Nackte Realität vs. glückliche Illusion – was ist vorzuziehen?

Im Vorwort zu seinem religionskritischen Buch „Denn sie wissen nicht was sie glauben“ wirft Franz Buggle eine schwerwiegende Frage auf:

Sollte in zentralen Lebensbereichen jedes vermehrte Wissen dazu dienen, den Menschen glücklicher machen? Ist eine unwissende Geborgenheit in einer umfassenden Illusion dem vollständigen, ent-täuschenden Wissen ‚besser‘ für uns Menschen, weil unser Leben dann ruhiger, zufriedener verläuft?

Spontan würden viele wohl die ‚ganze Wahrheit‘ einer Illusion vorziehen, doch wie oft lassen wir uns nur zu gerne ein wenig einlullen und beruhigen, indem wir einen nagenden Teil unseres Wissens erstmal beiseite schieben? Ganz so einfach oder banal ist de Beantwortung dieser Fragestellung also nicht.

„Opa ist jetzt im Himmel.“

Vergegenwärtigt man sich unser menschliches Naturell, wird die Zwangsläufigkeit der Entstehung von etwas wie Jenseitserwartungen und Religion schnell sichtbar: Bekanntlich besitzt unser Selbst eine rationale und eine starke emotionale, intuitive und nicht selten irrationale Komponente. Beide bestimmen unser ‚fühlendes Denken‘, ebenso wie eine Flut von Abwehrmechanismen und sonstigen ‚Tricks‘, mit denen wir die bisweilen unerfreuliche und manchesmal entsetzliche Realität leichter zu verkraften suchen.
Der Tod ist aus biologischer Sicht unschwer zu erklären; für ein Wesen mit einem starken Ich-Bewusstsein stellt er zugleich eine fast unlösbare Herausforderung dar: Dass unser eigenes Ich plötzlich aufhört zu existieren, ist für viele von uns schlicht unvorstellbar.

Nach einigen Vollnarkosen relativiert sich diese Überzeugung etwas: Das bewusst wahrgenommene Ich war ‚weg‘ und ich erinnere mich gut an mein Erstaunen, wie meine Sinne und mein Denkvermögen laaaangsam zurückkehrte – gefühlt dauerte es eine halbe Stunde – …zuerst nur Licht, Stimmen, erst später wurden die vielen Fragen durch mein eigenes Denken und Erinnern beantwortet. Die Zeit dazwischen war …hmm, interessant. Klinisch betrachtet war ich mehr als nur ein wenig verwirrt und die anwesenden Mediziner mussten mich fast anschreien, damit ich nicht sofort aufstand und umher stolperte …was so kurz nach der OP nicht ganz unproblematisch verlaufen wäre.

Jedenfalls ließ dieser langsame Prozess der ‚Rückkehr‘ meine innere Überzeugtheit brüchig werden, dieses Ich könne doch unmöglich ‚einfach so‘ aufhören zu sein. Freilich war da eine zweite Instanz, nämlich jene, die diesen Aufwachvorgang genau beobachtete und die präzise Erinnerung daran bewahrt hat …eine Art Meta-Ebene meines Bewusstseins. Nur, solange die Narkose voll wirkte, war auch diese Instanz deaktiviert, zumindest habe ich keinerlei Erinnerung an diese Zeit. Lediglich die OP-Narbe dient mir als ziemlich objektiver Nachweis, dass die Zeit nicht etwa stillgestanden hat. Das Leben ging weiter, auch ohne mich – und so wird es sich auch nach meinem Tod verhalten.)

Trotzdem, das Ende unserer Existenz ist ein Phänomen, mit dem wir uns nicht leicht abfinden. Dies trifft ebenso beim Verlust einer geliebten bzw.  bedeutsamen Person zu. Resultierend mussten wir uns ein Konstrukt als Ausweg erschaffen, welches die zukunftsbejahende Vorstellung ‚Es muss doch irgendwie weitergehen‘ stärkte und konkretisierte.

