Schmerzliche Realität vs. Flucht in die Illusion – was ist vorzuziehen?

Diese Fragestellung warf der Psychologe und Religionskritiker Franz Buggle (1933 – 2011) Im Vorwort zu seinem religionskritischen Buch „Denn sie wissen nicht was sie glauben“ auf:
Sollte in zentralen Lebensbereichen jedes vermehrte Wissen dazu dienen, den Menschen glücklicher machen? Ist unwissende Geborgenheit in einer umfassenden Illusion ‚besser‘ für uns Menschen als vollständiges, ent-täuschendes Wissen… weil das Sicherheit vorgaukelnde Nichtwissen unserem Leben einen ruhigeren, zufriedeneren Verlauf bescheren kann?

Spontan würden viele wohl die ‚ganze Wahrheit‘ der Illusion vorziehen, doch wie oft lassen wir uns nur zu gerne ein wenig einlullen und beruhigen, indem wir einen nagenden Teil unseres Wissens erstmal beiseite schieben? Ganz so einfach oder banal ist de Beantwortung dieser Fragestellung also nicht.

„Opa ist jetzt im Himmel.“

Vergegenwärtigt man sich unser menschliches Naturell, wird die Zwangsläufigkeit der Entstehung von Jenseitserwartung und Religion schnell sichtbar: Bekanntlich besitzt unser Selbst eine rationale und eine starke emotionale, intuitive und nicht selten irrationale Komponente. Beide bestimmen unser ‚fühlendes Denken‘, ebenso wie eine Flut von Abwehrmechanismen und sonstigen ‚Tricks‘, mit denen wir die bisweilen unerfreuliche und manchesmal entsetzliche Realität leichter zu verkraften suchen.
Der Tod ist aus biologischer Sicht unschwer zu erklären; für ein Wesen mit einem starken Ich-Bewusstsein stellt er zugleich eine fast unlösbare Herausforderung dar: Dass unser eigenes Ich plötzlich aufhört zu existieren, ist für viele von uns un-denkbar. Mit dieser ‚Idee vom unzerstörbaren Ich‘ hatte ich mich etwa 25 Jahre lang regelrecht angefreundet …auch aus einer subjektive empfundenen Kontinuität heraus.

Einige recht kurz aufeinander folgende Vollnarkosen relativierte diese Zuversicht auf anhaltende ‚Ich-Kontinuität ‚merklich: Das bewusst wahrgenommene Ich war ‚weg‘ und ich erinnere mich gut an mein Erstaunen, wie meine Sinne und mein Denkvermögen laaaangsam zurückkehrte – gefühlt dauerte es eine halbe Stunde – …zuerst nur Licht, Geräusche, diffuse Eindrücke ohne sogleich herstellbaren Zusammenhang. Dieser Zustand war beängstigend …zum Glück hielt er nicht lange an, denn die zahlreichen Fragen (‚Was, wer, warum wo bin ich?‘) wurden durch mein eigenes Erinnern beantwortet. Die Zeit bis zum Wiedereintritt in volle Bewusstheit war …hm, interessant. Klinisch betrachtet war ich mehr als nur ein wenig verwirrt und die anwesenden Mediziner mussten mich fast anschreien, damit ich nicht sofort aufstand und umherstolperte …was so kurz nach der OP nicht ganz unproblematisch verlaufen wäre.

Jedenfalls ließ Prozess der ‚Rückkehr‘ mein unreflektiertes Festhalten an der eigenen Unzerstörbarkeit durch nun einsetzende Ahnung brüchig werden, dieses Ich könne womöglich doch ‚einfach so aufhören zu sein‘. Freilich war da eine zweite Instanz, welche diesen Aufwachvorgang distanziert beobachtete und die präzise Erinnerung daran bewahrt hat …eine Art Meta-Ebene meines Bewusstseins. Nur, solange die Narkose voll wirkte, war auch diese Instanz deaktiviert, zumindest habe ich keinerlei Erinnerung an diese Zeit. Lediglich die OP-Narbe dient mir als ziemlich objektiver Nachweis, dass die Zeit nicht etwa stillgestanden hat. Das Leben ging weiter, auch ohne mich – und so wird es sich auch nach meinem Tod verhalten.)

