„Kirchen müssen mehr für Missbrauchsopfer tun!“

Ja, es handelt sich um ein gesamt-gesellschaftliches Phänomen, die Mehrzahl der Missbräuche wird im familiären, nicht im kirchlichen Bereich begangen. Nur inszenieren sich Familien und Einzelpersonen nicht als ‚die‘ moralische Instanz, die sowohl den Gläubigern als auch ihren Klerikern eine äußerst restriktive Sexualmoral aufnötigen will.

Einen Überblick dazu bietet die gut lesbare Präsentation „Grundzüge und wichtigste Aussagen der katholischen Sexualmoral basierend auf lehramtlichen Dokumenten“ (→ PDF-Dokument) auf dem Server des BDKJ; sie vermittelt nicht nur was erlaubt und was verboten ist für Katholiken, sondern geht auch auch stichworthaft auf die (Hinter)gründe ein. Zugleich wird klar, etwa am Beispiel Empfängnisverhütung: Wo aber der von der kirchlichen Morallehre vorgezeichnete Weg nicht gangbar ist, stehe jene persönliche Gewissensentscheidung an, „die am wenigsten der ganzheitlichen Hingabe schaden würde.“ Dieser Verweis auf das eigene Gewissen als letzte Instanz hat mich positiv überrascht.

Bewussten und verantwortlichen Umgang mit Sexualität – die wenigstens im Rahmen dessen bleibt, was das Strafrecht erlaubt – wird auch und gerade von den Klerikern erwartet, die im Namen und Auftrag dieser moralischen Instanz namens Kirche tätig sind. Diese Erwartung impliziert ebenfalls, dass Bischöfe und Ordensobere ihrer Aufsichts- und Fürsorgepflicht nachkommen.

Ausnahmen gibt es zwar, wie den Jesuitenpater Klaus Mertes, der 2010 eine Welle von Aufdeckungen sexuellen und physischen Missbrauchs an kirchlichen Bildungseinrichtungen in Deutschland auslöste.

Für mich liest es sich wie das typische Drehbuch zu einem Thriller, wo Warnzeichen sich immer stärker verdichten – und trotzdem ignoriert bleiben: „Seit den 1980er Jahren waren die Warnungen unüberhörbar. Initialer Opfermut und investigativer Journalismus schufen jeweils ein Klima, in dem die Opfer gehört wurden. Die Sirenen schrillten u. a. 1982 in Neufundland mit schweren Missbräuchen der Christian Brothers of Ireland, 1984 in Louisiana (Fall Gilbert Gauthé) und 1992 in Massachusetts (Fall James Porter)…, 1993 in Kalifornien…, 1997 in Texas…, 1995 in Österreich, 1997 in Belgien, 2000 in Frankreich, 2001 in England“1).
Und so weiter. Bloß – es handelt sich nicht um einen fiktionales Geschehen, vielmehr um zornig machende Realität.

Ab der Jahrtausendwende waren die Opferzahlen derart hoch geworden, dass das erbärmliche Ausflüchte von wegen „Einzelfälle, denen man zwar nachgehen sollte, aber…“ einem Realitätsverlust oder vorsätzlicher Leugnung des tatsächlichen Ausmaßes gleichkamen. Die Kirchenaustritte nahmen erkennbar zu – nein, nicht nur im ‚gottlosen‘ Deutschland – nicht allein, aber auch wegen des wachsenden Vertrauensverlustes.

Wird bei den Kirchen endlich ein ausreichender Wille erkennbar, Verantwortung zu übernehmen? Es sieht mehr aus nach Schadensbegrenzung. Ernsthafte Auseinandersetzung mit den Betroffenen? Findet nur in Einzelfällen statt. Statt echter Aufarbeitung ist eine Flucht in die Prävention zu beobachten.

Die Irin Marie Collins kündigte am 13. Februar 2017 an, die Kinderschutz-Kommission im Vatikan zu verlassen. Collins, die selbst als Dreizehnjährige von einem Kleriker missbraucht wurde, hatte seit der Einsetzung der Kommission 2014 durch Papst Franziskus mitgearbeitet.
Ihr Beweggrund: „Mangelnde Zusammenarbeit“ durch Dikasterien der Römischen Kurie, wie Collins in ihrem Kündigungsschreiben an den Papst erklärte. Somit arbeitet derzeit kein Opfervertreter mehr in der Kommission, der es doch vor allem um die Opfer geht/gehen sollte.

