„Inquisition – ein Fortschritt?“

Ausgehend vom Schicksal der als Ketzer verfolgten Katharer habe ich mich etwas eingehender mit historischen Beurteilung der mittelalterlichen Inquisition in Südfrankreich (welche sich von der Spanischen/Portugiesischen Inquisition sowie den anti-reformatorischen Maßnahmen der RKK durchaus abhebt) wie auch Stellungnahmen seitens der Kirche beschäftigt.

Der häufig vorgetragene Einwand, man dürfe das mittelalterliche Europa nicht mit dem heutige gültigen pluralistischen, messen, hat seine Berechtigung. Welcher Maßstab ist also genehm und der damaligen Zeit gemäß? Wie wäre es mit dem Regelwerk des Christentums? Eignen sich die biblisch-christlichen Ideale wie Nächsten- und Feindesliebe sowie das Gebot „Du sollst nicht morden“ eher, zumal die Ketzerverfolgung schließlich im Dienste christlicher Überzeugungen stehen wollte? Auch nicht passgerecht angesichts der ‚theokratischen‘ Elemente mittelalterlicher Herrschaftsstrukturen? Nein, wohl kaum …zumal, diese Vorgänge lassen sich mit dem frühchristlichen Moralverständnis absolut nicht vereinbaren.
Tja, dann bleibt noch eine mit Wissenschaftsbegriffen aufpolierte Fassung des beliebten Statements „das war damals halt so, das haben alle so gehandhabt“. Ein Beispiel: „Die Verfolgung Andersgläubiger gehört nicht zu den exklusiven Charakteristika der Papstkirche“. Stimmt, auch führende protestantische Theologen wie Philipp Melanchthon befürworteten die Todesstrafe für sog. Gotteslästerer; und im elisabethanischen England wurden katholische Geistliche zu Hunderten exekutiert. Die Bezeichnung der Vergehen variierte: mal Häresie, mal Blasphemie, dann wiederum Hochverrat. Kann der Hinweis auf ‚die anderen‘
irgendeinen religiös motivierten Mord eher rechtfertigen? Nein, aber wenigstens lässt sich das im Rückblick als peinlich und kompromittierend empfundene Geschehen so relativieren.

Oder wahlweise der statistisch-vergleichende Ansatz: ‚Soo viele Tote und Verstümmelte, wie sonst immer behauptet wird, hat die Inquisition gar nicht hervorgebracht. Die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts ermordeten weit mehr Menschen.‘  Was wiederum zutrifft – Whataboutism geht eigentlich immer… Oh, wie lautete noch gleich der anfängliche Einwand – man dürfe doch nicht über Epochengrenzen hinweg unsachliche Vergleiche herstellen? Hmm…

Gerd Schwerhoff bekennt sich zur Notwendigkeit, moralisch falsches Handeln auch als falsch zu benennen: „Auch die Revisionen der neueren Forschung machen klare Werturteile über das Wirken der Inquisition nicht obsolet.

Zutreffend ist: Die Inquisitions-Geschichtsschreibung musste sich zunächst aus dem Sog konfessioneller Auseinandersetzungen befreien, um eine zwar nicht objektive, aber immerhin vorurteilsarme Untersuchung anstrengen zu können. Objektivität bleibt dagegen weiterhin eine Illusion, weil die notwendige persönliche Distanz bestenfalls teilweise hergestellt werden kann.

Die Frage nach dem ‚Fortschritt‘ wird in der Fachwelt durchaus mit Ernsthaftigkeit erörtert – worin könnte ein solcher wohl bestanden haben? Gemeint ist ein Modernisierungsphänomen in Verbindung mit allmählicher Professionalisierung: Aus rechtsgeschichtlicher Sicht lassen sich im Standardverfahren gegen Ketzer mitsamt der der nun eingeführten ausführlichen Dokumentation und Archivierung sämtlicher Ermittlungen und Verhandlungen durchaus Organisations- und verfahrenstechnische Vorteile ausmachen. [Die jüngsten politisch-religiösen Verwerfungen in weiten Teilen Europas lassen erahnen, dass zwei nicht so ganz kleine Minderheiten (einerseits rechtskonservative ‚Christen‘, andererseits dem Salafismus nahestehende Islamisten) ein möglichst effizientes System zur Bekämpfung Andersdenkender/ -gläubiger als notwendig oder gar als wünschenswert erachtet – weshalb sollte ihnen die Inquisition nicht geradezu als vorbildhaftes Ideal zur ‚Reinhaltung des Abendlandes‘ erscheinen… bzw. zur strikten Durchsetzung der Scharia? Okay, Folter geht diesen Leuten eventuell etwas weit, aber Menschen die anders sind/denken/glauben sozial isolieren oder ausweisen, wäre in deren Augen 1.angeraten und 2.machbar…]

Gemäß den römischen Prinzipien eines Prozesses unternahm der Richter eingehende Nachforschungen (inquisitiones), indem Zeugen zu befragten und dem Beschuldigten durch gezielte Fragen aufzeigte, worin sein mögliches Vergehen bestand. Nur dadurch konnte dieser ermessen, ob er sich dessen schuldig gemacht hatte. „Niemand sollte verurteilt werden, ohne dass er der Schuld überführt war.“[1]

Indessen nach zählt zur Beurteilung eines ‚fairen Verfahrens‘ nach unserem heutigen Verständnis von Recht und ethischer Integrität, inwieweit ein Beschuldigter von einem ordentlichen Gericht (bestehend aus Ankläger, Richter und qualifizierter Verteidigung – dergleichen sah der Inquisitionsprozess nicht vor) einer Straftat sicher überführt und anschließend gemäß einem feststehenden Strafkatalog verurteilt und sanktioniert wurde.

Bis zum 13. Jahrhundert stellte der Akkusationsprozeß den Normalfall dar: ‚Wo kein Kläger, da kein Richter‘; ohne Anklage durch eine Streitpartei unterblieb die rechtliche Überprüfung und Sanktionierung eines Sachverhaltes. Ein Richter konnte nicht aus eigenem Antrieb tätig werden, er hatte lediglich die formale Korrektheit des Gerichtsstreits überwachen. Der Inquisitionsprozess basierte auf einer völlig anderen Rechtsphilosophie: Richter konnten, falls eine Person einen schlechten Leumund besaß – von sich aus ein Verfahren in Gang setzen. In dessen Verlauf sollte er einerseits zur Wahrheitsfindung beitragen, d.h. versuchen, für die Schuld eines Angeklagten tatsächliche Beweise zu finden – und anschließend auf der Grundlage seiner selbst gewonnen Erkenntnisse ein Urteil fällen.

Der institutionelle Kern bestand in der Tradierung eines professionellen Know-Hows. Dazu gehörte zum einen das Spezialwissen über Merkmale, Erkennungszeichen und Gegenstrategien der einzelnen häretischen Bewegungen. Dieses Wissen der Inquisition einschließlich expliziter Ziele, Regeln und Praktiken in einer ganzen Reihe von Handbüchern überliefert.
Einen weiteren ‚Fortschritt‘ zur Professionalisierung der Ketzerverfolgung bildete die Einrichtung von Suchtrupps: Bestehend aus einem Priester und drei Laien, hatten diese sorgfältig nach Ketzern forschen und diese den kirchlichen Behörden anzeigen. Eine Art dauerhaft bestehende Spezialpolizei sollte einzig für die Verfolgung von Ketzern zuständig sein.

Die Zulässigkeit bzw. Anordnung der Folter zur Beweiserhebung lässt jede objektive Wahrheitsfindung unwahrscheinlich erscheinen – in Verbindung mit der ausdrücklich von der Inquisition eingeforderten Denunziation sogar im Familienkreis kommt sie einer Vorverurteilung gleich. Folter produziert zudem Schuldige, da Gefolterte alles gestehen werden, nur damit die Schmerzen aufhören.