Opa ist jetzt Himmel.“ Als Kind war diese Aussage ein gewisser Trost für mich: Wenn der Großvater ab sofort an einem anderen Ort weiter lebte und es ihm dort sogar besser erging als zuletzt hier mit all seinen Krankheiten und Gebrechen, so war der Abschied für mich weiterhin schmerzlich, doch ich kam leichter damit klar …so konnte ich mir vorstellen, er sei nur verreist und wir würden uns am Ende seiner und meiner Reise wiedersehen und ganz viel zu erzählen haben …Opa konnte wunderbar anschaulich erzählen, ich hörte ihm stundenlang zu und alles andere um mich herum verlor an Bedeutung.

Die kritischen Fragen, ob dieses naive Konzept eines Himmels für nette Menschen denn wirklich real sei, kamen mir erst ein paar Jahre später in den Sinn. Trotzdem bin ich dankbar für diese kindgerechte Aussage, selbst wenn es sich vielleicht nur um eine Art von Placebo handelte.
Für mein Auffassungsvermögen im Alter von 9 Jahren war dieses Rezept genau das Richtige – aber zeitlebens?
Heute bin ich fast genau 20 Jahre jünger als der Großvater zum Zeitpunkt seines Todes – und ich möchte zu gerne wissen, was mich nach meinem Lebensabend erwartet. Dieser Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen, bevor es so weit ist …das ist mir auch klar. Doch mein Denken wehrt sich mehr und mehr dagegen, mich einer eventuellen Illusion (oder noch schlimmer: einer professionellen Vermarktungsstrategie) zu unterwerfen – ohne zu wissen, worauf ich mich da einlasse.

Vertrauen ist gut. Blindes Vertrauen ist besser?

Fast alle mir bekannten Religionen stellen zunächst einmal eine Flut von Bedingungen auf, bevor sie uns etwas geben (=versprechen):

  • Was wir in Bezug auf Gott (und seine Kirche) glauben sollen, und was wir auf keinen Fall glauben dürfen,
  • einen strikten Verhaltens- und Moralkodex – in einem Maße, das weit über den gesetzlichen Rahmen hinausgeht,
  • …ja und dann wollen sie meist auch noch Kohle (nicht selten wird zusätzlich zur verpflichtenden Kirchensteuer noch sozialer Druck aufgebaut, sich an ‚freiwilligen‘ Zuwendungen wie Spenden und Kollekten zu beteiligen. (Wer in der Grundschulzeit zur Adventszeit kein fröhlich klimperndes Disapora-Kästchen (mit eigenhändig bemalter Vorderseite) mitbrachte, wurde ausgegrenzt. Weshalb mein durch dergestalt zwanglose Gruppendynamik motiviertes Eintreiben von Kleinstspenden daheim für höchst kontroverse Diskussionen sorgte, verstand ich damals nicht.)
  • Das ist noch immer nicht alles: Zuguterletzt haben die Mitglieder über ihre Verstöße gegen diese und viele weitere Paragraphen der Vereinssatzung in einem ausgeklügelten Kontrollverfahren regelmäßig Rechenschaft abzulegen. Die RKK bezeichnet dieses Controlling als Beicht-Sakrament und versucht den Eindruck zu erwecken, die Bibel schreibe dergleichen implizit vor. (Gegen zwischen-menschliche Vergebung ist ganz und gar nichts einzuwenden und auch eine Vergebung Gottes ist für mich von Bedeutung. Letztere wird nach meiner Vorstellung aber wohl warten müssen, bis er und ich direkt miteinander kommunizieren …sofern dies jemals eintritt. Eine institutionalisiertes Vergebungsritual, welche die Entscheidung Gottes quasi ungefragt antizipiert, erachte ich als falsch und nicht glaubhaft.)
    In anderen Glaubensgemeinschaften existieren statt dessen Prinzipien, der gegenseitigen sozialen Kontrolle bis hin zur Denunziation.

Wer die geistlichen Konditionen sowie die monetären Verpflichtungen auf bestmögliche Weise erfüllt, erlangt vielleicht (aber nur vielleicht!) eine Chance auf das, was je nach Konfession als Erlösung, Errettung oder Paradies bezeichnet wird. Falls Sie nun den Eindruck haben, das klinge fast wie ein äußerst erfolgversprechendes Geschäftsmodell, dann aus dem einen Grund: genau das ist es! Wobei ein ‚Anbieterwechsel‘ auf höchst subtile Weise erschwert wird.
Was wurde eigentlich aus Mt 10,8 – „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben„???

