Führen wir ein Tamagotchi-Dasein in einer VR für Aliens?

Sicher, die Fragestellung, ob wir – die wir uns doch für die dominierende Spezies des Planeten Erde halten und bisweilen sogar für die Krone der Schöpfung – lediglich Elemente einer Simulation sein könnten, kratzt am menschlichen Ego.

„Simulierte Wirklichkeit – Urknall oder Systemstart?“

„Die Hypothese, unsere Wirklichkeit sei eine auf einem unvorstellbar mächtigen Computer laufende Simulation, ist keinesfalls so abwegig, wie Sie vielleicht denken – und absolut kein der Science Fiction vorbehaltenes Thema!“ schreibt Michael Szameit auf Telepolis. Über die Matrix-Filmtrilogie habe ich schon früher einige Überlegungen angestellt bzw. aufgegriffen. Es lohnt sich, über die Film-Interpretation hinaus über die Kernfrage nachzudenken:

Ermöglicht eine erstaunliche Kette ‚präziser Zufälle‘ das Leben im Universum – oder steht hinter dieser unglaublichen Präzision ein Bewusstsein von hoher Intelligenz bzw. Komplexität? (Jede Abweichung zentraler Naturkonstanten um nur ein Trillionstel hätte die Entstehung von Leben unmöglich gemacht.)

In seinem SPON-Artikel ‚Gefühlte Wirklichkeit – Lebt die Menschheit in der Matrix?‚ dachte Markus Becker bereits 2004 über eine Alternative zum Zufallsprinzip nach: „Sind wir künstliche Wesen in einer gigantischen Computersimulation“?
Mittlerweile halten selbst renommierte Wissenschaftler diese These für diskutabel bis möglich.
Der britische Astronom und Mathematiker Fred Hoyle (1915 – 2001) legte schon 1954 im Fachblatt „Astrophysics Journal Supplement“ dar, die nüchterne Betrachtung der Fakten führe zu der Feststellung, „eine Super-Intelligenz“ habe Physik, Chemie und Biologie manipuliert:
„Jemand“ habe die Gesetze der Kernphysik gezielt so konstruiert, um essenzielle Vorgänge im Innern der Sterne herbeizuführen – insbesondere die Entstehung von Kohlenstoff, der Leben in der uns bekannten Form erst ermöglicht. Dieser Jemand muss ziemlich fähig sein – in der SF-Literatur ist dies kein Problem, denn zumindest dort gilt das 3. Gesetz von Arthur C. Clarke:

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“

„Die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus unbelebter Materie Leben entwickelt hat, beträgt eins zu einer Zahl mit 40.000 Nullen… Diese ist groß genug um Darwin und die ganze Evolutionstheorie unter sich zu begraben.“ Wenig überzeugend…aber immerhin schön plakativ (Um auch nur halbwegs fair zu sein, müssten in solchen Hochrechnungen zwei weitere Fakten einbezogen werden: 1. die enorme Zeitspanne, welche dem Universum zur Verfügung stand und 2. die schiere Anzahl von Abermilliarden organischer Moleküle, welche in eben dieser Zeitspanne wieder und wieder kombiniert werden konnte.

Gleichwohl sehen sich nicht wenige Kosmologen und Astrophysiker vor einem Dilemma:
Einerseits halten sie weder einen Schöpfergott nach christlich-biblischem Muster (als Person, mit ‚menschlichen‘ Emotionen wie Liebe, Wut, Eifersucht und dem Verlangen nach Sühne und Vergeltung) noch eine nicht-personale schöpferische Intelligenz als ‚erste Ursache von Allem-was ist‘ für existent. Auf der anderen Seite scheinen die Naturgesetze und -konstanten nahezu ideal auf die Entstehung von Leben ausgerichtet zu sein, daher weigern sie sich, an eine Reihe von Zufällen zu glauben. Wenn aber nicht eine höhere, intelligente Kraft („Gott“) unser Urheber ist, wer oder was ist dann Grund unserer Existenz?

Multiversum-These

Eine mögliche Antwort liefert ist die Multiversum-Theorie, die 1957 vom US-Physiker Hugh Everett aufgestellt und u.a. von Stephen Hawking weiterentwickelt wurde. Danach ist unser All ist nur eines von unendlich vielen (Hawking spricht dagegen von 1*10500) denkbaren Universen, in denen jeweils unterschiedliche Naturgesetze und -konstanten wirksam sind. Angesichts einer so hohen Anzahl von möglichen ‚Konfigurationen‘ existiert beinahe zwangsläufig auch ein habitabler Weltraum wie der unsere. Ob darin intelligentes, bewusstes Leben ‚von selbst‘ entsteht, wenn die Voraussetzungen dazu bestehen und genug Zeit bleibt, beantwortet die Annahme eines Multiversums nicht.
Persönlich halte ich so viel Zufall für wenig wahrscheinlich: Nach meiner spärlichen Erinnerung an den Physik-Unterricht strebt jede Ansammlung unbelebter Teilchen eine größtmögliche Unordnung an. Weshalb sollten sie dann, selbst wenn sie unter dem Einfluss der Naturgesetze Moleküle gebildet haben, immer komplexere Verbindungen eingehen, welche dann zufällig die Bausteine von Leben sind?
Oder es ist ganz anders, sagt die

Simulationsthese:

„Menschen könnten keine Wesen aus Fleisch und Blut, sondern nur Figuren in einer gigantischen Simulation sein.“
Unter (beinahe) unendlich vielen Universen existieren auch Welten, die von technisch sehr hoch entwickelten Zivilisationen bevölkert sind. Deren Rechnersysteme wären in der Lage, ganze Universen samt intelligenter Bewohner zu simulieren.
Der britische Mathematiker John Barrow (University of Cambridge) meint sogar: „Es ist längst anerkannt, dass technische Zivilisationen, die nur ein wenig weiter entwickelt sind als wir selbst, Universen simulieren könnten, in denen sich denkende Wesen entwickeln und miteinander kommunizieren.“

Wer spielerisch eine Weltraumsimulation erkundet hat, dem leuchtet ein: Die Anzahl der künstlichen Welten würde die der „realen“ schnell übersteigen. Paul Davies, Astrophysiker an der australischen Macquarie University, stellt klar: „Wenn ein Universum erst einmal eine zu solchen Simulationen fähige Intelligenz beherbergt, wäre die Zahl der simulierten Wesen praktisch grenzenlos.“
Es sei daher „sehr wahrscheinlich“, dass wir nur simulierte Wesen sind.

Auch wenn wir uns innerlich gegen diesen Gedanken wehren (ich möchte ‚mehr‘ sein als eine Spielfigur, die einem vorprogrammierten Lebensweg folgt – zwar würden Entscheidungspunkte als Verzweigung existieren, aber ähnlich wie in virtuellen Spielewelten (z.B. Skyrim oder Oblivion) stünde für jede auswählbare Alternative der weitere Verlauf schon fest…), lässt sie sich nicht leicht widerlegen:
Weder Quantenmechanik noch die Relativitätstheorie liefern Erkenntnisse, die im Widerspruch zur Existenz einer solche Matrix stehen. Auch Martin Reese, seines Zeichens ‚königlicher Hofastronom‘, geht davon aus, dass in einem Multiversum zweifelsohne auch Universen mit großem Potenzial für Komplexität vorhanden sind. Dann aber sei es nur eine „logische Konsequenz“, dass in solchen ganze Universen (oder sichtbare Teile davon) simuliert werden können.

Die Simulations-Hypothese von Nick Bostrom

Nun sind wir offensichtlich imstande, eigene Gedanken zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen, sich sogar unseres Selbst bewusst zu sein? Was würde uns dazu befähigen, wären wir Teil einer gigantischen Simulation?
Lt. Nick Bostrom von der Oxford University sei dazu eine bestimmte Rechenstruktur notwendig – und die könne auch in einem Computer erzeugt werden. In seinem Denkmodell beschäftigt sich Bostrom mit der Hypothese, eine höher entwickelte (posthumane) Zivilisation sei in der Lage und willens, die Wirklichkeit inklusive des gesamten Universums in einem Computer zu simulieren – und habe dies eventuell bereits getan.
Unser Universum sei eine simulierte Realität; alle Lebewesen folglich Bestandteil dieser Simulation. Diese Behauptung sei, wie die Gotteshypothese, weder beweisbar noch widerlegbar.

Bostrom formulierte drei Möglichkeiten, von denen zumindest eine als zutreffend akzeptiert werden müsse:

  • Keine Zivilisation wird je das technologische Niveau erreichen, simulierte Realitäten zu erstellen, da sie sich zuvor selbst vernichtet oder aus anderen Gründen ausstirbt.
  • Keine Zivilisation, die dieses technologische Niveau erreicht, wird diese Fähigkeit umsetzen wollen, zum Beispiel, weil sie die Ressourcen für andere Dinge einsetzt.
  • Wir leben mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer simulierten Realität.

Die Ausschließlichkeit dieser drei Alternativen erschließt sich mir nicht ganz: Selbst wenn in unserem (nicht eben überschaubaren) Universum bzw. einem Multiversum zu komplexen Simulationen befähigte Zivilisationen existieren – weshalb ‚muss‘ unser Dasein dann einer solchen Simulation entspringen??
Falls eine hinreichend große Anzahl von Zivilisationen existiert, lassen sich lt. Bostrom die Annahmen 1 und 2 ausschließen. Sollten die ersten beiden Annahmen aber unzutreffend sein, dann hat sich „bedeutsamer Teil“ aller intelligenten Spezies deutlich weiter entwickelt als wir – und diese würden zumindest einen Teil ihrer Computerpower dazu benutzen, Wesen wie uns zu simulieren. Somit bliebe nur die 3. Alternative, dass unser Universum mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich eine Simulation sei.
Auch Bostrom gelangte zu diesen Überlegungen vor dem Hintergrund der Feinabstimmung der Naturkonstanten, die Leben überhaupt erst möglich zu machen scheint. Und er kam zu der selben Schlussfolgerung: Wenn man keinen Schöpfergott postulieren will, dann ist die Entstehung von Leben nur in einem Multiversum möglich.

Demzufolge lautet die alternative: ‚Entweder sind wir das Produkt einer göttlichen Schöpfung oder Tamagotchis mit einer gewissen Tendenz zur Eigendynamik‘. Die „bedeutende Wahrscheinlichkeit“, dass die Menschheit tatsächlich nichts weiter ist als eine Figurensammlung in einer Computersimulation, beziffert Bostrom mit etwa 20 Prozent.

Simulationen in Simulationen

Die Erschaffer einer derartigen Simulation möchten evtl. mit ihren Spielfiguren interagieren… etwas anders tun wir ja auch nicht, wenn wir z.B. WoW oder Second Life spielen. Es gibt seit 2008 die Evolutions-Simulation Spore, mit der man sich beinahe wie ein Gott fühlen kann: „Der Spieler wird zum Schöpfer.“ (Vgl. → „Spore – Evolution am PC„, Heise.de)
Es geht in „Spore“ darum, ein komplett eigenes Universum zu erschaffen – und dessen Evolution mitzuerleben. Der Spieler bastelt eine eigene Spezies, die sich dann in verschiedenen 3-D-Umgebungen behaupten, Naturkatastrophen trotzen, Gefährten finden oder sich mit anderen Lebewesen auseinandersetzen muss.
Die Fantasiefiguren entwickeln im Spiel immer weiter – wie in der „echten“ Evolution eben. vom Einzeller (der als Startpunkt schon vorausgesetzt wird) bis zur „Weltall-Phase“, in der die nun hochintelligente Kreatur sogar ins All fliegt.

Auch ’spontane Eingebungen‘, Freuds Idee von einem ‚Über-Ich‘ oder Jung’s Synchronizitäten erhalten vor dem Hintergrund eines Simulations-Szenarios eine völlig andere, aber schlüssige Bedeutung: Die Spieler-Community (=die zockenden, weithin überlegenen Aliens),  hilft ihren träge-ratlos vor sich hin dümpelnden Avataren (=uns, den Menschen) ein wenig auf die Sprünge…
Natürlich sind die Games, die wir heute kennen, (noch) nicht mit ‚der‘ Matrix zu vergleichen (die Spielfiguren besitzen weder Selbst-Bewusstsein noch existiert eine als materiell erfassbare Realität; das vorgegebene Programmschema ist auf gibt bestimmte, zahlenmäßig sehr begrenzte Reaktionsmuster verengt…).
Kaum 10 Jahre zuvor hatte Bostrom notiert: „Sollten die Erdlinge eines Tages in der Lage sein, ihrerseits Universen zu simulieren, wäre das „ein starkes Indiz“ dafür, dass wir alle nur im Computer existieren.“

