Gottes hidden agenda?

Armin Risi: Der verbotene Baum im Garten Eden

Manche Themen lassen einen wohl nie los, wie in meinem Fall das Leben von Adam und Eva – irgendwas an dieser Story provoziert mich und lässt mich wieder und wieder Entgegnungen im Geiste formulieren. Nennenswerte Fortschritt bleiben aus …wer nicht einmal die ‚richtigen‘ (= weiterführenden) Fragen stellt, kommt schwerlich auf befriedigende Antworten.

„Gäb’s keine Eva, wäre der Mann noch im Paradies.“
Nein, das ist noch nicht die erlösende Antwort …hmm, obwohl? …nee 😉


„Was ist denn an der Story so schwer zu verstehen?“
Nee, nicht der Inhalt an sich …das dahinter stehende Konzept – Gottes hidden agenda, wenn man so will – wurmt mich: Im jüdisch christlichen Kontext wird JHWH letztlich als erbarmungsloser Diktator inszeniert: Wer nicht entsprechend seiner apodiktischen Anordnung glaubt, hat bereits mit der Geburt (→ Erbsünde) verloren und wird nach seinem Tod für immer in der Hölle braten. Zugegeben, das ist nun sehr verkürzt …doch seit Martin Luther wissen auch, das die Entstehung des rechten Glaubens ein Geschenk sei, das man sich allein durch Eifer und Gehorsam erarbeiten könne. In diesem Punkt unterscheiden sich die Auslegungen und Handreichungen der christlichen Denominationen durchaus, im Kern steht jedoch die Aussage: Ohne Glaube keine Erlösung.

Jedesmal beiße ich mich an diesem Entweder-Oder fest: Ein ‚Friss oder verrotte in der Verdammnis‘ erscheint mir ausgesprochen unfair – meine Intuition sagt mir, so etwas kommt nicht von Gott. Sondern von Menschen, die kaum weniger fehlbar sind als ich selbst.
Auf der Suche nach einer rational wie intuitiv nachvollziehbaren Auflösung dieses Dilemmas stieß ich auf den u.a. Vortrag des schweizerischen Buchautors Armin Risi3. Risi geht in seiner Betrachtung weit über den jüdisch-christlichen Kontext hinaus und nimmt

Berthold Furtmeyr, „Baum des Todes und des Lebens“, Salzburger Missale (15. Jh.)

eine eigenständige Einordnung der Erzählung von Adam und Eva vor. Er verweist zunächst auf den zweiten Baum im Garten Eden – den Genesis 3 als Baum des Lebens bezeichnet; Früchte von diesem Baum hätte das erste Menschenpaar durchaus verzehren dürfen, verboten war ihnen allein der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Erst im Anschluss an die erste Übertretung wollte Gott verhindern, dass „der Mensch“ auch noch von diesem Lebensbaum koste und dadurch so werde „wie wir“.
Über die gematrische (die Zahlensymbolik beteffende) Herleitung von YHWH (Jahwe) erläutert Risi, nach hebräischem Verständnis stehe Gott für Einheit (ehad) und Liebe (ahava) – von ihm gedeutet als Nondualität und Individualität.
In diesem Kontext sei zu differenzieren zwischen Polarität und Dualität:

  • Polarität = Zweiheit der gleichwertigen, sich gegenseitig ergänzenden Gegenteile.
    (das ‚Sowohl als auch‘-Prinzip, lässt auf Gleichgewicht/Harmonie schließen),
  • Dualität = Zweiheit der nicht gleichwertigen, sich gegenseitig ausschließenden Gegensätze
    (das ‚Entweder-Oder-Prinzip‘, das auf Spaltung, Einseitigkeiten, Zuviel/Zuwenig schließen lässt, zB ‚Licht und Dunkelheit‘ im symbolischen Sinne, )

Sobald der Fehler begangen wird, Dualität gleichzusetzen mit Polarität, kommt es zu problematischen Relativierungen – etwa wenn Gut und Böse als ausschließlich subjektive und damit ’neutrale‘, ausstauschbare Wertmaßstäbe betrachtet werden. Mit einer dergestalt monistischen Philosophie gelange man zu Aussagen wie

  • ‚der Frieden bedingt den Krieg‘,
  • ‚das Gute erzwingt das Böse‘, oder
  • ‚das Böse ist der Dünger des Guten‘ (kennt man von Mephisto im Faust I: „Ich bin ein Teil von jener Kraft…“)

Der Monismus ist eine philosophische oder metaphysische Position, wonach sich alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lassen. Er nimmt damit die Gegenposition zum Dualismus und Pluralismus ein, die die von mindestens zwei Grundprinzipien ausgehen. In der Religion stehen monistische Lehren oft dem Pantheismus oder dem Panentheismus nahe, die eine Gegenwart (Immanenz) des Göttlichen in allen Erscheinungen der Welt sehen.