Die Androhung der Folter, die Angst vor langer Kerkerhaft, vor dem Verlust der Ehre ließ viele etwas bekennen, was sie nie getan hatten.“(1)

Zwar findet sich bis heute zahlreiche Befürworter der Todesstrafe (für schwerste Vergehen wie Mord, Terrorismus und Misshandlung von Kindern), doch die Vorstellung einer absichtlichen Verlängerung der Vollstreckung zur Maximierung der Qualen für den Verurteilten ist uns heute (hoffentlich) gänzlich fremd. Eben darauf zielte die Hinrichtungsmethode der Verbrennung.

Im mittelalterlichen Europa erfolgte die erste bekannte Verbrennung von Ketzern im Jahr 1022 in Orléans. Bereits das von Kaiser Friedrichs II. 1224 für die Lombardei erlassene ‚Antiketzergesetz‘ sah den Feuertod für schwere Fälle von Häresie vor. 1231 übernahm Papst Gregor IX. das Gesetz für den kirchlichen Bereich. Auch die im Inquisitionsverfahren zum Tode verurteilte ‚Ketzer‘ wurden üblicherweise auf dem Scheiterhaufen verbrannt – öffentlich oft genug eine Art Zirkusfest für die ganze Familie (für die Kinder wohl als lehrreiche Erlebnis vorgesehen – Nowosadtko spricht in diesem Kontext von der „karnevalesken Atmosphäre“ öffentlicher Exekutionen). Das Todesurteil besagte zumeist, den verurteilten ‚Ketzer‘ „dem weltlichen Arm“ zu übergeben sei, da die Kirche nach dem Grundsatz ecclesia non sitit sanguinem die Exekution nicht selbst vollziehen durfte.

Vor Beginn der Exekution wurde ein Pfahl in die Erde gegraben. Um diesen herum schlichtete man Holz und Reisig, so dass der Holzstoß leicht entflammbar war. Der Verurteilte wurde dann, eskortiert von bewaffneten Soldaten, auf den Richtplatz gebracht oder geschleift. Nach Verlesung des Urteil fesselten diese ihn mit Eisenketten an den Pfahl. Bei manchen Hinrichtungen wurde das Holz um den Verurteilten herum aufgetürmt, so dass er den Blicken der Zuschauer entzogen war. Die Verbrennung erfolgte bei „lebendigem Leib“ – Ausnahme: Kam der sog. „Gnadenerweis“ zum Tragen, erdrosselte der Henker unbemerkt das Opfer mit einer Schnur. Dies musste aber insgeheim geschehen, „da sonst das Publikum rebellierte, weil sie sich um das Schauspiel einen Menschen bei lebendigem Leib brennen zu sehen, betrogen fühlten.“ Das Feuer wurde solange mit Holz bestückt, bis vom Toten nur noch Knochen und Asche zurückblieben. (vgl. → todesstrafe.de).

Das in der Öffentlichkeit vollzogene Quälen von Verurteilten folgte durchaus einer ‚Logik‘. Während moderne Todesstrafen einzig auf den Schutz der Gemeinschaft vor dem Aggressor abzielen und deshalb oft im Verborgenen und möglichst schmerzfrei vollzogen werden. Ganz anders wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit „der Körper nicht als Mittler, sondern als Ziel der Strafe angesehen. Die dabei zugefügten Schmerzen wurden an der Schwere der Schuld bemessen. Die Legitimität physischer Gewaltanwendung manifestierte sich gerade in der demonstrativen Öffentlichkeit der Hinrichtungsrituale. Noch früher, etwa bei den Germanen, stellte die Exekution sowohl einen Rechtsakt als auch eine Kulthandlung dar, z.B. in Form eines Menschenopfers.

Die Funktion und der zeitgenössischen ‚Sinngehalt‘ von Exekutions-Ritualen habe sich aus der Perspektive der verantwortlichen Entscheidungsträger mit dem Eintritt in die frühe Neuzeit sukzessive von einem „‚Reinigungsritual’ der Gesellschaft zu einem ‚Abschreckungs- und Vergeltungsritual’“ gewandelt. (vgl. Nowosadtko[4])
Den weltlichen Eliten war demnach daran gelegen, die Zahl von Nachahmungstaten im Wege der Abschreckung im Strafvollzug möglichst gering zu halten – in Bezug auf schwerste Kriminalität mag dies nachvollziehbar erscheinen.

