Glückliches Sterben? Hans Küng über Sterbehilfe + Konträre Position (Teil 2)

(Fortsetzung von Teil 1)

Bis hierhin bin ich noch zu keiner entschiedenen Haltung in dieser äußerst schwierigen Frage gelangt. Der Grund für meine Unentschiedenheit – stehen zwei Überzeugungsinhalte gegeneinander, die sich nicht leicht auflösen lassen:

  • Qualvolles Dahinvegitieren am Lebensende rundet eine positive Lebensbilanz nicht ab, sondern scheint sie infrage zu stellen.
  • Anderseits glaube ich, unser Leben ist ein Geschenk des Göttlichen. Sofern daraus ein Zweck, eine Bestimmung abgeleitet werden kann – steht es uns zu, eigenmächtig das Lebensende herbeizuführen?

Theologische Aspekte?

Tja nun, darüber könnte man etliche Bücher verfassen und käme dennoch nicht zu einem zufriedenstellenden, allgemein verbindlichen Ende.

Die Studie „Haltung der Ärzteschaft zur Suizidhilfe“1) greift die ablehnende Haltung von Ärzten gegenüber Suizidhilfe (=Sterbehilfe) auf. Diese seien in einem Beispiel2) stark geprägt von seinem christlichen (katholischen) Glauben und ’seinem Menschsein'“.
Danach dürfe man nicht „Hand an das eigene Leben legen“. Dieses allgemeine Verbot von Suizid werde verknüpft mit dem Gebot, sein „Schicksal zu akzeptieren“ und der Überzeugung, dass das Leben in allen Phasen lebenswert sei.

Aus dieser Überzeugung werde das Verbot von Suizidhilfe gefolgert, denn man enthalte einem Patienten „unter Umständen […] einen wertvollen Teil des Lebens“ vor.
„Einem konkreten Leiden sei nicht vorzugreifen, denn niemand dürfe von sich auf andere schließen. Weil Sterben etwas Natürliches sei und Leiden zum Leben dazugehöre, sei der Suizid letztlich widernatürlich. (…) Außerdem bestehe die Gefahr des Irrtums, wenn die Lebensqualität durch eine Drittperson eingeschätzt werde.“
Diese subjektive Äußerung lasse ich unkommentiert, auch weil es sich hier nur um einen winzigen Auszug aus der mehr als 160 Seiten umfassenden Studie handelt.

Indem er sich als katholischer Theologe auf die emotional wie politisch schwer belastete und entsprechend kontrovers diskutierte Frage der Sterbehilfe einlässt, tritt Küng in einen letzten Widerspruch zu seiner Kirche ein. Der Katechismus der RKK nimmt dazu eine gänzlich andere Position ein.

[→ Vgl. Abschnitt „Selbstmord“ im KKK:
„2280 Jeder ist vor Gott für sein Leben verantwortlich. Gott hat es ihm geschenkt. Gott ist und bleibt der höchste Herr des Lebens. Wir sind verpflichtet, es dankbar entgegenzunehmen und (…) zu bewahren. Wir sind nur Verwalter, nicht Eigentümer des Lebens, das Gott uns anvertraut hat. Wir dürfen darüber nicht verfügen.

2281 Der Selbstmord widerspricht der natürlichen Neigung des Menschen, sein Leben zu bewahren und zu erhalten. Er ist eine schwere Verfehlung gegen die rechte Eigenliebe. Selbstmord verstößt auch gegen die Nächstenliebe, denn er zerreißt zu Unrecht die Bande der Solidarität mit der Familie, der Nation und der Menschheit, denen wir immer verpflichtet sind. Der Selbstmord widerspricht zudem der Liebe zum lebendigen Gott. (…)
Schwere psychische Störungen, Angst oder schwere Furcht vor einem Schicksalsschlag, vor Qual oder Folterung können die Verantwortlichkeit des Selbstmörders vermindern.(…)“]

Hat Gott unser Dasein mit Vorbedacht so eingerichtet, dass Leid darin vorkommt, für die einen in erträglichem, für andere in für sie unerträglichem Ausmaß? Verlangt Gott von uns, am unvermeidbaren Ende unseres irdischen Daseins einen von ihm eigens zubereiteten Kelch aus Leid und Würdeverlust auch ja bis zum letzten bitteren Tropfen auszukosten?

Dazu kann ich nur sagen: Meinem Gottesbild entspricht dies nicht! Von Gott stammen nach meiner Überzeugung die Rahmenparameter dieses Daseins, zu denen auch die Naturgesetze zählen. Kausalität – Ursache und Wirkung – ist eines dieser Gesetze; es macht deutlich: ein erheblicher Anteil des sichtbaren Leids geht auf ebenso ’sichtbare‘ (wissenschaftlich beschreibbare) Ursachen zurück. Ein Beispiel: Sollte ich als langjähriger, inzwischen entwöhnter Raucher trotzdem noch an Lungenkrebs erkranken, werde ich die Schuld dafür ganz sicher nicht bei Gott suchen. Weshalb sollte ich also annehmen, Gott verlange aber von mir, im Endstadium einen langsamen, qualvollen Erstickungstod bis zuletzt bewusst zu durchleben – als Bestrafung, Läuterung oder was auch immer?

