„Kreuzverhör“: Der kath. Theologe Klaus v. Stosch stellt sich Fragen von Atheisten

Leitplanken für’s Denken?

Ein hörenswertes, für mich hochinteressantes Gespräch, das hier mit dem röm.-katholischen Theologen Professor Klaus von Stosch geführt wurde. Obgleich ich mich bereits lange zuvor einigermaßen intensiv mit der Lehre der RKK befasst hatte, ergaben sich mehrere Aha-Erlebnisse.
Das gut zweistündige Gespräch unternimmt einen Streifzug über komparative Theologie, die Dogmatik der RKK, die Stellung von Frauen in der Kirche und gipfelt in den zentralen Fragestellungen:

  • Ist die Existenz Gottes von einem rationalen Standpunkt her zu begründen?
  • Theodizee: Weshalb lässt ein allgütiger, allmächtiger und allwissender Gott Krankheit, quälendes Sterben und Leid in kaum vorstellbarem Ausmaß zu („Wenn diese Welt das Werk eines intelligenten Schöpfers ist, dann sollte uns dieser Schöpfer all das einmal erklären.“)

Zwei Wermutstopfen sind mir aufgefallen: Der Moderator vom ‚Ketzerpodcast‘ hat sich zwar gründlich auf dieses kontroverse Gespräch vorbereitet, doch im katholischen Glauben scheint er nicht nicht hinreichend bewandert, um fundierte Kritik (z.B. an der Dogmatik) zu üben. Außerdem erliegt er gelegentlich der Versuchung, den Theologen Stosch jeweils im falschen Moment rüde zu unterbrechen.

Wenn man den katholischen Glauben richtig ersteht, ist er in allen Punkten zutiefst rational.“

Natürlich. Falls ich jemals mein ganz persönliches Modell der Wirklichkeit entwerfe, werde ich (hoffentlich) darauf achten, dass wenigstens alle innerhalb dieser geschlossenen Systematik mit ihren spezifischen Prämissen getroffenen Aussagen konsistent sind. Hingegen würde ein Atheist diesen Entwurf nur insoweit anerkennen, als dieser sich auf mit naturwissenschaftlichen Methoden (Beobachtung, Messung, Berechnung etc.) gewonnen Erkenntnissen in Einklang bringen lässt.
Von einem Nichtglaubenden bzw. Nicht-Katholiken kann meiner Ansicht nach nicht erwartet werden, sich seinerseits auf das christlich-katholische Wirklichkeitsmodell einzulassen und seine Argumentation allein darauf zu beschränken.
Eine Vorbedingung (im Sinne von ‚Wir setzen die Existenz Gottes in dieser Diskussion einfach mal voraus‘) ist meines Erachtens unzulässig, denn sie zwingt dem Atheisten eine Position auf, welche er ausdrücklich nicht vertritt.

Der Diskussionsteil über die Mariendogmen der RKK steht unter dem Zeichen einer Relativierung: Zum einen stünden die Aussagen der RKK übe die „Gottesgebärerin“ Maria nicht im Zentrum der kirchlichen Glaubenslehre. Ferner ‚müsse‘ ein Kritiker dieser und weiterer Glaubenssätze sich schon die Mühe machen, deren historischen Hintergrund sowie die Intention der Kleriker für die jeweilige Aussage zu verstehen – „wenn er auf Augenhöhe diskutieren will“.
Mir ging dabei durch den Kopf: Wie viele „streng gläubige Katholiken“ haben jemals die Chance, ein hinreichend tiefes (=wissenschaftliches) Verständnis der Grundsätze ihres eigenen Glaubens zu entwickeln? Und wie kann ein Anathema ( → anathema sit, →Exkommunikation) ‚automatisch‘ wirksam werden, ohne dass ein solches Verständnis vermittelt bzw. erlangt wurde?
Auch die Metapher von Dogmen als „Leitplanken für das Denken auf der sechsspurigen katholischen Autobahn“ weckt meinen Widerwillen: Zwar glaube ich an die Existenz Gottes, doch mag ich mir von keiner Institution einen Rahmen für mein Denken vorgeben lassen, den ich nicht verlassen darf/soll. Die Gedanken sind frei.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, die vom Moderator vorgebrachten Kritikpunkte beziehen sich im wesentlichen auf Aussagen, wie sie in  Predigten, auf Kirchentagen und in Podiumsdiskussionen von römisch-katholischer Geistlichen sehr wohl vertreten werden, d.h. sie bilden gewissermaßen einen Standard ab. Hierbei handelt es sich sicherlich nicht um einen akademisches Niveau, sondern um allgemeinverständliche Abrisse des katholischen Glaubensverständnisses.

Für Hörer des Podcasts könnte dennoch der Eindruck entstehen, der Moderator könne dem Theologen Stosch nicht annähernd das Wasser reichen – nur: worum geht es denn im Kern, wenn junge Menschen sich kaum mehr mit Glaubens- und Sinnfragen auseinandersetzen wollen? Vermutlich um das Erscheinungsbild einer Kirche, wie es auch in den Mainstream-Medien gezeichnet wird, die sich mehr und mehr von der Lebenswirklichkeit der ‚Normalverbraucher‘ entfernt. Als Folge dieser wachsenden Distanz kommt es bei den ‚Suchenden‘ gegebenenfalls zu einer Umorientierung und der Rest lässt sich lieber vom allabendlichen TV-Programm berieseln oder spielt Egoshooter am PC.

So gesehen hilft es der Theologie wenig, sich in in ihrem Elfenbeinturm aus formalen und inhaltlichen Anforderungen an das Vorwissen ihrer Kritiker und die stringente Fundiertheit in deren Argumentation verschanzen. Da fallen Schlagworte wie „Stammtisch-Niveau“, „primitiv“ und „unterirdisch“, den Rest habe ich nicht behalten.

„Ich wünsche mir Atheisten, die sich auf wissenschaftlichem Niveau mit mir streiten.“

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