Einer der größten Fehler, die Menschen machen, wenn sie über Gott nachdenken, ist, sich Gott als unpersönliches Wesen vorzustellen„.
Zwar sei Gott einerseits hinter den Naturgesetzen und -mechanismen im gesamten Universum ‚verborgen‘. Doch andererseits sei Gott auch persönlich, ja „menschlich“. Fraglos ein Paradoxon, mit dem viele Christen im Hinblick auf die Position Christi kaum ein Verständnisproblem haben dürften. Für mich leuchtet immerhin ein, dass jede Entweder-Oder-Vorstellung von Gott eine unzutreffende Reduzierung seiner Gesamtheit impliziert.

(An dieser Stelle begann ich immerhin zu erahnen, was dieser Exkurs überhaupt mit dem Baum im Garten Eden zu tun haben könnte…diese Frage hatte mich durchaus gestreift…;)

Risi leitet nun zu seinem theistischen Verständnis des Karma-Prinzips über: Erkenntnis bedeute im hebräischen Kontext auch Empfängnis (‚Adam erkannte Eva’…, Gen. 4.1) und Verschmelzung – sodass der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse auch als Konzept aufgefasst werden könne: die Verschmelzung oder Vermischung von Gut und Böse:

„In Jewish tradition, the Tree of Knowledge and the eating of its fruit represents the beginning of the mixture of good and evil together. Before that time, the two were separate, and evil had only a nebulous existence in potential.
While free choice did exist before eating the fruit, evil existed as an entity separate from the human psyche, and it was not in human nature to desire it. Eating and internalizing the forbidden fruit changed this and thus was born the yeitzer hara, the Evil Inclination…“ (engl. Wikipedia, „Tree of the knowledge of good and evil„)

Sinngemäß übersetzt: „In der jüdischen Tradition repräsentieren der Baum der Erkenntnis und der Verzehr seiner Früchte den Beginn einer Vermischung von Gut und Böse/Übel. Vor dieser Zeit waren beide getrennt, das Böse hatte lediglich eine nebulöse Existenz im Sinne eines Potenzials.
Der freie Wille existierte als Wahlmöglichkeit bereits vor dem Verzehr der Frucht als etwas von der menschlichen Psyche Getrenntes – es lag somit nicht in der menschlichen Natur, vom Bösen angezogen zu werden. Mit dem Verzehr und der ‚Verinnerlichung‘ der verbotenen Frucht (doppeldeutig: auch ‚Aufnahme‘ des Fruchtfleisches) entstand das Yetzer hara.“
Dieser hebräische Terminus wird im Englischen übersetzt mit „the indefinite ‚an evil inclination’… refers to the congenital inclination to do evil, by violating the will of God, also einer dem Menschen innewohnende Neigung zum Bösen, eine „üble Variante der Antriebe, die der Mensch zum physischen Überleben grundsätzlich braucht“.

Eine Folge dieser Vermischung zeige sich in der Tendenz bei Menschen, wenn sie der Illusion erlägen, mehr zu sein als Gott. Sofern der ‚Hang zum Bösen‘ jedoch nicht als Automatismus zu verstehen ist, hätte der Mensch immerhin die Chance, von seinem freien Willen Gebrauch zu machen und sich diesem Drang zu widersetzen, anstatt den immerwährenden Versuchungen  nachzugeben?