Bei anderen Erkrankungen und altersbedingten Gebrechen sind die Ursachen vielleicht nicht so offensichtlich. Dennoch ist eine Sichtweise, welche alles Leid auf einen göttlichen Willen projiziert und dementsprechend ein Verbot folgert, sich diesem Willen z.B. durch passive Sterbehilfe zu widersetzen, in meinen Augen nicht plausibel.
Ich bin überzeugt, Gott ist kreativer. Da wir ‚mehrmals‘ leben, finden sich zweifelsohne geeignetere Gelegenheiten für Lern- und Reifeimpulse als unvorstellbare Qualen…

Contra: Euthanasie – der billige Ausweg, Prof. Robert Spaemann

Sehr entschieden wendet sich Spaemann gegen Sterbehilfe: „Die Vertreter der Euthanasieforderung legen in der Regel großen Wert darauf, nicht mit der kriminellen Praxis der Nationalsozialisten in Zusammenhang gebracht zu werden. Dieser Zusammenhang ist aber nun mal nicht zu leugnen. Er wurde auch sehr früh bemerkt.“
Untersuchungen zum Ursprung dieser NS-Verbrechen hätten gezeigt, dass sie aus kleinen Anfängen wuchsen – feine Akzentverschiebungen in der Grundhaltung, „dass es Zustände gibt, die als nicht mehr lebenswert zu betrachten sind“.
Nach und nach sei diese Kategorie erweitert worden, bis schließlich auch die sozial Unproduktiven, die ideologisch Unerwünschten, die rassisch Unerwünschten zum „unwerten Leben“ gezählt wurden.

Entscheidend ist jedoch zu erkennen, dass die Haltung gegenüber den unheilbaren Kranken der winzige Auslöser war, der diesen totalen Gesinnungswandel zur Folge hatte.

Der Unterschied zur heute angestrebten Praxis bestehe darin, dass die damaligen Tötungen von Geisteskranken ohne gesetzliche Grundlage erfolgte.

Für mich steht jedenfalls fest: Schwerstkranke Menschen, die einer klaren Willensäußerung nicht mehr imstande sind, auch ohne ihren Wunsch zu töten, ist inakzeptabel – schon weil das Konstrukt „assistierter Suizid“ in solchen Fällen mE nicht mehr anwendbar ist. Allein der Suizid, die willentliche Selbst-Tötung wird aber von der Rechtsordnung nicht sanktioniert (gemeint ist der Versuch, da bei vollendetem Suizid die Sanktionierung ohnehin entfällt.
„Der Mensch als Freiheitssubjekt“ werde dadurch geachtet, dass man seine Verfügung über das eigene Leben respektiere.
[Eine Bewertung & Abgrenzung juristischer Sachverhalte nehme ich hier ausdrücklich nicht vor, dazu fehlt mir das Fachwissen. Für Ergänzungen/Konkretisierungen bin ich dankbar.]

Persönliches Fazit

Das Buch „Glücklich sterben“ von Hans Küng zu lesen, war für mich eine Bereicherung. Der Autor bleibt weder in einer kaltherzigen materialistischen Logik stecken noch in der autoritären, lebensfernen Dogmatik seiner Kirche. Er diskutiert, welche Form der Sterbehilfe (besser: „Hilfe beim Sterben“) ethisch verantwortbar ist und benennt klare Voraussetzungen. „Sowohl die Humanitätsregel wie die Goldene Regel der Gegenseitigkeit ist zu beachten und alles der Ehrfurcht vor dem Leben untergeordnet. Die meisten Menschen würden eine Sterbehilfe verabscheuen, die sie als inhuman oder gar bestialisch empfinden.“

Aus heutiger Sicht kann ich mir eher die Sterbebegleitung in einem Hospiz vorstellen, als einen mich behandelnden Mediziner um den „Gnadentod“ zu ersuchen. Wirklich urteilen in dieser Frage kann ich wohl erst dann, wenn sie mich unmittelbar betreffen sollte. Der Wunsch, bis zur letzten Sekunde die Kontrolle über sein Leben zu behalten, ist eine Idealvorstellung, wie auch Küng feststellen musste. Seine jüngsten Erfahrungen, hätten ihn darin bestärkt, dass jeder Mensch zunächst einmal auch in einer gesundheitlich schweren Krise alles medizinisch Mögliche zur Wiederherstellung seiner Gesundheit und seiner Heilung unternehmen sollte.


Quellenangaben

  1. Studie: Haltung der Ärzteschaft zur Suizidhilfe (Pdf, 164 S.), 2014, Zürich. Beauftragt von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). Eine kurze Zusammenfassung ist hier zu finden.
    Nach aktuellem Standesrecht ist Suizidhilfe in der Schweiz prinzipiell zulässig, wenn die Erkrankung die Annahme rechtfertigt, dass das Lebensende im Zeitraum von Tagen bis einigen Wochen eintritt. Beim auszugsweisen Lesen dieser Studie verfestigte sich mein Eindruck, wonach die Eidgenossen uns in Deutschland in mehr als einem zentralen Lebensbereich um einiges voraus.
  2. Linksammlung „Ärztliche Suizidhilfe“ der SAMW
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