Die Realität boykottieren? – Wo ist der Cheatcode?

Bin noch unentschieden, was ich davon halte. Denn die ‚objektive‘ Wirklichkeit lässt sich nicht verändern, zumindest gelingt mir dies in Ermangelung magischer Fähigkeiten nicht.
Außer, ja außer ich mache den Eskapisten und verdufte für eine Weile in einer VR, also einer hübschen Scheinwelt: für mich ist weiterhin Skyrim die erste Wahl, ein Openworld-RPG, das weitaus mehr Erlebnis-Möglichkeiten bietet als Drachen zu reiten und tumbe Orks zu verdreschen: Dort kann man (eine Zeitlang) ganz gewaltlos agieren, sich ein hübsches Häuslein bauen, welches dann durch ‚eigener Hände Arbeit‘ schrittweise zu einem beachtlichen Anwesen ausgebaut wird. Im eigenen Garten lassen sich Kartoffeln, Möhren, Kohl, hübsche Bergblumen und beeindruckende Zauberpflanzen (=Zutaten für alchemistische Trankzubereitungen) anpflanzen. (→Vgl. „Skyrim: Haus bauen mit Hearthfire – Von der Baustelle zum Anwesen„)

Manchmal taucht allerdings ein Riese auf, dem die Baumaßnahme erkennbar missfällt. Falls der Avatar (die kreierte Spielfigur, quasi das Ich im Game) noch unerfahren ist oder man lange Zeit vergessen hat, den Spielstand zu sichern, ist die Versuchung zum Boykott dieser spontan unerfreulich gewordenen Realität eine große Versuchung: Mit einem Cheatcode kann man sich unverwundbar machen, den Riesen beiseite räumen …und sich hernach wieder in Ruhe dem lieblichen Garten zuwenden, einen Pferdestall errichten, Nutztiere (Ziegen, Hühner, eine Kuh) ansiedeln oder im hauseigenen Teich ein paar Lachse für’s Abendbrot fangen…

Erfahrene Gamer betonen zwar „Cheaten ist nur für Loser“, doch ich gebe bereitwillig zu: manchmal verändere ich meine (In-Game-)Realität, eben weil ich das Zwischenspeichern immer dann gerne vergesse, wenn’s gerade friedlich zugeht und Freude macht. (Noch ein Wort zur ‚Gewaltlosigkeit‘ von Skyrim: Tja nun, um mit dem Hausbau überhaupt beginnen zu können, benötigt man etwa 7.500 Septime (das ist die Spielwährung, kaum stabiler als der €)…und um diese zu verdienen, muss man schon eine Reihe Quests (Aufträge) erledigen, die zumeist das Verdreschen von Orks, Banditen, Rieseninsekten und -spinnen sowie Drachen beinhaltet… um ein pazifistisches Game handelt es sich also nicht.)

Logisch, die echte Wirklichkeit muss ohne Cheatcodes bewältigt werden.

Zwar könnte man oberflächlicher Betrachtung meinen, Reichtum stelle auch eine Art von realitäts-verändernder Magie dar – besonders aus der Sicht derjenigen, die nicht darüber verfügen. Doch dieser Eindruck täuscht: weder macht Kohle ihren Besitzer unverletzlich, noch verleiht sie ihm Immunität gegen unheilbare Krankheiten. Zudem kann der freundliche Millionär von gegenüber ebenso Pech haben wie ein verarmter Frührentner.

Der Song ‚Ich boykottiere dich, Realität‘ von Großstadtgeflüster meint etwas anderes, denke ich: Mit dem was ist, müssen wir uns mehr oder weniger abfinden bzw. in angemessener Weise darauf reagieren:
Wenn der Backenzahn weh tut, geht man entweder zum Zahnarzt oder es wird schlimmer…und noch schlimmer.
Daran lässt sich erstmal wenig ändern. Dennoch, die eigene Wahrnehmung lässt sich sehr wohl gestalten – ebenso wie unsere Bewertung dessen, was um uns herum ist – statt „Oh nein, es muss gebohrt werden!“ ließe sich auch folgende Überlegung anstellen:

  • Es ist allein meine Verantwortung, falls ich die letzten 7 Kontrolltermine bei Frau Dr. Weitaufmachen geschwänzt habe – andernfalls wäre es gar nicht so weit gekommen.
  • Wie wäre es mit ein wenig Dankbarkeit? Jawohl, das meine ich ernst: ein vereiterter Zahn hatte in früheren Zeiten durchaus das Potenzial, das restliche Leben zu vermiesen…und wohl auch abzukürzen, im Falle einer Blutvergiftung etc.
    Hier und heute hat im Grunde jeder die Chance auf medizinische und zahnmedizinische Hilfe. Nehmen wir solche Errungenschaften bisweilen ein wenig zu selbstverständlich?

Übertreibung macht anschaulich…

Mein Musikgeschmack ist eher, hm, volatil? Bei Englischsprachigen Songs zählt allein das Klangerlebnis, denn meistens bin ich viel zu faul, um den gesungenen Text erst zu übersetzen. Stücke auf deutsch gefallen mir insbesondere dann, wenn sie meinem Denken einen neuen oder wenigstens ungewohnten Dreh verleihen.
So ist es auch mit „Ich boykottiere Dich“.

Kaum jemand würde einen Psychiatrie-Aufenthalt in sein schönste Erlebnis umdeuten. Auch bin ich nicht der Typ für „zwanghaftes Lächeln“, wenn mir zum Heulen zumute oder innerlich alles leer ist… allenfalls käme eine grinsende Maske zum Vorschein.
Eher schon ein positives Denken in ganz kleinen Schritten:

Sich selber nicht ganz so wichtig nehmen und wenigstens den Versuch unternehmen, einer an sich unerfreulichen Angelegenheit (auch) etwas Gutes abzugewinnen. „Wer immer die schlechten Dinge, die Gefahren und Misserfolge sieht, ist bald wie gelähmt. Positives Denken hält dich handlungsfähig und sorgt dafür, dass du immer wieder aufstehen… kannst.“

Ich boykottiere Dich, Realität – Großstadtgeflüster

Du sagst, das ist eine Zwangsjacke
Ich sag, das ist das schönste Kleid, das ich je anhatte
Du sagst, das sind Psychopharmaka
Ich sag, geiler Trip, ist da noch was da
Du sagst, das ist eine Gummizelle
Ich sag, es ist eine Hüpfburg
Du nennst dieses Leben ’ne Tragödie
Nimm Dich nicht so wichtig, es ist nur ’ne Komödie

Ich boykottiere Dich, Realität
Du bist es nicht wert, dass sich die Welt um Dich dreht
Weil Du eine Farce bist, völlig für den Arsch bist
Ich boykottiere Dich, Realität…

PS: Und wenn das Boykottieren nicht hilft, kann man immer noch in die „F***-Euch-Allee“ ziehen… 😉

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