Rückblick (1960): Zukunft des Unglaubens vs. Marktnische für asiatische Religionen

In seinem in der ZEIT vom 29. Januar 1960 veröffentlichten Beitrag „Zweifel am christlichen Glauben“ fasste Gerhard Szczesny einige Thesen seines Buches „Die Zukunft des Unglaubens“ zusammen.

„Der Mensch, ist ein religiöses Wesen, Wenn sein eingeborenes Bedürfnis nach einer befriedigenden Sinngebung der irdischen und kosmischen Zusammenhänge verkümmert, kommt es zu schweren Fehlentwicklungen des einzelmenschlichen und des gesellschaftlichen Lebens…“

Dem gegenüber stehe ein wachsendes Unvermögen, die christliche Heilslehre nachzuvollziehen, was eine „Epoche des Materialismus und der Oberflächlichkeit […] der Rücksichtslosigkeit und des Zynismus“ herbeigeführt habe.
Diese Beobachtung stammt wie gesagt aus dem Jahr 1960 …und da hatte ich immer angenommen, ein halbes Jahrzehnt vor meiner Geburt sei die Welt aus katholisch-konservativer Sicht noch ‚in Ordnung‘ gewesen. Es gab noch keine Pille, die 68er hatten noch nicht den Geist des antiklerikalen Ungehorsams befördert und die Mehrheit der Menschen in Westdeutschland gingen am Sonntag noch brav in die Kirche.

Und dennoch sah Szczesny bereits vor gut 55 Jahren keinerlei Ansatzpunkte dafür, wie es den christlichen Kirchen gelingen könne, „das verlorene Glaubensterrain wieder zurück zu erobern“. Statt dessen hält er Ausschau, inwieweit andere Heils- und Lebenslehren diese verhängnisvolle Entwicklung aufzuhalten imstande seien:

Welche im Christentum offenbar nicht gegebenen Voraussetzungen müßte eine Religion erfüllen, um das Glaubensbedürfnis des zeitgenössischen Menschen wieder zu wecken?
Die Antwort liefert Szczesny gleich mit: Einer solche Religion müsse eine „monistische und dynamistische“ Metaphysik zugrunde liegen, ferner sei eine humanitäre Lebensphilosophie, eine personalistische Individual-Moral sowie eine demokratische Sozial-Moral geboten. Klingt für mich verdächtig nach Beliebigkeit, doch der Autor selbst bezeichnet diese Zusammenstellung von Erfordernissen als hypothetisch.

Schwierig daran finde ich eine Betrachtungsweise, welche die essenzielle Frage von Glaube und Nichtglaube, von spiritueller Suche und schmerzlichen Zweifeln und nicht zuletzt der eigenen Lebensausrichtung vornehmlich in den Kontext eines Zeitgeistes stellt. Als sei es jeweils ‚modern‘ geworden, alte Glaubensvorstellungen abzulegen und sich von Medien, Buchautoren und ‚den anderen‘ in eine unbesonnene, leichtfertig gleichgültige Dauerstimmung versetzen zu lassen, in welcher die klassischen Sinnfragen kaum mehr gestellt würden.
Zudem sehe ich Religion nicht als etwas Abstraktes, sondern als historisch gewachsene Gesinnungsgemeinschaft, deren zentrale Glaubensüberzeugungen sich nicht bis zur Unkenntlichkeit verhandeln lassen.

Der fragwürdige Austausch der bisherigen durch eine geeigneter erscheinende Religion hat nur wenig mit Unglauben zu tun. An überhaupt nichts zu glauben impliziert nach meinem Verständnis, die Existenz mindestens einer allmächtigen, schöpferisch tätigen Entität („Gott“) geradewegs abzulehnen. Sobald diese Existenz aber bejaht wird (und man nicht davon ausgeht, es handele sich bei ihr um ein den Menschen nur weit, sehr weit überlegenes Alien, das nicht auf eine körperlich-materielle Daseinsform angewiesen sei), kann von Unglaube im engeren atheistischen Sinne nicht länger die Rede sein. Insoweit finden sich weltweit nicht allzu viele „Ungläubige“, denn mehr als 90 Prozent aller heute lebenden Menschen gehen ‚irgendwie‘ von der Existenz eines göttlichen Wesens aus, oder mehrerer. Ob sie zusätzlich an Religion interessiert sind, ist eine andere Frage, denn dazu müsste eine bewusste Entscheidung getroffen werden, die deutlich über die intuitiv-unreflektive Haltung des ‚irgendwie glaube ich schon, dass er existiert‘ hinausgeht.