Eine rückblickende Betrachtung und Bewertung des Umgangs der Kirche mit Abweichlern wird freilich nur auf dem Hintergrund der historischen Gegebenheiten zu seriösen Ergebnissen gelangen. Insoweit führt jedes Anlagen moderner, pluralistischer Maßstäbe an die theozentrische Denkweise des Mittelalters in eine Sackgasse. Auch mutwillige Verbindungslinien „zwischen den Scheiterhaufen der mittelalterlichen Inquisition und den Krematorien faschistischer Konzentrationslager“ (Grigulevič [7]) erzeugen ein verzerrtes, ja oberflächliches Bild. Und Schlagworte wie „Gottes willige Vollstrecker“ empfinde ich schlicht als unfair; zu allen Zeiten haben Klerikale unterschiedlichster Provenienz ihre Anstrengungen und Motive auf Gottheiten) projiziert – sollten wir damit nicht aufhören, wo wir uns doch für äußerst modern und aufgeklärt halten?

Auf der anderen Seite gebietet sogar das Neue Testament den Gewaltverzicht gegenüber „falschen Brüdern“: Mt 13, 24-30, das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, gesteht Gott selbst das letzte Urteil über tatsächliche und vermeintliche Häretiker zu: „Lasst beides wachsen.“ Und 1Kor 13, 4-7 stellt die Liebe in den Vordergrund:

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie neidet nicht, die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf, sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit; sondern sie freut sich mit der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.“

Im ursprünglichen, ‚reinen‘ Christentum war der Glaube eine Haltung des freien Willens; er durfte nicht erzwungen werden, da er sonst wertlos war. Zulässig war lediglich die Ablehnung (‚Verfluchung‘) einer Häresie, nicht aber des Häretikers. Diese frühchristliche Haltung ging nach der Wandlung des Christentums zur Staatsreligion verloren. Zwar wurden bereits um 385 wurden erstmals Häretiker – Priscillian und sechs Gefährten – hingerichtet, doch dies war im ersten Jahrtausend eher die Ausnahme. Für Häretiker waren Klosterhaft und Verbannung als Sanktionen vorgesehen. Die Todesstrafe bzw. der bewaffnete Kampf gegen die ‚Feinde Gottes‘ wurden ab dem 11.Jahrhundert ausdrücklich gefordert:

Wenn für den irdischen König rechtens gekämpft werden dürfe, dann entschiedener noch für den himmlischen, zumal gegen dessen Feinde, die Barbaren und Häretiker.[5]

Interkonfessionelle Feindesliebe war mit dem mittelalterlichen Gesellschaftsordnung nicht länger kompatibel, welche sich auf die enge Verbindung von staatlicher und kirchlicher Ordnung gründete. Eine exakte Abgrenzung säkularer von kirchlicher Machtausübung lässt sich insoweit kaum vornehmen:

Während das mittelalterliche System päpstlicher Legaten zur Ketzerbekämpfung vom Anspruch her universell war, stellte die Inquisition der Neuzeit eher staatliche Veranstaltungen dar; sie lassen sich als Behörden mit klarer Struktur und Hierarchien beschreiben.
Die oft kritisierte Instrumentalisierung der Religion, d.h. Vermischung von religiösem Dogmatismus mit politischen oder ökonomischen Anliegen –  weltliche Herrscher nutzten die päpstliche Ketzerverfolgung als Werkzug ihrer eigenen Interessen (zB die Beseitigung der Templer in Frankreich) – bezeichnet Schwerhoff als „Normalfall einer Epoche, in der Politik und Religion noch nicht funktional geschieden waren“. (Klingt wie das Statement ‚damals war das halt so‘ –

Die Historikerin Silvana Seidel Menchi hingegen bescheinigt der Inquisition „hohe Kompetenz und Unparteilichkeit“; sie habe „als ein Modell juristischer Präzision und Strenge schon das moderne Verständnis der Kriminaljustiz“ vorweg genommen. Wie sie zu dieser Einschätzung gelangt? Nun, es scheint Frau Seidel Menchi habe sich vorzugsweise mit den theoretischen Grundlagen des Inquisitionsprozesses befasst, weniger mit den konkreten Schicksalen von Verdächtigten…und in der Theorie klingt manches beinahe vernünftig.