Innerhalb der Matrix existieren gewissermaßen verschiedenen unterschiedlich komplexe Ebenen oder Hierarchien. Danach könnten auch die Erschaffer ‚unserer‘ Matrix wiederum nur simulierte Geschöpfe sein.
Und an der Spitze der Pyramide von Matrixebenen stünde ‚Gott‘? Manche meinen in diesem Kontext, sogar der Chefsimulator ‚Gott‘ sei womöglich eine Simulation höherer Ebene – doch damit verlagert sich die Frage nach dem letztlichen Ursprung von Allem lediglich: keine Simulation entsteht aus sich selbst heraus!

Beweisbarkeit?

Widerlegbar ist die Simulationsthese nicht – da wir nur die Innenansicht kennen und uns ein Bezugspunkt zum ‚Außen‘ fehlt. Doch wie steht es mit Beweisen oder starken Indizien für die reale Existenz einer der Matrix vergleichbaren Simulation mit uns als spielbaren(?) Avataren darin? Da wir als Spielfiguren nicht über den programmierten Tellerrand hinaus sehen könnten, wären solche Belege nicht leicht zu finden.

Weil aber die Programmierer eben nicht ‚Gott‘ sind, darf man unterstellen, dass ihnen bisweilen ein Fehler unterläuft. Solche Fehler lassen sich auch in unseren Simulationen finden, sie zeigen sich da, wo ein Subjekt oder Gegenstand aus dem definierten Rahmen fallen (z.B. wenn man in der anfänglichen Skyrim-Welt als Reiter nahezu senkrechte Felswände erklimmen konnte). Was bei Oblivion ein unkorrekt zum Stand der Sonne ausfallender Schatten ist, könnten in der ‚Simulation Erde‘ eventuelle Ereignisse sein, die grundlos den Naturgesetzen widersprechen. Die Komplexität der Simulation ist zwangsläufig begrenzt, wenn auch auf einem für uns nicht erfassbaren Komplexitätsniveau.

Resultierend bestehe ein Potenzial für ‚kleinere Fehler‘, die sich nach und nach aufsummieren und letztlich in einem riesigen Crash enden könnten – „ERROR – das ganze Universum stürzt ab“. Womöglich beträgt die Spieldauer ja deshalb ca. 75 Milliarden Jahre – von einem Urknall zum nächsten? Jedenfalls wissen wir mit einiger Sicherheit, dass unser Universum in etlichen Milliarden Jahren entweder auseinanderfliegen oder implodieren wird, ein planmäßiger Reboot sozusagen. Kleine Korrekturen lassen sich auch im laufenden Spiel vornehmen, ferner sind automatische Selbstreparatur-Funktionen denkbar, wie sie z.B. im menschlichen Erbgut existieren. „Das würde zu mysteriösen Veränderungen führen, die anscheinend die Gesetze der Physik verletzen“, schreibt Barrow – wie etwa kleine Verschiebungen in den Naturkonstanten.

Der australische Astrophysiker Paul Davies glaubt, dass ein solcher „Schluckauf“ in der kosmischen Simulation möglicherweise schon gefunden wurde: Mehrjährige Beobachtungen weit entfernter Quasare mit dem Keck-Teleskop auf Hawaii haben gezeigt, dass sich die Feinstruktur-Konstante, eine fundamentale Größe in der Physik, sich offenbar mit der Zeit verändert. Eine mögliche Erklärung könnte eine langsame Veränderung der Lichtgeschwindigkeit sein – was nach Einsteins Relativitätstheorie aber unmöglich ist.
Fraglich ist, ob hierbei wirklich ein ‚Simulationsfehler‘ vorliegt – wahrscheinlich handelt es sich um eine experimentelle Entdeckung, die schließlich ein besseres Modell der Physik nach sich ziehen wird. So haben auch Abweichungen von den Newtonschen Gesetzen zu Einsteins Relativitätstheorie geführt.

