Friedrich Schiller und die ersten Menschen

Bezug: „Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde„, Friedrich Schiller (um 1879, auf Projekt Gutenberg-DE)

Worauf Schiller mit dieser Abhandlung hinaus wollte, erschließt sich zum Teil anhand des Subtitels „Uebergang des Menschen zur Freiheit und Humanität„. Im Zentrum stehen der Ungehorsam von Adam und Eva im Garten Eden nach – sowie die Fragestellung, ob ein anderer Ausgang des ‚Sündenfalls‘ 1. überhaupt möglich uns 2. im Sinne des Schöpfers gewesen wäre.
Diese Frage finde ich durchaus spannend: Hätte es überhaupt anders laufen können, als mit der Vertreibung aus Eden zu enden?

„Sanft und lachend war also der Anfang des Menschen, und dies mußte sein, wenn er sich zu dem Kampfe stärken sollte, der ihm bevorstand.“

„Setzen wir also, die Vorsehung wäre auf dieser Stufe mit ihm still gestanden, so wäre aus dem Menschen das glücklichste und geistreichste aller Thiere geworden, – aber aus der Vormundschaft des Naturtriebs wär‘ er niemals getreten, frei und also moralisch wären seine Handlungen niemals geworden, über die Grenze der Thierheit wär‘ er niemals gestiegen.
In einer wollüstigen Ruhe hätte er eine ewige Kindheit verlebt – und der Kreis, in welchem er sich bewegt hätte, wäre der kleinstmöglichste gewesen, von der Begierde zum Genuß, vom Genuß zu der Ruhe und von der Ruhe wieder zur Begierde.“

Aber der Mensch war zu ganz etwas anderm bestimmt, und die Kräfte, die in ihm lagen, riefen ihn zu einer ganz andern Glückseligkeit. Was die Natur in seiner Wiegenzeit für ihn übernommen hatte, sollte er jetzt selbst für sich übernehmen, sobald er mündig war. Er selbst sollte der Schöpfer seiner Glückseligkeit werden … sollte den Stand der Unschuld, den er jetzt verlor, wieder aufsuchen lernen durch seine Vernunft und als ein freier, vernünftiger Geist dahin zurück kommen, wovon er als Pflanze und als eine Creatur des Instinkts ausgegangen war“

„…aus einem Paradies der Unwissenheit und Knechtschaft sollte er sich, wär‘ es auch nach späten Jahrtausenden, zu einem Paradies der Erkenntniß und der Freiheit hinauf arbeiten, einem solchen nämlich, wo er dem moralischen Gesetze in seiner Brust eben so unwandelbar gehorchen würde, als er anfangs dem Instinkte gedient hatte, als die Pflanze und die Thiere diesem noch dienen.

Was war also unvermeidlich? Was mußte geschehen, wenn er diesem weitgesteckten Ziel entgegen rücken sollte?

Mein spontaner Gedanke bis hierhin: Um welchen Preis! Nach biblisch-christlich Lesart kamen durch die Bestrafung und Verfluchung für die Ur-Sünde (vom Baum der Erkenntnis gekostet zu haben) erst Tod und Leid in die Welt …Krankheiten, Schmerzen, unerklärlich grausame und sinnlose Schicksale (z.B. der allzu frühe Tod kleiner Kinder). Denn nach der Lehre von der Erbsünde geht Adams und Evas Strafe auf ihre sämtlichen Nachkommen über, d.h. alle Menschen die jemals gelebt haben und jemals leben werden.

Schiller nimmt eine andere Sichtweise ein: Der Mensch habe sich wissentlich und willentlich auf diesen Weg begeben:

„…er selbst riß ab von dem leitenden Bande, und mit seiner noch schwachen Vernunft, von dem Instinkte nur von ferne begleitet, warf er sich in das wilde Spiel des Lebens, machte er sich auf den gefährlichen Weg zur moralischen Freiheit.“

Dabei scheint aus dem biblischen Text im 1. Buch Mose hervorzugehen, wie wenig das erste Menschenpaar sich der Konsequenzen ihrer Handlung bewusst war, zudem noch verwirrt (und sicherlich auch betört) von dieser sprachbegabten „Schlange“. Diese wurde und wird gerne mit Satan identifiziert, ohne dass der Text auch nur einen Hinweis darauf liefert. Adams „vermeintlicher Ungehorsam“ gegen das göttliche Verbot sei „nichts anders, als – ein Abfall von seinem Instinkte – also erste Äußerung seiner Selbstthätigkeit, erstes Wagestück seiner Vernunft, erster Anfang seines moralischen Daseins.“

Hm, setzt Vernunft nicht die Fähigkeit und das Wissen voraus, die Auswirkungen der eigenen Entscheidung zu erkennen und einzuschätzen? Damit war es aber nicht weit her – weder bei Eva, die sich komplett vom Gesäusel der Schlange einlullen lässt – noch bei Adam, der seiner Frau bedenkenlos in den Ungehorsam folgt.
Vernunft um der Vernunft willen? Erst durch das moralische Übel werde auch das moralische Gute in die Schöpfung gebracht, findet Schiller – gewissermaßen handele es sich um die Grundsteinlegung zur menschlichen Moralität. Wer darin ohne Widerspruch die glücklichste und größte Begebenheit in der Menschengeschichte ausmachen will, muss wohl über die Abgründe menschlicher Un-Vernunft bis in unsere heutige Zeit und wohl noch weit darüber hinaus) hinwegsehen können und wollen.