„Sobald der Mensch vom Baum der Erkenntnis nimmt, ist der Weg zum Baum des Lebens verschlossen.“

Wofür steht dieser zweite Baum? Ein Lebensbaum als Symbol für immerwährenden Friede und Harmonie? Die Bedeutungszusammenhänge und Interpretation in der jüdischen Tradition (→ Sephiroth, → Kabbala) sind zu komplex, als dass sie sich mit ein paar Schlagworten und einem knappen Zahlenspiel abhandeln ließen. Damit verbinde ich keine keine Kritik an Armin Risi; um hier zu einem zufriedenstellen Verständnis zu gelangen, müsste man sich wohl mit Gematrie befassen; zu dieser Interpretation von Worten mit Hilfe von Zahlen (jedem Buchstaben wird eine Zahl zugeordnet) fehlt mir jeder Zugang.

Bis hierhin ist mir immerhin klar geworden, dass Jahwe den ersten Menschen nicht verbot, Gut und Böse zu unterscheiden.


Die Rolle der Schlange

Einigkeit besteht in der Einschätzung, die Schlange sei mehr als Schlange – für wen oder was steht sie? In christlichen Kreisen scheint festzustehen: Schlange = Satan/Teufel/das Böse. Doch was hatte der/das Böse im Paradies zu suchen und woher kam es überhaupt?
Konkret:  „Gott ist Licht, und es ist keinerlei Finsternis in ihm“, befand schon Augustinus – wenn nicht von Gott, woher kommt das Übel dann?

„Gnostisch-esoterische Kreise glauben, dass die Schlange in Wirklichkeit der wahre Freund der Menschen sei – und Jahwe sei ein falscher Gott, der die Menschen unterdrücken wolle und nur deshalb den Menschen verbot, vom ‚Baum der Erkenntnis von Gut und Böse‘ zu essen.“
Ophitisches Denken, also Schlangenanbetung? Nicht, wenn man allein die heutige Zeit betrachtet. Die Ophiten oder Naassener waren freilich eine Richtung innerhalb der frühen Gnosis, welche der Schlange im Paradies eine göttliche Natur zuschrieb. Folglich wird JHWH in diesem dualistischen Denkmodell die Rolle des ‚Bösen‘ bzw. des unvollkommenen Schöpfers der materiellen Welt (→ Demiurg) zugewiesen.

Andere ‚Theorien‘ beschreiben  die „Götter von Eden“ (→ Elohim, auch im A.T. in Pluralform gebraucht) als Außerirdische, die an den Menschen der früheren Zeitalter genetische Manipulationen durchführten.
Risi spricht hier vom Eintritt in einem weiteren, namentlich den sumerischen „Verwirrgarten“; seine eigene Rolle sei die eines konstruktiven Kritikers der Präastronautik.
Diesbezüglich gaaanz neue „schockierende Enthüllungen“ gehen mehr oder weniger alle auf die Veröffentlichungen von Zecharia Sitchin zurück – taugen sie gewissermaßen als Upgrade für Darwinisten? Ärgerlich ist jedenfalls, wenn wieder und wieder „Beweise“ versprochen werden – was den Absatz der Anunnaki-Frankenstein-Bücher („Alien + Schimpanse = Mensch 😉 ) fördert, aber nach wie vor nicht der Wahrheit entspricht. (→ Vgl. „Wie plausibel sind die Thesen von Zecharia Sitchin?„)

Für Armin Risi steht fest: Mit ‚wirklichem Urwissen‘ haben diese auf Yellowpress-Niveau verbreiteten „Ihr seid Sklaven“-Behauptungen nur sehr wenig zu tun. Seine diametrale Aussage „Ihr seid Lichtwesen“ (oder ‚Götter‘) bezieht Risi übrigens auf Joh. 10,34, wo Jesus seinerseits die Tora zitiert:

Ich habe gesagt: Ihr seid Götter, und Söhne des Höchsten ihr alle!

Eingerahmt wird dieser Vers freilich von zwei Mahnungen zur Umkehr, vielleicht an jene, die sich als falsche Götter inszenieren: „Sie wissen nichts und verstehen nichts, in Finsternis gehen sie umher (…)“ [Ps 82,5] und „Doch wie ein Mensch werdet ihr sterben, und wie einer der Fürsten werdet ihr fallen.“ [Ps 82,5-7]

Eine unterschiedslose Gleichsetzung der Menschen mit Gott bzw. ‚den Elohim‘ war von den Autoren des A.T. sicherlich nicht intendiert. Lässt sich hier eher Gottes besonderer Anspruch an den Menschen – den er nach seinem Ebenbild erschuf (1 Mose 1,26) – hier erahnen, bezogen auf den Umgang des Menschen mit der ihm anvertrauten Schöpfung wie auch mit seinesgleichen?
Wie wir mit dieser Verantwortung umgehen, erweise sich in der „kannibalistischen Weltordnung“.