Collins:“…erst kürzlich hat es eine sehr konkrete Weigerung durch ein vatikanisches Amt gegeben, mit der Kinderschutz-Kommission zusammen zu arbeiten, die ich einfach inakzeptabel fand.“
Es sei „herzzerbrechend“, wenn einige Menschen dies „im Jahr 2017 schwierig finden, wenn wir doch die Geschichte kennen und nicht wollen, dass sie sich wiederholt.“

→ Weiterlesen: „Marie Collins: Die Stimme der Opfer muss weiter gehört werden!“ auf radiovaticana.va.

1.7.2017: Kardinal Müller verliert sein Amt als Chef der Glaubenskongregation der katholischen Kirche. Zwischen ihm und dem Papst gab es immer wieder inhaltliche Differenzen. „Im März hatte eines der Missbrauchsopfer katholischer Geistlicher, Marie Collins, Müllers Kongregation beschuldigt, sich der Arbeit der päpstlichen Kommission zum Schutz von Kindern zu widersetzen“, berichtet die ZEIT.

Ein Leserkommentar ergänzt: Unerwähnt bleib in dem Artikel, dass Gerhard Ludwig Müller auch wiederholt in der Kritik stand, die Aufklärung von jahrelangen schweren Misshandlungen bei den Regensburger Domspatzen verschleppt und behindert zu haben.
→Vgl. „Die geklitterte Chronologie – Die Legende vom furchtlosen Hirten und dem Fuchs, der die Gans nicht gestohlen, sondern gebracht hat“ auf regensburg-digital.de. Im März 2010 habe „GLM“, Bischof Gerhard L. Müller, „mit einer beispiellosen Abwehrschlacht“ auf das Bekanntwerden von sexuellen Übergriffen in den Einrichtungen der Domspatzen reagiert.

24.09.2018: Tja, nun ist die MHG-Studie der Dt. Bischofskonferenz raus und alle reiben sich die Augen. Die Studie selbst (→ PDF-Dokument) umfasst 377 Seiten, doch es findet sich auch eine 15-seitige Zusammenfassung (→ PDF).

Den 1.670 beschuldigten Klerikern wurden nach Aktenlage insgesamt 3.677 Kinder und Jugendliche als von sexuellem Missbrauch betroffen zugeordnet. Dies waren im Durch-schnitt 2,5 Betroffene pro Beschuldigtem. Die von sexuellem Missbrauch Betroffenen waren zu 62,8 Prozent männlich und zu 34,9 Prozent weiblich. Beim ersten sexuellen Missbrauch waren 51,6 Prozent der Betroffenen bis maximal 13 Jahre alt.

1.429 Beschuldigte waren  Diözesanpriester, 159 Beschuldigte Ordenspriester und 24 Beschuldigte hauptamtliche Diakone – das ist auffällig: Weshalb wurden Diakone signifikant weniger häufig beschuldigt als Priester. ⇒ Diakone sind nicht zum Zölibat verpflichtet und „haben deutlich weniger Macht“.
Die Studie zeige ein „sehr großes Ausmaß von Übergriffen und ein immer wieder vorgekommenes strukturelles Versagen bei der Aufarbeitung innerhalb unserer Kirche“, schrieb Erzbischof Dr. Stefan Heße. 

Was lässt sich hinsichtlich der möglichen Dunkelziffer mutmaßen? Nun, die Datengrundlage umfasste im besten Fall alle vorliegenden Personalakten. Es kann, darf jedoch nicht davon ausgegangen werden, die Mehrzahl der Missbrauchsfälle sei überhaupt jemals aktenkundig geworden: Dies setzt ja voraus, dass Vergehen seitens des/der Opfer zur Anzeige gebracht wurden – wie viele werden aus Scham und in der Erwartung geschwiegen haben, die Sache werde ohnehin im Sande verlaufen oder zu einem Nachteil für sie persönlich führen? Wie viele wurden (insbesondere vor 2000) abgewimmelt, nachdem sie endlich den Mut zu einer Anzeige oder Beschwerde aufgebracht hatten?

Die mit der Studie beauftragten Forscher erklärten rundweg: Das sei nur „die Spitze des Eisbergs“. Systematisch wurden ihnen Steine in den Weg gelegt, Akten wurden vernichtet, Opfer und Täter zum Schweigen aufgefordert. Ohnehin sei kein Zugang zu Originaldokumenten in den Kirchenarchiven eingeräumt worden.
Auf einzelne Bistümer herunter gebrochene Zahlen gibt es nicht. Die jetzt veröffentlichten Zahlen werden also noch überstiegen, die Dunkelziffer ist sehr hoch. „…das Entscheidende fehlt: Wir wissen nicht, wer die Verantwortlichen sind.“

„Wir haben verstanden.“ – Wirklich?

