Der Tanz zweier Außenseiter

Zwei Außenseiter – beide riesengroß und in vielerlei Hinsicht ‚anders‘ – tanzen zum Kanon in D von Johann Pachelbel.
In diesem unvergleichlich schönen Stück (wann hat Musik mich zuletzt zu Tränen gerührt?…das muss Jahrzehnte her sein) finden sie einander…nur sie beide – losgelöst, getrennt von der Welt, ja, aber das ist ganz und gar ohne Bedeutung – denn sie haben einander, wenigstens für diesen einen Tanz.

„Die Musik begann leise, das Vibrieren von langsam gezupften Baßsaiten floß aus den Lautsprechern; dann kamen die Trompeten, glatt und glänzend über den schimmernden Tönen eines Cembalo stiegen sie in derselben melodischen Reihe von Tönen herab und übernahmen dann die Führung, so daß die Streicher folgen mussten.

Sofort führte Ash seine Partnerin mit großen, anmutigen Schritten in einen sanften Kreis.

Es war der Kanon von Pachelbel, Michael erkannte es sofort, gespielt, wie er ihn noch nie gespielt gehört hatte, in einer meisterlichen Wiedergabe, mit dem vollen Bläsersatz, wie ihn der Komponist vielleicht gedacht hatte.

Hatte es je klagendere Töne in der Musik gegeben, irgend etwas, das sich der Romantik so vorbehaltlos hingab? Die Musik schwoll an, ließ die Beschränkungen des Barock hinter sich; Trompeten, Streicher und Cembalo sangen ihre einander überlagernden Melodien mit einer herzzerreißenden Fülle, so dass die Musik zeitlos klang, ganz und gar aus dem Herzen kommend.
Sie trieb das Paar vor sich her; die beiden hatten die Köpfe leicht geneigt, und ihre großen Schritte waren anmutig und langsam und in perfektem Gleichtakt mit den Instrumenten.

Ash lächelte jetzt ebenso wie Tessa. Und als das Tempo schneller wurde, als die Trompeten ihre Noten gefühlvoll und mit vollkommener Beherrschung zu trillern begannen, als die einzelnen Stimmen sich prachtvoll zum Augenblick des größten Jubels vereinten, tanzten sie schneller und immer schneller. Ash schwenkte Tessa beinahe spielerisch umher, in immer kühneren Kreisen. Ihr Rock wehte frei um sie herum, ihre kleinen Füße drehten sich mit vollkommener Anmut, Absätze klapperten leise auf dem Holzboden, und ihr Lächeln war strahlender denn je.

Und noch ein anderer Klang schmolz in diesen Tanz hinein denn wenn der Kanon so gespielt wurde, war er ohne Zweifel ein Tanz -, und allmählich erkannte Michael, dass es Ash war, der sang. Keine Worte, nur ein süßes Summen mit offenem Mund, in das Tessa rasch einfiel, und ihre makellosen Stimmen erhoben sich über die dunkel glänzenden Trompeten, reisten mühelos durch die Crescendi, und als sie sich jetzt mit kerzengeradem Rücken immer schneller drehte, war es fast, als lachten sie in ihrer scheinbar reinen Glückseligkeit.

Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, während sie die beiden beobachtete, den großen, königlichen Mann und die geschmeidige, anmutige Feenkönigin, und ebenso die Augen des alten Herrn.

Ashs Blick war jetzt verspielt und anbetungsvoll, als er den Kopf wiegte, immer hemmungsloser umherschwang und sich schneller und schneller bewegte. Sie tanzten immer weiter, kreisten zusammen am Rande des Lichtscheins, in den Schatten und wieder ins Helle, und sie sangen einander ihre Serenade. Tessas Gesicht war begeistert wie das eines kleinen Mädchens, dem sein größter Wunsch erfüllt worden ist.

…der Tanz ging immer weiter, bis der Rhythmus sich verlangsamte, bis die Instrumente leiser spielten und ankündigten, dass sie sich bald verabschieden würden. Die einander überlagernden Stränge des Kanons verschmolzen letztmals zu einer volltönenden Stimme, ließen dann nach, zogen sich zurück, die Trompete spielte eine letzte wehmütige Note, und dann war Stille.
Das Paar blieb in der Mitte des Raumes stehen, und das Licht flutete über ihre Gesichter und ihr schimmerndes Haar.
…Solche Musik konnte weh tun. Sie konnte einen an seine Enttäuschungen erinnern, an seine Leere. Sie konnte sagen: So kann das Leben sein. Vergiss das nicht.

Stille.“

Der Text ist dem Roman ‚Die Mayfair-Hexen‘ von Anne Rice entnommen, eigentlich ein Genre, von dem ich solche Tiefe (für mich jedenfalls) nicht erwartet hätte. Der Tanz, ein Walzer(?), intensiviert das Erlebnis, klar, doch mit geschlossenen Augen, in der noch zarten Frühlingssonne ist das Stück gleichfalls ein Genuss.

Unter den zahllosen Variationen findet sich auch manch moderne Interpretation (→ „Canon Rock„), doch da kommt für mein Empfinden die Harmonie kaum zum Tragen. Eine E-Gitarre ist für so vieles gut, nur hier passt sie sich nicht recht ein.

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