Sommers Geisterstunde

Und wieder ist’s des Sommers Geisterstunde

von Wilhelm Jensen (1837-1911), gefunden auf lyrikmond.de

Und wieder ist’s des Sommers Geisterstunde,
Da stumm das Haus im heißen Mittag schweigt,
Geschloss’ne Läden füll’n die Saalesrunde
Mit goldnem Dämmern; nur, von Laub umzweigt,
Trägt fernher durch des Nebenraumes Dunkel
Ein Fenster blitzend sonnengrünes Licht:
Kein Schall, kein Regen in dem Glanzgefunkel,
Das wie von ausgestorbnem Leben spricht.

Und schön und schaurig fühlt mein eignes Leben
Sich angerührt von leisem Geisterstab:
Ein Kommen ist’s, ein Schwinden und ein Schweben
In jenen stillen Strahlen auf und ab.
Ein Nichts, und alles, was ich je besessen,
In mir, und doch zugleich unendlich fern,
Ein Allgedenken und ein Allvergessen,
Ein Lebenstraum auf einem andern Stern.

Auf dieses nachdenklich-schöne Gedicht bin ich auf der Suche nach etwas gestoßen, das mir inmitten der Stadt tagsüber oftmals fehlt: Stille.
Echte Stille, nicht diesen dumpfen, wenig natürlichen Zustand, welcher sich an jedem Ort durch Schließen der modernen isolierverglasten Fenster herstellen lässt…die Geräusche von draußen werden vermindert, doch es bleibt ein störendes Grundrauschen. Da erscheint der Wunsch nach wirklicher Stille bisweilen tatsächlich als ein Lebenstraum von einem andern Stern…

Dieser Beitrag wurde unter Lektüre / Buchtipp, Umwelt abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar