Wieviele Engel passen auf eine Nadelspitze?

Die Frage kam mir heute beim Binge Viewing (Komaglotzen klingt so negativ) der Serie „Humans“ unter. Ohne die Existenzform, Hierarchien und Kernkompetenzen von Engeln eingehend zu erforschen, ergibt sich eine ganz
praktische Überlegung: Sofern Gott allmächtig, allwissend und bitte nicht mit einem typisch menschlichen Ego ausgestattet ist (wovon ich jeweils ausgehe), so braucht Er keine Engel. Weder als himmlische NSA-Variante, noch als Messenger- bzw. Parcel-Service, nicht für’s Eventmanagement und schon mal gar nicht als Werbeträger.
Alles, was die Himmelsboten für ihn erledigen könnten, gelingt ihm selbst viel leichter, schneller und vollkommener. Dies ist freilich nur meine persönliche Überlegung und ganz sicher keine ‚Beweisführung‘. Niemandem soll sein persönlicher Schutzengel aus-, aber auch sicher nicht eingeredet werden. (Wer sich für Engel interessiert, findet hier auf WamS Online recht ausführliche Basis-Informationen bis hin zu ihrer genauen Anzahl…)

Fest steht in diesem Kontext: An Engel zu glauben, ohne an Gott zu glauben, ist inkonsequent. Die Vermischung von Alien-Sichtungen mit Engeln aufgrund vermeintlicher optischer Ähnlichkeiten (also die Schilderung von Begegnungen mit „außerirdischen Engeln“ – oder handelte es eher engelsgleichen Außerirdische…?) führt erst recht auf einen esoterischen Irrweg.
Die Prä-Astronautik, also die Däniken-Gemeinde, sieht zwar Anzeichen dafür, dass es sich bei den in der Bibel erscheinenden Engel fast ausnahmslos auf der Erde gelandete (bzw. wegen eines angeblich kaputten UFOs gestrandete) Außerirdische gehandelt habe. Darüber mag jeder denken was er will, doch falls Abraham, Maria und Johannes einem Außerirdischen begegneten, so war es eben kein Engel im biblisch-theologischen Sinne – denn der Bezug zu einem transzendenten Gott wäre in diesem Falle nicht vorhanden gewesen.
Es handelt sich um zwei gänzlich verschiedene Konzepte – ein der materiellen Welt zugehöriges Lebewesen von einem weit entfernten Planeten ist an Raum und Zeit gebunden. Es steht deshalb in einem direkten Kontrast zu einer transzendenten, an Gott gebundenen Wesenheit – deshalb macht man es sich für mein Empfinden mit solch einem Engel-Alien-Mix unnötig kompliziert. Im übrigen man kann sehr wohl an Gott glauben, ohne überhaupt von Engeln zu reden.

Die Frage, wie viele Engel denn auf einer Nadelspitze Platz hätten, zählt zu den sehr theoretisierten Gedankenübungen der Scholastik und diente in dunklen Zeiten der RKK auch als Fangfrage, um die Glaubensfestigkeit eines der Apostasie Verdächtigten zu testen. Dahinter steht die Vorstellung, Engel seien nicht materielle Substanzen, also Wesen ohne Körper – sodass in der Tat unendlich viele Engel auf eine Nadelspitze passten. Während der Scholastik gab es eine verbreitete Methode der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Bezeichnung Quaestio. Sie war als „Disputation“ neben der „lectio“ (Vorlesung) im scholastisch bestimmten Mittelalter die übliche Lehr- und Lernmethode. Angelehnt an diese Methode ist eine entsprechende literarische Form, die Quaestiones, in der viele mittelalterliche Abhandlungen verfasst waren. [Vgl. Quaestio (Lehrpraxis)]

Das war aber, bevor die reformatorische Theologie mit ihrer Konzentration auf das Kreuz und erst recht die Aufklärung mit ihrem Rationalismus die Engel immer weiter in den Hintergrund gedrängt haben. Schleiermacher kam zu dem Schluss, als Lehre über sie lasse sich lediglich festhalten „dass Offenbarungen ihres Daseins jetzt nicht mehr zu erwarten sind“. Im Zuge einer radikalen „Entmythologisierung“ der biblischen Auslegung und damit der Glaubenslehren nahmen Engel in der Theologie eher ein Schattendasein ein, was dem Volksglauben allerdings kaum geschadet hat.

Und Karl Barth widmete noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seiner Kirchlichen Dogmatik einer Engelslehre immerhin 195 Seiten.
Engel kommen in beiden Teilen der Bibel vor – je nach Ausgabe in etwa 280 Versen, wobei die Johannes-Offenbarung mit an die 70 Treffern eindeutig vorne liegt. Keines der vier kanonisierten Evangelien kommt ohne Engel aus.

„Wenn das Prinzip sola scriptura das Leseprinzip für die Bibel ist, dann muss sich all unser Fantasieren und Dichten über Engel nur von der Schrift leiten lassen. Was aber in der Schrift über Engel positiv verhandelt wird, müssen wir […] herausfinden, was an diesen Texten unsere Existenz wahrhaftig trifft.“1

Robert Leicht, der Verfasser des ZEIT-Artikels über den Engelsglauben („Was Engel sind“, s.u.) spricht noch weitere bedenkenswerte Aspekte an, darunter „das kindliche Vertrauen in Gott und seine Verheißungen“. Diesbezüglich ist jede Häme absolut fehl am Platz, denn das „Kindliche“ an diesem Vertrauen beziehe sich vor allem auf den Status der Beziehung, nämlich der eines Kindes zu seinem Vater, eines Geschöpfes zu seinem Schöpfer. „In dieser Beziehung können wir uns die Engel als Vertrauenspersonen nur wünschen“, schreibt Leicht weiter, „solange wir wissen, wem dieses Vertrauen erstlich und letztlich gilt“.-
„Glaube ist ein Geschenk“ – und wenn mein einstiger Kinderglaube schrittweise dem Erwachsenwerden gewichen ist, sehe ich darin keinen Anlass zu ungeteilter Freude. Andererseits suche ich nicht nach einer Möglichkeit, mich selbst übers Ohr zu hauen und per Autosuggestion an Glaubenselementen festzuhalten, die mir heute weder einsichtig noch vor dem gegenwärtigen Wissensstand begründbar erscheinen.

So, das war’s auch schon zum Thema Engel – mich hatte halt die Nadelspitzen-Frage stutzig gemacht und ich wollte ihr kurz nachgehen. Am meisten erstaunt hat mich dabei, dass „Sankt Michael als der Schutzpatron der Soldaten und – man unterdrücke bitte jedes fiese Grinsen – der Fallschirmjäger gilt. Von wegen ‚Fürst der himmlischen Heerscharen’…“1.

Quelle:

  1. Was Engel sind – Kein Aberglaube, sondern ernster Kinderglaube.„, ZEIT Online, 2010)
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