffnet dem Staat weiterhin Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten in die Lehrinhalte. Dies ist politisch gewollt und mit Blick auf die Gefahren von Extremismus und Radikalisierung außerdem zweckmäßig, wenngleich keine Garantie dafür, dass WahhabitenA) und Evangelikale ihre Nachwuchskräfte nicht außerhalb staatlicher Lehranstalten ausbilden und erziehen.
Diese Zielsetzung dürfte dennoch einen wesentlichen Anlass für die Beibehaltung des Status Quo darstellen. Die an sich zu begrüßende Haltung „Religion ist Privatsache“ wird davon insoweit nicht berührt, als in die persönliche Autonomie des einzelnen Studierenden – Religionsfreiheit, freie Ausbildungs- und Berufswahl etc. – nicht in einem unverhältnismäßigen Grad eingegriffen wird.

Dass Diskussionen über eine staatliche Finanzierung konfessionsgebundener Studiengänge äußerst emotional geführt werden, kann nicht weiter überraschen – hier prallen nicht zuletzt radikaler Atheismus und erzkonvative Glaubensanschauungen aufeinander …nur die Lebenswirklichkeit hier und heute gerät dabei häufig aus dem Blick: Gerade weil unsere Gesellschaft sich an nicht länger nur ‚an den Rändern‘, sondern insgesamt zunehmend polarisiert, ist jede Schmälerung des bestehenden Bildungsangebotes kontraproduktiv.
Zu hinterfragen ist freilich, ob interreligiöse Fächer dem Lehrauftrag in einem säkularen Staat nicht eher entgegenkommen. Dem „Schmoren im eigenen Saft“ einer einzelnen Glaubensrichtung würde damit in bestmöglicher Weise begegnet.

Quellen/Literatur

  1. Offener Brief von Robert Wolf an Prof. Dr. Rahner
  2. Die Lehre vom Wort Gottes„, Erster Halbband, Karl Barth
    (Band I im Gesamtwerk „Kirchliche Dogmatik“)
  3. Krise der Moderne oder Modernität als Krise?„, Mitchell G. Ash
  4. Warum die Theologie keine Wissenschaft ist„, Giordano-Bruno-Stiftung.

Anmerkung:

A) Als Wahhabismus wird die strenge Version des sunnitischen Islam in Saudi-Arabien bezeichnet. Er sieht sich als einzig rechtgläubigen Islam – dazu berufen, alle übrigen Muslime auf den rechten Weg des Koran zurückzuführen und wendet sich gegen fremdem kulturellen Einfluss, vor allem gegen die säkulare Wissenschaft und westliche Einflüsse. Wahhabismus untersagt Frauen das Autofahren und verwehrt ihnen z.T. sogar Gesang, Parfüm und Blumenschmuck.
Außerdem ist für dem Wahhabismus eine strikte Dschihad-Orientierung kennzeichnend: Er verlangt den aktiven Einsatz für die Verbreitung des einzig ‚wahren‘ Islam. Deshalb ist Saudi-Arabien zu einem der am stärksten missionierenden Länder in der islamischen Welt geworden, nicht zuletzt auch in Deutschland. Die weltweite Verbreitung (und Finanzierung) dieser erzkonservativen Variante des Islam ist das erklärte Ziel der saudischen Politik. (Quelle: Sabine Held)

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