Anthropologie: Sesshaftwerden als ‚Sündenfall‘?

Der größte Fehler in der langen Geschichte der Menschheit bestand für den Evolutionsbiologen Jared Diamond darin, dass die Menschen sesshaft wurden. Einerseits habe damit eine beispiellosen Erfolgsgeschichte begonnen – vor allem, wenn man die Zunahme der Weltbevölkerung auf bald acht Milliarden als Erfolg werten will – doch zugleich entstandenen Probleme wirken sich bis in die Gegenwart aus.

Ausgerechnet das Alte Testament gebe präzise Einblicke in diese Misere, welche der unerhörten Umbruch mit sich brachte:
Gott hatte Adam und Eva fürs Paradies bestimmt, doch nach ihrer Vertreibung (alles wegen dieser Schlange…) fristen diese ihr Dasein ‹weit jenseits von Eden›. Sobald deren Nachkommen zahlreicher werden, entstehen tödliche Probleme und Konflikte – bis JHWH die Sintflut schickt. Dürren, Epidemien und Kriege sind ein beständiges Thema der fünf Bücher Mose.

«Es sind genau jene Krisen, die sich erst aus dem Sesshaftwerden ergeben, dem eigentlichen Sündenfall der Menschheit.»

Das Leben der nomadischen Vorfahren sei zwar kaum paradiesisch verlaufen, doch an das Dasein in kleinen Gruppen als Jäger und Sammler seien sie hervorragend angepasst gewesen. Das soziale Gefüge war überlebensnotwendig und habe ‹als zentrale moralische Intuition den Sinn für Gleichheit, Gerechtigkeit und Gemeinschaft› entstehen lassen.

Die Autoren gehen ausführlich auf die Gründe für die Aufgabe des Nomadentums ein und beschreiben die z.T. dramatischen Folgen – Ernährungsumstellung, Hygieneprobleme, vermehrtes Auftreten von Seuchen in den ersten ‚Ballungszentren‘ – anhand von Skelettfunden aus dieser Zeit lasse sich belegen, die Menschen blieben nun kleiner und starben früher.

Gottes Fluch über Eva erweise sich als überaus präzise Beschreibung der veränderten Lebensumstände: „Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger bist; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein.“-

An der bibelnahen, wortgetreuen Auslegung der sog. Erbsünde habe ich stets Kritik geübt: Im Vordergrund stand dabei immer die Tragödie, wonach ausnahmslos jeder Mensch bereits von Geburt an mit Schuld behaftet sei.
Damit mag ich mich auch weiterhin nicht abfinden: die meisten von uns bauen im Laufe ihres Lebens genug eigenen Mist, als das es einer zusätzlichen Erblast bedürfte.

Sofern sich die biblische Geschichte von Adam, Eva und deren zahlreichen Nachkommen jedoch als theologisch verklausulierte Beschreibung der grundlegend gewandelten Lebensbedingungen auffassen lässt, entfällt der Vorwurf automatisch tradierter ‚persönlicher‘ Schuld …und eine weniger emotionale Betrachtung jener Erzählungen fällt mir um einiges leichter.

Und das Bild «eines fürsorglichen Gottes, der sich um die spirituellen Nöte der Menschen kümmert, der sie heilt und tröstet» ist um einiges leichter zu vermitteln als eine vor Eifersucht rasender, um sich schlagende Gottheit. → Eine Vielzahl der von Gott über Mose erlassenen Regeln diente der dringend gebotenen Gesundheitsvorsorge. «Ob bei Ernährung, Hygiene oder beim Geschlechtsverkehr: Regeln sollen verhindern, dass Gott in Rage gerät…»

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