Was aber würde sich für uns fundamental ändern, falls wir als unwiderlegbar akzeptieren müssten, nur in einer Simulation existieren? Die Menschen in der Kino-Trilogie ‚Die Matrix‘ hätten es nicht schlecht und seien so versklavt gar nicht, meint der US-Philosoph Hubert Dreyfus:
Sie können leben, sterben, lieben, arbeiten, treffen Entscheidungen und tun alles, was sie wollen…Nur aus der Simulation fliehen könnten sie nicht – aber warum sollten sie auch? Nur, weil sie auf einer anderen Daseinsebene als Batterien benutzt werden?…
Sie müssen sich nicht daran stören, weil sie es nicht einmal wissen.“

Ob ein Krebskranker im Endstadium oder die Mutter eines nach schlimmer Krankheit verstorbenen Kindes dies ebenso sieht? Im Film ‚Matrix‘ erklärt Agent Smith, Erscheinungen wie Leid und Tod seien als Matrixbestandteile notwendig geworden, denn die Menschen hätten eine frühere ‚Paradies-Version‘ nicht akzeptiert. Wichtiger ist wohl, dass mit der Realität einer Matrix mancher Traum zuende geträumt wäre oder für immer ein Traum bliebe – so etwa das Ideal eines selbstbestimmten Lebens:
Ähnlich wie die Bibel es vorschreibt, würde unser Dasein womöglich allein dazu dienen sollen, dem Schöpfer zu gefallen (der womöglich dem biblischen Jahwe gar nicht so unähnlich sein könnte).

In dem lesenswerten Artikel ‚Matrix Refused‘ auf Telepolis (Heise.de) wird neben einer Desillusionierung der Effekt einer „weiteren narzisstischen Kränkung des Menschen“ beschrieben:

Zu den diversen historischen Zentrumsverlusten des Menschen kommt nun noch der, dass unzählige Simulationen bestehen mögen, jede mit geringfügigen Varianten, die sich durch ihre je eigene Geschichte quälen. Der Mensch wäre irgendein Programmteil und sein biologisches Erbe im Zweifel nichts als ein Irrglaube, jederzeit geeignet, ohne Sicherungskopie gelöscht zu werden.

So formuliert der US-Ökonom Robin Hanson, sicherheitshalber ein paar Regeln, um den Schöpfern der Simulation zu gefallen. Denn wer die Motive seiner Programmiere kennt, könnte sich darauf ausrichten, sein Dasein im Hinblick auf die Interessen der Betreiber zu gestalten:

  • Weniger auf andere achten, mehr für das Jetzt leben, sich stärker an wichtigen Entwicklungen beteiligen, unterhaltsamer sein…
  • Falls die Herren der Simulation selbst in ihrem Szenario als berühmte Personen (wieder eine Parallele zur Reinkarnation von Propheten u.ä. in Religionsschriften) auftreten, könnte es lebensnotwendig sein, für diese berühmten Leute persönlich interessant zu bleiben: Hanson empfiehlt, die berühmten Menschen um sich herum glücklich zu machen.

Eine mehr als zweifelhafte Empfehlung: allein auf den Verdacht hin, dass wir uns in einer Simulation namens Menschheit 0.8 befinden, irgendwelchen C-Promis in den Allerwertesten kriechen? Sicher nicht!

Wer gut genug sei, werde nach dem Ende seiner Computerexistenz vielleicht nicht gelöscht, sondern in eine andere Simulation oder gar in die reale Welt der Programmierer kopiert. Hanson spekuliert also, dass die Simulation nach dem Tod weiter gehen könnte – die Belohnung für ein gut geführtes Simulationsleben wäre also dann der glückselige Aufenthalt im Simulationshimmel, den ein Simulationsbeherrscher für ein erlebnisorientiertes, unterhaltsames Erdendasein spendiert.

„Hansons Lebenshilfe und Überlebens-versicherung für „Simulanten“ wie unsereins läuft also auf so eine Art Hofnarren- bis Tamagotchi-Dasein für erlebnishungrige Nachfahren hinaus.“ (Matrix Refused, s.u.)

Tja, wo solche Ratschläge formuliert werden, da ist wohl eine Vorstellung von der Nichtexistenz Gottes mit der mehr oder weniger bewussten Sehnsucht nach Erlösung und einem Weiterleben nach dem Tode kollidiert – diese Regeln widersprechen allem, was ich mir so unter Zukunftsfähigkeit vorstelle und wie sich das Zusammenleben von Menschen sinnvoll gestalten lässt.
Selbstlosigkeit geht für mich anders, auch die Schwachen, Hilf- und scheinbar Nutzlosen haben eine Existenzberechtigung und weit mehr als das!