Heute besteht hierzulande (evtl. mit Ausnahme einzelner süddeutscher Bergdörfer) dankenswerterweise keinerlei Zwang, einer organisierten Glaubensgemeinschaft anzugehören – nur, die Fragen nach dem Jenseits werden weiterhin gestellt, auch außerhalb von straff organisierten Religionen.
Seit ich für mich eine Form konfessionsloser Gläubigkeit gewählt habe, sehe ich die Frage des ‚richtigen Glaubens‘ (welche theologischen Annahmen kommen der Realität am nächsten?) sowie den moraltheologische Aspekt im Vordergrund. Verinnerlicht habe ich die Aussage, Gott erwarte von uns ein integres Verhalten, wie es etwa die Zehn Gebote vorgeben.
Damit habe ich weiterhin kein Problem, ganz im Gegenteil: Ein gewaltfreier, nicht von Neid und Respektlosigkeit geprägter Umgang miteinander erscheint mir erstrebenswert, ja zwingend notwendig. Abtreibung lehne ich ab, sofern keine Vergewaltigung vorliegt oder die Gesundheit der Mutter ernstlich bedroht ist. Ehebruch finde ich doof und äußerst egoistisch (insbesondere auch gegenüber den gemeinsamen Kindern), das Eigentumsrecht ist essenziell und den eigenen Eltern mit Achtung zu begegnen, erachte ich als angebracht.

Konditionierung ersetzt eigenverantwortliche Ethik?

Konservative Theologen verlangen freilich weitaus mehr von Christen als das, was eine funktionierende Sozialethik erfordert: vollständiger Verzicht auf sexuelle Freizügigkeit auch für Unverheiratete, ein striktes Verbot der Ehescheidung (bei kirchlicher Eheschließung) sowie das Ausbleiben „widernatürlicher“ Sexualpraktiken (gemeint sind Homosexualität und sämtliche LGBT-People) seien als Beispiele genannt. Nun will ich nicht ergründen, ob der Zeitgeist und die Lebenswirklichkeit der Mehrheit  dem diametral widersprechen – denn das ist nicht die Frage.

Es geht mir hier um ein anderes grundsätzliches Problem: Aus welchem Grund sollten sich gesetzestreue Bürger in einem säkularen Staat von theologischer/kirchlicher Seite zusätzliche Vorschriften beispielsweise über ihr Sexualleben (das niemanden schädigt oder beeinträchtigt), die Anzahl ihrer Nachkommen (Stichwort Geburtenkontrolle und Verhütung) oder den Tages-/Wochenablauf auferlegen lassen, solange für sie nicht einmal absehbar ist, ob die bedingten Zusagen denn überhaupt eingehalten werden können??
Doch wohl nur insofern, als für die betreffenden moralischen ‚Leitplanken‘ ein rationaler Beweggrund sichtbar wird – was zB in Bezug auf Treue in der Ehe (wie auch in einer festen Partnerschaft, solange sie Bestand hat) und Respekt gegenüber den eigenen Eltern durchaus der Fall ist – beides wird vom deutschen Staat nicht wirksam sanktioniert. Die fortgesetzte Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen hingegen lässt sich nach meiner Auffassung durch nichts sachlich begründen.

Ein ethischer Maßstab bzw. seine Beachtung sollte gerade nicht von externen Versprechungen abhängig gemacht werden, sondern zuallererst von eigener Einsicht in das Richtige und Notwendige und natürlich den jeweils geltenden Gesetzen. Anders gesagt: Dass ich keine Frauen angrapsche, niemanden bestehle und keine Steuern hinterziehe (über Mord, Vergewaltigung und üble Nachrede muss ich mir erst recht gar keine Gedanken machen), folgt zweierlei Beweggründen: Derartiges Verhalten erachte ich als falsch, ich würde mich richtig mies dabei fühlen (diese Erfahrung kennt wohl jeder angesichts kleiner Vergehen und Jugendsünden). Und zweitens bemühe ich mich, aus grundsätzlichen Erwägungen auch solche Bestimmungen (des Staates) einzuhalten, welche mir weniger einsichtig erscheinen (zu schnelles Fahren bei lauter Musik war zB eine meiner Schwachstellen…).