Sicher, die von Schiller hochgelobte Freiheit impliziert auch das Potenzial zum Missbrauch derselben – bis hin zu Völkermord, jahrzehntelangen Kriegen und Atombombenabwürfen. Mir scheint, die millionenfach unverschuldet zu Tode gekommenen Träger dieser Freiheit wurden weder in diese Entscheidung einbezogen noch kamen sie wirklich in den Genuss ihrer persönlichen Freiheit.

„…der Mensch wurde aus einem unschuldigen Geschöpf ein schuldiges, aus einem vollkommenen Zögling der Natur ein unvollkommenes moralisches Wesen, aus einem glücklichen Instrumente ein unglücklicher Künstler.“

Der kollektive Charakter dieser fortschreitenden ‚Selbstbefreiung‘ behagt mir nicht, insoweit durch sie eine Masse von Mit-Gefangenen zu Opfern einer überschaubaren Anzahl von Tätern wurde. Zumindest bis zu Schillers Lebenszeit lässt sich dies sagen, da die große Mehrheit ein eher trostloses, von Leid geprägtes Dasein führten und nur ganz wenigen durch Geburt oder andere glückliche Umstände ein selbstbestimmtes Leben in relativem Wohlstand möglich war. Mit der Verbesserung der Lebensumstände für eine breite Mehrheit ab der Nachkriegszeit hat sich dies freilich geändert – zumindest in Europa. Nur, bis dahin dauerte es seit den Anfängen der Zivilisation gut 5.000 Jahre – wie Schiller ebenfalls einräumt:

„…der Mensch wurde dadurch aus einem Sklaven des Naturtriebes ein freihandelndes Geschöpf, aus einem Automat ein sittliches Wesen, und mit diesem Schritt trat er zuerst auf die Leiter, die ihn nach Verlauf von vielen Jahrtausenden zur Selbstherrschaft führen wird. Jetzt wurde der Weg länger, den er zum Genuß nehmen mußte.“

Schiller scheint die Bewertung des Weges, den die Menschheit genommen hat, von ihrem Zielpunkt her zu vorzunehmen. Wer auf der Strecke blieb, war halt „ein verdienstvolles Opfer für Freiheit und Fortschritt“. Und würde man heute annehmen dürfen, dass von nun an die goldenen Zeiten für das Geschlecht der Menschen erst so richtig beginnen? Ich bin mir unschlüssig: Hat die Menschheit bislang eine progressive oder eine regressive Entwicklung genommen – oder ein wenig von beidem, je nach den gewählten Kriterien?

Ein echter Fortschritt ist nach meinem Verständnis immer erst dann gegeben, wenn alle (die dies wünschen) in seinen Genuss kommen. Dazu braucht es einen Entwicklungsprozess – und Zeit. Doch was wir als ‚dominierende Spezies‘ gegenwärtig auf diesem Planeten irreversibel anrichten, kann nach meiner Ansicht keinesfalls als vorteilhaft/sinnvoll/vertretbar dargestellt werden:

  • „Tiere sind den Menschen wichtig, im Vergleich aber nicht so wichtig wie Essen, Arbeit, Geld und wirtschaftliche Entwicklung. (…) Solange wir Tiere in Ökosystemen weiter als irrelevant für diese Grundbedürfnisse halten, werden Tiere die Verlierer sein.“
    Resultat: Von den geschätzt – fünf bis neun Millionen Tierarten gehen jährlich weltweit 11.000 bis 58.000 verloren. Um dies einzuordnen: In den vergangenen 540 Millionen Jahren ereigneten fünf große Artensterben, jeweils infolge einer Naturkatastrophe (Vulkanausbruch, Meteoriteneinschlag u.ä). Wenn Forscher nun eine sechste Welle in vollem Gange sehen, liegt dies vornehmlich an uns Menschen. (Quelle: „Jedes Jahr verschwinden bis zu 58.000 Tierarten Spiegel Online, 2014)

Die Bezeichnung Anthropozän1) kann uns insofern kaum mit Stolz erfüllen – vielmehr scheint es doch so zu sein, dass wir Menschen mit unserer ’neu‘ erlangten Freiheit nicht umzugehen verstehen.

Anmerkung

  1. Anthropozän“ ist ein Vorschlag zur Benennung einer neuen geo-chronologischen irdischen Epoche: Sie soll den Zeitabschnitt umfassen, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Siehe auch „Defaunation in the Anthropocene“ auf sciencemag.org
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