Der Astrophysiker Davies erachtet solche Ratschläge ebenfalls als nutzlos bis schädlich: Zu viel des Nachbohrens führe womöglich zu einem bösen Ende: „Jetzt, da die Programmierer wissen, dass wir ihnen auf der Spur sind, ist das Spiel aus“, argwöhnt der Forscher. „Sie könnten ihr Interesse verlieren und die ‚Delete‘-Taste drücken.“
Abgesehen davon, das eigene Leben nach einer vagen ‚Copyright: The Aliens‘-These auszurichten, halte ich für mehr als fragwürdig,

Alternativen zur ‚Matrix-Hörigkeit‘?

Viele Erörterungen der Simulationsthese wiederholen einen Fehler, der mit dem Phänomen Religion begangen wurde. Begriffe wie Matrix und Gott (im Sinne eines persönlichen Überwesens, das unser Schicksal schmiedet) sind erst einmal Synonyme oder Metaphern:
Alles, was wir noch nicht verstehen, projizieren wir offenbar in solche Metaphern hinein und verlieren dabei jedes Maß.

Eine alte Frage hat schon tausende Jahre die Philosophen und Theologen umgetrieben:
Greift Gott in den Lauf der Welt durch Wunder, Katastrophen oder sonstige Manipulationen ein? Inzwischen können wir den Begriff ‚Gott‘ durch den zeitgeist-gerechten Begriff des Simulators ersetzen – aber der vermutete Mechanismus ist derselbe: – Gibt es eine göttliche (oder des Programmierers) Vorsehung, die nichts anderes wäre als das Wissen um bereits abgeschlossene Testläufe der Simulation?
Oder überlässt der allmächtige ‚Gott‘ bzw. Simulator nach der Initialzündung alles Weitere den Geschöpfen selbst?

Tatsächlich wollen uns diese Spekulationen an den Punkt führen, wo die Unterschiede zwischen einer biologischen und berechneten Realität, zwischen Gott und Simulationsherrschern für die wie immer Ge- und bald Erschöpften unbeachtlich sein könnten. Und mit einem biblischen Gottesverständnis könnte dies sogar gelingen – denn wo liegen erkennbare Unterschiede zwischen dem demiurgischen Jahwe (gemäß seinem im A.T. dargestellten Charakter, der Anbetung und bedingungslose Hingabe einfordert sowie Gerechtigkeit durch rassistisch-selektive Willkür ersetzt) und dem Programmierer der Matrix?

Beide haben vergleichbare Möglichkeiten des Eingreifens und -wirkens, beide wollen unterhalten werden und zeigen bisweilen wenig souveräne Erwartungen an ihre Geschöpfe. Die Auffassungen über Wahrheit und richtige Lebensziele/-führung gehen weit auseinander – daran wird auch die Simulationshypothese nichts ändern: Einen Erkenntnisgewinn gegenüber dem ‚konventionellen‘ Realitätsverständnis wird sie nicht bescheren.
Jede Form von Eskapismus birgt Risiken: Ob wir nun einer Gottheit oder den Hightech-Programmierern unserer simulierten Welt die Schuld an von uns selbst verursachten Problemen und Rahmenparametern anlasten – es besteht die Gefahr, in eine Scheinwelt zu fliehen, wo wir uns unserer Verantwortung einstweilen noch nicht stellen müssen. Zudem erweisen sich die dem Gott des A.T. und dem Matrix-Entwickler zugeschriebenen Attribute als ziemlich ‚ungöttlich‘ – jedenfalls nach meiner persönlichen Gottesvorstellung.

‚Mein‘ Gott, wenn er denn existiert, steht über diesen Dingen und erwartet sicher nicht, dass ich ihn unterwürfig anwinsele oder als virtueller Hofnarr mit allerlei Späßen unterhalte. Es scheint wohl eher so zu sein, dass ‚Spielregeln‘ (etwa die Naturgesetze und die ‚Goldene Regel‘) als Orientierungsrahmen und Erfolgsfaktoren festgelegt wurden, zu deren Befolgung freilich niemand gezwungen wird.
Im Jargon der Software-Entwickler: Ich bin ein selbst lernendes System und erhalte die bis zum nächsten Level erforderliche Anzahl an Leben;-)

Quellenangaben

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