Glückliches Sterben? Gespräch mit Hans Küng über Sterbehilfe

Kann Sterben glücklich sein?

Gedanken an meinen eigenen Tod verdränge ich derzeit noch aus meinem Denken – ich bin innerlich noch ’nicht bereit‘: In vielen Fragen zu Gott und dem fraglichen Jenseits ringe ich noch um Antworten, so vieles in meinem Leben ist noch nicht abgeschlossen, oder schlicht unerledigt. Gleichwohl ist mir durchaus bewusst, diese Entscheidung könnte mir von einem Tag auf den nächsten aus der Hand gerissen werden; die wenigsten von uns wissen, wann ihre Zeit gekommen ist. Plötzlicher Autonomie-Verlust etwa als Folge eines Unfalls kann jeden von uns treffen.
Dieser Beitrag geht nicht der Frage nach, wann/warum wir sterben müssen – sondern er wirft einzelne Gedanken darüber auf, wie wir sterben möchten und welche Konsequenzen daraus für uns erwachsen können. Der Wunsch, das eigene Leben vorzeitig zu beenden, mag für diejenigen unter uns, die noch nicht unmittelbar mit extremen Krankheits-/Leidzuständen bis hin zum Verlust jeglicher Kontrolle konfrontiert waren, wenig nachvollziehbar erscheinen. Eine gedankliche Hinführung entsteht eventuell durch die gegenteilige Fragestellung: Wie möchte ich auf keinen Fall sterben?

Lässt sich eine positive, gelassene Grundhaltung bis hinein in den Sterbeprozess durchhalten? Meine spontane Antwort: ‚kommt drauf an.‘ Die Grundhaltung vieler Menschen dürfte in ihren letzten Lebensjahren wesentlich davon abhängen, wie sehr sie durch zunehmende Gebrechen und Erkrankungen beeinträchtigt werden… ob ihnen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben ermöglicht bleibt. Die Problematik eines u.U. auch gegen den Willen des sterbenden Patienten immer weiter künstlich hinausgeschobenen Lebensendes entscheidet mit darüber.

Anne Will hat Ende 2013 ein halbstündiges Gespräch mit Hans Küng geführt, der als Theologe und katholischer Priester stets im Widerspruch zu seiner Kirche stand: Der damals 85-Jährige war zu diesem Zeitpunkt bereits an Parkinson erkrankt und litt an weiteren Beschwerden, die seine Lebensqualität einschränken. Küng möchte selbst bestimmen, wann sein Leben zu Ende geht. Zugleich möchte er eine Debatte über aktive Sterbehilfe in Deutschland anstoßen. Er kritisiert die unzureichende Gesetzeslage, die seiner Ansicht nach den Sterbetourismus in die Schweiz erst nötig macht.

„Ich möchte so sterben, dass ich noch voll Mensch bin.“

Mit Entschiedenheit erklärt er: „Ich will auf keinen Fall den Moment verpassen.“ Jenen Moment, nach dessen Verstreichen ihm ein selbstbestimmter Sterbeprozess in Würde nicht mehr möglich sei. „Wir haben alle eine Verantwortung für unser Leben. Und warum soll die in der letzten Phase aufhören, diese Verantwortung?“


Vorab: Anmerkung zu den Begrifflichkeiten

  • Aktive Sterbehilfe → Tötung eines Menschen auf dessen Verlangen, in Deutschland strafbar. Jede Form der „Zwangs-Euthanasie“ ohne ausdrückliche Einwilligung des Betroffenen ist schlicht Mord.
  • Beihilfe zur Selbsttötung (assistierter Suizid) → letztlich wird der Tod selber herbeigeführt. Die Assistenz beschränkt sich auf die Beschaffung des Tötungsmittels, etwa eines Medikaments in tödlicher Dosis, welches aber vom Sterbewilligen selbständig eingenommen wird.
  • Indirekte Sterbehilfe → Lebensverkürzung durch palliative Maßnahmen, d.h. ein vorzeitiger Tod wird durch eine durch eine medizinische Behandlung in Kauf genommen, welche primär der Schmerzlinderung dient.
  • Passive Sterbehilfe → Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen, wie z.B. eine künstliche Beatmung, entsprechend dem verfügten Willen des Patienten entspricht

Der 66. Deutsche Juristentag (2006) empfiehlt, die verwirrenden Begriffe aktive, passive und indirekte Sterbehilfe durch die Bezeichnungen „Tötung auf Verlangen“, „Abbruch lebensverlängernder Behandlungsmaßnahmen“ und „Durchführung einer leidenslindernden Maßnahme“ zu ersetzen (Küng).


In seinem Buch „Glücklich sterben“ erklärt Küng unter Bezugnahme auf das o.a. Gespräch, das Thema beschäftige ihn seit fast 60 Jahren, seit einem Schlüsselerlebnis: 1955 verstarb sein Bruder Georg an einem Gehirntumor, er war erst 23 Jahre alt und erstickte nach Monaten der Qual am Wasser in seiner Lunge. So wolle er selbst nicht enden, dachte sich Hans Küng schon damals.
Doch gerade weil „die menschliche Person unendlich kostbar und unbedingt zu schützen“ sei – bis an ihr Ende – müsse genau überlegt werden, was dies angesichts einer Hochleistungsmedizin bedeute, die das Sterben weitgehend schmerzlos herbeizuführen, aber auch in vielen Fällen beträchtlich hinauszuzögern vermag.

Hans Küng schreibt: „Es gehört für mich zur Lebenskunst und zu meinem Glauben an ein ewiges Leben, mein zeitliches Leben nicht endlos hinauszuzögern. (…) Wenn es mir geschenkt sein sollte, möchte ich gerne bewusst sterben und mich menschenwürdig von meinen Lieben verabschieden. Glücklich sterben heißt (…) ein Sterben in völligem Einverständnis, in tiefster Zufriedenheit und in innerem Frieden.“
Ein allein zwecks Provokation der kirchlichen Autorität geplanter Suizid liege ganz und gar nicht in seiner Absicht. Vielmehr nehme er deutliche Anzeichen wahr, dass „die letzte Periode begonnen hat und dass mein Leben auch nicht ewig dauert“.

Beginnende Demenz werde für ihn persönlich eine klare Indikation darstellen, um konkrete Schritte zur aktiven Beendigung seines Lebens einzuleiten. Diesen Zeitpunkt halte er in Übereinstimmung mit seiner Glaubens-überzeugung für geeignet: er werde nicht in ein Nichts hineinsterben, sondern in eine letzte Wirklichkeit hinübergleiten.
Obgleich meine eigenen Überzeugungen wenig gefestigt sind, ob und wohin ich dereinst gleiten werde, die Wahl dieses Zeitpunktes vermag ich recht gut nachzuvollziehen: Zeitlebens war und ist der Geist und mein Potenzial zur geistigen Betätigung ein unverzichtbarer Baustein, durch den ich mich definiere und aus dem mein subjektiver Selbstwert erwächst. In völliger Abhängigkeit und reduziert auf ein vegetatives Dasein zu existieren, erscheint mir als Schreckensvision, auf welche ich nach Möglichkeit verzichten möchte.

Für mich persönlich kommt ein weiterer Aspekt dazu: Die Menschen in meinem persönlichen Umfeld sind gleichaltrig oder älter als ich. Damit entsteht für mich eine konkrete Aussicht, in einer möglichen Phase von völliger Hilflosigkeit und Verwirrtheit gänzlich fremden Personen zur Last zu fallen, die bis in die intimsten Lebensbereiche an der Ausdehnung meines an sich abgeschlossenen Lebens mitwirken müssten, meine Ausscheidungen beseitigen, mein zusammenhangloses Gestammel ertragen oder schlimmstenfalls sogar meine Wutausbrüche.
Will ich das? Falls die Antwort Nein lautet, müsste konsequenterweise die nächste Frage lauten: Welche Vorkehrungen werde ich treffen, um m.E.  würdeloses Vegetieren ausschließen zu können?

Da ist aber noch eine andere Seite: Suizid ist in meinem Denken und Fühlen tabuisiert, als ein absolutes NoGo verdrahtet. Für mich ist passive Sterbehilfe (Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen auf Wunsch des Patienten bzw. auf Grundlage seiner zuvor erlassenen Patientenverfügung) durchaus denkbar, vor dem aktiven Schritt schrecke ich zurück.
Allerdings darf die Auflösung dieser Ambivalenz nicht darin bestehen, die Verantwortung unausgesprochen auf einen Mediziner abzuschieben, von dem ggf. die Gabe einer erhöhten Morphiumdosis erhofft würde. Im Sterben nach einer verantwortungsvollen Hilfe suchen, ist indessen unter der Voraussetzung angemessen, dass der Entschluss nicht auf den Helfenden verlagert wird, sondern eigenverantwortlich eine Verfügung (s.u.) getroffen wird bzw. rechtzeitig getroffen wurde.

Aus dieser Sichtweise ließe sich eine Geringschätzung kranken und gebrechlichen Lebens nur dann ableiten, wenn sie verallgemeinernd geäußert würde, anstatt sich ausschließlich auf das eigene Leben und Sterben zu fokussieren. Auch Küng betont mehrfach sehr eindringlich, hierbei handele es sich um sehr persönliche Fragestellungen. Ja, das muss ein(e) jede(r) von uns für und mit sich selbst ausmachen.
Deutlich wird auch: Suizid als Flucht vor Lebensproblemen kommt für Küng nicht in Betracht → „Wenn ich ein Mann wäre in seinen 40er-Jahren, mit Familie, Frau und Kindern, und hätte ein Missgeschick, etwa einen Kollaps im Berufsleben, erlebt, dann kann ich mich ja nicht einfach aus dem Leben verabschieden, unbekümmert darum, wer da noch übrig bleibt.“

Küng erklärt, er sei bei der Sterbehilfeorganisation EXIT (ein vereinsmäßiger, nicht gewinnorientierter Anbieter von Freitodbegleitung mit Sitz in der Schweiz): „Man hat früher immer angenommen, wenn jemand bei so einer Organisation ist, dann ist er Materialist oder Atheist. Nein, im Gegenteil. Man kann aus Gottvertrauen heraus freiwillig sterben. Ein durchaus nicht rationalistisches, aber rationales, vernunftgemäßes Gottvertrauen.“

Er habe aber auch dagegen protestiert, den Sterbetourismus den Eidgenossen vorzuwerfen: „Nein, es liegt an den Deutschen, die keine Gesetze machen können, damit solch ein Sterbetourismus nicht notwendig ist.“

Mit Zuversicht ans eigene Sterben denken?

Sich gewissermaßen prophylaktisch umbringen, noch bevor der Verfall des eigenen Körpers/Geistes weit fortgeschritten ist oder eine unheilbare Krankheit zu unerträglichem Leid führt? Nein, das ich mir für mich nicht vorstellen. Aus den Reaktionen auf Küngs Interview möchte ich dazu die Antwort einer pensionierten Ärztin herausgreifen:
Sie habe vor Jahren den Entschluss gefasst, im Laufe ihres 8. Lebensjahr-zehnts selbstverantwortlich mit menschlicher Begleitung ihr Leben durch Suizid beenden.
Und nun: Je näher dieser Zeitpunkt rückt, umso stärker ist in mir der Lebenstrieb, der Lebenswille. Ich empfinde Angst vor dem Nicht-mehr-Sein, vor dem völlig Ungewissen und Unbekanntem nach dem Sterben. Die Ungeheuerlichkeit des selbstbewirkten Todes steht dann drohend vor der Seele. Die Gefühle wechseln.“

