Film: Spotlight (2015)

eine Erzählung über pervertierte Religionsloyalität…,
aber kein Pamphlet gegen Glauben und Spiritualität.“

Im Hinblick auf die Missbrauch-Vorfälle im Umfeld der Kirchen scheint es durchaus Fortschritte und Einsichten hinsichtlich der Aufarbeitung zu geben. Dennoch erklingt von vielen Seiten die eindringliche Mahnung: „Kirchen müssen mehr für Missbrauchsopfer tun!


Spotlight ist ein US-amerikanisches Filmdrama aus dem Jahr 2015. Die Regie führte Tom McCarthy, der zusammen mit Josh Singer auch das Drehbuch verfasste. Der Film basiert auf wahren Ereignissen und handelt von einem Team von Journalisten der Tageszeitung The Boston Globe, das den sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Boston aufdeckt.

Die Handlung beginnt 1976 auf einer Polizeiwache in Boston. Ein Priester hat die Kinder einer alleinerziehenden Mutter missbraucht und wird festgehalten. Schnell taucht ein hochrangiges Kirchenmitglied auf und überredet die Mutter, auf eine Anzeige zu verzichten – mit Verweis auf die Gemeinschaft der Kirche und dem Versprechen, „dass so etwas niemals wieder geschehen werde“: der Täter solle versetzt werden. Der stellvertretende Staatsanwalt assistiert dabei, die Sache unter der Decke zu halten.

Der Journalist Marty Baron aus Miami wird 2001 neuer Chefredakteur der Tageszeitung The Boston Globe. Unter anderem auch soll er auch dem lokalen Erzbischof einen Antrittsbesuch abstatten, „ist so üblich“. Der Kardinal bietet dem Chefredakteur „Hilfe“ an – schließlich sei es das beste, wenn in einer Stadt „die großen Institutionen zusammenarbeiten“. Baron beißt nicht an und erklärt trocken, für eine Zeitung sollte für sich allein stehen, um ihr bestes geben zu können.
Der Kardinal schenkt ihm einen Katechismus der RKK, als geeigneten „Führer durch die Stadt Boston“…ein deutlicher Wink, da die Recherchen zu den Missbrauchsfällen bereits im Gange sind (s.u.) und der Kardinal ohne Frage darüber im Bilde ist…

Baron liest einen kleinen Artikel der Zeitung über den pädophilen Priester John Geoghan und Kardinal Bernard Law, den Erzbischof von Boston. Law habe von der von Geoghans sexuellem Missbrauch von Kindern gewusst, jedoch nichts dagegen unternommen. Aufgrund der Vermutung, dass dieser einzelne Fall einen Hinweis auf ein ganzes System von Missbrauch geben könnte, drängt er sein hauseigenes Investigativ-Team Spotlight dazu, die Sache weiter zu erforschen.

  • Freigabe von Dokumenten? – „Käme auf den Richter an, und welcher Gemeinde er angehört.“ Demnach wäre Rechtsprechung abhängig vom Glauben des Richters?
  • „Ist das wirklich so wichtig?“„Besorgt was Solides, oder ich zieh‘ euch ab.“
    In der Redaktion wird eine unterschwellige Furcht spürbar, sich nur ja nicht mit der Kirche anzulegen. Auch von allem, was nach Provokation in Richtung RKK nur ausschaut, wäre klugerweise abzusehen – schließlich habe der Boston Globe einen hohen Anteil (um die 50 %) katholischer Abonnenten…
  • „Solche Fälle werden ausgebremst.“
    Die knapp bemessene Verjährungsfrist (3 Jahre!) schützt etliche Täter vor Strafverfolgung, denn viele der minderjährigen Opfer entscheiden sich erst sehr viel später, die Tat zur Anzeige zu bringen.
    Der Schadensersatzpflicht für gemeinnützige Organisationen ist immunitätsbedingt zudem auf 20.000 US$ pro Fall begrenzt.

Das vierköpfige Spotlight-Team beginnt, den sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Boston nach und nach aufzudecken. Bald ist klar: das Erzbistum wusste von den Verbrechen und hatte sie regelmäßig durch Versetzung der Täter vertuscht. Durch Geldzahlungen waren das lebenslange Schweigen der Opfer erkauft und damit auch Strafverfolgung und Gerichtsprozess vermieden worden. Gerichtlichen Akten waren aus dem Gerichtsarchiv ‚ausgelagert‘ worden.