Gerhard Szczesny hat sich 1960 also überhaupt nicht mit Ungläubigkeit auseinandergesetzt, sondern 1. mit Glaubenszweifeln und 2. mit der schrumpfenden Bereitschaft aufgeklärter Zeitgenossen, ihre Denkweise und ihren persönlichen Glauben noch länger in eine dogmatische Schablone pressen zu lassen, welche ihre existenziellen Fragen vermeintlich unbeantwortet lässt. Diese Tendenz nahm seit damals stetig zu, jedenfalls in westlichen Ländern und ganz besonders hier in Deutschland. Von der wachsenden Zahl der Kirchenaustritte nun gleich auf Phänomene wie „Gottlosigkeit“ und Identitätsverlust unter den Deutschen zu schließen, wäre aber kurzsichtig.

Die antizipierte Reaktion (sich halt eine neue Religion zu suchen) erwiest sich jedenfalls im Rückblick als unzutreffende Mutmaßung: Wer seine christliche Konfession nicht aus einer bloßen Laune oder nur zwecks Einsparung der Kirchensteuer ablegt, sondern nach reiflicher Überlegung, wird nicht zwangsläufig für eine andere Religion zu gewinnen sein. Die Beweggründe für einen Kirchenaustritt waren und sind zu vielfältig, um den Eintritt in eine neue Gemeinschaft gewissermaßen als Workaround für Suchende zu idealisieren. Wie bedeutsam die Bestrebungen sind, eigene Gottesbilder und Glaubensvorstellungen zu verwirklichen, hat die starke Tendenz zu synkretistischen Anschauungen gezeigt, nicht nur im weit verzweigten Umfeld von NewAge-Bewegungen und Esoterik.

Und was ist daran falsch? Zunächst einmal nichts, denn auch die etablierten Religionen entstanden letztlich aus den subjektiven Überzeugungen und Erfahrungen einer anfänglich kleinen Schar von ‚Glaubenspionieren‘.
Dass darin freilich auch eine Gefahr liegen kann, zeigte Wolfgang Niedecken (BAP) mit dem Lied ‚Ne schöne Jrooß‘ Anfang der 80er Jahre:

„Noch zo empfähle wöör dämm janze Komplott:
Schenkt jedem einzelne doch ’ne Aufblasbar-Gott
(uss Venyl) – abwaschbar, exakte Maße, verbrauchergerecht (jefühlsecht)

Es ist natürlich nicht verboten, sich seinen eigenes ganz persönlichen Gott zu erschaffen – doch wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, damit richtig zu liegen…d.h. dass ein existierender Gott dem eigenen Entwurf wesensmäßig auch nur nahe kommt? Und, hätte es womöglich Konsequenzen, falls wir neben einem sehr hohen Maß an Wunschdenken auch etliche Denkfehler in unseren Gottes-Entwurf einbauten – indem wir beispielsweise ein paar die Kausalität verleugnende HappyEnd-Götter erschüfen, dank derer am Ende alles, aber auch wirklich alles gut ausgeht? Würden im Zuge der Hollywood-Veriante eines Pantheons würden Hitler, Stalin und George W Bush jun. gemeinsam mit Robin Williams, Gandhi und Martin L. King himmlische Freuden genießen, ohne dass die ersten drei genannten Herren jemals die Konsequenzen ihrer Entscheidungen erfahren hätten?
Oder gehört zu einer Gottes- und Jenseitsverheißung auch ein wenig Plausibilität?

Zukunft asiatischer Religionen in Europa?

Lesenswert ist der alte Beitrag Szczesnys trotzdem, denn er stellte das Christentum drei weiteren Weltreligionen (Islam, Hinduismus und Buddhismus) gegenüber und betrachtete deren Vorzüge und Nachteile für das Christentum verschmähende, aber gleichwohl glaubenswillige Mitteleuropäer. Der Autor scheint mit einigem Bedauern zu konstatieren, gerade der Buddhismus entfalte „nicht genügend missionarische Leidenschaft und organisatorische Kraft aufbringt, um seine Chancen in Europa zu erproben“.

Mir stellte sich beim Lesen die Frage: Sind materialistisches Denken und Konsumismus nicht gewissermaßen auch religionsähnliche Lebensanschauungen? Und haben nicht viele Deutsche ihre nicht immer zu Unrecht als zu autoritär und aufrichtig empfundene Konfession bereits gegen diese Pseudo-Religionen eingetauscht?

 

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