Dass die RKK eine deutlich abweichende Haltung einnimmt, geht schon aus dem o.a KKK-Auszug hervor. So hatte auch der Pressesprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart kategorisch erklärt: „Küng spricht für sich selbst, nicht für die katholische Kirche.“

Diesen immerwährenden Dissens zwischen Küng und seiner Kirche mag ich hier nicht eingehender beleuchten, denn für eine so persönliche Gewissensentscheidung besitzt die zeitgeist-verzögernde Haltung von Glaubenswächtern keine Relevanz, soweit es mich betrifft: Kein Kirchenfunktionär und auch kein Politiker wird mir diese Entscheidung abnehmen können, sollte ich sie einst für mich zu treffen haben.

„…für wen, außer für sich selbst, sollte wohl ein Mensch sprechen, wenn es ums eigene Sterben geht?“

die Frage der Zuversicht vorm sterben hängt wesentlich von zwei zentralen Aspekten ab

  • Wie gestaltet sich der Prozess des Sterbens, verläuft er einigermaßen friedvoll und frei von unerträglichen Schmerzen?
  • Was wird aus uns, d.h. unserem selbst mit seiner Individualität und seinen Erinnerungen, sobald wir „tot“ bzw. hinüber gegangen sind?

Seth (Jane Roberts – Gespräche mit Seth, → Downloadbereich) erklärt hierzu:

„Die Seele ist etwas Unverlierbares! […]
Eure eigene Persönlichkeit, wie ihr sie kennt, der Teil von euch, der euch am kostbarsten und am einmaligsten dünkt, auch dieser Teil wird niemals zerstört werden oder verlorengehen. Er ist ein Teil der Seele. Er wird von der Seele weder verschluckt noch von ihr ausgelöscht, noch unterjocht werden, noch kann er andererseits jemals von ihr getrennt werden. Er ist jedoch nur ein Aspekt eurer Seele. Eure Individualität, wie immer ihr sie euch denken mögt, existiert in eurem Sinne fort.“
Damit wäre die eigentlich wichtigste Frage beantwortet, oder?

Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

Es klingt schon ein wenig paradox: Eine freie Entscheidung über mein Lebensende kann bzw. sollte ich nicht erst am Lebensende treffen oder kurz davor.
Fest steht aber auch: Ich werde nicht zu lange warten. Und ich werde mich nicht darauf verlassen, dass ich ’schon irgendwie‘ meinen Willen werde kundtun und glaubhaft machen können, wenn es an der Zeit. Eine solche Haltung würde sich allein auf naive Verdrängung gründen.

In diesem Zusammenhang sind zwei Dokumente relevant:

  • Mit einer Patientenverfügung wird geregelt, welche ärztlichen Maßnahmen ich zu meiner medizinischen Versorgung wünsche und welche von mir abgelehnt werden. So übe ich vorab mein Selbstbestimmungsrecht für den Fall aus, dass ich bei einer schweren Krankheit oder nach einem Unfall meinen Willen nicht mehr artikulieren kann.
    Patientenverfügungen sind verbindlich: Sie müssen von Ärzten umgesetzt werden, wenn die Behandlungs- und Lebenssituation eintritt, für die sie ausgestellt wurden. Damit die Verfügung anerkannt wird, muss sie schriftlich vorliegen und konkrete inhaltliche Vorgaben erfüllen:
  • Mit einer Vorsorgevollmacht wird eine Person Ihres Vertrauens beauftragt stellvertretend für mich zu handeln, zu entscheiden und Verträge abzuschließen – entweder umfassend oder in abgegrenzten Bereichen. Die Vollmacht gilt nur, wenn ich diese Dinge nicht mehr selbst bewältigen kann. Die Vollmacht kann dem Beauftragten jederzeit entzogen oder inhaltlich verändert werden.
    Hintergrund: Ehepartner oder Kinder können nicht automatisch für Sie im Alter entscheiden. Fehlt eine solche Vollmacht, wenn Sie wichtige Entscheidungen nicht mehr selbst treffen können, wird das Amtsgericht dafür einen rechtlichen Betreuer einsetzen – dabei kann es sich auch um eine fremde Person handeln.