Worte sind nett, was zählt, sind die Taten. Die zahlreichen Statements und Erklärungen von Kirchenoberen, man habe nun – endlich – verstanden und wolle die Opfer in den Mittelpunkt einer umfassenden Aufarbeitung rücken, wirken auf mich aufrichtig – wie schon die Worte von Joseph Ratzinger am 19.03.2010 in seinem Hirtenbrief an die irischen Katholiken:

„Ihr habt schrecklich gelitten, und das tut mir aufrichtig leid. Ich weiß, dass nichts das von Euch Erlittene ungeschehen machen kann. Euer Vertrauen wurde missbraucht und Eure Würde wurde verletzt.

 Viele von Euch mussten erfahren, dass Euch niemand zugehört hat, als Ihr den Mut gefunden habt, über das zu sprechen, was Euch zugestoßen ist. Diejenigen von Euch, die in Heimen und Internaten missbraucht wurden, müssen gefühlt haben, dass es kein Entkommen aus Eurem Leid gab.“

Wenn ich dann aber zur Kenntnis nehmen muss, dass nach Vereinbarung einer Entschädigung die betreffenden Opfer mit 5.000,- € abgespeist werden, kommen mir erhebliche Zweifel an dieser Aufrichtigkeit.

Ein kurzer Blick auf die Folgen

Dazu muss man sich die nicht selten lebenslänglich wirksamen Spätfolgen vergegenwärtigen: …eine Vielzahl psychische Symptome, welche die Lebensführung der Betroffenen irreversibel beeinträchtigen können: massive Selbstwertproblematik, Selbstzweifel bis hin zu kalter Selbstverachtung, Depressionen und Angst-, Schlafstörungen und wiederkehrende Suizidgedanken führen zu Vermeidungs- und selbstverletzendem Verhalten bis hin zu Drogenkonsum. Dieses Gesamtpaket kann zu Problemen im Beruf führen bis hin zu Berufsunfähigkeit und Verarmung.
Auch soziale Verarmung ist eine Spätfolge von sexuellem Missbrauch – wer dergleichen erlebt hat, kann u.U. kaum mehr tiefes, unbeschwertes Zutrauen zu Mitmenschen ⇒Probleme in Partnerschaften sowie generell im Sozialverhalten.

Am Ende kann eine tief unglückliches, weitgehend gescheitertes Leben in völliger Isolation stehen – dies gilt insbesondere dann, wenn das Opfer durch die Misshandlungen oder/und Missbräuche in einen Abwärtstrend versetzt wurde, durch den auch eigenes defizitäres Verhalten zustande kommt, das ‚fast wie in einer Zeitschleife‘ wiederholt wird und nicht abgelegt werden kann. Von daher muss man sagen: ja, ein wiederholter, oft jahrelang stattfindender sexueller Missbrauch von Kindern kann deren Leben komplett zerstören. Denn was bleibt noch, wenn zeitlebns keine stabilen, tragfähigen Partner- und Freundschaften eingegangen werden können und als dominierendes Lebensgefühl ein diffuses „ich war/bin nur ein Mittel zum Zweck, ohne eigenen Wert und eigene Bedeutung“ verinnerlicht wurde?

Zugegeben, so schlimm muss und wird es längst nicht in jedem Missbrauchsfall kommen, der Verlauf und das Ausmaß der individuellen Folgen hängt von etlichen Umständen ab. Das bedeutet aber doch: wenn schon eine Kommunikation zwischen der Kirche und einem Opfer zustande kommt und an der begangenen Tat kein Zweifel besteht, müsste doch in jedem Einzelfall geprüft werden, welche Entschädigung angemessen ist (natürlich nur, falls das Opfer überhaupt eine Geldleistung wünscht).

Auch im Jahr 2018 „zahlt die katholische Kirche Opfern eine Anerkennungssumme von bis zu 5.000 Euro, in begründeten Einzelfällen auch mehr“.
Aufgrund des wenig transparenten Verfahrens habe bisher auch nur ein kleiner Teil der Betroffenen einen Antrag auf die Zahlung der Anerkennungssumme gestellt. Durchschnittlich werde sehr viel weniger als die Höchststumme gezahlt.

Vertuschung bleibt ungsühnt

Die dokumentierten Fälle von Vertuschung bzw. vorsätzlicher Strafvereitelung bleiben offenbar ohne juristische Folgen; eine Aufarbeitung des

Zwar seien Fortschritte bei der Aufarbeitung erreicht worden. Auch seien viele vorbeugende Maßnahmen eingeleitet worden. Doch bislang sei aber kein einziger Bischof oder Ordensoberer zur Verantwortung gezogen worden, beklagte Matthias Katsch von der Opferinitiative Eckiger Tisch.
Aufgrund des aus seiner Sicht intransparenten Verfahrens habe bisher auch nur ein kleiner Teil der Betroffenen einen Antrag auf die Zahlung der Anerkennungssumme gestellt. Im Schnitt werde sehr viel weniger als die Höchstsumme von 5.000 Euro gezahlt.