Trotzdem, das Ende unserer Existenz ist ein Phänomen, mit dem wir uns nicht leicht abfinden. Dies trifft ebenso beim Verlust einer geliebten bzw. bedeutsamen Person zu. Resultierend schufen wir uns ein Konstrukt als Ausweg, welches die zukunftsbejahende Illusion ‚Es muss doch irgendwie weitergehen‘ stärkte und konkretisierte.

Opa ist jetzt Himmel.“ Als Kind war diese Aussage ein gewisser Trost für mich: Dass der Großvater ab sofort an einem anderen Ort weiterlebte und es ihm dort besser erging als zuletzt hier mit all seinen Gebrechen, so war der Abschied für mich weiterhin schmerzlich, doch ich kam leichter damit klar …so konnte ich mir vorstellen, er sei nur verreist und wir würden uns am Ende seiner und meiner Reise wiedersehen und ganz viel zu erzählen haben …Opa konnte wunderbar anschaulich erzählen, ich hörte ihm stundenlang zu und alles andere um mich herum verlor an Bedeutung.

Die kritischen Fragen, wie realistisch dieses naive Konzept eines Himmels für alle freundlichen, liebevollen Menschen wohl sei, kamen mir erst Jahre später in den Sinn. Gleichwohl bin ich dankbar für diese kindgerechte Aussage, selbst wenn es sich vielleicht nur um eine Art von Placebo handelte. Für mein Auffassungsvermögen im Alter von 9 Jahren war dieses Rezept genau das Richtige – aber zeitlebens?
Heute, im Jahr 2016, bin ich 20 Jahre jünger als der Großvater zum Zeitpunkt seines Todes – und möchte zu gerne wissen, was mich nach meinem Lebensabend erwartet. Dieser Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen, bevor es so weit ist …das ist mir auch klar. Doch mein Denken wehrt sich mehr und mehr dagegen, mich einer eventuellen Illusion (oder noch schlimmer: einer professionellen Vermarktungsstrategie) zu unterwerfen – ohne zu wissen, worauf ich mich da einlasse.

Vertrauen ist gut. Blindes Vertrauen ist besser?

Fast alle mir bekannten Religionen stellen zunächst einmal eine Flut von Bedingungen auf, bevor sie uns etwas geben (=versprechen):

  • Was wir in Bezug auf Gott (und seine Kirche) glauben sollen, und was wir auf keinen Fall glauben dürfen,
  • einen strikten Verhaltens- und Moralkodex – in einem Maße, das weit über den gesetzlichen Rahmen hinausgeht,
  • …ja und dann wollen sie meist auch noch Kohle (nicht selten wird zusätzlich zur verpflichtenden Kirchensteuer noch sozialer Druck aufgebaut, sich an ‚freiwilligen‘ Zuwendungen wie Spenden und Kollekten zu beteiligen. (Wer in der Grundschulzeit zur Adventszeit kein Disapora-Kästchen (mit eigenhändig bemalter Vorderseite und fröhlich klimpernden Münzen) mitbrachte, wurde ausgegrenzt. Weshalb mein durch dergestalt zwanglose Gruppendynamik motiviertes Eintreiben von Kleinstspenden daheim für höchst kontroverse Diskussionen sorgte, verstand ich damals nicht.)
  • Das ist noch immer nicht alles: Zuguterletzt haben die Mitglieder über ihre Verstöße gegen diese und viele weitere Paragraphen der Vereinssatzung in einem ausgeklügelten Kontrollverfahren regelmäßig Rechenschaft abzulegen. Die RKK bezeichnet dieses lebensbegleitende Controlling als Beicht-Sakrament und versucht den Eindruck zu erwecken, die Bibel schreibe dergleichen implizit vor. (Gegen zwischen-menschliche Vergebung ist ganz und gar nichts einzuwenden und auch eine Vergebung Gottes ist für mich von Bedeutung. Letztere wird nach meiner Vorstellung aber wohl warten müssen, bis er und ich direkt miteinander kommunizieren …sofern dies jemals eintritt. Eine institutionalisiertes Vergebungsritual, welche die Entscheidung Gottes quasi ungefragt antizipiert, erachte ich als falsch und nicht glaubhaft.)
    In anderen Glaubensgemeinschaften existieren statt dessen Prinzipien der gegenseitigen sozialen Kontrolle bis hin zur Denunziation.

Wer die geistlichen Konditionen sowie die monetären Verpflichtungen auf bestmögliche Weise erfüllt, erlangt vielleicht (aber nur vielleicht!) eine Chance auf das, was je nach Konfession als Erlösung, Errettung oder Paradies bezeichnet wird. Falls Sie nun den Eindruck haben, das klinge fast wie ein äußerst erfolgversprechendes Geschäftsmodell, dann aus dem einen Grund: genau das ist es! Wobei ein ‚Anbieterwechsel‘ auf höchst subtile Weise erschwert wird.
Was wurde eigentlich aus Mt 10,8 – „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben„???

Heute besteht hierzulande (evtl. mit Ausnahme einzelner süddeutscher Bergdörfer) dankenswerterweise keinerlei Zwang, einer organisierten Glaubensgemeinschaft anzugehören – nur, die Fragen nach dem Jenseits werden weiterhin gestellt, auch außerhalb von straff organisierten Religionen.
Seit ich mich in einer konfessionsloser Gläubigkeit eingerichtet habe, stehen nicht länger Rituale, Gottestdienst- und Gebetsvorgaben für mich im Vordergrund, sondern die niemals abgeschlossene Suche nach dem ‚richtigen Glaubens‘ (welche theologischen Annahmen kommen der Realität am nächsten?) sowie der ethische/moraltheologische Aspekt: Welches sind die richtigen bzw. notwendigen Handlungen? Was ist zu unterlassen? Verinnerlicht habe ich die Aussage, Gott erwarte von uns ein integres Verhalten, wie es etwa die Zehn Gebote (→ Dekalog) vorgeben.

Dekalog-Pergament von Jekuthiel Sofer, 1768

Einzusehen, dass wir uns als soziale Wesen einem verbindlichen Verhaltenskodex verpflichten müssen, finde ich nicht schwierig – zu hinterfragen wäre lediglich der Gott geschuldete Gehorsam. Von Personen, die an keinen Gott glauben, kann dieser Gehorsam nicht verlangt werden, deshalb bedürfen die Rechtsnormen in einem säkularen Staat eine religions- und theologie-unabhängige Grundlegung.

Konditionierung ersetzt eigenverantwortliche Ethik?

Konservative Theologen verlangen freilich von ihren Gläubigen weit mehr als das, was eine funktionierende Sozialethik erfordert: vollständiger Verzicht auf sexuelle Freizügigkeit auch für Unverheiratete, ein striktes Verbot der Ehescheidung (bei kirchlicher Eheschließung) sowie das Ausbleiben „widernatürlicher“ Sexualpraktiken (gemeint sind Homosexualität und sämtliche LGBT-People) seien als Beispiele genannt. Nun will ich nicht ergründen, ob der Zeitgeist und die Lebenswirklichkeit der Mehrheit in sichtbaren Gegensatz zu dem theoretischen Wertekanon christlicher Konfessionen stehen – denn das ist nicht die Frage.

