Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben

In seinem religions- bzw. christentums-kritischen Vortrag untersucht der Verfasser des gleichnamigen Buches „die Verhaltensnormen, die ethischen Standards, die Leitbilder, welche [die Bibel als] mit göttlichem Geltungsanspruch auftretende Quellenschrift transportiert.“

Die Positionen und Schlussfolgerungen von Franz Buggle teile ich nur zu einem (überschaubaren) Teil, zumal ich dem frühen Christentum viel Positives abgewinnen kann. Erst durch den Wechsel auf ‚die dunkle Seite der Macht‘ (= den Aufstieg zum Staatsreligion im römischen Reich sowie den beherzten Griff zur weltlichen Machtausübung) entstand ein stetig wachsender Kontrast zwischen neutestamentlichen und frühchristlichen Idealen und der faktischen Ausprägung einer auf Dominanz und Indoktrination ausgerichteten Klerikerelite.

Ob man ihm nun beipflichtet oder nicht, nach meiner Auffassung liefert Buggle wesentliche Denkanstöße für eine kontroverse Auseinandersetzung über die heutige Selbstverständnis von Kirche(n) sowie ihre Verflechtung mit unserem formal säkularen Staat.
Er möchte nachweisen, „dass die Blutspur, die das Christentum durch die Geschichte gezogen hat, keine Kette von institutionellen Betriebsunfällen darstellt, sondern kausal genau aus der Moral hervorgeht, welche die Bibel in die Welt setzt“.

Schon „die Bibel“ ist für mein Empfinden viel zu allgemein gefasst: Die brutalen Genozid-Phantasien des A.T. (zB im Buch Josua) stehen in einem deutlichen Gegensatz zur weitgehend pazifistischen Haltung Jesu. Damit kann die Bibel nicht als insgesamt einheitliches Werk eines Verfassers betrachtet (und verdammt) werden.

  • In Josua 6,17 fordert Josua bei der Einnahme der Stadt Jericho: „Und die Stadt selbst und alles, was darin ist, soll dem Bann des HERRN verfallen sein […]“ und in Jos 6,21 ist zu lesen: „Und sie vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, an Mann und Frau, an Alt und Jung, an Rind, Schaf und Esel, mit der Schärfe des Schwertes.
    War Josua, der von „Gott“ berufene Nachfolger von Mose der gedankliche Urheber dieser verabscheuenswerten Massenmorde? Laut A.T. war dem nicht so, denn in einer abschließenden ‚Erfolgsbilanz‘ heißt es: So schlug Josua das ganze Land […] und all ihre Könige: „Er ließ keinen Entronnenen übrig. An allem Lebenden vollstreckte er den Bann, wie der HERR, der Gott Israels, geboten hatte.“ (Josua 10,40)

Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, ist eine andere Frage – in Archäologie und Geschichtsforschung werden zunehmend Zweifel daran geäußert. (Vgl. hierzu auch „Genozid in der Bibel?“ auf auslegungssache.at; in diesem Blogartikel wird zu meinem Erstaunen dargelegt, selbst anhand der Bibel lasse sich belegen, dass diese Auswüchse niemals so stattgefunden hätten.)
Die späteren Blutspuren christlicher Organisationen und Herrscher lässt sich indessen nicht bestreiten, nur ist sie nicht das originäre Produkt ‚des Christentums‘ in seiner ursprünglichen Gestalt: Die primäre Verantwortung liegt bei einer religiösen Vereinigung, deren Selbstverständnis sich über Jahrhunderte von dem des heutigen sog. Islamischen Staates allenfalls graduell unterschied. Ohne zwischen den Glaubensaussagen einerseits und dem Anspruch und den Handlungen einer spezifischen Organisation andererseits zu differenzieren, wird man dem Christentum nicht gerecht werden können.

Buggle selbst stellt in seinem Buch fest:

Ich kenne eine große Zahl von überzeugten Christen, deren ethisches Niveau das des biblischen Gottes bei weitem übertrifft.

Diese Erfahrung kann ich bestätigen – allerdings nur insoweit, als ich die grausame, auf Rache und brutale Sippenhaft bestehenden  von zeitgenössischen Klerikern im A.T. skizzierten Gottesbildes als verstörend und abstoßend empfinde. Ein einfacher Textvergleich offenbart, wie in den Büchern des Alten/Ersten Testament unterschiedliche Autoren ihre persönlichen charakterlichen Defizite und Ängste gewissermaßen auf den von ihnen erschaffenen „Gott“ ausgelagert haben. Ähnlichkeiten mit dem realen Gott sind bestenfalls zufällig und ich frage mich bis heute, wie ‚er‘ wohl über die böswilligen Zuschreibungen von Völker- uns Säuglingsmord, Naturkatastrophen und endlosen Hasstiraden auf seine Person denkt…


Von besonderem Interesse ist die Überschrift des Vortrages „Sie wissen nicht, was sie glauben“. Diese verallgemeinernde Aussage trifft meiner persönlichen Erfahrung nach natürlich nicht auf alle Christen zu, aber doch in erschreckendem Ausmaß: Unter katholischen wie auch evangelikalen Christen bin ich etlichen ’normalen Gläubigen‘ begegnet, die keine der heiklen Bibelpassagen jemals gelesen hatten und sich auch mit zentralen Dogmen ihres Glaubens nie auseinandergesetzt hatten.

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