Ob man für moralisch integres Verhalten „in den Himmel kommt“ oder nicht, besitzt zunächst keinerlei Relevanz für ein sozial akzeptables Verhaltenskonzept. Da kommt es, glaubt man den Theologen, halt nicht nur auf die Pflicht an, sondern zusätzlich auf die Kür: Von den Vereinsmitgliedern wird eben einiges mehr erwartet, wie bereits erläutert.

Die gegenläufige Argumentation stützt sich u.a. mehrere Aspekte:

  • Wer nicht an Gott glaubt, kann/darf sich auch nichts von ihm erhoffen.“ Auch so eine typische von Eifersucht und Missgunst geprägte Aussagen von Menschen. Ist nicht davon auszugehen, dass ein allwissender und vor allem gütiger Gott genauer hinschaut? Für Nicht-Glauben kann es tausenderlei mögliche Ursachen geben …wer nicht an Gott glaubt, wird sich zudem auch selten etwas von ihm erhoffen, denn das wäre inkonsequent im Denken. Doch warum sollte Gott seinerseits ähnlich formale Kriterien anlegen, wie wir Menschen dies oft und gerne tun. Darüber wissen wir schlicht nichts und es ist müßig zu spekulieren.
  • Von kirchlicher Seite wird der Glaube an Gott vermischt mit der Zugehörigkeit zur und Gehorsam gegenüber der Kirche. „Extra ecclesiam salus non estAußerhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Mit diesem weitgefasstem Grundsatz wird die vorgeblich autorisierte Mittlerschaft zwischen Gott und dem einzelnen Menschen als unausweichlich inszeniert – wer an Gott glaubt, zugleich aber keine religiöser Organisation angehören will, der dürfe sich demnach ebenfalls nichts von Gott erhoffen.
    Ein erfolgsorientiertes Geschäftsmodell (s.o.) vermittelt seiner Zielgruppe stetigen Bedarf (in diesem Kontext eher Bedürftigkeit) und sichert sich jeden erdenklichen Wettbewerbsvorteil…

Meine einige Jahre nach dem Großvater verstorbene Oma hatte diese Bedingungen übrigens nur zum Teil erfüllt und – ich war inzwischen um die 13 – sollte nun ebenfalls „im Himmel“ sein. Der Oma wünschte ich nur das Beste, doch nun fiel es mir nicht mehr so leicht, den tröstenden Worten Glauben zu schenken. Großmutter war zwar keine rebellische Natur, doch sie hinterfragte zeitlebens staatliche und klerikale Autoritäten und befand selbst darüber, was ihr persönlich glaubwürdig erschien und was nicht. Zugleich war sie eine herzensgute Frau – aber das alleine reicht eben nicht für den Himmel, zieht man den Anforderungskatalog christlicher Theologie zu Rate.

Drohbotschaften: Es ist genug!

Soweit es mich betrifft, hat sich im Laufe meiner ‚Suche‘ ein klares Kriterium herausgebildet: Wer mir droht und versucht, mir Angst einzujagen (das ewige Höllenfeuer erfreut sich gerade unter islamischen wie christlichen Fundamentalisten wieder wachsender Beliebtheit als Missionierungsinstrument), der hat schon verloren. Alsbald fällt bei mir ‚die Klappe‘ – keineswegs aufgrund banaler Verdrängung: Mit der Drohbotschaft insbesondere röm.-katholischer Provenienz habe ich mich ausgiebig auseinandergesetzt – zunächst höchst unfreiwillig in ganz jungen Jahren, später in Gesprächen und anhand geeigneter Literatur – sodass ich sie nunmehr entschieden zurückweise: „Für mich bitte nicht!“
Immunisierungsstrategie? Klar. Wie sollte man sonst damit umgehen, wenn einem sowohl die Hardliner unter den Muslimen als auch die der katholischen sowie der evangelikalen Seite mit ewiger Verdammnis drohen, falls man nicht ihrem Glauben folge? Am besten mit den eindringlichen Worten: „Entscheide dich noch heute, Bruder. Schön morgen könnte es zu spät sein!
Die großen christlichen Kirchen belassen es inzwischen meist bei dezenten, gleichwohl unüberhörbaren Hinweisen auf die Existenz des niemals endenden Höllenfeuers. So erklärte der inzwischen emeritierte Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 in der römischen Pfarrei Santa Felicita:

Jesus ist gekommen, um uns zu sagen, dass er uns alle im Paradies haben will und dass die Hölle, von der man in unserer Zeit so wenig spricht, existiert und ewig ist für jene, die ihre Augen vor seiner Liebe verschließen.

Der Vollständigkeit halber: In dieselbe Hölle wandern lt. röm.-kath. Lehre auch jene, die die ihre Augen vor ’seiner einzig wahren Kirche‘ (der RKK) verschließen – und abwandern. (Vgl.Aus theologischer Sicht gibt es eigentlich keinen Kirchenaustritt„, domradio.de / „Wegen ‚Kirchenaustritt’ nicht automatisch exkommuniziert„, kath.net)

Triptychon Der Garten der Lüste, rechte Tafel: Die Hölle

Zu jenseitsbezogenen Strafandrohungen muss sich irgendwie verhalten, wer in seiner religiösen oder areligiösen Ideologie vollständig gefestigt bzw. festgefahren ist. In meinem Fall geht das am besten, indem ich mich schlau mache, Diskussionen führe und dadurch zu einer eigenen Einschätzung gelange. Der Aufwand hat sich gelohnt, denn schon lange gelingt es keinem jener Angstmacher mehr, mich bis ins Mark zu verunsichern. Sollte ich mich heute gruseln wollen, schaue ich mir Gemälde von Hieronymus Bosch an.

Allgemeiner formuliert: Mit den ernsten  Fragen unseres menschlichen Daseins kann man sich kaum sinnvoll befassen, solange man innerlich vor Angst bebt. Das Resultat wäre andernfalls bloß eine Art von religiösem Stockholm-Syndrom (ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen). Wenn ausgelieferte Opfer Zuneigung zu den Tätern entwickeln, dann nur aus einem Grund: weil ihnen in der konkreten Situation nichts anderes übrig bleibt, um nicht ihre seelische Integrität zu verlieren (Unterordnung als Schutzmechanismus).

Karl Barth vertritt gleich zu Beginn seiner „Kirchlichen Dogmatik“ (Band I, 1. Halbband) die Auffassung: “

…indem sich die Kirche zu Gott bekennt, bekennt sie sich auch zu der Menschlichkeit und zugleich zu der Verantwortlichkeit ihres Handelns.“

Es scheint, von dieser Verantwortlichkeit bemerkt die Mehrzahl der Menschen in Deutschland nicht allzu viel. Und in dem Maße, wie anstelle einer sachlichen Diskussion wiederum mit Verdammnis gedroht und kategorisch Gehorsam eingefordert wird, entfernt sich die RKK immer weiter von dieser Mehrzahl – die „Diktatur des Relativismus“ vehement zu beklagen, ändert nur sehr wenig an Kirchenaustritten und der noch weitaus häufigeren inneren Verabschiedung.-

Fazit

Auf die Eingangsfrage – könnte eine schonende Illusion glücklicher machen als eine unverkleidete, unangenehme Wahrheit? – kann keine allgemeingültige Antwort gegeben werden. Präferenzen von Menschen sind halt so unterschiedlich wie ihre Persönlichkeit, Sozialisation und Erziehung. Ebenso könnte gefragt werden: ‚Ist Eskapismus bis hin zur Realitätsflucht sinnvoll?‘ Von der negativen Konnotation abgesehen, kommt es zu Lebenssituationen, in denen solche Abwehrmechanismen der Psyche den einzigen Ausweg darstellen, um zu überleben und halbwegs intakt zu bleiben. In solchen Fällen bleibt dem Bewusstsein selten eine Wahl. In Bezug auf Glaubensfragen verhält es sich aber anders: Jeder von uns hat eine Wahlmöglichkeit und sollte ‚im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte‘ von ihr aktiv Gebrauch machen. Wie diese Wahl ausgeht …nun, Hauptsache ist doch, nicht länger bloß externen Erwartungen gerecht zu werden – sondern selbst mit den eigenen Entscheidungen leben zu können und einen Einklang zwischen innerer Überzeugung und äußeren Handlungen anzustreben.