Es geht mir hier um ein anderes grundsätzliches Problem: Aus welchem Grund sollten sich gesetzestreue Bürger in diesem säkularen Rechtsstaat von theologischer/kirchlicher Seite zusätzliche Vorschriften beispielsweise über ihr Sexualleben (das niemanden schädigt oder beeinträchtigt), die Anzahl ihrer Nachkommen (Stichwort Geburtenkontrolle und Verhütung) oder den Tages-/Wochenablauf auferlegen lassen, solange für sie nicht einmal absehbar ist, ob die bedingten Zusagen denn überhaupt eingehalten werden können??
Doch wohl nur insofern, als für die betreffenden moralischen ‚Leitplanken‘ ein rationaler Beweggrund sichtbar wird – was zB in Bezug auf Treue in der Ehe (wie auch in einer festen Partnerschaft, solange sie Bestand hat) und Respekt gegenüber den eigenen Eltern durchaus der Fall ist – beides wird vom deutschen Staat nicht wirksam sanktioniert. Die fortgesetzte Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen hingegen lässt sich nach meiner Auffassung durch nichts sachlich begründen.

Ein ethischer Maßstab bzw. seine Beachtung sollte gerade nicht von externen Versprechungen abhängig gemacht werden, sondern zuallererst von eigener Einsicht in das Richtige und Notwendige und natürlich den jeweils geltenden Gesetzen. Anders gesagt: Dass ich niemanden bestehle, weder Frauen/Männer noch Kinder belästige und keine Steuern hinterziehe (über Mord, Vergewaltigung und üble Nachrede muss ich mir erst recht gar keine Gedanken machen), folgt zweierlei Beweggründen: Derartiges Verhalten erachte ich als falsch, ich würde mich richtig mies dabei fühlen. Und zweitens bemühe ich mich aus grundsätzlichen Erwägungen, auch solche Bestimmungen (des Staates) einzuhalten, welche mir weniger einsichtig erscheinen (sehr schnelles Fahren bei lauter Musik war zB eine meiner Schwachstellen…).

Ob man für moralisch integres Verhalten „in den Himmel kommt“ oder nicht, besitzt zunächst keinerlei Relevanz für ein sozial akzeptiertes Verhaltenskonzept.

Die gegenläufige Argumentation von kirchlicher Seite

  • Wer nicht an Gott glaubt, kann/darf sich auch nichts von ihm erhoffen.“ Für Nicht-Glauben kann es tausenderlei mögliche Ursachen geben …wer nicht an Gott glaubt, wird sich auch selten etwas von ihm erhoffen, denn das wäre inkonsequent im Denken. Nur, weshalb sollte Gott seinerseits ähnlich formale Kriterien anlegen wie wir Menschen mit einem unangenehmen Hang zu Eifersucht und Missgunst? Darüber wissen wir schlicht nichts und es ist müßig zu spekulieren.
  • Der Glaube an Gott wird subtil vermischt mit der Zugehörigkeit zur und Gehorsam gegenüber der (röm.-kath.) Kirche. „Extra ecclesiam salus non estAußerhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Mit diesem Grundsatz wird die sorgfältig inszenierte Mittlerschaft zwischen Gott und dem einzelnen Menschen als unabdingbar behauptet → wer an Gott glaubt, aber keiner religiöse Organisation (mehr) angehören will, der dürfe sich ebenfalls nichts von Gott erhoffen.
    Diese Aussage ist nicht nur unseriös, sie widerspricht explizit der „Heiligen Schrift“, wie Christen die Bibel nennen: Folgt man den Aussagen des NT, ist Jesus der einzige Vermittler zwischen den Menschen und Gott, dem Vater. Das soll hier keine Predigt werden und ich bin kein Theologe, aber Jesus wird mit den Worten zitiert:
    Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28 EÜ)
    Es gibt keine Aussage von Jesus, die da heißt: Geht erst mal zur Kirche, zu deren Geistlichen – und falls ihr deren Ansprüchen genügt und deren Bedingungen erfüllt, dann dürft ihr vielleicht zu mir und zum Vater. Zwar spricht Jesus auch von seiner ekklesia (Gemeinde/Versammlung), welche er ‚auf dem Felsen Petrus‘ erbauen wolle. [Mt 16,18-19], doch daraus lässt sich eben nicht eine zum Heil unerlässliche, auf monetäre Einkünfte ausgerichtete Institution ableiten.