Theologische Aspekte?

Tja nun, darüber könnte man etliche Bücher verfassen und käme dennoch nicht zu einem zufriedenstellenden, allgemein verbindlichen Ende.

Die Studie „Haltung der Ärzteschaft zur Suizidhilfe“1) greift die ablehnende Haltung von Ärzten gegenüber Suizidhilfe (=Sterbehilfe) auf. Diese seien in einem Beispiel 2stark geprägt von seinem christlichen (katholischen) Glauben und ’seinem Menschsein'“.
Danach dürfe man nicht „Hand an das eigene Leben legen“. Dieses allgemeine Verbot von Suizid werde verknüpft mit dem Gebot, sein „Schicksal zu akzeptieren“ und der Überzeugung, dass das Leben in allen Phasen lebenswert sei.

Aus dieser Überzeugung werde das Verbot von Suizidhilfe gefolgert, denn man enthalte einem Patienten  „unter Umständen […] einen wertvollen Teil des Lebens“ vor.
„Einem konkreten Leiden sei nicht vorzugreifen, denn niemand dürfe von sich auf andere schließen. Weil Sterben etwas Natürliches sei und Leiden zum Leben dazugehöre, sei der Suizid letztlich widernatürlich. (…) Außerdem bestehe die Gefahr des Irrtums, wenn die Lebensqualität durch eine Drittperson eingeschätzt werde.“
Diese subjektive Äußerung lasse ich unkommentiert, auch weil es sich hier nur um einen winzigen Auszug aus der mehr als 160 Seiten umfassenden Studie handelt.

Indem er sich als katholischer Theologe auf die emotional wie politisch schwer belastete und entsprechend kontrovers diskutierte Frage der Sterbehilfe einlässt, tritt Küng in einen letzten Widerspruch zu seiner Kirche ein. Der Katechismus der RKK nimmt dazu eine gänzlich andere Position ein.

[→ Vgl. Abschnitt „Selbstmord“ im KKK:
„2280 Jeder ist vor Gott für sein Leben verantwortlich. Gott hat es ihm geschenkt. Gott ist und bleibt der höchste Herr des Lebens. Wir sind verpflichtet, es dankbar entgegenzunehmen und (…) zu bewahren. Wir sind nur Verwalter, nicht Eigentümer des Lebens, das Gott uns anvertraut hat. Wir dürfen darüber nicht verfügen.

2281 Der Selbstmord widerspricht der natürlichen Neigung des Menschen, sein Leben zu bewahren und zu erhalten. Er ist eine schwere Verfehlung gegen die rechte Eigenliebe. Selbstmord verstößt auch gegen die Nächstenliebe, denn er zerreißt zu Unrecht die Bande der Solidarität mit der Familie, der Nation und der Menschheit, denen wir immer verpflichtet sind. Der Selbstmord widerspricht zudem der Liebe zum lebendigen Gott. (…)
Schwere psychische Störungen, Angst oder schwere Furcht vor einem Schicksalsschlag, vor Qual oder Folterung können die Verantwortlichkeit des Selbstmörders vermindern.(…)“]

Hat Gott unser Dasein mit Vorbedacht so eingerichtet, dass Leid darin vorkommt, für die einen in erträglichem, für andere in für sie unerträglichem Ausmaß? Verlangt Gott von uns, am unvermeidbaren Ende unseres irdischen Daseins einen von ihm eigens zubereiteten Kelch aus Leid und Würdeverlust auch ja bis zum letzten bitteren Tropfen auszukosten?