In einem Handbuch der römischen Inquisitoren heißt es: „Behandle den Angeklagten
während der Vernehmung mit Rücksicht. Die Glaubensrichter müssen daran denken, dass auch sie Menschen sind, die, wäre nicht Gott ihnen gnädig, dieselben Irrtümer begehen könnten […] gib ihnen die Möglichkeit, Platz zu nehmen, selbst wenn sie von niedriger und gemeiner Herkunft sind […] Kein Inquisitor darf den Versuch machen, ihnen die Worte in den Mund zu legen. Kein Inquisitor darf Versprechungen oder Drohungen äußern in der Hoffnung, damit ein Geständnis zu erhalten. Du darfst nicht nur die Beweismittel aufzählen, die den Angeklagten belasten, sondern musst auch die erwähnen, die für ihn sprechen […] Unterbrich einen Beschuldigten nie, wenn er seine Version der Wahrheit vorträgt […]. Denk daran, dass du irren kannst. Denk an den angstgepeinigten Angeklagten.“ (5) (6)

Theoretisch stand auch die Folter unter strengster Kontrolle; sie durfte erst nach Anhörung sowie nach Begutachtung eines Arztes erfolgen – ebenso wie Vergewaltigungen der weiblichen Beschuldigten durch das Wachpersonal ‚eigentlich untersagt‘ waren (was generell für nicht autorisierte Übergriffe zutraf).

In dem o.a. Handbuch für Inquisitoren steht aber noch einiges mehr, das offensichtlich weniger bereitwillig zitiert wird z.B. in Bezug auf anzuordnende Vermögensstrafen:

„Teilnahme für die Kinder des Schuldigen, die man an den Bettelstab bringt, darf die Strenge des Gerichts nicht mildern, da die Kinder nach göttlichen und menschlichen Gesetzen für die Sünden der Väter gezüchtigt werden. […] Die rechtgläubigen Kinder der Ketzer sind von dieser Strafe nicht ausgenommen, und man darf ihnen nichts lassen, nicht einmal den Pflichtteil, der ihnen von Natur zu gebühren scheint. Das ist durchaus notwendig, um die Väter von dem großen Verbrechen der Ketzerei abzuschrecken. […]
Indessen, können die Inquisitoren aus Gnade für den Unterhalt der Ketzerkinder sorgen“(6)

Auch der Umgang mit Zeugenaussagen lässt am ‚großen Wurf‘ für Rechtsprechung und Wahrheitsfindung maßvolle Zweifel aufkommen:

„Wenn ein Zeuge, einen Meineid geleistet hat, so kann er seine erste Aussage zurücknehmen, und der Richter muss sich an die zweite halten, vorausgesetzt, daß sie den Gefangen neu belastet, denn wenn sie diesem günstig ist, so gilt die erste.“ Eine Gegenüberstellung der Zeugen und der Angeklagten fand ohnehin nicht statt.