    Das kommerzielle und auf Machterhalt ausgelegte Geschäftsmodell Kirche suggeriert seiner Zielgruppe dennoch Abhängigkeit sowie lebenslange Bedürftigkeit und sichert sich jeden erdenklichen Wettbewerbsvorteil: „Der Handel mit Buße, Gewissen und Übersinnlichem unterliegt nicht den üblichen Marktgesetzen. Diese immateriellen Werte sind dem Menschen ein ständiges Bedürfnis und unterliegen keinen irdischen Konjunkturschwankungen. Kirchen bieten die perfekte Projektion, liefern absolute, beständige Wahrheiten in einer Welt, die immer unübersichtlicher zu werden droht.“ (Cicero Online, Archiv)
    So ist es, auch die röm.-katholische Kirche könnte durchaus zu einer wertvollen Stütze der Gesellschaft werden in einer Zeit wachsender Orientierungslosigkeit und Sinnkrisen – doch dazu müssten sie sich zunächst ehrlich machen und reformieren.

Illusion Hölle?

Triptychon Der Garten der Lüste, rechte Tafel: Die Hölle

Ganz gleich wie wir zur Vereinszugehörigkeit und dem geforderten Gehorsam gegenüber der Vereinsleitung stehen, zu den jenseitsbezogenen Strafandrohungen wird sich jeder von uns im Laufe seines Lebens positionieren.
Im Extremfall kommt es entweder zur trotzigen Ablehnung (bewusstes Nicht-Glauben, vordergründiger Agnostizismus/Atheismus) – oder zu einer  vorauseilende, fast unterwürfigen Akzeptanz, weniger aus rationaler Einsicht in die Glaubensinhalte einer Religion denn aus Furcht vor deren Version des Jüngsten Gerichts und anschließender Höllenpein… daraus entsteht halt kein bewusster, durchdachter Glaube an Gott, sondern bloß eine Art von religiösem Stockholm-Syndrom (ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen). Entwickeln die Opfer nach und nach Zuneigung zu den sie bedrohenden Tätern, dann nur aus einem Grund: weil ihnen in der konkreten Situation des Ausgeliefertseins nichts anderes übrig bleibt, um nicht ihre seelische Integrität zu verlieren (→ Unterordnung als Schutzmechanismus).

Kritische Distanz kann mE dabei helfen, diese Extreme vorsorglich zu umgehen und dadurch in eine sachlich-konstruktiven Prozess sowohl der Auseinandersetzung mit den bedeutsamen Fragen unseres Daseins als auch der vergleichenden Prüfung von Religionen und Weltanschauungen einzutreten.

Karl Barth vertritt gleich zu Beginn seiner „Kirchlichen Dogmatik“ (Band I, 1. Halbband) die Auffassung: “

…indem sich die Kirche zu Gott bekennt, bekennt sie sich auch zu der Menschlichkeit und zugleich zu der Verantwortlichkeit ihres Handelns.“

In dem Maße, wie anstelle einer sachlichen Diskussion wiederum mit Verdammnis gedroht und kategorisch Gehorsam eingefordert wird, entfernt sich die RKK immer weiter von der Mehrzahl der Menschen – die „Diktatur des Relativismus“ vehement zu beklagen, ändert nur sehr wenig an Kirchenaustritten und der noch weitaus häufigeren inneren Verabschiedung.-

Fazit

Die Eingangsfrage ließe sich in einer provokanten Überspitzung auch so stellen: ‚Ist Eskapismus bis hin zur vollständigen Realitätsflucht sinnvoll?‘. Die Antwort klingt nach Radio Eriwan: Im Prinzip nein, aber… Ungeachtet der negativen Konnotation kommt es zu Lebenssituationen, in denen solche Abwehrmechanismen der Psyche den einzigen Ausweg eröffnen, um zu überleben und halbwegs intakt zu bleiben. In solchen Fällen bleibt dem Bewusstsein selten eine Wahl.