Kinder aus einkommensschwachen Familien fallen ins bevorzugte Beuteraster. Phil Saviano von der Opfervereinigung SNAP berichtet den Reportern, wie er mit 11 Jahren von einem Priester „ausgewählt“ worden sei – als Beute. „Als armer Junge aus einer armen Familie ist Religion sehr wichtig. Und wenn Priester dir Beachtung schenken, ist das eine große Sache… man fühlt sich besonders [wenn man mithelfen darf] – als hätte Gott einen um Hilfe gebeten.“ Saviano beschreibt anschaulich die trickreiche Annäherung des Priesters an ein Kind – „wie kann man Gott etwas abschlagen?“
So geschieht neben dem physischen auch ein spiritueller Missbrauch. Der Glaube gehe dabei verloren, werde durch den Griff zur Flasche oder Schlimmeres ersetzt.
Opferanwalt: „Ihm geht’s vergleichsweise gut: er ist noch am Leben.“

  • „Wollen Sie den Scheiß echt hören?“
    – nur zögerlich und voller Scham schildern die Opfer konkrete Details der Übergriffe. Das bohrende Nachfragen der Reporter ist selbst mir als außenstehendem Beobachter unangenehm. Es sei wesentlich, auf eine neutralisierende Sprache zu verzichten, damit die Öffentlichkeit wirklich zur Kenntnis nehme, was im einzelnen vorgefallen sei.

„Die Kirche möchte uns glauben lassen, es handle sich nur um ein paar faule Äpfel“

Von dem Pastoralpsychologen Richard Sipe, einem Ex-Priester, erfährt das Team, dass ca. 6 % „aller“ Priester sich an Kindern vergehen, was allein in Boston an die 90 Priester ergibt. Ausgiebige Recherche führt eine Liste von 87 Priestern zutage, die mehrmals in kurzen Abständen ‚krankheitsbedingt‘ versetzt worden waren. Um diesen Verdacht zu überprüfen, nimmt das Team Kontakt zu weiteren Opfern Kontakt auf. Opferanwalt Mitchell Garabedian erwirkt gegen den Einspruch der Kirche, dass dem Journalisten Michael Rezendes aus dem Recherche-Team Dokumente aus einem der früheren Verfahren zur Verfügung gestellt werden müssen. Diese bestätigen, dass Kardinal Law persönlich über den Missbrauch informiert war und ihn wissentlich ignorierte.

Das Bostoner Establishment („gute Menschen, die für die Stadt sehr viel Gutes tun“) versucht auf vielfältige Weise, den Chef des Teams, Walter Robinson, von diesen Recherchen abzubringen. Dass auch er selbst an der langjährigen Verzögerung der Aufdeckung mitverantwortlich ist, wird kurz vor Abschluss der Recherchen klar. Lange zuvor war ihm eine Liste von 20 pädophilen Priestern zugeschickt worden, die ihm aber außer einer Notiz im Lokalteil keine weitere Recherche wert schien.

Der Artikel des Spotlight-Teams wird Anfang 2002 gedruckt und beinhaltet neben der Aufklärung der sexuellen Missbräuche und deren Vertuschung durch die römisch-katholische Kirche eine Telefonnummer, an welche die Leser sich wenden können. Am nächsten Morgen wird das Team von Anrufen weiterer Missbrauchsopfer geradezu überflutet.

Kritik

Der Film berührt und macht betroffen – trotz allem, was in den Medien zu lesen war. Mich irritiert vor allem die Unfähigkeit (oder der Unwille?) von ‚Stützen der Gesellschaft‘, die – obgleich selbst in keiner Weise involviert – die absehbare Kausalität zwischen einem als Kind erfahrenen Missbrauch und dem späteren Scheitern im Leben zur Kenntnis zu nehmen, sich darauf mental und emotional einzulassen.

Andererseits: Um so sensibler das Thema, um so behutsamer sollte mit mutmaßenden Verallgemeinerungen umgegangen werden:

  • Die o.a. ‚Statistik‘ umfasste sicher nicht alle Priester, nicht mal in den USA – ob die Stichprobe daraus repräsentativ war, wird für mich nicht deutlich.
  • Auch die Bezeichnung „Story über einen degenerierten Klerus“ erscheint mir unglücklich, denn es ist ja wohl so, dass nur ein Bruchteil der Kleriker zum Täter wurde oder sich als Vertuscher mitschuldig machte.

Reaktion aus der katholischen Kirche

Kardinal Seán Patrick O’Malley des Erzbistums Boston befand, der Film Spotlight zeige, wie die Zeitungen die Kirche dazu brächten, sich mit beschämenden Dingen zu konfrontieren. Ein Sprecher des Radio Vatikan fand den Film „ehrlich“ und „dringend“ und erklärte, dass Spotlight der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten helfe, ihre Sünden zuzugeben und die Konsequenzen dafür zu tragen

Anmerkung

Kardinal Law wird auch in dem Dokumentarfilm Deliver Us from Evil (Erlöse uns von dem Bösen, 2006) erwähnt, der den Missbrauchsskandal um Priester Oliver O’Grady behandelt. 

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