Ausgewogenheit ist ein wünschenswertes Merkmal von Historikern – nur, handelt es sich nicht um pure Apologetik, insofern Denunziation und Folter als im zeitgenössischen Kontext unausweichliche „Instrumente der Beweiserhebung“ relativiert und dem Anschein eines ordnungsgemäßen Prozesses untergeordnet werden?
Auch darf der besondere Gegenstand dieser Verfahren keinesfalls unberücksichtigt bleiben: es wurde vorrangig über religiöse Überzeugungen geurteilt, selten über konkrete Verhaltensmängel und so gut wie gar nicht über exakt definierbare Fakten wie Mord oder Vergewaltigung. Ein bestimmter, äußerst eng umrissener Dogmatismus sollte um jeden Preis aufrechterhalten werden, indem man auf einfaches Hörensagen gestützt zahlreiche Existenzen vernichtete, Angst schürte und lebendige Menschen im Zuge einer entsetzlich grausamen Prozedur „wie quiekende Ferkel röstete“ und in verkohlte, schwarze Leiber verwandelte. Dass hierzu nun der Anschein eines geordneten Verfahrens mit Verhören und Protokollen erweckt wurde, leuchtet ein – ändert aber nicht das geringste.

Ferner sah das Verfahren nicht vor, gegebenenfalls die Unschuld eines Beschuldigten zu beweisen. Wer nicht verurteilt worden war, galt anschließend keineswegs als unschuldig: der Verdacht blieb bestehen; nur die Beweise fehlten. Schlimmer noch: Wer den eröffneten ‘Ausweg’ eines Geständnisses verweigerte, bewies je nach Auslegung seine ‘Bußunwilligkeit’ und wurde unbelehrbarer Ketzer der weltlichen Gerichtsbarkeit überstellt.

So drang E.Keil schon 1863 zum Kern des Systems der Inquisition vor:

„Man sieht also, daß die Lebenden wie die Todten durch nichts, weder durch den reinsten Glauben, noch durch die offenbarste Unschuld , vor der Inquisition geschützt wurden. […] Ein Institut dieser Art mußte die bürgerliche Rechtspflege, die politischen Körperschaften und selbst die königliche Gewalt weit überragen.[6]

Vor diesem Hintergrund steht für mich fest, worin ein echter Fortschritt besteht: Heute fehlt der Kirche fehlt heute die rechtliche Grundlage, Abweichler über innerkirchliche Maßnahmen hinausgehend zu sanktionieren: Weder kann eine religiöse Organisation im Deutschland der Gegenwart Menschen inhaftieren, noch töten oder und sich deren Vermögen aneignen.
Weiterhin verhängt werden kann der Entzug kirchlicher Rechte bis hin zur Exkommunikation, zudem können Lehr- und Sprechverbote erteilt werden. Bedienstete der RKK können suspendiert werden.

Ein gegenwartsnahes Beispiel zeigt, diese Sanktionsmöglichkeiten werden sehr wohl ausgeschöpft: Am Rande des ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin feierte der röm.-kath. Priester Gotthold Hasenhüttl einen „Abendmahlsgottesdienst nach katholischem Ritus“, bei dem er explizit auch Protestanten und Nicht-Katholiken zur Kommunion einlud, die sich unter den den etwa 2000 Anwesenden befanden. Wegen dieser Interzelebration wurde er durch den damaligen Trierer Bischof Reinhard Marx am 17. Juli 2003 vom Priesteramt suspendiert.
Am  2. Januar 2006 wurde Hasenhüttl durch Bischof Marx dann auch die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.
Im Mai 2010  feierte er in München trotz Verbots erneut ein ökumenisches Abendmahl, bevor er am 28. September 2010 aus der römisch-katholischen Kirche austrat.

 

 Quellenangaben/Literaturhinweise

  1. „Ketzer – Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen“, Christoph Auffarth (Verlag Ch.Beck)
  2. „Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324“, Emmanuel LeRoy Ladurie
  3. „Guilhem Bélibaste – ein Verbrecher ist Parfait geworden“
  4. Hinrichtungsrituale: Funktion und Logik öffentlicher Exekutionen„, Jutta Nowosadtko
  5. Vortrag: „Die Inquisition – Terrorregime oder Wendepunkt in einer barbarischen
    Gerichtsbarkeit?„, J.Kämpf, 2014
  6. Das Handbuch der Inquisition„, Ernst Keil (1863)
  7. Die Inquisition. Ketzerverfolgung in Mittelalter und Neuzeit‚, Gerd Schwerhoff

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