Dazu kann ich nur sagen: Meinem Gottesbild entspricht dies nicht! Von Gott stammen nach meiner Überzeugung die Rahmenparameter dieses Daseins, zu denen auch die Naturgesetze zählen. Kausalität – Ursache und Wirkung – ist eines dieser Gesetze; es macht deutlich: ein erheblicher Anteil des sichtbaren Leids geht auf ebenso ’sichtbare‘ (wissenschaftlich beschreibbare) Ursachen zurück. Ein Beispiel: Sollte ich als langjähriger, inzwischen entwöhnter Raucher trotzdem noch an Lungenkrebs erkranken, werde ich die Schuld dafür ganz sicher nicht bei Gott suchen. Weshalb sollte ich also annehmen, Gott verlange aber von mir, im Endstadium einen langsamen, qualvollen Erstickungstod bis zuletzt bewusst zu durchleben – als Bestrafung, Läuterung oder was auch immer?

Bei anderen Erkrankungen und altersbedingten Gebrechen sind die Ursachen vielleicht nicht so offensichtlich. Dennoch ist eine Sichtweise, welche alles Leid auf einen göttlichen Willen projiziert und dementsprechend ein Verbot folgert, sich diesem Willen z.B. durch passive Sterbehilfe zu widersetzen, in meinen Augen nicht plausibel.
Ich bin überzeugt, Gott ist kreativer. Da wir ‚mehrmals‘ leben, finden sich zweifelsohne geeignetere Gelegenheiten für Lern- und Reifeimpulse als unvorstellbare Qualen…

Fazit

Eine entschiedene Pro- oder Contra-Haltung nehme ich auch nach der Lektüre nicht ein. Das Buch „Glücklich sterben“ von Hans Küng zu lesen, war für mich gleichwohl eine Bereicherung. Der Autor bleibt weder in einer kaltherzigen materialistischen Logik stecken noch in der autoritären, lebensfernen Dogmatik seiner Kirche. Er diskutiert, welche Form der Sterbehilfe (besser: „Hilfe beim Sterben“) ethisch verantwortbar ist und benennt klare Voraussetzungen. „Sowohl die Humanitätsregel wie die Goldene Regel der Gegenseitigkeit ist zu beachten und alles der Ehrfurcht vor dem Leben untergeordnet. Die meisten Menschen würden eine Sterbehilfe verabscheuen, die sie als inhuman oder gar bestialisch empfinden.“

Aus heutiger Sicht kann ich mir eher die Sterbebegleitung in einem Hospiz vorstellen, als einen mich behandelnden Mediziner um den „Gnadentod“ zu ersuchen. Wirklich urteilen in dieser Frage kann ich wohl erst dann, wenn sie mich unmittelbar betreffen sollte. Der Wunsch, bis zur letzten Sekunde die Kontrolle über sein Leben zu behalten, ist eine Idealvorstellung, wie auch Küng feststellen musste. Seine jüngsten Erfahrungen, hätten ihn darin bestärkt, dass jeder Mensch zunächst einmal auch in einer gesundheitlich schweren Krise alles medizinisch Mögliche zur Wiederherstellung seiner Gesundheit und seiner Heilung unternehmen sollte.


Quellenangaben

  1.  Studie: Haltung der Ärzteschaft zur Suizidhilfe (Pdf, 164 S.), 2014, Zürich. Beauftragt von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). Eine kurze Zusammenfassung ist hier zu finden.
    Nach aktuellem Standesrecht ist Suizidhilfe in der Schweiz prinzipiell zulässig, wenn die Erkrankung die Annahme rechtfertigt, dass das Lebensende im Zeitraum von Tagen bis einigen Wochen eintritt. Beim auszugsweisen Lesen dieser Studie verfestigte sich mein Eindruck, wonach die Eidgenossen uns in Deutschland in mehr als einem zentralen Lebensbereich um einiges voraus.
  2. Linksammlung „Ärztliche Suizidhilfe“ der SAMW
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