In Bezug auf Glaubensfragen verhält es sich aber anders: Jeder von uns hat eine Wahlmöglichkeit und sollte ‚im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte‘ von ihr bewusst Gebrauch machen. Wie diese Wahl ausgeht …nun, Hauptsache ist doch, nicht länger bloß externen Erwartungen gerecht zu werden sondern selbst mit den eigenen Entscheidungen leben zu können und einen Einklang zwischen innerer Überzeugung und äußeren Handlungen anzustreben.

‚Vermehrtes Wissen‘ ist qualitativ zu beurteilen: Handelt es sich um gesichertes Wissen (z.B. in der Mathematik) oder lediglich um Thesen, welche vor dem aktuellen Jeweilswissen vorläufig stimmig erscheinen (wie zB die Äther-Hypthese, welche ich als Laie zwar für sehr plausibel halte, aber dennoch als widerlegt anerkennen muss)?
Bis heute lässt sich nicht mit Gewissheit vorhersehen, was nach dem Ende unseres physischen Daseins aus uns wird.

Die Mühe der ‚Wahrheitssuche‘ müssen wir schon selber machen, jeder für sich: Es gilt nachzuforschen und ein Gespür dafür zu entwickeln, was wir für uns und unsere Lieben für die Zeit danach erhoffen (dürfen) – ohne uns sehenden Auges einer bequemen Täuschung hinzugeben.
Unter dem Eindruck fortgesetzter Angst(erzeugung) und bedrohlicher Konsequenzen selbst für kleinste (nicht gebeichtete) Vergehen ist eine nach Möglichkeit faktenbezogene, ergebnisoffene Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten aber nicht möglich, und wohl auch nicht gewollt.
Außerdem: Wer seinen Mitmenschen ein Angebot unterbreitet, durch dessen Annahme sich ihr physisches oder seelisches Wohlbefinden erheblich optimiert und ausgeweitet werden soll, avisiert ihnen zugleich allerschwerste Konsequenzen für den Fall einer Zurückweisung? Finde den Fehler..

Um sich (s)einer Antwort auf die eingangs gestellte Frage anzunähern, müsste man sich von störenden Einflüssen freimachen – soweit das eben möglich ist. Zu den Störfaktoren zählen Angst (sie lähmt das Denken) sowie eine einschränkende Konditionierung. Dabei wird, stark verkürzt, das eigene Wohlbefinden durch Belohnung/Strafe davon abhängig gemacht, ob wir ein bestimmtes gewünschtes Verhalten zeigen. Das Raffinierte daran: Nach und nach verinnerlicht der Betreffende diesen Mechanismus sowie das entsprechend belohnte Verhalten – er tut von selbst, was von ihm erwartet wird und hofft auf die nächste Belohnung. Einen Hund dressiert man übrigens auch mit dieser Methode.

Etwaige Parallelen zu den o.a. Anforderungskatalogen ‚für den Himmel‘ mag man sich selbst ausmalen. Die störende Faktoren ganz auszublenden, wird nicht klappen – doch es hilft, sich ihrer bewusst zu werden. Anschließend findet sich leichter Ruhe und Muße, aus eigenem Antrieb, mit der eigenständigen Suche nach einer ‚persönlichen Wahrheit‘ zu beginnen…


Anmerkungen

Man kann man nicht sagen, im Neuen Testament seien Zweifel am Kern des damals noch sehr jungen Glaubens nicht zuende gedacht worden:

Wenn es aber keine Auferstehung der Toten gibt, so ist auch Christus nicht auferweckt; wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist also auch unsere Predigt inhaltslos, inhaltslos aber auch euer Glaube.
Wir werden aber auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt haben, dass er Christus auferweckt habe, den er nicht auferweckt hat, wenn wirklich Tote nicht auferweckt werden.
Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, so ist auch Christus nicht auferweckt.
Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist euer Glaube nichtig,…
(1 Korinther 15,13-17pt)

Bei Ludwig Feuerbach („Das Wesen des Glaubens im Sinne Luthers“) heißt es hingegen:

„Gott ist eine leere Tafel, auf der nichts weiter steht, als was Du selbst darauf geschrieben.“

Letzte Durchsicht & Bearbeitung: März 2018
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