Dieser Begriff einer ‚kannibalistischen Weltordnung‘ beschreibt Auswüchse eines zunehmend unkontrollierten Raubtierkapitalismus; er wurde von dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler geprägt, den Trend.at anlässlich der Erscheinung seines Buches „Ändere die Welt!“ interviewte:
„Es geht nicht um Gut und Böse, es ist ein System der strukturellen Gewalt. […]
Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung, die sich durch zwei Dinge auszeichnet: eine unglaublichen Monopolisierung von politischer, ökonomischer und ideologischer Macht in den Händen weniger Oligarchen, die niemand kontrolliert, und enorme Ungleichheit unter den Menschen. Vergangenes Jahr haben die 500 größten Konzerne 52 Prozent des Weltbruttosozialprodukts kontrolliert. (…) Weder Nationalstaaten noch internationale Institutionen können sie kontrollieren.“1)

Ziegler betonte, heute bestehe weltweit kein objektiver Mangel an Nahrung mehr. Wo aber die Verteilung der ausreichend verfügbaren Nahrung verweigert werde, „wird ein Kind, das an Hunger stirbt, ermordet. Diese absurde Weltordnung ist von Menschen gemacht, also kann sie von Menschen gestürzt werden“.

Gerade jetzt, in diesen Tagen (März 2017) herrscht in vier afrikanischen Ländern eine schwere Hungerkrise, bis zu 20 Millionen Menschen sind akut vom Tod bedroht. Dass in diesen Ländern Krieg herrscht, mag die fürchterlichen Zustände dort erklären – zeigt aber doch um so deutlicher unser Versagen als Spezies.

Falsch abgebogen?

Die allegorische Erzählung von Adam und Eva im Garten Eden kann auch in der heutigen Zeit noch aufzeigen, dass die Menschheit an einem entscheidenden Punkt ihrer Zivilisationsgeschichte in eine ‚falsche Richtung‘ abbog und von da an zunehmend schädliche Konzepte verfolgte. Kennzeichnend hierfür mag sein, „dass die heutige Gesellschaft in zwei Arten von Einseitigkeiten gefallen ist, einerseits im Namen von Gott (religiöse Machtansprüche), andererseits im Namen von Wissenschaft (atheistische/monistische Weltbilder)“3) – insbesondere da, wo Vertreter beides Seiten sich das das Recht anmaßen, die Menschheit manipulativ oder gar mit Gewalt in ihre Richtung zu zwingen.
Die Differenzierung zwischen der Menschheit als Spezies und uns selbst als einzelnen Individuen fällt nicht immer leicht: Einerseits müssen wir uns als Teil dieser Zivilisation begreifen, der laufende Kriege und schwerste Versäumnisse im humanitären Sektor anzulasten sind – doch auf der anderen Seite verstehen wir uns als Einzelwesen, welche auf die globalen Strukturen und Ereignisse nur sehr minimalen Einfluss haben.

Als Alibi oder Ausrede taugt der Rückzug auf die Position ‚Was kann ich schon tun?‘ eher selten: Zuvor müsste sich das Individuum über eine vorrangige Frage Klarheit verschaffen: Tue ich denn das Wenige, das in meiner Macht liegt, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen?
Jedesmal, wenn ich mir diese Frage stelle, werde ich ziemlich kleinlaut und nachdenklich…

Vortrag von Armin Risi: Der verbotene Baum im Garten Eden

Teil 1 (ca. 60 Min.):

Teil 2 (ca. 48 Min.)

Risi kommt im Laufe seines Vortrages mehrfach auf die Freimaurerei und ihre Philosophie zu sprechen, die er als monistisch beschreibt.

Quellenangaben:

  1. Jean Ziegler: „Die Weltordnung ist kannibalistisch“, Trend.at, 11/2015
  2. Krieg treibt den Hunger„, ZEIT, 13.3.2017
  3. Webseite von Armin Risi: ‚Zur Person
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