‚Vermehrtes Wissen‘ ist qualitativ zu beurteilen: Handelt es sich um gesichertes Wissen (z.B. in der Kosmologie) oder lediglich um Thesen, welche vor dem aktuellen Jeweilswissen temporär plausibel erscheinen (wie zB die Äther-Hypthese, welche ich als Laie zwar für sehr plausibel halte, aber dennoch als widerlegt anerkennen muss)?
Bis heute lässt sich eben nicht mit Gewissheit vorhersehen und belegen, was nach dem Ende unseres physischen Daseins aus uns wird. Hierzu müsste bewiesen werden, dass an uns nicht mehr dran und drin ist als komplex organisierte Materie …also keine Seele und auch sonst nichts, was nach unserem biologischen Zerfall von uns übrig bleibt.

Eine derartige Beweisführung existiert nicht, insoweit sehe ich keinerlei Handhabe des atheistischen/agnostizistischen Lagers, den Kern einer nicht-exklusivistischen Jenseitserwartung auf der Grundlage verlässlichen Wissens komplett zu demontieren. Hinsichtlich alter theologischer Schriften mag dies anders aussehen, darum taugen diese Texte bis auf gelegentliche Denkanstöße nicht als primäre Grundlage meines persönlichen Glaubensmodells.

Die Mühe der ‚Wahrheitssuche‘ müssen wir schon selber machen, jeder für sich: Es gilt nachzuforschen und ein Gespür dafür zu entwickeln, was wir für uns und unsere Lieben für die Zeit danach erhoffen (dürfen) – ohne uns sehenden Auges einer bequemen Täuschung hinzugeben.
Unter dem Eindruck fortgesetzter Angst(erzeugung) und bedrohlicher Konsequenzen selbst für kleinste (nicht gebeichtete) Vergehen ist eine nach Möglichkeit faktenbezogene, ergebnisoffene Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten aber nicht möglich, und wohl auch nicht gewollt.
Außerdem: Wer seinen Mitmenschen ein Angebot unterbreitet, durch dessen Annahme sich ihr physisches oder seelisches Wohlbefinden erheblich optimiert und ausgeweitet werden soll, avisiert ihnen zugleich allerschwerste Konsequenzen für den Fall einer Zurückweisung? Finde den Fehler..

Wozu der knappe Ausflug zu Höllenvisionen und -märchen? Nun, um sich (s)einer Antwort auf die eingangs gestellte Frage anzunähern, müsste man sich von störenden Einflüssen freimachen – soweit das eben möglich ist. Zu den Störfaktoren zählen Angst (sie lähmt das Denken) sowie eine einschränkende Konditionierung, welche von außen an den Fragesteller herangetragen wird. Dabei wird, stark verkürzt, das eigene Wohlbefinden durch Dritte davon abhängig gemacht, inwieweit wir ein bestimmtes gewünschtes Verhalten zeigen. Das Raffinierte daran: Nach und nach verinnerlicht der Betreffende diesen Mechanismus sowie das entsprechend belohnte Verhalten.
Einen Hund dressiert man übrigens auch mit dieser Methode.

Etwaige Parallelen zu den o.a. Anforderungskatalogen ‚für den Himmel‘ mag man sich selbst ausmalen. Störende Faktoren vollständig auszublenden, wird niemandem gelingen, es hilft aber, sich ihrer bewusst zu werden. Anschließend findet sich leichter Ruhe und Muße, aus eigenem Antrieb, mit der eigenständigen Suche nach einer ‚persönlichen Wahrheit‘ zu beginnen…


Anmerkungen

Man kann man nicht sagen, im Neuen Testament seien Zweifel am Kern des damals noch sehr jungen Glaubens nicht zuende gedacht worden:

Wenn es aber keine Auferstehung der Toten gibt, so ist auch Christus nicht auferweckt; wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist also auch unsere Predigt inhaltslos, inhaltslos aber auch euer Glaube.
Wir werden aber auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt haben, dass er Christus auferweckt habe, den er nicht auferweckt hat, wenn wirklich Tote nicht auferweckt werden.
Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, so ist auch Christus nicht auferweckt.
Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist euer Glaube nichtig,…
(1 Korinther 15,13-17pt)

Bei Ludwig Feuerbach („Das Wesen des Glaubens im Sinne Luthers“) heißt es:

„Gott ist eine leere Tafel, auf der nichts weiter steht, als was Du selbst darauf geschrieben.“
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