Wie war der organisierte Täterschutz überhaupt viele Jahrzehnte lang möglich? Der Kirchenrechtler Norbert Lüdecke weist auf ein schockierendes System aus Vertuschung und Image-Schutz hin:

„Journalisten und Anwälte, nicht die Kirche, brachten …ans Tageslicht: Bischöfe hatten die von Jesus angekündigten Wölfe im Schafspelz erwartet. Sie kamen aber in Hirtenkleidern. Als sie erkannt wurden, vertrieben die Bischöfe sie nicht. Sie schützten die Wölfe und verschafften ihnen Zugang zu neuen Weiden…“
Bischöfe verhielten sich den Opfern gegenüber arrogant, gefühllos; sie leugneten, verharmlosten und logen selbst vor Gericht. Statt bei der Aufklärung zu helfen, be- und verhinderten sie diese.
Vor Gericht ein elendes Taktieren, um möglichst keine oder so geringe Entschädigungen wie möglich leisten zu zu müssen.

Die Beweggründe einer so unbarmherzig gegenüber den Opfern agierende Kirche werden von Lüdecke sehr anschaulich in den Gesamtzusammenhang gestellt: „Die vitale Bedeutung des Klerus für die Kirche macht seine hohe Gemeinwohlbedeutung evident. Nimmt das Kleriker-Image Schaden, trifft das die Kirche in ihrem Lebensnerv.“ Anders ausgedrückt: Selbstschutz ging vor Opferschutz.
Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger ist im Kirchenrecht kein Vergehen gegen Leben, Gesundheit und Freiheit der Opfer, sondern gegen eine Klerikerpflicht (Zölibat).

Papst Benedikt hatte 2009 an seine Priester geschrieben: „Leider gibt es auch Situationen, …in denen es die Kirche selber ist, die leidet, und zwar wegen der Untreue einiger ihrer Diener.
Was in solchen Fällen der Kirche am hilfreichsten sein kann, ist weniger die eigensinnige Aufdeckung der Schwächen ihrer Diener, als vielmehr das erneute und frohe Bewusstsein der Größe des Geschenkes Gottes…“
Genau diese Sichtweise ist falsch. Den Blick nach vorn zu richten ohne größtmögliche Transparenz im Rückblick, kann zerstörtes Vertrauen nicht wiedergewinnen1).

Lüdecke resümiert

„Jeder einzelne Bischof darf und sollte gefragt werden, ob und warum auch er vor diesem Hintergrund „ein reines Herz“ hat. Er darf und sollte gefragt werden,

  • ob und in welcher Form konkret er sich Opfererfahrungen ausgesetzt hat,
  • ob er seiner Pflicht zur Verfolgung sexuellen Missbrauchs immer angemessen nachgekommen ist und wie dies konkret geschah,
  • ob er selbst angemessen dokumentiert oder Dinge mündlich „bereinigt“ hat,
  • … ob und warum er und seine Vorgänger die staatlichen Gerichte lieber zum Schutz der Kirchensteuer als zum Schutz der Kinder angerufen haben.
  • ob und wie er über das Verhalten seiner Vorgänger aufklären will.“

Um nicht seine Rechte als Urheber zu verletzen, sehe ich von weiteren Zitaten aus der Abhandlung von Norbert Lüdecke ab. Zugleich empfehle ich jedem, der einen ersten Einblick in die tieferen Zusammenhänge der Missbrauchsereignisse wie auch der kirchlichen Reaktionen gewinnen möchte, darauf diesen Text (28 Buchseiten, also in ca. 30-45 Minuten zu schaffen) von ihm als Lektüre.

Zeugnisse von Opfern finden sich im Internet zuhauf. Wer sich auf die erschreckenden und verstörenden Zeugnisse der Opfer von Klerikern einlassen will und kann, mag zudem die Boston-Akten oder den irischen Murphy-Bericht studieren.
Auch der Film Spotlight aus dem Jahr 2015 vermittelt einen Einblick in die Bostoner Geschehnisse.

Quellenangabe

  1. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester.
    Statement aus kirchenrechtlicher Sicht Norbert Lüdecke
  2.  Hirtenbrief an die irischen Katholiken, Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI) am 19.03.2010
  3. Kommission: Kirchen müssen mehr für Missbrauchsopfer tun“ – kirche-und-leben.de

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